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February 20 2012

#sbsm beim Metaday #48

Letzten Freitag hat Mitherausgeber hc voigt beim Metaday #48 etwas zum Konzept des #sbsm Projekts erzählt. Der Metaday ist eine regelmäßige Veranstaltung des Wiener Hackerspace Metalab:

Einmal im Monat lädt das Metalab Vortragende aus aller Welt ein, bei uns von ihren Projekten und Ideen zu erzählen. Anschließend gibt es Platz für Lightning Talks, wo Besucher aktuelle Unternehmungen und Vorhaben vorstellen können, sowie ein Buffet und gemütliches Ambiente für Diskussion und Austausch.

Der Vortrag ist aufgezeichnet und hier in zwei Teilen dokumentiert. Der erste Teil ist angekündigt als «knapper Überblick zu einem an Systemlogiken gemessen ziemlich unwahrscheinlichen Projekt». Soll heißen, Christian erzählt einfach etwas zur Grundidee, zur Entwicklung und zu Hintergründen des Cross Media Projekts …

Der zweite Teil ist angekündigt als «Einblicke zu Fällen, die nicht publiziert werden können» und greift vor allem das Thema des Buchbeitrags Heul nicht! Sag was! von Lanu und Christian auf.

Teil 1:

www.youtube.com/watch?v=E4Vwr8H_K4w

Teil 2:

www.youtube.com/watch?v=7oIeacg4UKg

und immer einen Besuch wert, das

Metalab Wien

Metalab Wien

February 05 2012

Scan the social media

Mitverfolgen, was sich alles so tut in den Netzen

Boah, ist das eklig! “Der Pakt mit dem Panda: Was uns der #WWF verschweigt” http://bit.ly/jCrnoD
Tweet von @holgi

Wer nicht zuhört, wird nicht gehört. Dieser Satz gilt besonders im Online-Bereich und spiegelt das Problem wider, das sehr viele Organisationen im Netz haben. Sie wollen zwar (mehr oder weniger) mit ihren Zielgruppen reden, sind es aber nicht gewohnt, ihnen zuzuhören. Deshalb steht das Monitoring an erster Stelle jeder Kommunikationsbestrebung. Ziel des Monitorings ist nicht nur die rechtzeitige Reaktion auf etwaige Anfragen an die eigene Organisation. Monitoring kann auch dazu genutzt werden, um für sich selbst, die eigene Organisation oder die eigene Meinung und Denkrichtung Unterstützer_innen zu finden und Werbung zu machen. Damit ist Monitoring der erste Schritt, um an die Kommunikation mit den eigenen Sympathisant_innen, der Zielgruppe oder auch dem politischen Gegenüber anknüpfen zu können.

Reicht es, einfach nur Zeitung zu lesen? Ein Plädoyer für die Zielgruppenarbeit

«Was gehen mich die Blogs und Facebook an, die Zeitungen schreiben eh gut über uns.» So oder ähnlich lauten die Kommentare von Offline-Dinosauriern, die sich weigern, im Online-Bereich tätig zu werden. Die Praxis zeigt aber, dass eine Neubewertung der eigenen Kommunikations- und also auch Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten einer digitalen Gesellschaft unumgänglich ist, die immer mehr und immer selbstverständlicher mit dem Netz verwoben ist. Dazu gehört zwangsläufig in einem ersten Schritt das Monitoring.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der es ausgereicht hat, ein paar Journalisten der wenigen “Leitmedien” zu kennen und sich mit ihnen gut gestellt zu haben. Indem mensch das “kontrollieren” konnte, was über die eigene Person und Organisation publiziert wurde, konnte damit auch beeinflusst werden, welche Bilder der eigenen Zielgruppe vermittelt wurden. So wurde in Bahnen gelenkt, was mensch “zu denken hat” und wie die “offizielle Sprachregelung” zu den Themen X und Y aussieht. Was die Leute daneben eigentlich gedacht haben und was Zielgruppen, so man diese damals überhaupt wirklich definiert hat, untereinander wirklich gesprochen haben, das war die eigene Reputation betreffend grundsätzlich egal. Meinungen wurden sowieso weitgehend lokal kundgetan, konnten sich nicht weit verbreiten und dieses potentielle Feedback hat einen selbst kaum erreicht. Es genügte also, oberflächlich betrachtet, die Zeitung zu lesen, um zu wissen, was die Menschen über die eigene Organisation oder einen bestimmten Themenbereich denken könnten.

Im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren kann heute theoretisch jeder Mensch weltweit eine relativ große Anzahl anderer Personen über eine immer größer werdende Menge an Kanälen erreichen. Mithilfe von Social Media Tools können Informationen sehr einfach mit großen Massen an Menschen geteilt werden, wobei es hier weder geographische noch zeitliche Schranken gibt. Damit wird jeder Mensch potentiell zu einem kleinen Medienunternehmen, das aufgrund der persönlichen Kommunikationsweise im Netz relativ großen (direkten) Einfluss ausüben kann. Dadurch ergeben sich abseits der klassischen Medien mehr potentiell wichtige Kommunikatoren, die je nach Auswahl der Zielgruppe variieren (können).

Für die Monitoring-Arbeit bedeutet dieser Umstand, dass am Anfang immer eine genaue Zielgruppenanalyse erfolgen sollte. Es geht darum festzustellen, wo im Netz sich die Sympathisant_innen, Kolleg_innen, User_innen und Kritiker_innen bewegen und welche Medien sie überwiegend nutzen. Daraus ergibt sich wiederum die Strategie, wie die weitere Kommunikation gestaltet werden kann. Das Beobachten und Nachverfolgen meiner Informationen, meines Namens und Informationen anderer, die in meinem Feld und Umfeld relevant sein könnten, ist somit ein wichtiger Faktor für den Erfolg meiner Kommunikation und meines Reputationsmanagements.

Monitoring, how to?

Wir können zwei Herangehensweisen des Monitoring unterscheiden, die grundlegend nach Zweck gebunden sind:

  • “Non-stop-Monitoring”: Hier geht es um das prinzipielle und allgemeine Monitoring unserer Informationen auf allen Kanälen. Hier stellen wir fest, wer wann wie und wo unsere Informationen benutzt. Dazu haben wir für uns relevante Keywords definiert und erweitern diese nach Bedarf. Ein Beispiel wäre ein Verlag, der laufend alle eigenen Buchtitel im Programm “überwacht”, Reaktionen darauf erkennt, aufzeichnet und einem Weiterverarbeitungsprozess zuführt. Dazu wird für die «Social Media» und sozialen Netzwerke eine “Reaktion” inklusive der handelnden Identitäten erfasst.
  • “Feedback-Monitoring”: Hier geht es um ein Messen von Wirkung, unmittelbar nach dem Publizieren von eigener Information. Im Fall unseres Beispiels des Verlags würde das relevant, wenn er ein neues Buch herausgibt und dazu eine Marketing Kampagne startet. Der Verlag veröffentlicht Informationen im Zuge der Kampagne und verfolgt dabei genau, wer wann wie und wo darauf reagiert. Er kann diesen Echtzeit-Rückkanal nutzen, um das Interesse an den dargebotenen Informationen zu steigern sowie die Reaktionen darauf aufzeichnen und weiterzuverarbeiten.

“Non-stop-Monitoring” zeichnet laufendes Geschehen auf. Die Aufzeichnungen des erfassten Geschehens werden in regelmäßigen Zeitabständen gesichtet und analysiert. Das «Wiki of Social Media Monitoring Solutions» kennt allein mehr als 140 verschiedene Monitoring-Tools zu diesem Zweck, zum überwiegenden Teil freilich kostenpflichtige Services oder auf Plattformen spezialisierte Software, die zum Beispiel nur Twitter, Videoplattformen oder Blogs berücksichtigen.

Google Alert für "Soziale Bewegungen und Social Media" meldet per E-Mail neu erfasste Suchtreffer.Der Dienst Tweetdeck organisiert Streams in Spalten, hier die Timeline, die Mentions, einen Filter nach Hashtags, eine Twitter-Liste.Mit einem Feed Reader abonnieren, was interessant sein könnte, in Ordner organisieren und übersichtlich im Blick haben.

DIE BASICS SELBSTORGANISIERTEN MONITORINGS
➊ Eine einfache und für einzelne Suchbegriffe auch sehr effiziente Möglichkeit, Monitoring zu automatisieren, der «Google Alert». Wir lassen uns per E-Mail benachrichtigen, wenn neue Informationen im Netz zu von uns gewählten Suchbegriffen publiziert werden.
Dienste wie Tweetdeck erleichtern das Beobachten von Kommunikation auf der Plattform Twitter. Für den besseren Überblick lassen sich mit nach verschiedenen Kriterien gefilterte “Timelines” nebeneinander anordnen.
➌ Der Feed-Reader von Google im Einsatz, hier läuft alles zusammen, was wir an Feeds abonnieren.

Viele Tools sind spezialisierte Durchsuch-Services, die Feeds generieren: Blog-Search, Technorati-Search, Forum-Search, Twitter-Search, Facebook-Search etc. Daher ist es äußerst naheliegend und zu empfehlen, ein Feed-Reader System herzunehmen, um diese Quellen zu bündeln und in weiterer Folge mit anderen relevanten Feed-Quellen zusammen übersichtlich aus- und weiterzuverwerten. Diese Methode ist nicht nur die flexibelste, sie lässt sich außerdem kollaborativ betreiben, und das ohne Lizenzkosten!

Beim “Feedback-Monitoring” tritt oft der Fall ein, dass es binnen kürzester Zeit Reaktionen gibt, auf die wir wiederum schnell eingehen möchten. Um ein ebenso rasches Handeln und zum Beispiel Eintreten in den Dialog zu ermöglichen, ist eine Überwachung in Echtzeit nötig. Anwendungen wie Tweetdeck und Seesmic Desktop sind zwei sehr beliebte Tools für das Beobachten der Kommunikationsflüsse auf Twitter und Facebook, mit denen man Statusupdates parallel von mehreren Accounts absetzen und überwachen sowie nach Keywords suchen kann.

Monitoring, Archivierung und Weiterverarbeitungsprozess

Die bekannteste und simpleste Form, das Netz entlang selbst gewählter Schlüsselwörter zu beobachten, diese Beobachtung zu automatisieren und damit gleichzeitig ein Archiv von Suchtreffern anzulegen, ist der gute alte Google Alarm. Mit «Google Alert» können wir E-Mail-Benachrichtigungen abonnieren, wenn irgendwo im Netz etwas Neues publiziert wird, bei dem unser im “Alarm” eingegebener Suchbegriff anschlägt. Mit solchen Benachrichtigungen können wir uns automatisch verständigen lassen, wenn die Suchmaschine Google neue Inhalte zu beispielsweise dem Begriff «Zeitarbeit», «“Jean Ziegler”», «“Empört Euch”» oder sagen wir «Wutbürger» erfasst.

Natürlich ist das ein umständlicher und wenig übersichtlicher Weg, wenn wir nicht nur hie und da informiert werden wollen, sondern laufend diverse Kanäle und mehrere Keywords aufzeichnen wollen. Dazu eignet sich das Monitoring mittels Feed-Reader, wobei wir hier die Nutzung des Google Readers empfehlen würden. Mit diesem Dienst haben wir nicht nur sehr gute Erfahrungen gemacht, sondern können auch die Agenden des Monitorings zusammen mit dem Lesen, Archivieren, Aggregieren und Verteilen von zum Thema relevanten Informationen verbinden.

Durch das Abonnieren von Feeds automatisieren wir zuerst den Eingang von Informationsschnipsel in unsere Monitoring-Oberfläche des Feed-Readers. Abonniert werden ausgesuchte Feeds von interessanten Blogs, thematische Feeds von Nachrichten-Agenturen und wichtigen Online-Medien, Presseaussendungen und die Einträge der Facebook-Seiten von Organisationen in unserem Umfeld. Abonnieren können wir zudem wunderbar dynamisch unsere Suchabfragen der Google News-Suche oder der Twitter-Search. Im Feed-Reader bündeln wir mehrere abonnierte Feeds in thematische Ordner und haben uns auf übersichtliche Art und Weise so etwas wie einen benutzerdefinierten und automatisierten Pressespiegel gebastelt. In diesem digitalen Pressespiegel können wir Informations-Schnipsel nun:

1. durch automatisiertes oder manuelles Taggen kategorisieren. Diese Tags liefern wiederum einen Feed, den wir an anderer Stelle weiterverarbeiten und etwa in unseren Webauftritt einbauen können.
2. direkt per E-Mail weiterleiten und an unsere Kolleg_innen verteilen.
3. direkt in ein Social Media System wie beispielsweise einen Tumblelog speichern beziehungsweise “seeden”.

Was tun, wenn über uns gesprochen wird?

Irgendwann ist es soweit. Irgendwann sagt jemand etwas über uns. Im Optimalfall ist es etwas Positives, vielleicht übt jemand konstruktive Kritik, vielleicht werden wir aber auch angegriffen. In jeden Fall muss geprüft werden, ob eine Reaktion unsererseits und was für eine Art Reaktion notwendig ist. Lösungsansätze, mit denen solchen Kommunikationsherausforderungen am besten begegnet werden soll, gibt es voraussichtlich so viele wie selbst ernannte Berater_innen für Online-Kommunikation. Wer sich an grundsätzliche Kommunikationsnormen hält, die eigene Zielgruppe kennt und der eigenen Intuition vertraut, sollte mit Hilfe der folgenden Kurz-Anleitung jede “Anfrage” relativ unbeschadet überstehen.
(Für diejenigen, die alle genannten Voraussetzungen erfüllen und trotzdem keine Lösung für das eigene Kommunikationsproblem finden, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme zu Kommunikationsberater_innen im Online-Bereich.)

Kommentaren muss unterschiedlich begegnet werden, in Abhängigkeit davon, wann sie wo in welcher Form auftauchen. Wir unterscheiden zwischen eigenen und fremden Kommunikationskanälen. Zu den eigenen Kanälen gehören Webseiten der eigenen Organisation, Unternehmensblogs und eigene Auftritte auf diversen Social Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter. Zu den “eigenen” Kanälen sind hier auch die Profile von in der Organisation mitbestimmenden Einzelpersonen hinzuzuzählen. Zur zweiten Gruppe der fremden Kommunikationskanäle gehören zum Beispiel Zeitungsforen, private Websites und Blogs, Benutzerkonten auf Social Media-Plattformen sowie etwaige Fanseiten und Gruppen, die sich mit organisationsspezifischen Themen beschäftigen. Dazu gehören ebenfalls Gruppen, die gegründet wurden, um der eigenen Organisation zu schaden.
Relevant ist außerdem der Veröffentlichungszeitraum: Wann wurde ein Kommentar abgesetzt? Als Reaktion auf eine aktuelle Kampagne oder außerhalb dieser? Welches Ziel könnte der Absender des Kommentars dementsprechend bezwecken?

Auf positive Beiträge darf, auf konstruktive muss und auf negative kann geantwortet werden. Die Beantwortung der Kommentare ist zwar immer nur an einen oder wenige Menschen gerichtet, hat aber das Ziel, alle zu erreichen. Nicht alle Kommentare und Anfragen müssen öffentlich beantwortet werden. Grundsätzlich gilt, jede auf einem privaten Kanal gestellte Anfrage wird auch auf diesem Kanal beantwortet. Auf “öffentlich” gestellte Anfragen muss im mindesten Fall öffentlich geantwortet werden, dass die Beantwortung aus Gründen des Themensettings etc. auf einem privaten Kanal beantwortet wird.

Bevor auf einen Beitrag im Internet reagiert wird:

1. Tief ein- und ausatmen und dem Reflex widerstehen, sofort eine Antwort zu formulieren, die sich gewaschen hat.

2. Überprüfen, wer der_die Absender_in ist und vor welchem Hintergrund der Beitrag geschrieben wurde. Wo wurde der Beitrag gepostet? Wie wichtig ist dieser Kanal für meine Zielgruppe? Warum könnte er so ausgefallen sein?

3. Welche Absicht verfolgt der_die Autor_in des Beitrags? Will er der Organisation schaden? Handelt es sich dabei um einen Witz, Spott oder Satire? Ist es eine wütende Reaktion? Ist der_die Autor_in mit der Organisation, ihrer Arbeit oder einem ihrer Produkte unzufrieden?

4. Wem gilt der Kommentar? Wird jemand direkt angesprochen? Wer sollte antworten?

5. Ist der_die Autor_in einem Irrtum oder einer Falschmeldung aufgesessen? Wenn ja, unbedingt die Informationen richtig stellen. Auf das Posting öffentlich antworten.

6. Ist der Beitrag eine Mischung aus allen genannten Möglichkeiten? Auf welchen Punkt soll man sich in dem jeweiligen Fall in der Beantwortung konzentrieren? Wo hat man am wenigsten „zu verlieren“? Womit “gewinnt” man am meisten? Mit welchen nachprüfbaren Angaben kann man die eigenen Aussagen untermauern?

7. Die eigene Antwort intern prüfen lassen. Gibt es formale oder inhaltliche Fehler?

8. Gibt es weitere mögliche Problemfelder, die sich durch die Beantwortung der Anfrage ergeben? Wie zeitnah muss/darf man antworten? Könnte die eigene Antwort mehr Fragen aufwerfen als sie beantwortet?

9. Gibt es Möglichkeiten, die Anfrage für die weitere (öffentlichkeitswirksame) Kommunikation des Unternehmens zu nutzen? Kann die geäußerte Kritik zur Optimierung der eigenen Arbeit und Produkte beitragen?

10. Wie reagiert mein Gegenüber auf die eigene Antwort? Gibt es eine Gegenreaktion? Muss auf diese reagiert werden?

Monitoring ist der erste Schritt zu Eigenwerbung und Dialogen

Die Beobachtung der Nachrichtenströme im Netz ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen Kommunikation mit den eigenen Zielgruppen. Erst wenn man weiß, wo und wie über die eigene Person oder Organisation gesprochen wird, hat man eine Ahnung, wie die Menschen über einen denken könnten. In weiterer Folge könnte daran gearbeitet werden, diesen Ruf aktiv zu gestalten.

Die Beobachtung und Beeinflußung des eigenen Rufs im Netz werden unter dem Begriff Online Reputation Management (ORM) zusammengefasst. Eine Regierungspartei muss etwa verfolgen und mitsteuern, was im Netz über ihre Protagonist_innen gesagt und geschrieben wird, könnte aber zum Beispiel auch beobachten, wo Artikel und Diskussionen zum Thema Gesundheit und Gesundheitssystem entstehen und an den Debatten im Netz zu dem Thema teilnehmen, mit dem Ziel, die aktuelle Entwicklung, eigene Projekte oder Reform erklären und promoten zu wollen. Um das eigene Serviceangebot bekannter zu machen, könnte sich eine Rechtschutzversicherung in ihrem Monitoring auf Kommentare zum Thema “Autounfall” konzentrieren und den Geschädigten (mit dem Hinweis auf den eigenen Online-Auftritt) gegebenenfalls mit Tipps im Versicherungsbereich bzw. Empfehlungen von Fachwerkstätten in der Nähe aushelfen. Ein Online-Shop für Notizbücher und Stifte könnte verfolgen, wo es Diskussionen zu den Themen Schreiben, Mobilität etc. gibt, sich dort ins Gespräch einklinken und sein Angebot promoten.

Heutzutage dürfte es keine Organisationen mehr geben, die kein Online-Monitoring betreiben. Zu wissen, was und wo über einen gesprochen wird oder welche relevanten Themengebiete gerade im Netz aktuell sind, gehört zu den grundlegenden Arbeitsbedingungen der modernen Online-Kommunikation. Im Social Media Bereich kann man ohne vorheriges Zuhören auch nicht in Interaktion treten, womit sich wiederum der “soziale” Ansatz wieder von selbst erledigt. Monitoring ermöglicht es uns, unsere Zielgruppen besser kennenzulernen und unsere eigenen Aktionen zu dokumentieren und auszuwerten.

Obwohl sich die Monitoring Tools mit der Zeit verändern werden, bleiben deren Funktionsweise und Sinn gleich: Mit ihrer Hilfe können wir das (soziale) Netz beobachten, nach für uns relevanten Begriffen durchsuchen und archivieren. Mit diesen Ergebnissen sind wir in der Lage, die jeweils aktuelle Kommunikationssituation besser zu beurteilen und können in stattfindende Prozesse eingreifen – und sie im Optimalfall zu unseren Gunsten beeinflussen.

Zusammenfassung

Nur wer Monitoring betreibt und “dem Volk aufs Maul” schaut ist in der Lage, sinnvolle (Online-)Kommunikation zu führen. Themen können zielgruppenspezifisch aufbereitet und platziert werden. Wichtige Multiplikatoren können effektiv angesprochen werden. Und nicht zuletzt lassen sich durch Monitoring die eigenen Kommunikationsbestrebungen und -erfolge dokumentieren. Deshalb kann der Abschluss dieses Beitrags nur lauten: Beobachte, wann, wo und wie über dich, deine Themen, Betätigungsfelder sowie befreundete und gegnerische Organisationen gesprochen wird. Archiviere diese Informationen und verarbeite sie. Lege aufgrund dessen deine Kommunikationsstrategie fest und setze das Monitoring fort.

  • Fahre Antennen aus, schaue dich regelmäßig in deiner Umgebung um (Zielgruppe), interessiere dich dafür, was andere machen und verfolge mit, worüber wie geredet wird.
  • Definiere Themengebiete und Schlüsselwörter und automatisiere einen eingehenden Informationsfluss zu diesen Themen.
  • Passe diese Schlüsselwörter regelmäßig an.
  • Organisiere das Monitoring so, dass der beobachtete Informationsfluss in ein Archiv eingeht, das du mit deinen Mitstreiter_innen in gewissen Abständen auch analysieren solltest.
  • Grundsätzlich gilt: Wir müssen transparent auftreten, unsere Antworten auf Reaktionen mit Quellenangaben stützen und zeitnah, verhältnismäßig, konstruktiv und respektvoll antworten.
  • Nutze die Inputs, die durch Monitoring ihren Weg zu dir finden, für die Verbesserung der eigenen Services und Produkte sowie für die Weiterentwicklung der eigenen Organisation.
  • Monitoring hört nicht auf, nachdem ein Kommentar beantwortet wurde.
  • Ständiges Schweigen ist auch eine Reaktion, aber keine Antwort. Ein glaubhaftes «Wir sind an der Sache dran» schon eher.
  • Durch ungeschickte Beantwortung von Anfragen und entsprechende Interaktion mit den User_innen kann mehr Schaden angerichtet werden, als ursprünglich entstanden ist. Deshalb ist Schweigen manchmal doch die bessere Art der Kommunikation.
  • Baue keine Feindbilder auf und bleib cool, auf der anderen Seite des Monitors sitzt auch nur ein Mensch.
  • Trolle Trolle sein lassen: don’t feed the troll!

August 16 2011

Aktivismus im für das Netz

Warum wir alle gefordert sind, uns für das Netz zu engagieren

«Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete.»
John Perry Barlow



Das Human Rights Council der Vereinten Nationen erklärte 2011 das Medium Internet zum Menschenrecht. Diesem Anspruch widersetzt sich allerdings ein Großteil aller Staaten: als Regierungs- und Verwaltungsinstanzen sammeln sie die Daten ihrer Bürger_innen – verdachtsunabhängig und ohne diese zentral gespeicherten Daten rechtmäßig schützen zu können; unter dem Vorwand der Terror-Bekämpfung und der Netz-Kriminalitäts-Prävention werden außerdem umfassende Zensur- und Überwachungsmaßnahmen getroffen. Höchste Zeit also, sich für ein freies Netz und im Sinne einer partizipativen Cyberspace-Demokratie zu engagieren.

Private Daten schützen – öffentliche Daten nützen

Seit es das Internet gibt, gibt es die Frage, was dieses Netz kann, für welche Zwecke es genutzt werden kann, welche Möglichkeiten für Missbrauch es mit sich bringt, und die Frage, wie es aussehen und ausgestaltet sein sollte. Seit es das Netz gibt, engagieren sich Aktivist_innen für ein Netz, wie es nach ihren Vorstellungen aussehen sollte. Seitdem es das Netz gibt, gibt es die Vorstellung, das Engagement und den Anspruch auf freie Informationen für eine freie Gesellschaft. “Freie Informationen” geht dabei keineswegs in die Stoßrichtung, dass alle unsere persönlichen Daten offengelegt sein sollten, dass wir alle allen alles zugänglich machen sollten. Die Stoßrichtung ist viel eher mit dem berühmten Punkt 1 der Vierzehn Punkte von Woodrow Wilson im Einklang. Es geht darum, dass Informationen, die alle angehen und alle betreffen, allen zur Verfügung stehen sollten und nicht das künstlich verknappte Kapital der Mächtigen sein dürfen, die durch Desinformation und Informationsausschluss regieren. Die Maxime, wie sie in der Hackerethik festgeschrieben ist, lautet also «öffentliche Daten nützen, private Daten schützen». Und solange es das Internet gibt, solange gibt es bereits die Hacker.

Als “Hacker_innen” bezeichnen sich Personen, die herkömmliche Verbindungen und Verknüpfungen – in allen Bereichen – technisch weiterentwickeln, Sicherheitslücken aufzeigen, die Frage gesellschaftlicher Konsequenzen stellen und gewohnte Zusammensetzungen auf produktive und kreative Art und Weise zweckentfremden. Hacker_innen sind Forscher_innen. Sie bauen Ikea-Möbelstücke ebenso um wie DNA-Strukturen, Netz- und Softwarestrukturen. Weil sie in Strukturen eindringen, um sie zu erforschen, zu testen und ihre Schlussfolgerungen zu ziehen, und weil das den Eigner_innen dieser Strukturen oftmals nicht Recht ist, wenn ihre Systeme von unabhängigen Personen getestet werden, hat es früh Bestrebungen gegeben, diese «Hacker» und ihre Arbeit bis hin zu ihrer Ethik zu kriminalisieren. Hacker, die Informationen befreien, sind eine Gefahr für jene, die von zurückgehaltener Information und von Desinformation leben und ihre Geschäfte machen. Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen Forschungsdrang, gesellschaftlichem Anspruch und drohender Kriminalisierung leitet sich die Motivation ab, Teil der Hackerkultur zu sein und dem «Hacker’s Manifesto» zu folgen, wie es 1986 von Loyd Blankenship aka «The Mentor» unter der Überschrift «The Conscience of a Hacker» formuliert wurde: «We make use of a service already existing without paying for what could be dirt-cheap if it wasn’t run by profiteering gluttons, and you call us criminals. We explore… and you call us criminals.»

Der «Chaosknoten», das Logo des legendären Chaos Computer Clubs (CCC).John Perry Barlow, bei einem TED-Talk zum Recht, Bescheid zu wissen und auf Informationen zugreifen zu können.Die «Electric Frontier Foundation» (EFF) ist weltweit eine der wichtigsten Initiativen für unsere Bürger_innen-Rechte in der Digitalen Gesellschaft. 

DIE WAHRUNG DER BÜRGER_INNENRECHTE IM CYBERSPACE
➊ Der «Chaos Computer Club» (CCC) widmet sich als “Hackerclub” und eingetragener Verein seit 1981 der Erforschung neuer Technologien in der Informationsgesellschaft. Dabei ist dem CCC immer der Blickpunkt auf gesellschaftliche Folgewirkungen wichtig und vor allem die frühe Risikofolgenabschätzung, in dem Potentiale für Missbrauch bei allen Chancen für gesellschaftlichen Nutzen gesucht, aufgedeckt und thematisiert werden.
➋ Ein Aufruf, sich im Netz für das Netz zu engagieren, geht auf die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» von John Perry Barlow zurück, hier bei einem TED Talk zu «The Right to Know». In dieser Erklärung wird bereits 1996 das Recht von Regierungen in Frage gestellt, das Internet, diesen ersten unabhängigen «globalen internationalen Staat», nach ihrem Gutdünken zu regulieren.
➌ Die «Electric Frontier Foundation» (EFF) wird 1990 von John Perry Barlow gemeinsam mit anderen als Bürgerrechtsorganisation gegründet. Die Arbeitsthemen der NGO reichen von Blogger_innen-Rechten über den Schutz des Rechts auf Privatsphäre und den Schutz vor geschäftlichen Interessen bis hin zur Selbstverteidigung gegen Überwachung.

Der Terminus «Hacker» wird vor allem in den Massenmedien häufig missbräuchlich verwendet, um damit computer-kriminelles Verhalten zu benennen. Hacker_innen, die kriminelle Handlungen setzen, werden aber eigentlich als “Black Hat Hackers” oder “Cracker” bezeichnet, denen die Mehrzahl der Sicherheitsexpert_innen gegenüberstehen, die “White Hat Hackers”. Ihnen geht es nicht darum, Unsicherheiten zu schaffen, sondern auf solche Sicherheitslücken hinzuweisen. Allen Hacker_innen ist das Anliegen gemein, die Behauptungen, zentral gespeicherte Daten könnten umfassend gesichert werden, zu demontieren. Die Aktionen von Hacker_innen dienen dazu, zu verdeutlichen, dass (1) jede Technologie Sicherheits-Lücken aufweist und (2) jede Technologie auch auf kriminelle und illegitime Weise genutzt werden kann; etwa zur staatlichen Überwachung. Eine der renommiertesten Hacker-Organisationen weltweit ist der Chaos Computer Club (CCC), der das immer wieder spektakulär aufzeigt, etwa beim Beweis von NASA-Sicherheitslücken, der Manipulierbarkeit von Wahlcomputern oder Biometriesystemen.

Der Einwand gegen “Hacks” und das Aufzeigen von Sicherheitslücken, es wären gerade die “bösen Hacker_innen”, welche das auf so wunderbare Weise sichere zentralisierende Datensammeln gefährden würden, ist mit dem doppelbödigen Argument zu vergleichen, demzufolge der Zugang zum Internet sowohl kontrolliert als auch eingeschränkt werden müsse, um Kinderpornografie im Netz zu unterbinden. Dieser ethisch löbliche Einschreitungsakt verfehlt nach den Aussagen sämtlicher Expert_innen seine Klientel. Außerdem: Generalverdacht und allgemeine Zugangsbeschränkungen unter dem Vorwand eines konkreten und rechtmäßig von Fall zu Fall zu ermittelnden Straftatbestandes sprechen demokratischen Rechtsbeständen Hohn, Rechtsbeständen, die auch im Netz einzufordern und zu gewährleisten sind.

Netzaktivismus gegen die Datensammelwut

Regierungen sammeln unablässig persönliche Daten ihrer Bürger_innen. Diese Daten werden zentral verwaltet, um eine größere und breiter angelegte Kontrolle zu ermöglichen. Bei der Volkszählung in Deutschland im Mai 2011 werden sensible Daten (Weltanschauung, Religion, Migrationshintergrund) erhoben und zentral gespeichert. Aufklärung darüber, wozu diese Daten gesammelt, ob und wofür sie verwendet werden, gibt es keine. Auch Arbeitgeber_innen sammeln Daten: mit dem Elektronischen Entgeltnachweis (ELENA) werden Daten von Arbeitnehmer_innen gespeichert und für Ämter oder Unternehmensleitungen aufbereitet. Diese können sich angesichts der Daten und ihrer Vernetzung sowie der Erstellung von Profilen (Profiling) einen besseren Überblick verschaffen – zum Beispiel über registriertes “Fehlverhalten”, die Teilnahme an Betriebsversammlungen und Streiks. Bessere Kontrolle und effizientere Verwaltung – so heißen die Deckmäntelchen, unter denen sich massive Einschnitte in grundlegende Bürger_innenrechte verbergen sollen. Ein Symptom der Datensammelwut zeigt sich darin, dass verdachtsunabhängig darauflos gesammelt wird. Gängige juristische Abläufe werden verkürzt: anstatt im Sinne der Unschuldsvermutung zuerst zu ermitteln, ob eine umfassende Erhebung persönlicher Daten überhaupt gerechtfertigt ist, wird diese umstandslos exekutiert. Verdachtsunabhängiges Datensammeln stellt alle unter Generalverdacht. Im Fall von ELENA engagiert sich eine breite Front aus Datenschützer_innen und Gewerkschaften gegen diese Form einer Vorratsdatenspeicherung von Arbeitnehmer_innen-Daten. 2011 scheint sich das Engagement zu lohnen, die Bundesregierung beschließt das Aus für Elena.

Der FoeBuD: Wir wollen die Menschen schützen, nicht die Daten

1987 von den Künstlern padeluun und Rena Tangens in Bielefeld gegründet, setzt sich der Verein FoeBuD e.V. für ungehinderte Kommunikation und Datenschutz ein. Aktuelle Nachrichten und Informationen zu diesen Themen werden gesammelt, Veranstaltungen wie die Reihe «Public Domain» oder die jährliche Verleihung des «Big Brother Awards» werden (mit-)initiert. Der Verein setzt sich mit Rechtsgrundlagen des Datenschutz auseinander, um auch juristisch vorgehen zu können, und initiert 2010 zum Beispiel die Verfassungsbeschwerde gegen den Einsatz von ELENA. Zur Wahrung des Rechtes der Bürger_innen auf Privatsphäre und Datenschutz gehören aber auch entsprechende technische Maßnahmen, wie Verschlüsselung oder der Einsatz von TOR-Technologie für anonymes Surfen im Internet. Über diese wird auf der Webseite ebenso informiert wie über Grundsätzliches, Rechtliches sowie aktuelle Vor- und auch Verstöße hinsichtlich Datenschutz und Privatsphäre. “Ungehinderte Kommunikation” heißt einerseits, Zensur in all ihren Formen aufzuzeigen und diese zu unterbinden. Andererseits setzt “ungehinderte Kommunikation” auch voraus, unter Ausschluss von dritten (überwachenden, kontrollierenden, registrierenden und verwaltenden) Instanzen kommunizieren zu können. Interessante Feeds zum Thema Datenschutz können direkt im Browser aufgerufen werden: auf foebud.org einfach nach dem RSS-Button Ausschau halten und den Feed abonnieren.

Trotz aller Beteuerungen von Regierungs- und Unternehmenseite kann die Sicherheit gesammelter und zentral gespeicherter Daten nicht garantiert werden: sobald umfangreichere Datensätze zusammengestellt, Daten verknüpft und Profile erstellt werden, führen spontane Zugriffe und Suchanfragen auch zu spontanen Rückschlüssen. Anhand der zentral gespeicherten Daten werden Profile erstellt und weitergestrickt, potenzielle Täter_innen-Gruppen entlang bestimmter Merkmale (Kommunikationswege, Migrationshintergrund, Weltanschauung, Religionsbekenntnis etc.) konstruiert. Auch Daten, die ursprünglich unter Auskunftssperre erhoben wurden, später aber in zentrale Datenbanken eingespeist worden sind, tragen somit zum Profiling bei. Das ist auch bei der Volkszählung in Deutschland passiert. Und gegen diese Datensammelwut hat die «Zenus-2011-Bewegung» aktiv protestiert. Proteste, die sich gegen einzelne, nationale Grenzen und Gesetzgebungen überbordende Symptome der Datensammelwut richten, finden seit einigen Jahren sowohl auf den Straßen und Gesetzesdschungeln dieser Welt als auch im Netz statt: Die «Freiheit statt Angst» Demonstrationen ziehen gegen die Vorratsdatenspeicherung und für Datenschutz weltweit durch die Straßen verschiedener Städte. Und in einer neuen Form von Aktionismus wird gezielt aufgezeigt, dass angeblich zugriffssichere Daten geleakt, das heißt inoffiziell veröffentlicht werden können. Hacker_innen zeigen dadurch Lücken in Systemen auf, die den Beteuerungen von Regierungs- und Unternehmenseite zufolge sicher sind vor unbefugten Zugriffen.

Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner

Unter dem Vorwand einer “Kinderporno-Industrie” und bis heute nicht zu belegenden Zahlen gelingt es der damaligen deutschen Familienministerin Ursula von der Leyen, ein sogenanntes «Zugangserschwerungsgesetz» im deutschen Bundestag durchzubringen. Die naive Idee der Umsetzung bestand darin, Seiten mit kinderpornografischem Inhalt in einer Sperrliste zu erfassen und anstatt der Website ein Stopp-Schild am Bildschirm anzeigen zu lassen. Dieses Gesetzesvorhaben ist der Auslöser der bis dahin größten deutschen E-Petition und ebnet den Weg zur Gründung des AK Zensur, des «Arbeitskreises gegen Internetsperren und Zensur». Der Umstand, dass die Zugangserschwerung, wie sie von der Regierung geplant wird, für den Kampf gegen Kinderpornografie im Netz ungeeignet und allen Expert_innen zu Folge kontraproduktiv ist, sich aber viel besser zur politischen Zensur eignet, bringt der Ministerin nebst heftiger Kritik den Spitznamen «Zensursula» ein. Nachdem es 2010 in Kraft tritt, wird das Gesetz bereits 2011 wieder aufgehoben. Auf einer höheren Ebene, nämlich beim Internetdienstanbieter (internet service provider, ISP), werden vorbeugende Mechanismen etabliert. Durch Blacklists, welche von politischen Instanzen erstellt werden und nicht zugänglich sind, können bestimmte Adressen generell für Kunden des ISPs gesperrt werden. Während die unveränderte, wertungsfreie Datenübertragung unter dem Begriff Netzneutralität in den Niederlanden Gesetzesstatus erlangt, bewegen sich die Bestrebungen der Regierenden in Deutschland und Österreich mit Filtermechanismen in die gegenteilige Richtung. Bestärkt wird die Kritik auch durch Vorfälle in Ländern, in denen Sperrlisten im Einsatz sind. Sowohl in Finnland als auch in Australien kann nachgewiesen werden, dass nicht nur rechts-unkonforme Webseiten gefiltert werden, sondern ebenso politische sowie legale pornografische Inhalte.

So wie die meisten der Maßnahmen zur Einschränkung des Internets, zur Überwachung und zur Erfassung von personenbezogenen Daten globale Phänomene sind, die mit der allgegenwärtigen «War on Terror» -Rechtfertigung transnational vorangetrieben werden, so verhält es sich auch mit dem fast überall eigentlich verfassungswidrigen Speichern von Telekommunikations-Verbindungsdaten ohne Anlass. Auf Basis einer EU-Richtlinie sind seit geraumer Zeit alle Staaten der Europäischen Union verpflichtet, diese Vorratsdatenspeicherung in nationale Gesetzgebung überzuführen. In Deutschland ist dies der Regierung großer Proteste zum Trotz gelungen, nur dass das Bundesverfassungsgericht das Gesetz bereits für verfassungswidrig und nichtig erklärt hat. In Österreich sollen ab April 2012 sämtliche Verbindungsdaten für sechs Monate pauschal gespeichert werden. Der Gesetzgeber erhält dadurch die Möglichkeit, Verbindungen zwischen einem oder einer potenziellen Täter_in und weiteren Verdächtigen aufgrund von Kommunikationskanälen zu konstruieren, ohne jedoch über den ausgetauschten Inhalt Bescheid zu wissen. Jeder kann so leicht in das Visier der Fahnder gelangen. Zwar wird dieser Überwachung nur eine Erhöhung der Aufklärungsrate von 0,006 % zugeschrieben, doch das reicht scheinbar, den präventiven Generalverdacht über die Bevölkerung auszusprechen. Eine Alternative zur Vorratsdatenspeicherung würde in der «Quick Freeze» – Methode liegen. Statt der verdachtsunabhängigen Speicherung muss bei Quick Freeze das Aufzeichnen der Datenströme eine Straftat zugrunde liegen.

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung macht mobil gegen die totale Protokollierung von Telefon, Handy, E-Mail und Internet. Christof Tschohl zum Gesetzesvorschlag betreffend Vorratsdatenspeicherung in Österreich. MDR Exakt Sendung «Wenn Polizisten Straftaten begehen: Der Datenskandal der Sächsischen Polizei»  

SPEICHERUNG ALLER DATEN AUF VORRAT?
➊ Der deutsche Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung macht mobil gegen die totale Protokollierung von Telefon, Handy, E-Mail und Internet. Die Website vorratsdatenspeicherung.de bietet eine umfangreiche Dokumentation und ein reiches Archiv an Materialien.
➋ Christof Tschohl vom Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte und vom österreichischen AK-Vorrat im Interview zu Hintergründen der Vorratsdatenspeicherung.
➌ Im Jahr 2011 wird bekannt, dass die Polizei Sachsens bereits seit mindestens 2009 alle möglichen Daten auf Vorrat speichert und auswertet. Der MDR berichtet. Der Skandal zieht weite Kreise und gibt Einblick in die Begehrlichkeiten der Polizei.

Die Überwachung der Bevölkerung erfährt durch die Vernetzung der Bürger_innen eine neue Blütezeit und wird aufgrund des Déjà-vu-Erlebnisses im Netzjargon als Stasi 2.0 bezeichnet. Überwachungs- und Kontrollmechanismen, welche nicht einmal im nicht-virtuellen Raum Einzug gehalten haben, werden von vorwiegend konservativen Politiker_innen für das Internet gefordert. Mittels Polizei-Trojaner, in Deutschland «Bundestrojaner» genannt, und sogenannten Keylogger-Programmen, welche Tastatur-Aktivitäten weiterleiten, soll eine Art von gezielter Online-Durchsuchung möglich werden, die physisch auf dem Computer von uns Bürger_innen stattfindet. Aufgrund der lokalen Abhängigkeit und der Tatsache, dass die Überwachungstools bei Erkennen sofort unschädlich gemacht werden können, kritisieren Expert_innen nicht nur die zivilrechtliche Durchführbarkeit, sondern auch die Erfolgsaussichten der Anwendung.

Ein gläserner Staat statt gläserner Bürger_innen

Den Begehrlichkeiten der Geheimdienste, Polizei und mancher Politiker_innen nach den gläsernen Bürger_innen stehen die Bewegungen Open Government und Open Data diametral gegenüber, ganz nach dem Hackerethos «öffentliche Daten nützen, private Daten schützen». «Open Government» ist eine umfassende Neugestaltung von Politik- und Verwaltungshandeln im Sinne einer modernen – partizipativen – öffentlichen Verwaltung (Public Management). Partizipativ heißt, dass zwischen Bürger_innen und Verwaltungs- beziehungsweise Regierungsinstanzen Austausch stattfindet, dass nicht über die Köpfe der Bürger_innen hinweg regiert und verwaltet wird. Dafür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen, zu denen die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Daten gehören, also offene Daten oder «Open Data». Fahrpläne, Zeiten der Müllabfuhr, Stadtpläne, Umweltdaten, Öffnungszeiten, Gesetze, Petitionen, wissenschaftliche Studien etc. sind nicht-personenbezogene Informationen, mit denen wir bewusst oder unbewusst täglich hantieren. Grundlage all dieser häufig mit Steuergeld finanzierten Informationen sind Daten. Diese finden sich, sofern digital verfügbar, großteils isoliert in Datenbanken gespeichert, die nicht öffentlich zugänglich oder nicht automatisiert auswertbar sind. Diese nicht-personenbezogenen Regierungs- und Verwaltungsdaten zu öffnen bedeutet, Politik und öffentliche Verwaltung offener, transparenter und bürger_innennäher zu gestalten, gesellschaftliche Missstände sichtbar und kritisierbar zu machen, sowie als Bürger_in qualifiziertere Entscheidungen treffen zu können. Das gilt sowohl in regionalen und nationalen wie auch in transregionalen und transnationalen Verwaltungsbereichen.

Daten der öffentlichen Verwaltung gelten als offen, wenn sie der Öffentlichkeit in einer Weise zugänglich gemacht werden, die im Einklang steht mit den Grundsätzen einer vollständigen und zeitnahen, weder durch finanzielle noch durch soziale, kulturelle Barrieren beschränkten Zugänglichkeit. Ein zentrales Merkmal von offenen Daten ist, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen gemacht werden können, was z.B. bei personenbezogenen Daten durch Aggregation erreicht werden kann. Was mit den OpenData-Datensätzen noch passieren kann, wie sie weiter aufbereitet, visualisiert, kontextualisiert und vermittelt werden können, liegt in den Händen der Bürger_innen. Immer häufiger werden auf BarCamps gemeinsam Anwendungen und Visualisierungskonzepte entwickelt, sowohl in regionalen, nationalen als auch in transnationalen Kontexten. Die OpenKnowledge Foundation hat von England ausgehend bereits internationale «Open Government Data Camps» zu initiieren begonnen. In Deutschland ist das Netzwerk zur Förderung von Open Government, Open Data, Transparenz und Partizipation die Plattform, über die sich Aktivist_innen organisieren. In Österreich ist es das «open3.at» Netzwerk. Journalistisch betreute Blogs wie das Open Data-Blog der futurezonejenes der Zeit Online oder das Datablog des Guardian zeigen das öffentliche Interesse an der Open Data-Bewegung. Open Data und Open Government heißt nicht nur, mit Daten und Dokumentationen von Regierungsaktivitäten “gefüttert” und abgespeist zu werden, sondern diese weiterzutragen und aufzubereiten, damit so viele wie möglich etwas damit anzufangen wissen und verstehen.

Selbermachen und zusammenarbeiten

Ein besonders wichtiger und entscheidender Strang des Netzaktivismus geht von der Bewegung für Freie Software aus. Im Sinne einer partizipativen Cyberspace-Demokratie können sich alle daran beteiligen, den Schutz der User_innendaten zu verbessern, Daten und Content zu dezentralisieren. Es liegt an allen, die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Informationen, Werkzeugen und Software mit größtmöglicher Unabhängigkeit zu gewährleisten und Zensur zu verhindern. Die Produktion und Distribution von Wissen, die Registrierung und Verwaltung von Daten soll und darf nicht allein im Ermessen von Regierungen und ökonomischen Interesse von Unternehmen liegen. Das berühmteste Beispiel für eine dezentralisierte Produktion und Verwaltung von Wissen ist die Wikipedia. Anders als herkömmliche Enzyklopädien ist die Wikipedia frei. Es gibt sie nicht nur kostenlos im Internet, sondern jede und jeder darf sie unter Angabe der Autor_innen und der freien Lizenz frei kopieren und verwenden. Dafür sorgen die Creative-Commons-Lizenz und die GNU-Lizenz für freie Dokumentation, unter der die Autor_innen ihre Texte veröffentlichen. Das Projekt «GuttenPlag», in dem die Plagiate in der Dissertation von Karl Theodor zu Guttenberg gesammelt und dokumentiert werden, zeigt vorbildlich, wie eine kollaborative Arbeitsweise die stillschweigend hingenommenen (in diesem Fall auch illegalen) Voraussetzungen herkömmlicher Wissensproduktionsverhältnisse aushebeln kann. Die für sich sprechende Dokumentation der Plagiatsarbeit erzwingt schließlich die Aberkennung des Doktortitels und führt zum Rücktritt des CSU-Politikers und Bundesministers. Die Plattform des Projekts ist ein Wiki. Die offene kollaborative Arbeitsweise über die Plattform des Wiki steht prototypisch für eine freie Netzkultur, in der die Werkzeuge und Projekte für Zusammenarbeit selbst entwickelt, ins Netz gestellt und anderen angeboten werden.

Freie Software zu verwenden und vielleicht auch mitzubasteln, ist eine wichtige Entscheidung sowohl für die cyber-demokratischen Verhältnisse als auch für den Schutz und die Sicherheit persönlicher Daten. Freie Software steht im Kontrast zu proprietärer – kommerziell-eigentümlich geschützter – Software, wobei sich das Wort frei auf den freien Zugang zum Quellcode bezieht und nicht zwingend im Sinne von kostenlos zu sehen ist: «free as in speech, not free as in beer». Aus dieser Freiheit resultiert, dass offene Schnittstellen eine Weiterentwicklung ermöglichen und die Einsicht in den Quellcode späterem User_innen-Datenmissbrauch vorgebeugt. Prominente Beispiele aus dieser Bewegung sind Firefox, Linux, OpenOffice, Mediawiki und WordPress. Die ältere Freie Software Bewegung (Free Software Movement) unterscheidet sich von den jüngeren Open Source Initiativen. Bei Freier Software handelt es sich um eine soziale Bewegung, die gesellschaftliche Veränderung fordert. Der freie Zugang und die freie Handhabe (Kopieren, Verändern, Weiterentwickeln) sind und bleiben gewährleistet. Freie Software bleibt freie Software, «free as in speech», die Möglichkeit proprietärer Nutzung wird prinzipiell abgelehnt. Open Source Initiativen fühlen sich nicht unbedingt an die Gewährleistung der Freiheiten in Nutzung und Weitergabe gebunden. Bei proprietärer Software, wie ELENA und elektronischen Wahlsystemen, kann der Quellcode nicht eingesehen und evaluiert werden. Private Anwender_innen haben weder die Entscheidungsfreiheit noch den Überblick darüber, welche Daten erhoben werden. Ökonomisch und/oder regierungstechnisch motivierte Datensammelwut zentralisiert und ermöglicht Ethnic-Profiling. Zur Abwehr dieser sogenannten Datenkraken gibt es, wie im Manual Beitrag Datensicherheit und Datenschutz nachzulesen, Open Source Projekte wie das Anonymisierungsnetzwerk TOR, die Verschlüsselungssoftware TrueCrypt. Auch bei Kommunikationsplattformen gibt es Open Source-Alternativen wie das Facebook-Pendant diaspora oder die Microblogging-Alternative gegenüber Twitter identica.

Zusammenfassung

Web 2.0 hat auch im Feld Netzaktivismus Spuren hinterlassen, vor allem in der Sichtbarkeit dieses Aktivismus. WatchBlogs, Wikis und Podcasts können mit und im Sinne von Freier Software bereits leicht ohne Fachkenntnis und Kosten betrieben werden. Social Media-Tools und Microblogging ermöglichen eine Versorgung mit Informationen in Echtzeit. In die andere Richtung dienen diese Kanäle als wichtiges Sprachrohr in die ganze Welt. Um auch im Netz nachhaltige und vor allem sichere Systeme aufbauen zu können, gilt die Devise: zu viele Köche verderben nur den zähen Brei der Regierenden – umso mehr sich daran beteiligen, umso mehr mitmischen, umso aussagekräftiger, umso aktiver wird’s im Netz, wird das Netz.

  • Über Free/Libre Open Source Software-Alternativen informieren. Diese sind vor allem aufgrund des transparenten Aufbaus proprietären Produkten vorzuziehen.
  • Sensible Daten und vertrauliche Kommunikationen verschlüsseln, zum Beispiel mit True Crypt und anonymisieren mit Tor. Solche Tools sind bereits an Durchschnitts-User_innen ausgerichtet.
  • Aktiv werden. Bei Petitionen beteiligen, sich in Arbeitsgruppen einbringen, Hackspaces in der näheren Umgebung erkunden.
  • Abschätzen lernen, welche Daten im Netz über mich gespeichert werden.
  • Proprietären Anwendungen und Services nicht leichtfertig vertrauen.
  • Zu kurze, einfache oder mehrmals verwendete Passwörter.
  • Niemals sollten sensiblen Daten unverschlüsselt übertragen werden.
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July 26 2011

Datenschutz und Datensicherheit

Vom anonymen Surfen bis zur verschlüsselten Festplatte

«Es ist bedenklich, dass kaum jemand weiß, welche Daten über ihn gespeichert sind. Es ist äußerst bedenklich, dass kaum jemand weiß, wer diese Daten gerade besitzt. Bedenklich ist es hingegen nicht, dass sich nur eine Minderheit dagegen wehrt. Das ist dramatisch.»
Hamann/Rohwetter

Die eigenen Daten zu schützen heißt, die Daten und Dokumente, die am eigenen Rechner gespeichert werden, unbefugten Zugriffen zu entziehen. Die eigenen Daten zu schützen heißt weiters, die in Wort und Bild übertragen werden, unbefugten Zugriffen zu entziehen. Und es heißt auch, sich gegen das ausufernde Datensammeln im Netz zu wehren, das nur für einige wenige Monopole lukrative Betätigungsfelder bietet. Kommunikation gegen unbefugten Zugriff zu schützen, Daten- und Dokumentenschutz sind weit weniger kompliziert als oft vermutet wird. Praktischer Datenschutz im Alltag ist nicht «Geeks und Nerds» mit hochspeziellem Fachwissen vorbehalten. Daher soll gezeigt werden, dass sorgsamer Datenschutz und sicheres Kommunizieren keinesfalls ein 24 Stunden Fulltime-Job ist, sondern dass wir alle selbst tätig werden können, ohne uns deswegen zu Fachleuten für IT-Sicherheit weiterbilden zu müssen. Die eigenen Daten zu schützen heißt letztlich, nicht nur für uns selbst auf Datensicherheit zu achten, sondern auch für andere Personen und Gersonengruppen, deren Daten uns anvertraut sind.

Von gläsernen Surfern und “Datenkraken”

Ein Ergebnis unserer Internet-Ausflüge ist viel zu oft ein prall gefüllter Akt an gesammelten Daten. Diese Akten machen uns zu “gläsernen Surfer_innen”, mit all den im Akt erfassten Informationen pro Internetausflug. Es werden Daten darüber gespeichert, in welchem Land wir wohnen und welche Spracheeinstellungen wir haben. Gespeichert werden Angaben über unsere Internet-Provider, welches Betriebssystem verwendet und welcher Browser benutzt wird. Außerdem kann nachvollzogen werden, welche Webseiten wir aufgerufen haben und damit ist auch auswertbar, welche Seiten von besonderem Interesse sind, da wir sie häufiger besuchen. Hinzu kommen Informationen, die nicht automatisch und unbemerkt erfasst sondern von uns freiwillig und bewusst eingegeben werden. Auf diese Weise kommen etliche Daten zusammen, die auf verschiedene Weise verwendet werden. So stellt der Datenhandel und Verkauf von Benutzer_innendaten ein lukratives Geschäft für findige Unternehmer_innen dar. Zu ihren Standardkunden gehören beispielsweise die Betreiber von Werbeunternehmen. Mit den gekauften Daten ist es ihnen möglich, uns mit gezielter Briefwerbung oder dem Einblenden “passender” Werbebanner im Netz zu belästigen. Deshalb dauert der erste Grundsatz für den Schutz freiwillig preisgegebener Daten: freiwillige Datensparsamkeit. Je weniger individuelle Informationen Internetanwender_innen von Beginn an im Netz preisgiben, desto geringer ist auch die Menge an Daten, die von Dritten (wie den genannten Werbeunternehmen) erfasst und ausgewertet werden können.

5 Tipps zu mehr SicherheitDie Aktivist_innen des FoeBuD versus die DatenkrakeBig Brother Award 2011 Kategorie Arbeitswelt

DIE ABWEHR DER DATENSAMMELWUT
➊ Ein Video aus der Reihe Quarks & Co des WDR gibt «Fünf goldene Regeln zur Datensicherheit». YouTube ist allgemein eine gute Adresse, um Empfehlungen und Tutorials für Datenschutzaspekte zu suchen.
➋ Der FoeBuD e.V. setzt sich seit 1987 für Bürgerrechte und Datenschutz ein. Hier sind die Aktivist_innen nach einer «Freiheit statt Angst»-Demo des Jahres 2008 zu sehen, die der FoeBud seit 2006 in Kooperation mit anderen Organisationen organisiert. (Bildrechte: FoeBuD e.V., Peter Ehrentraut)
➌ Prof. Peter Wedde bei der Verleitung der «Big Brother Awards 2011». Der Experte für Datenschutz und Arbeitsrecht verleiht die “Auszeichnung” in der Kategorie «Arbeitswelt» an die Daimler AG stellvertretend für alle Unternehmen, die Bluttests von ihren Mitarbeiter_innen verlangen. (Foto: Matthias Hornung, Freigegeben unter Creative-Commons-Lizenz BY-SA)

Im beruflichen Alltag gibt es eine ganze Reihe von Punkten, die es zu beachten gilt, sollen Daten vor unabsichtlicher Weitergabe an Dritte geschützt werden. Tatsächlich sind Fälle bekannt, in denen Angestellte durch so genannte Keylogger überwacht wurden. Dabei handelt es sich um spezielle Software, die alle Tastatureingaben aufzeichnet. Auch wenn diese Programme in der Regel nur von Kriminellen verwendet werden, bietet dieses Vorgehen auch den Arbeitgeber_innen eine effektive Möglichkeit, Mitarbeiter_innen auszuspionieren. Daher ist es empfehlenswert, auf Internet-Nutzung für private Zwecke am Arbeitsplatz ganz zu verzichten, und das nicht nur aus Angst vor der eventuellen Kündigung, sondern auch und vor allem zum Schutz der eigenen privaten oder anderer vertraulicher Daten. Für Angehörige eines Betriebsrats ist es ratsam, gewisse Dokumente und Daten nur außerhalb des Betriebs und unabhängig von E-Mail-Accounts des Unternehmens auszutauschen. Selbst wenn Arbeitgeber die Privatnutzung von Firmenrechnern ausdrücklich gestatten und Betriebsvereinbarungen das Recht auf private Nutzung absichern, sollten Mitarbeiter_innen aufgrund der Netzwerkprotokollierung zweimal überlegen, welche E-Mails sie im Betrieb versenden.

Die Frage «Warum Datenschutz im Internet?» wird heute immer öfter in Frage gestellt. Die «Post-Privacy-Bewegung» stellt die provokante These in den virtuellen Raum, dass Datenschutz in der Informations- und Netzwerkgesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist. Darauf ist mit dem Recht auf Privatsphäre zu antworten: niemand sollte mehr über eine Person erfahren als diese es selbst ausdrücklich erlaubt. Mensch spricht von «informationeller Selbstbestimmung». Doch auch hier argumentieren Anhänger der Post-Privacy-Idee: Statt des Versuchs um jeden Preis persönliche Daten geheim halten zu wollen, wird der Grundsatz des Informationsmanagements angeführt: Es sei sinnvoller seine Daten bewusst und kontrolliert im Netz zu präsentieren, um so einem Missbrauch (etwa durch Anmeldungen unter falschem Namen) zu begegnen. Ein Aspekt des Datenschutzes kann jedoch auch durch diese provokative Ansicht nicht relativiert werden – zur Privatsphäre zählt die Möglichkeit, sich pseudonym oder gar anonym im Netz zu bewegen.

Informationell selbstbestimmt im Netz

Eine wichtige Rolle beim Surfen im Internet spielt der Faktor Browser-Sicherheit, da er für die meisten Menschen gewissermaßen das Tor zum Internet darstellt. Dazu gehören die Frage, welchen Browser du verwendest, die Anpassung der Grundeinstellungen und die Installation und Nutzung von Erweiterungen (Add-Ons), das Surfen über sichere, mit SSL verschlüsselten Verbindungen, sowie die Wahl der Suchmaschine. Optional bietet der Gebrauch von Feeds eine einfache Möglichkeit sich über datenschutzrelevante Neuigkeiten zu informieren. Eine sinnvolle Anpassung der Grundeinstellungen eines Browers umfasst einige Punkte. Leg zum Beispiel eine Startseite fest und verzichte hier auf google. Verzichte auf die Toolbars von Anbietern, die in Browser integriert werden können. Empfehlungen für Datenschutz- und die Sicherheitseinstellungen des Browsers Firefox findest du auf der Seite «Kontrollausschluss». Für weitere Anpassungen kann auf Erweiterungen zurückgegriffen werden. Im Fall einer Adblocker-Erweiterung werden etwa Werbebanner unterdrückt und du bekommst die benutzerdefinierte Möglichkeit, Inhalte von Werbeseiten auszublenden. Das ist nicht nur Nerven schonend, sondern schützt auch davor, dass Online-Werbung von externen Servern geladen wird und Cookies von Werbenetzwerken gesetzt werden, um User_innen-Profile zu erstellen und zu verwalten. Das AddOn «Google-Sharing» dagegen leitet die Anfragen, die der Browser an Google schickt, zuerst an einen Server vom Google-Sharing-Projekt, wo sie anonymisiert werden.

Wer nicht jedes Mal, wenn eine Webseite besucht wird, mitteilen möchte, welcher Webbrowser, welches Betriebssystem und welche Version davon verwendet werden, kann ebenfall entsprechende Erweiterungen nutzen. Um zu überprüfen, wie wiedererkennbar der benutzte Browser mit allen vorgenommenen Einstellungen jetzt ist, kann auf der Website panopticlick.eff.org der «Electronic Frontier Foundation» (EFF), der weltweit wichtigesten zivilgesellschaftlichen Organisation für Bürgerrechte in der digitalen Welt, den “Fingerabdruck” des eigenen Browsers ansehen und mit anderen vergleichen. Die EFF hat auch ein Firefox-AddOn mit dem Namen «HTTPS Everywhere» herausgeben, mit dem auf verschiedenen populären Webseiten wie der Wikipedia, Twitter oder Facebook die Verbindung nur noch als verschlüsselte SSL-Verbindung hergestellt wird. Eine Website wird dann verschlüsselt aufgerufen, wenn vorne nicht «http://» sondern «https://» steht. Diese Vorgehensweise ist bei allen Webseiten die ein Login erfordern sinnvoll, weil auch Passwörter verschlüsselt gesendet werden. So werden so genannte «Man-in-the-Middle-Attacken», bei denen Zugangsdaten von Unbefugten abgegriffen werden könnten, deutlich erschwert. Daher werden für Online-Banking, Internetversandhäuser oder auch Webmail-Dienste nur diese verschlüsselten https-Verbindungen genutzt.

Und wenn Du in einem öffentlichen Wlan hängst, solltest du sowieso nach Möglichkeiten nur über https surfen, um das Mitlesen ungeschützter Datenübertragung durch andere Nutzer des WLAN zu verhindern. Da eine kabellose Internetverbindung besonders im Bereich der Mobilgeräte relevant ist, gelten für Nutzer von Smartphones weitere Regeln zu beachten. Unabhängig von der Art des Internetzugangs wird durch die https-Verschlüsselung nicht nur die Sicherheit der Verbindung gegenüber unbefugten Zugriffen und der Überwachung von dritter Stelle erhöht, die Benutzer_innen können außerdem relativ sicher sein, dass die aufgerufene Webseite auch die Seite ist, die sie zu sein vorgibt, da sie sich korrekt, das heißt anhand eines digitalen Zertifikats, authentifizieren muss. Zertifikate werden von vertrauenswürdigen Organisationen ausgestellt, Behörden oder spezialisierte Firmen, die Zertifizierungen gegen Gebühr ausstellen. Daneben gibt es allerdings auch Anbieter, die kostenlos zertifizieren. Da kostenlose Certificate Authorities keine feststehenden Verträge mit den Herstellern der Browser haben, sind ihre Zertifikate standardmäßig nicht enthalten und müssen beim Besuch einer entsprechend zertifizierten Webseite, als Ausnahme hinzugefügt und speichert werden.

Ab durchs TOR und anonym surfen

Eine der wirksamsten Maßnahmen für hohe Anonymität im Netz, wenn es um das Verbergen der eigenen IP anhand derer ein Rechner andernfalls identifiziert werden kann geht, bietet wohl das TOR-Netzwerk, und das ganz ohne teure Software. Beim TOR-Projekt handelt es sich um kostenlose, freie Software und ein offenes Netzwerk verschiedener, weltweit verteilter Rechner, über das die Internetverbindung geleitet wird. Der Name «TOR» leitet sich von der Abkürzung für «the onion routing» ab, was auf die “schichtweise” Struktur von Servern wie bei einer Zwiebel anspielt, über die der Datenverkehr nach dem Zufallsprinzip von Server zu Server weitergeleitet wird. Dank dieses Systems ist es zu keinem Zeitpunkt möglich, den Ausgangspunkt und den Weg der Datenpakete einzelner Nutzer_innen anhand ihrer IP nachvollziehen zu können. Die Nutzung des Anonymisierungsnetzwerkes TOR ist für alle empfehlenswert, die sich vor irgendeiner Überwachung schützen wollen. Nach Abschluss der Installation ist TOR lauffähig. Nun gilt es die Einstellungen der Programme anzupassen, deren Verbindungen durch das Anonymisierungsnetzwerk verschleiert werden sollen. In der Regel wird es sich dabei um den Browser zum Aufruf von Internetseiten handeln. TOR wird dann zum Beispiel im Firefox integriert und lässt sich mit einem Klick an- und abstellen. Darüber hinaus kann TOR aber auch zur Anonymisierung des E-Mail-Versands oder für Instant Messaging konfiguriert werden. Und selbst für Smartphones gibt es bereits TOR Software. Besonders praktisch ist der TOR “PrivacyDongle”, ein USB-Stick mit vorkonfiguriertem Firefox Browser. Dieser USB-Stick kann überall mitgeführt werden und sei es im Internet-Cafe oder am Arbeitsplatz eingesteckt und über den dort installierten Browser sofort anonymisiert gesurft werden. Wie du zu einem solchen PrivacyDongle kommst, findest du nirgends so gut beschrieben wie beim Verein «FoeBuD», der alles für den Download und die Bauanleitung liefert. Wichtiger Hinweis: Die Verwendung des Tor-Netzwerks verbirgt lediglich die IP des Rechners, alle übrigen Identifikationsmerkmale müssen nach wie vor selbst geändert werden. Anders als so manches mal zu hören, handelt es sich also keineswegs um ein “Rundum-Sorglos-Paket”.

Alternative Suchmaschinen bemühen sich um den Schutz der Privatssphäre und verzichten auf das exzessive und lukrative Datensammeln à la Google und Co. eu.ixquick.com löscht IP-Adressen und andere personenbezogenen Daten nach 48 Stunden und gibt diese nicht weiter. Metager2 ist ein Projekt, das von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird. Und der Dienst Scroogle, mit dem du zwar die Suchmaschine von Google nutzt, der allerdings deine Suchanfrage zuerst anonymisiert, bevor sie an Google weitergeleitet wird. Auch hier gilt jedoch: Man vertraut auf die Vertrauenswürdigkeit eines Dritten.

Elektronische Post auf sicheren Wegen

Die Sicherheit des E-Mail-Verkehrs kann mit einfachen Strategien erheblich verbessert werden. In jedem Fall ist die Verwendung mehrerer E-Mail-Accounts mit unterschiedlichen Passwörtern empfehlenswert. So etwas wie die perfekte “Datenschutz Mail” gibt es nicht. Aber wir können sorgsam mit dem Versenden von Daten und Dateien umgehen, E-Mails verschlüsseln und mehrere E-Mail Adressen mit unterschiedlichen Passwörtern für klar abgegrenzte Zwecke verwenden; zum Beispiel eine eigene für Behördenverkehr, unsere “privateste” für den engeren Kreis uns persönlich bekannter Menschen und eine dritte für die Anmeldung zu Newslettern und für das Anlegen von Benutzerkonten bei anderen Diensten und Social Media Plattformen. Zur Erstellung mehrerer E-Mail-Adressen bieten sich gratis Webmail-Dienste an. Auch hier ist der Grundsatz der Datensparsamkeit zu berücksichtigen: Meistens werden bei der Anmeldung persönliche Daten wie Name und Anschrift, sowie die Nennung einiger Interessengebiete verlangt, um entsprechend Werbung machen zu können. Die AGB von Webmail-Anbieter_innen mögen die Verwendung fiktiver Daten verbieten, viele Benutzer_innen verwenden aber Fake Name Generatoren, mit denen sich durch einen Mausklick fiktive Identitäten erstellen lassen. E-Mails sollten nicht zu lange in Postfächern von Webmail-Anbietern verbleiben, sondern, sofern möglich umgehend gelöscht werden. Je kürzer die Speicherdauer von Daten im Internet ist und je weniger Informationen generell online gelangen, umso besser. Neben dem Datenschutz sollte keinesfalls der zusätzliche Sicherheits-Aspekt bei der Verwendung mehrerer E-Mail-Accounts unterschätzt werden: Die Benutzung lediglich einer einzigen E-Mail-Adresse für alle Aufgaben im Internet ist ausgesprochen riskant und alles andere als empfehlenswert.

Um Dateien möglichst datenschutzfreundlich weitergeben zu können, sind im wesentlichen zwei Punkte von Bedeutung: das Programm, mit dem das Dokument erstellt wurde, und das verwendete Format. Text- oder Bilddateien enthalten immer mehr Daten als jene, die an der Oberfläche liegen und bewusst erstellt worden sind. Sie bergen das Risiko, unbeabsichtigt Informationen weiterzugeben, die sogar uns selbst verborgen sind. Diese so genannten Metadaten sollten daher vor dem Versenden von Dateien per E-Mail oder Skype entfernt werden. Wie die Metadaten in Text-, Bild und Grafikdateien gelöscht werden können, findest du in der Anleitung des «Kontrollschausschluss» beschrieben.

Das Entfernen von Metadaten aus Textdateien ist besonders wichtig, bevor Dateien auf einer Website veröffentlicht werden. Dazu gibt es einen berühmten Fall, der das eindrücklich unterstreicht: Im Februar 2003 stellt die britische Regierung unter Tony Blair ein Dossier des Secret Service auf die Homepage der Downing Street. Das Dossier soll beweisen, dass der Irak im Besitz von “Massenvernichtungswaffen” ist und wird von Colin Powell in seiner berühmten Rede vor den Vereinigten Nationen zitiert. Das Dossier kann als Word *.doc heruntergeladen werden. Nun können in Microsoft Word Dateien die gespeicherten Metadaten manchmal den Textinhalt der Datei übertrumpfen. Es lassen sich nämlich auch gelöschte Passagen und Absätze wiederherstellen und die Metadaten aller Arbeitsschritte auslesen, was im Fall des angeblichen Geheimdienst Dossiers zur Legitimierung des Irakkriegs eine seltsame Geschichte erzählt. Als Grundlage des Dossiers stellt sich die Seminararbeit eines jungen aus dem Irak stammenden Studenten heraus. Seine Seminararbeit ist online abrufbar und wirde von den “Geheimdienst-Expert_innen”, die eilig ein Dossier vorzulegen haben, gefunden, heruntergeladen und umgebaut. Die Geschichte wird bekannt, weil es natürlich Leute gibt, die Metadaten aus Worddateien auslesen können. Schritt für Schritt und Bearbeiter_in für Bearbeiter_in nachvollziehbar, wie auf der Grundlage des Seminararbeit-Dokuments ein Geheimdienst Dossier für die Presse gezimmert wurde.

Den höchsten Grad an Schutz für Informationen im elektronischen Postverkehr bietet die E-Mail-Verschlüsselung. Dazu sind allerdings einige, teils aufwändig erscheinende Vorarbeiten zu leisten, bevor das Senden und Empfangen verschlüsselter Emails dann ganz einfach funktioniert. Als Standard zum Verschlüsseln hat sich OpenPGP etabliert. Unter den meisten Betriebssystemen gibt es die freie Software Gnu Privacy Guard (GPG), die diesen Standard implementiert. Welche Schritte sind notwendig:
1. muss die Software heruntergeladen und installiert werden, wobei es Versionen für alle gängigen Betriebssysteme gibt.
2. braucht es ein E-Mail Programm, das jetzt um die Funktionen des Verschlüsselns mit dem PGP Standard erweitert werden muss. Besonders leicht und angnehm funktioniert das beim E-Mail-Programm Thunderbird mit der Erweiterung (Add-On) «Enigmail».
3. muss ein Schlüsselpaar generiert werden, mit dem du in Zukunft E-Mails ver- und entschlüsseln kannst. Das Generieren des Schlüsselpaares kann eine Erweiterung wie «Enigmail» oder kann die installierte PGP Schlüsselbund Software machen. Von einem “Paar” sprechen wird, weil es aus einem “öffentlichen” Schlüssel (public) und einem “deinem” sicheren Schlüssel (secret) besteht. Ein Schlüssel ist in diesem Zusammenhang übrigens nichts anderes als eine Datei mit einer langen Buchstaben- und Zahlenkombination.
4. müssen die öffentlichen Schlüssel zwischen den Personen ausgetauscht werden, die untereinander ihre E-Mails verschlüsselt senden wollen. Der öffentliche Schlüssel ist zum Verschlüsseln von Daten. Er kann und soll weitergegeben werden, was oft auch in der Signatur von E-Mails oder bei den Kontaktdaten einer Website gemacht wird.

Sind PGP Schlüssel einmal ausgetauscht, das heißt importiert und in den Schlüsselbund aufgenommen, sind alle Hürden eigentlich genommen. Das Senden von E-Mails funktioniert nun normal wie immer, lediglich mit der zusätzlichen Option, E-Mails verschlüsselt senden zu können. Der jeweils eigene und geheime Schlüssel dient zum Entschlüsseln. Wenn Daten mit dem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt werden, können sie nur noch mit dem geheimen gelesen werden. Da es mühsam ist, immer wieder Personen anzufragen, ob sie einen PGP-Schlüssel haben, können Keyserver, also Schlüsselserver, eingerichtet werden. Auf diese Keyserver können Mitglieder von Organisationen und Gruppen die öffentlichen Schlüssel hochladen, damit sie andere herunterladen können. Verschiedene Kollektive bieten auch verschlüsselte Mailinglisten an, so genannte «Schleuderlisten».

Von Passwörtern und anderen Verschlüsselungen

Die Wahl eines sicheren Passworts trägt maßgeblich zum Schutz der Daten bei. Namen von Personen und Orten oder einfache Begriffe sollten nicht als Passwörter verwendet werden. Ein sicheres Passwort ergibt sich aus Länge und Aufbau. Je nach Verwendungszweck sind Passwörter unterschiedlich lang. So wird etwa für effektive Verschlüsselung von Festplatten eine Mindestlänge von zwanzig Zeichen empfohlen. Im Alltag, etwa für E-Mails und Instant Messaging, sind diese meist deutlich kürzer. Dennoch gibt es auch hier einiges zu beachten und es gilt die Regel, dass ein Passwort für den täglichen Gebrauch mindestens achtstellig sein soll und aus einer Kombination von Groß- und Kleinschreibung sowie Zahlen und Sonderzeichen bestehen soll. Und wie lassen sich sichere Passwörter merken? Eine der einfachsten und zugleich sichersten Methoden ist die Bildung von Sätzen und deren Abkürzung. Die Eselsbrücke «Hey! Drei eng befreundete Kollegen üben in 2er Gruppen an 5 öffentlichen Plätzen» ergibt “H!3ebKüi2Ga5öP”. Ebenso wichtig wie die sichere Erstellung ist der sichere Gebrauch von Passwörtern. Auch wenn es praktisch und bequem ist, sollten Passwörter etwa zum automatischen Start von Anwendungen nicht gespeichert wrden. Eine Möglichkeit das halbwegs sicher doch zu tun, ist die Master-Passwort Funktion. Dabei handelt es sich um eine Art Hauptpasswort, das es einzugeben gilt, bevor die eigentlichen Passwörter etwa für Foren-Logins aufgerufen werden. Haben die Benutzer_innen viele verschiedene Passwörter, die sie sich merken müssen, gibt es für diesen Zweck entsprechende Programme zur Verwaltung von Passwörtern.

Eine sehr einfache Methode, Rechner am Arbeitsplatz vor unbefugten Zugriffen zu schützen, besteht in der Verwendung von passwortgeschützten Bildschirmschonern. Wird einige Zeit lang nicht aktiv am Rechner gearbeitet, schaltet sich der Bildschirmschoner ein. Wenn dieser nun passwortgeschützt ist, kann er ohne Passwort nicht beendet werden kann. Eine relativ einfache Möglichkeit spezielle Dateien zu schützen, die zumindest Manipulationen verhindert ist der Passwortschutz zusammengepackter, “gezippter” Dateien. Das Programm 7zip ist sogar in der Lage die Datei zu verschlüsseln. Das Entpacken der Datei ist anschließend nur nach Eingabe des Passworts möglich.

Besondere Sicherung aller Daten vor unbefugten Zugriffen bietet die Verschlüsselung von Festplatten. Allerdings: Festplattenverschlüsselung wirkt nur, wenn der Computer ausgeschalten ist, wenn er läuft, kann jede_r auf die Daten zugreifen! Zusätzlichen Schutz bietet daher die Verschlüsselung einzelner Verzeichnisse oder Ordner. Das Verschlüsseln von Festplatten ist heute nicht mehr allzu aufwendig, aber von Betriebssystem zu Betriebsystem verschieden. Je nach Betriebssystem gibt es einige kostenlose Software-Optionen, wobei freier Software sicher der Vorrang zu geben wäre. Meistens ist es so, dass die Festplatte beim Start des Systems mit einem entsprechend komplexen Passwort freigeschaltet wird. Bei jedem Schreibvorgang wird dann verschlüsselt, bei jedem Lesevorgang entschlüsselt. Während des Arbeitens am Rechner ist nichts von der Verschlüsselung zu bemerken, außer vielleicht, dass die Schreib- und Lesezugriffe etwas langsamer sind.

Kurz angebunden: Instant Messenger

Die Kommunikation über Chatprogramme beziehungsweise Instant Messaging (Sofortnachrichten) ist schnell, unkompliziert und insofern für einen regen und unmittelbaren Austausch brauchbar und beliebt. Auch dabei gilt prinzipiell der Grundsatz der Datensparsamkeit. Um nicht die gesamte Chat-Kommunikation in die Hände einer Firma zu legen, empfiehlt es sich, offene Systeme wie Jabber zu verwenden und auf “proprietäre” Netzwerken wie AIM, ICQ, MSN oder Skype zu verzichten. Das bedeutet im Fall der Jabber-Nutzung, es gehört keinem einzelnen Unternehmen und hat daher auch keinen zentralen Hauptserver, auf dem Benutzer_innendaten gespeichert, verwaltet und ausgewertet werden können. Eine praktische Anleitung zum sicheren und datenschutzfreundlichen Gebrauch von Multi-Messengern mit offenen Protokollen findet sich auf der Seite Kontrollausschluss. Auch die Kommunikation über Instant Messenger kann verschlüsselt werden.

Zusammenfassung

Am Ende dieses Kapitels haben Leser_innen nun eine große Menge an Informationen gesammelt, die es nun gilt umzusetzen. Datenschutz ist keine Theorie die mensch mit einem Diplom abschließen kann, sondern setzt ein gewisses Engagment der einzelnen Anwender_innen voraus. Damit sind wir jedoch mitnichten Einzelkämpfer_innen – Vereine wie der FoeBuD, die Privacy Foundation oder der Chaos Computer Club bieten neben aktuellen Informationen auch Plattformen für Gleichgesinnte.

  • Denken kommt vor klicken: Eine kluge Überlegung ersetzt hundert technische Schutzmaßnahmen.
  • Datensparsamkeit: je weniger persönliche Daten im im Netz preis gegeben werden, umso besser.
  • Grundeinstellungen ändern! Ein gläsernes Surfer_innen-Dasein ist kein Schicksal – wenige und sehr einfache Handgriffe genügen, um die Browser-Einstellungen so zu ändern, dass mensch sich weniger transparent und einsehbar im Netz bewegen kann!
  • E-Mails sichern: mehrere E-Mail Adressen ohne Hinweis auf die Person verwenden.
  • Daten und Dateien vor unbefugten Zugriffen zu schützen, ist ein gutes Recht und kein krimineller Akt!
  • Keine Daten auf einem Fremdrechner: Büro, Freunde, Internetcafe – persönliche Daten und Passwörter haben hier nichts verloren.
  • Keine Kommunikation über Fremdrechner: Über Firmen-Rechner lässt es sich nicht “einfach so” privat kommunizieren.
  • Kein Datenmüll im Netz: Das Internet vergisst nichts – auch die peinlichen Partyfotos nicht.
  • “Einfach” gelöscht wird gar nichts! Selbst aus dem Papierkorb gelöschte Dateien können rekonstruiert werden. Daher: Verschlüsseln statt Löschen!
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July 10 2011

We’ve got you under your skin

Grenzen ziehen in einem auch unsozialen Netz

«Die Kommunikation im Internet hat keine unmittelbare Rückwirkung auf das lokale Sozialleben der individuellen Teilnehmer. Daher fühlen sie sich frei(er), sich ohne Hemmungen auszudrücken. Man ist ungewöhnlich nett zueinander (so genanntes “netslutting” oder “flirting”) oder man verhält sich in nahezu exzessiver Weise beleidigend und droht anderen sogar (so genanntes “netshitting” oder “flaming”).»
Albert Benshop

Die Möglichkeit, die uns das World Wide Web bietet, relativ unabhängig von Raum und Zeit mit anderen nah und fern, uns bekannt oder unbekannt zu kommunizieren, ist vorbehaltlos wunderbar. Gleichzeit ist das mit dem Kommunizieren auch wieder eine ambivalente Geschichte im und via dem Internet. Aus zwanglosen Unterhaltungen erwachsen unbekannte Verehrer_innen, weil da so viel Raum für Phantasie ist. Aus dem einen oder anderen Kommentar entsteht ein hitziger Schlagabtausch, der in Beleidigungen mündet, weil wir ohne Mimik und Gestik unsere Gegenüber leichter missverstehen. Ein Scherz wird zwar von (fast) allen als solcher verstanden, gerät aber doch bei jemanden in die falsche Kehle, den wir im erweiterten Bekanntenkreis haben. Und dann sind da manchmal Leute, die nur vorgeben Gespräche führen zu wollen. Im Netz gilt daher ähnlich wie im so genannten Real Life, dass wir Grenzen setzen sollten.

Abgrenzungen zum Selbstschutz auf Facebook

Bei Facebook sind Mitte 2010 über 10 Millionen Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland angemeldet. 60 Prozent der Nutzer_innen sind zwischen 18 und 35 Jahren alt. Wer viele Personen erreichen will, sich an deren Diskussionen, Empfehlungen und Hinweisen beteiligen will, kommt an Facebook 050 nicht vorbei. Die Datenschutzeinstellungen bei Facebook sind problematisch und nur umständlich einzustellen. Der einzig wirklich sichere Weg, die eigene Privatsphäre und Person zu schützen wäre also, sich von Facebook fernzuhalten.

Mit Facebook verhält es sich ähnlich wie mit Sex. Der sicherste Weg sich nichts zu holen, wäre auch hier, darauf komplett zu verzichten. Das kann eine Option sein, dabei entgeht einem aber auch etwas. Folgende Hinweise sind für alle die gedacht, die trotz dieser Bedenken Facebook nutzen wollen, also analog zu safer sex auch sicher kommunizieren wollen. Das beginnt mit dem Anlegen eines Benutzerkontos, wenn du nicht bereits eines hast. Leg zuerst eine eigene E-Mail-Adresse bei einem Webmail-Anbieter an, die du zur Erstellung und Verwaltung von Social Media Accounts verwendest, verbinde nicht deine dienstlichen und privaten E-Mail-Konten mit Facebook. Gleich im Zuge der ersten Schritte beim Anlegen eines Benutzerkontos schlägt Facebook nämlich vor, “dich Freunde finden” zu lassen, wenn Du Zugriff auf die von Dir gespeicherten Mailadressen zulässt. Finger weg davon. Facebook speichert diese E-Mail-Adressen bei sich und Du hast keine Kontrolle mehr darüber, was dort damit passiert. Wenn du Felder mit Angaben zu deiner Person ausfüllst, kannst du einfach darauf verzichten, Angaben zu Schule, Hochschule und Arbeitgeber zu machen. Auch deinen Geburtstag musst du anderen, und den diversen angehängten Datenbanken, nicht öffentlich machen.

Facebook bietet wie andere Anbieter auch von dir als Benutzer_in definierbare Profil- und Datenschutz-Einstellungen an. Mehr noch als jede andere Plattform versucht das Unternehmen Facebook aber, diese Einstellungen kompliziert zu halten. Sie sind mühsam zu durchschauen, zu ändern und werden aber vom Unternehmen selbst laufend geändert; in der Regel, ohne den Benutzer_innen etwas davon zu sagen. Schon alleine daher zahlt es sich aus, immer wieder einmal nach den Empfehlungen von Facebook kritischen Organisationen zu schauen. Einige Empfehlungen gibt es als Anleitungsvideos auf YouTube (eine ausführlichere Version der hier angebrachten Hinweise findest du bei der IG Metall). Die von Facebook vorgeschlagenen Einstellungen für die Privatsphäre kannst du schmeissen, geh auf «Benutzerdefinierte Einstellungen» und geh das einmal aufmerksam durch.

Wie sollte man mit “Anderen” auf Facebook umgehen?

Wir können uns auf Facebook mit anderen dort angemeldeten Personen vernetzen, in dem wir diesen Personen eine Freundschaftsanfrage schicken beziehungsweise auf von anderen kommenden Freundschaftsanfragen reagieren. Für die Vernetzung mit wenigen uns bekannten Personen spricht, dass wir so unsere eigene Person und Daten eher schützen. Für die Vernetzung mit vielen spricht umgekehrt, dass in größeren sozialen Netzwerken eher interessante Informationen zirkulieren. Wir empfehlen, diese “Freunde” wie es bei Facebook heißt, in verschiedene Listen aufzuteilen. Für die Freunde, die wir auch im wirklichen Leben als solche bezeichnen würden, sollte es eine Liste “Gute Freunde” geben. Arbeitskolleg_innen kommen in die Liste “Kollegen”. Weitere Kontakte uns nicht näher bekannter Personen, die aber interessante Benutzer_innen des Netzwerks sind, kommen auf eine eigene Liste. Über diese Einteilung lässt sich dann genauer steuern, wer welche Informationen zu sehen bekommen soll. Ohne diese Aufteilung sehen auch Kollegen_innen und nicht nur die guten Freunde jede kritische Bemerkung zum Arbeitsplatz.

Hast du einmal Listen angelegt, kannst du bei den oben schon erwähnten «Benutzerdefinierte Einstellungen» bestimmen, wer welche Informationen von deinem Account sehen kann, also zum Beispiel dein Geburtsdatum oder deine Ausbildung sehen kann. Besondere Beachtung verdient die Funktion, von anderen auf Fotos oder in Beiträgen markiert zu werden. Wenn du kein Bild einer Voodoo-Puppe mit einer Markierung deiner Person sehen willst, nicht mal im Scherz, dann deaktiviere diese Funktion.

Von dir veröffentlichten Beiträge können durch mit dir vernetzte Freunde auf deren Pinnwand gesehen, weitergeleitet und natürlich auch kommentiert werden. Wenn du Kontakte in einzelne Listen aufgeteilt hast, kannst du Beiträge aber auch gezielt nur für eine bestimmte Gruppe veröffentlichen. Manches sollte schon aus Selbstschutz nur für bestimmte Gruppen sichtbar soll. Die einfachste und harmloseste Form des Feedbacks ist ja der Klick auf «gefällt mir». Damit interessante Info weiter verbreitet werden, muss aber die «Teilen» Schaltfläche bemüht werden, und in der Regel wollen wir unsere Informationen auch weitergeleitet sehen. Manchmal entwischt Facebook-Nutzer_innen so jedoch ein schnell getippter Eintrag, den sie dann nicht mehr zurück holen können. Wenn dein Eintrag kommentiert oder weitergeleitet wird, wird der Kreis derer, die ihn sehen und wiederum kommentieren können größer. Unter diesen Kommentaren können auch negative, beleidigende oder schlicht sinnlose Wortspenden vorkommen.

Auch Mobbing ist bereits seit längerem ein Phänomen, dass auch im Netz und auf Facebook eigene Dynamiken entfalten kann. Im schlimmsten Fall werden Hetzreden viral, weil viele Schranken direkter Interaktion beim Cyber-Mobbing online wegfallen und das Netz auch keine Ruhephasen kennt. Wir selbst können uns nicht prinzipiell davor geschützt, nicht einmal durch eigene Abstinenz im Web. Da sind wir schon auf der sichereren Seite, wenn wir uns souverän im Netz und den sozialen Netzwerken zu bewegen verstehen und viele Netzwerkverbindungen zu solidarischen Freund_innen haben. Dann kann zwar immer noch nicht verhindert werden, dass sich Trolle in unsere Kommunikation einmischen. Wir sind aber gemeinsam kompetenter und stärker.

Der Unbill mit Trollen

Sie sind Wesen unbekannter Art und unbekannten Namens, des Schreibens mächtig, am sinnverstehenden Lesen nicht interessiert, die Trolle. Sie tauchen ungefragt und ungeladen in Kommentarspalten von Blogs, Facebook-Seiten oder in Foren auf und hinterlassen dort Beiträge, die wir sechs Kategorien zuordnen können. Ihre Beiträge sind entweder (a) zweckbefreit, (b) sinnlos, (c) diskussionsstörend, (d) beleidigend, (e) offensiv-angreifend, (f) von Argumenten befreit oder mehreren dieser Kategorien zuzurechnen. Sie hinterlegen sozusagen “getippten Sondermüll” und überlassen es nur zu gerne anderen, sich um ihre Hinterlassenschaften zu kümmern. Trolle können in Anwendung der dreiklassigen “Digitaler Mob Skala” eingestuft werden werden:
1. Harmloser Kindergartentroll : Sie schreiben Einträge wie «Trollolo» oder «hahahahah hohoho» oder posten Links zu ihrer Meinung nach “lustigen” Bildern, wählen also Methoden a, b und c.
2. Pubertierende Halbstarkentrolle: Sie schreiben Kommentare unter ausgiebiger Verwendung von Sprächen wie «dumme Nutte», «zu dumm zum Leben» oder «fick dich», dehnen also ihre Methoden von a, b und c auch auf d aus.
3. Echte Trolle : Sie machen eindeutig die unangenehmste aller Trollarten aus, da sie nicht nur ein wenig herumpöbeln wollen. Ihr Ziel ist die Zerstörung beziehungsweise Verunmöglichung jeder Debatte und Diskussion. Echte Trolle benutzen alle Methoden außer Methode a.

Trolle der Klassenstufen Kindergartentroll und Halbstarkentroll verwenden für ihre Beiträge in aller Regel sogenannte “Kopierpaste”, das heißt Texte, die aus einem beschränkten Trolltextvorrat herauskopiert und eingefügt werden. Sie heißen Bernd, Bernhard, Eisenhower, Bernadette oder ähnlich. Manchmal tauchen auch andere Namen auf. Echte Trolle der Klasse 3 benennen sich differenzierter und sind über den angegebenen Namen nicht sofort zu erkennen. Im Gegenteil, sie verwenden Namen als eines der Mittel, Verwirrung und Frustrationen zu stiften, in dem sie sich als anerkannte Teilnehmer_innen von Diskussionen ausgeben. Echte Trolle sind zielorientiert und das gelingt ihnen am besten, wenn sie sich nicht dem Risiko des sofortigen Gelöschtwerdens aussetzen, sondern vordergründig sachlich schreiben, zumindest was ihren Tonfall und die allgemeine Ausdrucksweise betrifft. Jedoch bedienen sie sich der “Derailing for Dummies” Methoden in nahezu perfekter Weise und versuchen, jegliche konstruktive Diskussion zu zerstören.

Trollen aller drei Klassen ist gemein, dass sie vollständig anonym sind und um jeden Preis bleiben wollen beziehungsweise müssen. Anonymität gehört zu den Grundbedingungen ihrer Existenz. Fast alle nutzen ausgiebig Anonymisierer und TOR-Dienste, um ihr Unwesen ungestört zu treiben.

Was wollen Trolle?

Trolle der Klassen 1 und 2 wollen stören, erwarten sich aber eigentlich keine größere Beachtung. Sie posten ihre “Kopierpaste” und lachen heimlich allein im Keller. Sie wissen nie, was mit ihren Postings geschieht, da diese in aller Regel nie freigeschaltet werden (außer in unmoderierten Blogs und Foren, wo das Posten aufgrund des überdurchschnittliche hohen Trollbefalls aber keinen Spaß macht). Diese Kindergarten- und Halbstarkentrolle haben keine Strategie, sondern agieren wahllos. Daher kann es jede_n im Web treffen, alle können Besuche dieser Art von Trollen erhalten.

Die “echten Trolle” sind ein anderes Kaliber, denn sie haben ihre dezidierten Zielvorstellungen: eine Diskussion durch Kumulation aller Aufmerksamkeit auf das Trollposting zu zerstören. Ihr Ziel haben sie erreicht, wenn Diskussionsteilnehmer_innen nur noch auf ihre meist unsinnigen, stereotypen Pseudoargumentationen eingehen und das eigentlich ursprüngliche Diskussionsthema vollkommen verdrängt worden ist. Lässt das Interesse an der Diskussion letztlich aufgrund des Trollbefalls nach, verschwindet der Troll beglückt und sucht sich ein neues Zielobjekt, sprich ein anderes Blog oder Forum. Zu diesem Zweck durchkämmt der echte Troll das Internet nach Triggerworten wie: «Schwule», «Lesben», «Krieg», «Islam», «Nazi», «Frauen», «Feminismus», «Männer», «Israel», «Politik», «Sex», «Geschlecht», «Emanzipation» uns so weiter. Diese oftmals kontrovers diskutierten Themen bieten die größte Trollangriffsfläche, weshalb sich der echte Troll dort am wohlsten fühlt. Der gemeine Troll liebt auch die Gemeinschaft mit anderen Trollen, weshalb er oft in Rudeln auftritt und in seinen Trollhöhlen wie krautchan oder 4chan zu gemeinsamen Trollfeldzügen aufruft. Trolle können aber auch bezahlt werden und spezielle Aufträge übernehmen, etwa die interne Kommunikation von NGOs und sozialen Bewegungen stören oder die Online Auftritte der Massenmedien heimsuchen und bei ausgesuchten Themen unter Artikel posten.

Der Umgang mit Trollen und ihren Hinterlassenschaften

Die erste Entscheidung, die Blogger_innen treffen können, ist jene ob Kommentare überhaupt möglich sein sollen, nur eingeschränkt oder gar nicht. Ist die Entscheidung gegen Kommentare gefallen, ist dem Blog allerdings von Beginn an viel seines möglichen Charmes genommen. Ein Blog “lebt” erst richtig durch den Austausch mit anderen. Fällt die Entscheidung für Kommentare, sollte sich jede_r Blogger_in (und jede_r Moderator_in von Forenseiten und Fanpages) Kriterien überlegen, ab wann die eingehenden Kommentare als Trollerei eingestuft werden. Während für die eine «du Homo» noch eine “normale Meinungsäußerung” oder in der Community gebräuchlicher Ausruf ist, kann es für andere und in anderen Kontexten eine üble Beleidigung sein. Nur du weißt, wo deine persönliche Grenze liegt. Du solltest freilich auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie deine Community das sieht und wo deren Grenzen liegen.

Als Community-Manager_in eines kollaborativen Blogs mit offiziellerem Rahmen gelten nochmals andere Regeln, die auch gemeinsam ausgemacht gehören. Du darfst in deinem Blog diese Grenze festlegen, du allein bestimmst darüber. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass mensch zumindest auf diesen eigenen Seiten das Hausrecht hat! Sind die Kriterien in etwa festgelegt, können und sollten sie als Regeln im Blog oder Forum für alle sichtbar veröffentlicht werden. Nur: das verhindert das Auftauchen der Trolle jedoch in keiner Weise.

Geert Lovink «Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur» und am Bildschirm ein Hasskommentar ausgestellt auf hatr.orgSascha Lobo auf der re:publica 2011 bei dem Vortrag zu seiner Troll Forschung.Die Plattform isharegossip.com, eine Board auf dem mensch ungehindert Gerüchte verbreiten kann, kurz nachdem die Website gehackt und die Betreiber von den Hacker_innen aufgefordert wurden, sich der Polizei zu stellen.

HASS IM NETZ, TROLLE, GERÜCHTE SCHLEUDERN
➊ In «Zero Comments» beschäftigt sich der Medienwissenschaftler Geert Lovink kritisch mit Internetkultur, mit taktischen Medien, Aktivismus im und für das Netz, Grassroots-Bewegungen versus NGOs. Und er berührt auch «nihilistische Impulse im Netz».
➋ Auf der «re:publica 2011», der Konferenz über «Blogs, soziale Medien und digitale Gesellschaft» präsentiert Sasha Lobo die Erkenntnisse seiner persönlichen Troll Forschung.
➌ Im Juni 2011 gelingt es Hacker_innen in die Mobbing-Plattform isharegossip.com einzudringen, gegen die von Seiten der Staatsanwaltschaft ermittelt wird. Die Täter agierten bis dahin in der Sicherheit absoluter Anonymität.

Wenn trollige Einträge eingegangen sind, die sich offensichtlich nicht an die Hausordnung halten, stellt sich zuerst die Frage des Löschens oder Nicht-Löschens? Das angenehmste Szenario ist Löschen und der Troll verschwindet. Das tut er tatsächlich oft, aber nicht immer. Einige kleben an der Backe wie ausgelutschtes Kaugummi unter der Schuhsohle und an der Stelle kommen nun in der Regel die “Zensur” und “Beschneidung der Meinungsfreiheit” Vorwürfe. Zensur ist allerdings ein staatliches System der Informationskontrolle und du moderierst ein Blog oder Forum. Der Troll wendet sich nicht als Bürger an die Verwaltung, sondern ist ein ungebetener Gast, der sich nicht an die Hausordnung hält. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das kannst du ganz gut an der Stelle des gelöschten Kommentars feststellen und für alle anderen damit sichtbar machen, wie du vorgegangen bist. Falls du den Trollkommentar nicht löschst, gibt es die beiden Optionen, den Kommentar zu beantworten oder nicht. Ignorierst du die Trollabsonderung und alle anderen tun das auch, so verschwindet der Troll meistens mangels Aufmerksamkeit; aber nicht immer, siehe oben. Falls du den Troll ignorierst, andere Diskutant_innen aber antworten, bleibt der Troll dem Blog oder Forum ziemlich sicher erhalten und Diskussionen sind im schlechtesten Fall zerstört.

Trollbefall nicht persönlich nehmen

Für die Psyche der von Trollbefall Betroffenen ist es gut, wenn wir Kontakt zu gleichermaßen Betroffenen suchen. Insbesondere wenn du beschlossen hast, Trollkommentare zu veröffentlichen oder dir die zusätzliche Arbeit des Moderierierens von Kommentaren nicht antun willst, solltest du dich mit anderen absprechen. Zu mehreren kann ein Troll besser “in Grund und Boden geantwortet” werden, Stichwort: Argumentationshoheit gewinnen. Oder er kann auch besser gemeinsam ostentativ ignoriert werden. Werden die persönliche Beleidigungen zu schlimm, ist es wiederum guttuend, im Austausch mit anderen festzustellen, dass wir nicht die einzigen Betroffenen sind. Darüber hinaus macht der Kontakt mit anderen sichtbarer, dass Trolle nicht dich persönlich attackieren und eigentlich niemals eine spezielle Persönlichkeit angreifen, sondern ihre Angriffsziele stets nur nach den oben genannten Triggerworten auswählen.

Neben den anonymen Boards, die den Trollen zum Austausch dienen, gibt es neuerdings auf der anderen Seite das Projekt hatr.org. Diese “Trollhalde” oder “Jauchegrube für Trolle”, wie wir es gern nennen, hat es sich zum Ziel gesetzt, die grausigsten Kommentare zu sammeln, die zu eklig, beleidigend, dumm, grob, hasstriefend, rassistisch, homo- oder heterophob, sexistisch etc. sind, um sie im eigenen Blog durchzulassen. Diese Absonderungen von Trollen werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, Blog oder Forum herausgelöst und der direkten Angriffsfläche entzogen. In ihrer geballten Form sind sie dann schon wieder lustig. Und es ist besser über Trolle zu lachen, als sich über sie zu ärgern. Die Kommentare verlieren ihre ursprünglich boshafte Energie und zeigen auf, wie beschränkt Trolle wirklich sind. Zugleich wird durch auf hatr.org geschaltete Werbung Geld für Projekte gesammelt. Die Plattform – ein quasi WatchBlog von Trollexzessen trifft es mit seinem Motto auf den Punkt und die Trolle in ihrer Ehre, indem es (ihre) «Scheiße zu Geld» macht.

Eine ganz neue Qualität gewinnt das Trollen, wenn es zum Stalken wird. Hier ist der Spaß definitiv vorbei. Stalker sind in der Regel nicht mit schlicht beleidigenden Blogkommentaren zufrieden. Sie geilen sich erst richtig auf, wenn sie per Kommentar oder häufiger noch per E-Mail anonym Morddrohungen, Vergewaltigungs- und Folterankündigungen schicken, die Familie der Betroffenen bedrohen, oder sich gleich selbst zum Besuch ankündigen. In diesen Fällen sollte unbedingt die Polizei informiert und der Täter angezeigt werden («Anzeige gegen Unbekannt»). Stalking, auch Cyberstalking, ist eine Straftat, die von Rechts wegen verfolgt werden muss. Nun brauchen wir nicht glauben, dass Stalker so einfach gleich ermittelt und bestraft werden. In aller Regel werden diese Verfahren schnell eingestellt, da die Täter nicht ausfindig gemacht werden. Aber die Anzeige ist dennoch wichtig, um das Ausmaß, Häufigkeit und die Verbreitung dieser Straftat öffentlich bekannt zu machen. Auch um klar zu machen, dass das kein “Kavaliersdelikt” und auch kein “Spaß” ist.

Zusammenfassung

Der Kommunikationsraum Internet bietet tolle Möglichkeiten und birgt gewisse Risiken. Die Kommunikationskanäle im Netz sind gleichzeitig unglaublich leistungsfähig und aber auch reduziert und entgrenzend. Da ist es häufig schwierig einzuschätzen, wo unsere Kommentare überall landen. Umgekehrt können wir nicht immer sicher sein, wie andere ihre Aussagen meinen, ob sie sind, wer sie vorgeben zu sein und ob sie überhaupt in der Art und Weise an Kommunikation interessiert sind, wie wir das annehmen. Nicht zu kommunizieren ist angesichts dieser Risiken keine erstrebenswerte Lösung. Wir müssen lernen Grenzen zu ziehen. Wir sollten überlegen und müssen bestimmen, wer wo wie weit gehen kann und wer wo was darf und was nicht.

  • Verwende eine eigene E-Mail-Adresse für das Anlegen von Benutzerkonten auf Social Media Plattformen. So grenzt du Adressbücher, die an privaten und geschäftlichen E-Mail-Adressen angegliedert sind, von Social Media Plattformen ab, die Adressbücher für Verknüpfungen nutzen. Du solltest grundsätzlich mehrere E-Mail-Adressen für unterschiedliche Zwecke verwenden.
  • Sei dir bewusst, dass Debatten im Netz leicht hitzig werden können, versuch zu beobachten, wann das passiert und rechtzeitig zu merken, wenn du Teil eines “Flame-Wars” geworden bist. Dann sofort raus!
  • Du solltest über deine persönlichen Exit-Strategien nachdenken und Regeln formulieren. Wenn sie gebrochen werden, verweise auf die Regeln und halte dich an deine Exit-Strategie.
  • Überleg, in welchen Kreisen und Räumen du was sagst und worüber du da oder dort nicht redest.
  • Erklär den Konflikt für langweilig und lächerlich, thematisiere den Konflikt und die Dynamik. Zeig, dass du darauf keine Lust hast.
  • Hol dir Feedback und Hilfe, wenn du dich angegriffen fühlst.
  • Bei echtem Stalking erstatte unverzüglich Anzeige, drucke erhaltene Droh-E-Mails aus (inklusive der Header-Informationen) und übergib sie der Polizei. Eine Weiterleitung allein reicht nicht aus!
  • Konzentrier dich auf das Problem, nicht auf die Personen, die das Problem vielleicht verursachen.
  • Füttere die Trolle nicht! Es kann nicht oft genug gesagt werden: Don’t feed the trolls!
  • Halt dich raus aus der Gerüchteküche. Bevor du Gerüchte verbreitest, frag doch mal direkt die betroffene Person, was an dem Gerücht dran ist.

March 23 2011

Das annalist Blog

Innenansicht einer Terrorismus-Ermittlung

«Einigen Beschuldigten wird vorgeworfen, sich “konspirativ” verhalten zu haben: Sie hätten Gespräche geführt, ohne ihr mobile phone dabei zu haben; sie hätten sich am Telefon verabredet, ohne Uhrzeit und Treffpunkt zu nennen. Kriminalisiert wird also der Versuch, seine Privatsphäre zu schützen.»
Offener Brief der Scientific Community

«Bundesanwaltschaft nimmt Linksextremisten fest» (Spiegel Online, 1.8.07). «Militante Gruppe. Schlag gegen Berliner Linksextremisten» (Welt, 2.8.07). «Das linke Terror-Phantom wird greifbar» (Frankfurter Rundschau, 2.8.07)

In den Tagen nach der Festnahme von vier Berlinern im Sommer 2007 waren dies die Schlagzeilen. Mein Freund Andrej Holm, einer der vier, war an einem Morgen gegen sieben Uhr in unserer Wohnung festgenommen worden. Die Wohnung wurde dazu mit gezogenen Waffen gestürmt und 16 Stunden lang durchsucht. Der Vorwurf lautete «Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung» und zwar in der lange gesuchten so genannten «militanten gruppe (mg)». Andrej wurde mit dem Helikopter zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe geflogen, dort wurde ein Haftbefehl unterzeichnet und er verschwand in Untersuchungshaft, vollständig isoliert. Das war das traumatische Erlebnis, das etwas später dazu führen sollte, mit dem Blog «annalist» zu beginnen.

Unter Überwachung – Alltag außerhalb des Alltäglichen

Ich war mit dem Schock dieser Verhaftung aus heiterem Himmel konfrontiert. Ich musste unseren Kindern erklären, wo ihr Vater geblieben war, Kolleg_innen erklären, dass Termine nicht stattfanden, Eltern und FreundInnen Antworten auf Fragen geben, die ich mir selber stellte. Mit dem Erscheinen der Zeitungen am nächsten Tag war deutlich, dass die Massenmedien die Erzählung der Bundesanwaltschaft übernahmen: es seien gefährliche Terroristen endlich gefasst worden. Damit war auch deutlich, dass es nicht einfach sein würde, unsere ganz andere Sicht der Dinge in die Öffentlichkeit zu bringen. Zum Glück war ich mit dieser Aufgabe nicht allein, sondern hatte die Unterstützung vieler Freundinnen und Freunde, und bald auch großer Netzwerke von Wissenschaftler_innen wie auch Aktivist_innen, mit denen Andrej zusammengearbeitet hatte.

In den ersten Wochen war ich vor allem mit der Organisation des Alltags beschäftigt. Telefonate mit der Anwältin, Treffen mit Unterstützer_innen, mit den anderen Beschuldigten (nicht alle waren festgenommen worden), Klärung scheinbar banaler Fragen wie zum Beispiel der, ob und wie Untersuchungshäftlinge krankenversichert sind? Niemand konnte sagen, wie lange Andrej inhaftiert sein würde. Wenn eine Festnahme meines Freundes nach §129a (Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung) möglich war, dann war auch möglich, dass er für Monate oder sogar Jahre im Knast verschwinden könnte. Im Nachhinein – Andrej wurde nach drei Wochen von der Untersuchungshaft erstmals verschont, später wurde der Haftbefehl ganz aufgehoben – mag das absurd klingen. Am Anfang war es aber durchaus vorstellbar.

Wie bemerkt man Überwachung?

«Merkt Ihr eigentlich immer, dass ihr überwacht werdet?» Eine beliebte Frage, meistens beantworten Andrej und ich sie mit «Naja, hmm, eher nein». Verdeckte Ermittler_innen auf der Straße teilen ja keine Visitenkarten aus. Als das §129-Verfahren gegen Andrej schon 16 Monate lang am Laufen war, haben sich zum Beispiel folgende Dinge abgespielt: Mein Rechner im Büro fiel von einer Sekunde auf die andere in den Tiefschlaf – Power Saving Mode. Monitor reagiert nicht, Keyboard reagiert nicht, Techniker ist ratlos und hat das noch nie gesehen. Grafikkartenfehler. Einen Tag darauf rief ich Andrej in seinem Frankfurter Uni-Büro an: beim ersten Versuch – Tü-düü-düüt: «Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar» (ein Uni-Anschluss, kein Handy); beim zweiten Versuch, direkt hinterher – mein Display zeigt 30 Sekunden eine Verbindung an, zu hören ist nichts; dritter Versuch – zentrale Bandansage der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität «Sie rufen außerhalb unserer Bürozeiten an, die sind wie folgt …» (diese Bandansage gab es für den Anschluss noch nie). Ein anderes Mal klingelt mein Handy, ich gehe dran, Anruf von einem Bekannten: ich höre ihm zu, etwas gedämpft, wie er jemandem etwas erzählt. Ich beende die Verbindung, rufe ihn an und sage ihm, dass sein Handy mich gerade angerufen hat. Er wundert sich, amüsiert sich und sagt: «Hmm, naja, doch, könnte sein, es gibt da ein Problem mit der Tastensperre, wer weiß …», und hat auch tatsächlich heute einmal meine Nummer rausgesucht. Nicht unmöglich. Es gibt für alles eine ganz vernünftige Erklärung. Bestimmt.

Auf die Frage, wie Überwachung bemerkt werden kann, sage ich aber auch immer, dass ich das nicht weiß. Vieles kam mir in den letzten Jahren seltsam vor, manches so regelmäßig, dass die Vermutung naheliegt, dass das kein Zufall, sondern Folge von Überwachung war. Abgesehen aber von realen Menschen mit Knöpfen im Ohr, die sich hörbar darüber unterhielten, dass Andrej woanders langfuhr als sonst, konnten wir das natürlich nicht sicher wissen. Fast interessanter finde ich die Frage, wie damit fertig zu werden ist, dass sich die Frage ständig stellt. Wie Betroffene also vermeiden können, nur noch darüber nachzudenken, ob gerade jemand zuhört, zuschaut, dabei ist. Darüber reden (oder schreiben) hilft immer, darüber nicht irre zu werden. Denn schließlich: die Zahlen etwa zur Telefonüberwachung sind in Deutschland bekannt und enorm. Die Wahrscheinlichkeit, als politische Aktivistin davon betroffen zu sein, ist also groß. Wer das weiß, muss sich nicht ständig fragen, ob überwacht wird. Manchmal geht es ja vielleicht auch einfach darum, Überwachung spürbar zu machen, um Menschen nervös oder ängstlich zu machen. Überrascht hat mich, wieviele Menschen sich die Frage stellten, ob nicht schon das Lesen meines Blogs gefährlich sei. Dass sie es dann trotzdem taten und weiterempfahlen, hat mich gefreut. Und es blieb nicht “nur” beim Lesen: Erfahrungen wie die oben geschilderten wurden auch kommentiert, auf mal mehr, mal weniger hilfreiche Weise. Jedenfalls hatten wir so die Möglichkeit, uns auszutauschen, “vernünftige Erklärungen” zu finden und zu diskutieren. Die für mich interessantesten Reaktionen habe ich annlistenhaft in einem Best of … Reaktionen versammelt.

Nach und nach habe ich dann realisiert, dass mit der Beschuldigung und einem Verfahren nach §129a eine umfassende Überwachung des gesamten Lebens einhergeht. Nicht, dass ich das nicht eigentlich gewusst hätte. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, sich konkret in jedem Moment bewusst zu machen, dass nun wirklich jedes Telefonat abgehört, jede E-Mail mitgelesen, der Hauseingang gefilmt wird. In den ersten Tagen und Wochen war die Überwachung gar nicht mal das Hauptproblem. Wir waren allein damit völlig beschäftigt, zu verstehen, was es mit diesem Vorwurf eigentlich auf sich hatte, wie die Ermittlung konstruiert war, und was das alles mit Andrej zu tun haben sollte.

Das Terrorismus-Verfahren

Dem Soziologen und Gentrifizierungsforscher Andrej Holm wurde von der Staatsanwaltschaft und dem Verfassungsschutz der Bundesrepublik Deutschland vorgeworfen, einer der «Köpfe» und «intellektueller Hintermann» der «militanten gruppe» zu sein. Die «militante gruppe» erklärte sich seit 2001 in Deutschland für Anschläge verantwortlich, die teilweise hohen Sachschaden verursachten. All die Jahre gab es verschiedene Ermittlungen gegen unterschiedliche Leute und unter verschiedenen Aktenzeichen, alle ergebnislos. Soweit wir wissen, war das Verfahren, dass im Juli 2007 durch die Festnahmen bekannt wurde, das vierte sogenannte «mg-Verfahren».

Die ‘militante gruppe’ (mg) gab es in Deutschland immerhin tatsächlich – soweit ich das beurteilen kann – und ihre Anschläge wurden als “terroristisch”, sie selbst als “terroristische Vereinigung” eingeordnet. Anschläge auf Menschen gab es nicht. Soweit sich den Akten, die Andrej in der Untersuchungshaft ausgehändigt wurden, entnehmen lässt, war der Anlass des vierten mg-Verfahrens die Suche nach den Verfasser_innen der Bekennerschreiben der mg (, die sich zu jedem Anschlag und auch sonst sehr ausführlich schriftlich äußerte). Das jedenfalls ist die Legende des Bundeskriminalamtes (BKA). Im September 2006 verglich das Bundeskriminalamt (BKA) Texte der mg mit Texten, die in einer Datenbank gesammelt waren, u.a. von Andrej und drei Freunden, mit denen er seit langem gemeinsam wissenschaftlich publizierte. Bei neun Wörtern (unter anderem «Reproduktion», «Marxismus-Leninismus», «Bezugsrahmen», «Prekarisierung»!) fand das BKA Übereinstimmungen. Dies, so die Begründung des BKA, sei der Anlass der Ermittlung gegen die vier Beschuldigten gewesen.

Von der folgenden dadurch legitimierten Observation durch Zivilbeamte, dem Abhören der Telefone, der Überwachung der E-Mails und der Internetnutzung, dem Filmen der Hauseingänge und dem “kleinen Lauschangriff”, also der Aufzeichnung von Gesprächen im öffentlichen Raum, in Kneipen oder bei Spaziergängen, waren hunderte Freund_innen, Bekannte und Kontaktpersonen betroffen.

Kurzfilm Der GefährderEuropamagazin zur Farce des Tierschützer-ProzessesDu bist Terrorist

VOM “WAR ON TERROR” ZUM TERRORISMUS-GENERALVERDACHT
➊ Der Kurzfilm «Gefährder» von Hans Weingartner zeigt anhand des Falles von Andrej Holm und seiner Familie, wie leicht in einem Klima der Angst Politaktivisten wie Terrorist_innen behandelt werden: überwacht, ausspioniert und eingesperrt.
➋ Seit April 2007 wird in Österreich unter Ausnutzung der österreichischen “Mafia- und Terrorismusparagrafen” §278a und §278b gegen Tierschützer_innen ermittelt, seit 2010 prozessiert. Die Umstände des Ermittlungsverfahrens und der Prozess werden seit Jahren von immer mehr Beobachter_innen nur mehr als Farce charakterisiert. Daran lässt auch das ARD Europamagazin keinen Zweifel.
➌ Der vielfach preisgekrönte VideoClip «Du bist Terrorist» beschreibt eindrücklich, wie nicht nur Überwachung überall zunimmt sondern  wir alle, die Bevölkerung, unter Generalverdacht genommen werden.

Nach der Verhaftung

Als bekannt wurde, was tatsächlich im Haftbefehl stand, gab es viele Fragen – von Journalist_innen, Kolleg_innen, Bekannten. Für die Bundesanwaltschaft war alles klar: es gibt vier Köpfe, konspirative Treffen, andere begehen einen Anschlag und werden auf frischer Tat ertappt. Die Massenmedien wurden von Polizei und Staatsanwaltschaft über den großen Erfolg informiert und sahen sich nicht veranlasst, kritisch nachzufragen. Aus dem Haftbefehl und den später ausgehändigten ersten Ermittlungsakten wurden in mühseliger Kleinarbeit drei Säulen erarbeitet, auf denen die Ermittlung zu stehen schien:

  • Konspiratives Verhalten (z.B. «Nutzung verschlüsselter E-Mails», Ausgehen ohne Mobiltelefon)
  • Kontaktschuld («Kontakte in die linke Szene», Beteiligung an den Mobilisierungen gegen den G8-Gipfel 2007 oder ähnliches)
  • Kritische Wissenschaft («Die Beschuldigten verfügen über die intellektuellen Fähigkeiten, vergleichsweise anspruchsvolle Texte zu formulieren», «haben als Wissenschaftler die Gelegenheit, unauffällig in Bibliotheken zu recherchieren»)

Drei Wochen später wurde Andrej von der Haft verschont, der Haftbefehl galt aber weiterhin. Zwei Monate später entschied der Bundesgerichtshof, dass der Haftbefehl von Anfang an unzureichend gewesen sei und hob ihn auf. In einer weiteren Entscheidung beschied er, dass die «mg» keine terroristische Vereinigung sei. Nichtsdestotrotz wurde noch bis Juli 2010 gegen Andrej weiter ermittelt, wir alle überwacht, ohne Ergebnis.

Bloggen unter, trotz und gegen die Überwachung

Im Spätsommer 2007 war ich vor allem mit Telefonieren beschäftigt: es gab viele Leute, die wissen wollten, was der Stand der Dinge war, was Andrej vorgeworfen wurde, was die juristischen Möglichkeiten sind, wie sie Andrej und mir helfen konnten. Mein Leben stand Kopf. Ich begann, Sammel-E-Mails zu schreiben, in denen jeweils das Neueste stand. Erst ging es um die jeweils neue Entscheidungen der Richter und Staatsanwält_innen, um neue Details aus den Akten, um die vielen sehr unterschiedlichen Aktivitäten aus Protest gegen die Verhaftung, dann um die Freilassung. Sofort danach um eine weitere Hausdurchsuchung. Um den Widerspruch der Staatsanwaltschaft gegen die Freilassung und darum, wie es ist, jeden Moment wieder festgenommen werden zu können.

In dieser Zeit entstand der Gedanke, ein Blog zu starten. Ohne die Ereignisse wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, selbst zu bloggen. Mir liegt viel an meiner Privatsphäre und ein Blog, dessen Zentrum ja fast zwangsläufig die eigene Person ist, steht dieser Idee diametral entgegen. Umgekehrt war nicht zu übersehen, dass all die Ereignisse rund um Andrejs Verhaftung nach einem Terrorismus-Paragrafen und die damit verbundene totale Überwachung nicht nur unsere Freund_innen und Bekannten interessierte. Mitten in der öffentlichen Debatte darüber, welche Gesetzesverschärfungen zum Kampf gegen den Terrorismus eingeführt werden sollten, erlebten wir Terrorismusbekämpfung live. Wir erlebten täglich Dinge, die weit entfernt von alltäglich sind.

Anfang Oktober 2007 entstand «annalist». Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Bislang war ich als Person öffentlich überhaupt nicht in Erscheinung getreten. Es wäre einfach gewesen, als «Freundin von …» im Hintergrund zu bleiben. Ein Blog zu den Geschehnissen zu starten bedeutete, Aufmerksamkeit aktiv auf mich zu ziehen. Kann ich das verantworten, auch unseren Kindern gegenüber? Will ich überhaupt deswegen bekannt werden, weil ich die Freundin von irgendwem bin?

Reaktionen auf das annalist Blog

Im Oktober 2007 beschäftigten mich die unterschiedlichen Auswirkungen der Überwachung: Fehlschaltungen unserer Telefone, Probleme beim E-Mail-Verkehr, aber auch zivile Beamte auf der Straße oder auch einfach das Gefühl zu wissen, dass “sie” immer dabei sind. Wenn ich beschreibe, dass es regelmäßig vorkommt, dass Anrufe für Andrejs Handy bei meinem Handy ankommen, obwohl sicher seine Nummer gewählt wurde, kann ich natürlich nicht sicher sagen, dass das die die Auswirkung von Überwachung ist. Würde ich als paranoid und über der Ermittlung verrückt geworden wahrgenommen werden? Das wäre ja nicht mal überraschend, nur war ich mir sehr sicher, dass nicht ich verrückt war, sondern unsere Erlebnisse.

Genauso unwohl – und auch eine Überlegung wert – war mir bei der Vorstellung, dass es zu gezielten Gegenkampagnen etwa von Nazis kommen könnte. Und dann gab es die Frage zu bedenken, wie die Behörden reagieren könnten, die für das Verfahren verantwortlich waren. Wie weit würden sie in ihrer medialen Vorverurteilung und zur Kontrolle des medialen Darstellung gehen?

Fürs Bloggen sprach, dass wir uns in einer ziemlich einzigartigen Situation befanden und bis dahin noch niemand – jedenfalls soweit ich weiß – im deutschsprachigen Raum die vielen seltsamen “Kleinigkeiten” eines Alltags mit Terror-Fahndung aufgeschrieben hatte. Das annalist Blog bot und bietet eine Innenansicht, die Dokumentation einer ständigen Extremsituation, die sonst nur über abstrakt bleibenden Meldungen der Massenmedien erfahren wird. Und diese Extremsituation ist von breiterem gesellschaftlichen Interesse, berührt drängende Themen wie die Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit, die im Herbst 2007 virulente Diskussion des Themas “Innere Sicherheit”, staatliche Willkür und Repression, die Machtfülle der Polizeien und den Abbau der Bürger_innenrechte usw. Die Resonanz auf das annalist Blog war dann auch deutlich größer, als ich es je erwartet hätte.

Datenschutz- und Privacy-bewusste Plattformen

Für annalist nutze ich die italienische Blog-Plattform «noblogs.org», die nicht immer bequem, aber supernett und so datenschutz-bewusst ist wie keine andere. Die Noblogs-Plattform wird betrieben von «autistici.org». Autistici ist ein sich in Italien unter schwierigen Bedingungen für Freiheit, unabhängige Kommunikation und Medien engagierendes Kollektiv. Das Motto lautet «Freedom of speech implies a keen eye on privacy and security». Für noblogs.org wird freie Software verwendet und es werden, im Gegensatz zu anderen Plattformen wie etwa die von google betriebene blogger.com, weder “logs” noch irgendwelche persönlichen Daten gespeichert. Solche Kollektive gibt es noch mehr. Die meisten bieten jedoch keine Blog-Plattform an, aber andere Online-Dienste wie E-Mail, Jabber, Webspace. Empfehlungen finden sich bei Autistici oder bei Riseup.net. Nicht alle Angebote sind in der Nutzung so bequem wie kommerzielle Dienste. Dafür ist bei ihnen sicher, dass sie sich tatsächlich für die Interessen der Nutzer_innen einsetzen, denn sie verdienen nichts damit.

Ich kannte mich in der Blogosphäre nicht aus und wusste nicht, wie ein Blog aktiv bekannt gemacht wird. Ich habe mich also vorsichtig vorangetastet und zunächst nur einigen Bekannten die Adresse gegeben. Es dauerte keine drei Wochen, bis annalist in den großen deutschen Blogs verlinkt wurde und die Zugriffszahlen explodierten.

Entgegen meiner Befürchtungen waren die Reaktionen fast ausnahmslos positiv und sehr unterstützend. Viele waren entsetzt und hatten keine Vorstellung, dass “sowas” in dieser Form in Deutschland stattfindet. Es gab viele hilfreiche Informationen und Diskussionen über die technische oder praktische Seite von Überwachung. Es war offensichtlich, dass annalist für viele Menschen ganz neue Denkanstöße lieferte. Für uns war großartig, soviel positives Feedback zu bekommen, was uns darin bestätigt hat, dass der Sprung ins kalte Wasser Öffentlichkeit der richtige war.

Inzwischen ist es bei annalist viel ruhiger geworden. Die Ermittlung ging noch bis Juli 2010 weiter, war aber nach dem ersten halben Jahr kaum noch spürbar. Entsprechend gab es nicht mehr soviel Spektakuläres zu berichten, was ich nicht bedaure. Die Themen veränderten sich: über unseren sehr öffentlichen Umgang erreichten uns auch viele Informationen über ähnliche Verfahren, die aber viel weniger bekannt sind. So fing ich an, auch über sie zu schreiben. “Innere Sicherheit” und die Funktionalisierung der Begriffe “Terrorismus” oder “Extremismus” für immer repressivere Innenpolitik hat mich auch früher schon interessiert, genauso Teile der Felder Medien- und Netzpolitik. Darüber schreibe ich jetzt, weniger aufgeregt als in der existenziellen Frühphase von annalist. Und ich blogge bis heute sehr froh über die Möglichkeiten, die Blogs vorbei an kommerziellen Medien bieten. Neben den ausführlicheren Blogposts nutze ich Twitter und Identi.ca als Mikroblogs, also für Hinweise auf Websites, Artikel etc, die ich interessant oder wichtig finde, ohne gleich einen eigenen Artikel zu schreiben.

Hausbesetzung Liebig14Scan einer Reportage der Zeitschrift NEWS zur V-Frau Danielle Durant im Tierschützer-VerfahrenInitiative und Petition Demokratie Retten diverser NGOs 

DIE ÜBERWACHUNG DER ZIVILGESELLSCHAFT
➊ Immer wieder geraten Wissenschaftler_innen ins Visier der Überwachung, weil sie sich mit Gegenständen beschäftigen, die Inlandsgeheimdiensten verdächtig erscheinen, z.B. Migration, Fremdenrecht und Menschenrechte, Orientalistik oder Islamismus, Gentrifikation und Hausbesetzungen.
➋ Die Überwachung beschränkt sich dabei nicht nur auf den Einsatz der Informationstechnologie. Immer wieder werden Fälle aufgedeckt, in denen V-Leute wie “Mark Kennedy”, “Simon Brenner” oder “Danielle Durant” in NGOs eingeschleust werden.
➌ Die Initiative und Petition «Demokratie Retten!» vereint viele bekannte NGOs und steht stellvertretend für die offensichtlich berechtigte Sorge, dass Terrorismusparagrafen und Möglichkeiten der Überwachung allzu leicht zur Kontrolle kritischen Journalismus und zivilgesellschaftlicher Arbeit missbraucht werden.

Selbstermächtigung der eigenen Geschichte

Die Vorteile des Bloggens in unserer prekären Situation waren vielfältig. Das Erzählen und Berichten bedeutete zuerst einmal, nicht vom Interesse und Wohlwollen von Journalist_innen und Redakteur_innen abhängig zu sein. Im und mit dem annalist Blog entscheide ich selbst, was veröffentlicht wird. In meinem Blog sind die redaktionellen Eingriffe, die es in anderen Medien gäbe, kein Thema. Meine Berichte von den Ermittlungen und der Überwachung reihen sich nicht zwischen andere Tagesthemen oder Betrachtungen ein, teilen sich nicht den Platz mit Werbung und Anzeigen. Und die Berichte erscheinen nicht dann oder wann, da oder dort, wenn eine Redaktion einem Bericht aktuellen “Newswert” zubilligt, sondern laufend, eine kontinuierliche Dokumentation abgebend. Das häufige Veröffentlichen und Protokollieren der Vorgänge und Erlebnisse hatte zudem den Vorteil, nachvollziehbar machen zu können, was für eine psychische Belastung die kleinen und großen Schikanen der Ermittlung im Alltag über Wochen und Monate bedeuten.

Das eigene Blog, die Kontrolle über die eigene Geschichte, die eigene Stimme zu haben, das bedeutete in unserer Situation gleichzeitig, die Differenz sichtbar zu machen, zwischen der zwangsläufig sachlichen und de facto stark von der Perspektive staatlicher Behörden beeinflussten Medienberichterstattung und unserer Sicht der Dinge; die eigene Geschichte der Geschichte gegenüberstellen zu können, die andere über dich erzählen. So ist annalist auch ein WatchBlog, eine Dokumentation der Aktivitäten der Behörden aus der Perspektive der Betroffenen. Die Sicht der Behörden ist aus den Massenmedien ja weithin bekannt. Hier fehlt in aller Regel die andere Seite: der Stress, der Irrsinn der einzelnen Maßnahmen, die Auswirkung für das Umfeld.

Mit annalist gibt es ein bleibendes Archiv, inklusive vieler unglaublichen Einzelheiten, von denen sonst viele vergessen würden. Das ständige Aufschreiben und Protokollieren der Erlebnisse hat mir immer wieder geholfen, den Kopf frei zu bekommen. Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich bestimmte Vorkommnisse aus den ersten Monaten nach einer Weile selbst kaum glauben konnte und froh war, dass ich sie dokumentiert hatte. Und das annalist Blog half von Beginn an, Menschen erreichen zu können, die sonst keinen Zugang zur Perspektive der Betroffenen hätten.

Zusammenfassung

Mein Blog annalist war zunächst eine Chronik aller seltsamen und unfassbaren Ereignisse in unserem neuen Leben. Es hat sich beruhigt, aber ist immer noch außergewöhnlich. Für mich war es erst eine Form, damit fertig zu werden, gewissermaßen Kollateralschaden im Verfahren gegen einen Staatsfeind zu sein. Das Blog war zudem eine Möglichkeit, vielen Interessierten viel mitteilen zu können. Und es war nicht zuletzt auch eine Form, mich den versessenen Staatsschützern nicht völlig macht- und hilflos auszuliefern. Und damit war das Bloggen – also das Veröffentlichen von Ereignissen aus meinem “Alltag” – eine Möglichkeit, mich gegen die Auflösung meiner Privatsphäre zu wehren.

  • Lesbare Artikel schreiben – kurze, aussagekräftige Überschriften, kurz halten, Bilder einbauen, keine politischen Programme und Weisheiten, sondern interessante Geschichten.
  • Kleinigkeiten beschreiben, auch wenn sie ganz unspektakulär scheinen. Wir gewöhnen uns schnell an die seltsamsten Dinge, aber andere Menschen bemerken gerade an diesen Dingen, wie sonderbar das ist, was wir zu erzählen haben.
  • Preach to the converted: Nicht (nur) zur eigenen politischen Szene sprechen. Die achten zwar im Zweifelsfall übergenau auf politische Korrektheit, aber die wissen im Wesentlichen schon, worum es geht. Versucht die Menschen zu erreichen, die das Thema bisher nicht kannten.

March 20 2011

Ausblick auf ein #sbsmcamp im Herbst

Es steht gerade mal der Frühling vor der Tür und wir denken schon an den Herbst. Während wir noch parallel an Buchbeiträgen, dem Einholen von Kommentaren und Auswählen von Bildmaterial arbeiten, Luca und Christian weiter an der #sbsm-Website schrauben, befinden wir uns auch schon in der ersten Planungsphase für eine größere Veranstaltung im Oktober. Die Zeichen stehen zumindest auf “größere” Veranstaltung – nicht zuletzt deshalb auch die Erweiterung des Hashtags: von #sbsm auf #sbsmcamp.

Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.

Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.

Termin und Ort:

Mittwoch, 19. und Donnerstag 20. Oktober 2011
Catamaran, das ÖGB-Gebäude direkt bei der U2 Donaumarina, Wien

Darüber hinaus ist noch nichts “fix”.

In den nächsten Wochen und Monaten werden wir weiter daran basteln, wie wir das alles umsetzen können. Vorschläge und Mitarbeit sind gern gesehen und sicherlich möglich.

Das #sbsmcamp wird wahrscheinlich ein gutes Stück weit in Richtung Un-Konferenz gehen, es mag aber auch Elemente einer Messe oder auch eines Festivals geben. Angedacht ist neben dem Fokus auf die Themen des Buchs, möglicherweise drei Schwerpunkte an drei Halbtage zu setzen, die Ideen gehen Richtung:

Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.

Postdemokratie und Soziale Bewegungen
… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.

Globalisierungs- und Kapitalismuskritik
… und damit ebenfalls ein wiederkehrendes Thema unsers Buchs, mit Beitragenden von Robert Misik, Attac, NachDenkSeiten, Betriebsräten usw.

Weitere Details folgen auf diesem Kanal!

Ausblick auf ein #sbsmcamp im Herbst

Es steht gerade mal der Frühling vor der Tür und wir denken schon an den Herbst. Während wir noch parallel an Buchbeiträgen, dem Einholen von Kommentaren und Auswählen von Bildmaterial arbeiten, Luca und Christian weiter an der #sbsm-Website schrauben, befinden wir uns auch schon in der ersten Planungsphase für eine größere Veranstaltung im Oktober. Die Zeichen stehen zumindest auf “größere” Veranstaltung – nicht zuletzt deshalb auch die Erweiterung des Hashtags: von #sbsm auf #sbsmcamp.

Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.

Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.

Termin und Ort:

Mittwoch, 19. und Donnerstag 20. Oktober 2011
Catamaran, das ÖGB-Gebäude direkt bei der U2 Donaumarina, Wien

Darüber hinaus ist noch nichts “fix”.

In den nächsten Wochen und Monaten werden wir weiter daran basteln, wie wir das alles umsetzen können. Vorschläge und Mitarbeit sind gern gesehen und sicherlich möglich.

Das #sbsmcamp wird wahrscheinlich ein gutes Stück weit in Richtung Un-Konferenz gehen, es mag aber auch Elemente einer Messe oder auch eines Festivals geben. Angedacht ist neben dem Fokus auf die Themen des Buchs, möglicherweise drei Schwerpunkte an drei Halbtage zu setzen, die Ideen gehen Richtung:

Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.

Postdemokratie und Soziale Bewegungen
… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.

Globalisierungs- und Kapitalismuskritik
… und damit ebenfalls ein wiederkehrendes Thema unsers Buchs, mit Beitragenden von Robert Misik, Attac, NachDenkSeiten, Betriebsräten usw.

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Ausblick auf ein #sbsmcamp im Herbst

Es steht gerade mal der Frühling vor der Tür und wir denken schon an den Herbst. Während wir noch parallel an Buchbeiträgen, dem Einholen von Kommentaren und Auswählen von Bildmaterial arbeiten, Luca und Christian weiter an der #sbsm-Website schrauben, befinden wir uns auch schon in der ersten Planungsphase für eine größere Veranstaltung im Oktober. Die Zeichen stehen zumindest auf “größere” Veranstaltung – nicht zuletzt deshalb auch die Erweiterung des Hashtags: von #sbsm auf #sbsmcamp.

Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.

Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.

Termin und Ort:

Mittwoch, 19. und Donnerstag 20. Oktober 2011
Catamaran, das ÖGB-Gebäude direkt bei der U2 Donaumarina, Wien

Darüber hinaus ist noch nichts “fix”.

In den nächsten Wochen und Monaten werden wir weiter daran basteln, wie wir das alles umsetzen können. Vorschläge und Mitarbeit sind gern gesehen und sicherlich möglich.

Das #sbsmcamp wird wahrscheinlich ein gutes Stück weit in Richtung Un-Konferenz gehen, es mag aber auch Elemente einer Messe oder auch eines Festivals geben. Angedacht ist neben dem Fokus auf die Themen des Buchs, möglicherweise drei Schwerpunkte an drei Halbtage zu setzen, die Ideen gehen Richtung:

Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.

Postdemokratie und Soziale Bewegungen
… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.

Globalisierungs- und Kapitalismuskritik
… und damit ebenfalls ein wiederkehrendes Thema unsers Buchs, mit Beitragenden von Robert Misik, Attac, NachDenkSeiten, Betriebsräten usw.

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