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February 20 2012
February 05 2012
Scan the social media
Mitverfolgen, was sich alles so tut in den Netzen
Boah, ist das eklig! “Der Pakt mit dem Panda: Was uns der #WWF verschweigt” http://bit.ly/jCrnoD
Tweet von @holgi
Wer nicht zuhört, wird nicht gehört. Dieser Satz gilt besonders im Online-Bereich und spiegelt das Problem wider, das sehr viele Organisationen im Netz haben. Sie wollen zwar (mehr oder weniger) mit ihren Zielgruppen reden, sind es aber nicht gewohnt, ihnen zuzuhören. Deshalb steht das Monitoring an erster Stelle jeder Kommunikationsbestrebung. Ziel des Monitorings ist nicht nur die rechtzeitige Reaktion auf etwaige Anfragen an die eigene Organisation. Monitoring kann auch dazu genutzt werden, um für sich selbst, die eigene Organisation oder die eigene Meinung und Denkrichtung Unterstützer_innen zu finden und Werbung zu machen. Damit ist Monitoring der erste Schritt, um an die Kommunikation mit den eigenen Sympathisant_innen, der Zielgruppe oder auch dem politischen Gegenüber anknüpfen zu können.
Reicht es, einfach nur Zeitung zu lesen? Ein Plädoyer für die Zielgruppenarbeit
«Was gehen mich die Blogs und Facebook an, die Zeitungen schreiben eh gut über uns.» So oder ähnlich lauten die Kommentare von Offline-Dinosauriern, die sich weigern, im Online-Bereich tätig zu werden. Die Praxis zeigt aber, dass eine Neubewertung der eigenen Kommunikations- und also auch Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten einer digitalen Gesellschaft unumgänglich ist, die immer mehr und immer selbstverständlicher mit dem Netz verwoben ist. Dazu gehört zwangsläufig in einem ersten Schritt das Monitoring.
Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der es ausgereicht hat, ein paar Journalisten der wenigen “Leitmedien” zu kennen und sich mit ihnen gut gestellt zu haben. Indem mensch das “kontrollieren” konnte, was über die eigene Person und Organisation publiziert wurde, konnte damit auch beeinflusst werden, welche Bilder der eigenen Zielgruppe vermittelt wurden. So wurde in Bahnen gelenkt, was mensch “zu denken hat” und wie die “offizielle Sprachregelung” zu den Themen X und Y aussieht. Was die Leute daneben eigentlich gedacht haben und was Zielgruppen, so man diese damals überhaupt wirklich definiert hat, untereinander wirklich gesprochen haben, das war die eigene Reputation betreffend grundsätzlich egal. Meinungen wurden sowieso weitgehend lokal kundgetan, konnten sich nicht weit verbreiten und dieses potentielle Feedback hat einen selbst kaum erreicht. Es genügte also, oberflächlich betrachtet, die Zeitung zu lesen, um zu wissen, was die Menschen über die eigene Organisation oder einen bestimmten Themenbereich denken könnten.
Im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren kann heute theoretisch jeder Mensch weltweit eine relativ große Anzahl anderer Personen über eine immer größer werdende Menge an Kanälen erreichen. Mithilfe von Social Media Tools können Informationen sehr einfach mit großen Massen an Menschen geteilt werden, wobei es hier weder geographische noch zeitliche Schranken gibt. Damit wird jeder Mensch potentiell zu einem kleinen Medienunternehmen, das aufgrund der persönlichen Kommunikationsweise im Netz relativ großen (direkten) Einfluss ausüben kann. Dadurch ergeben sich abseits der klassischen Medien mehr potentiell wichtige Kommunikatoren, die je nach Auswahl der Zielgruppe variieren (können).
Für die Monitoring-Arbeit bedeutet dieser Umstand, dass am Anfang immer eine genaue Zielgruppenanalyse erfolgen sollte. Es geht darum festzustellen, wo im Netz sich die Sympathisant_innen, Kolleg_innen, User_innen und Kritiker_innen bewegen und welche Medien sie überwiegend nutzen. Daraus ergibt sich wiederum die Strategie, wie die weitere Kommunikation gestaltet werden kann. Das Beobachten und Nachverfolgen meiner Informationen, meines Namens und Informationen anderer, die in meinem Feld und Umfeld relevant sein könnten, ist somit ein wichtiger Faktor für den Erfolg meiner Kommunikation und meines Reputationsmanagements.
Monitoring, how to?
Wir können zwei Herangehensweisen des Monitoring unterscheiden, die grundlegend nach Zweck gebunden sind:
- “Non-stop-Monitoring”: Hier geht es um das prinzipielle und allgemeine Monitoring unserer Informationen auf allen Kanälen. Hier stellen wir fest, wer wann wie und wo unsere Informationen benutzt. Dazu haben wir für uns relevante Keywords definiert und erweitern diese nach Bedarf. Ein Beispiel wäre ein Verlag, der laufend alle eigenen Buchtitel im Programm “überwacht”, Reaktionen darauf erkennt, aufzeichnet und einem Weiterverarbeitungsprozess zuführt. Dazu wird für die «Social Media» und sozialen Netzwerke eine “Reaktion” inklusive der handelnden Identitäten erfasst.
- “Feedback-Monitoring”: Hier geht es um ein Messen von Wirkung, unmittelbar nach dem Publizieren von eigener Information. Im Fall unseres Beispiels des Verlags würde das relevant, wenn er ein neues Buch herausgibt und dazu eine Marketing Kampagne startet. Der Verlag veröffentlicht Informationen im Zuge der Kampagne und verfolgt dabei genau, wer wann wie und wo darauf reagiert. Er kann diesen Echtzeit-Rückkanal nutzen, um das Interesse an den dargebotenen Informationen zu steigern sowie die Reaktionen darauf aufzeichnen und weiterzuverarbeiten.
“Non-stop-Monitoring” zeichnet laufendes Geschehen auf. Die Aufzeichnungen des erfassten Geschehens werden in regelmäßigen Zeitabständen gesichtet und analysiert. Das «Wiki of Social Media Monitoring Solutions» kennt allein mehr als 140 verschiedene Monitoring-Tools zu diesem Zweck, zum überwiegenden Teil freilich kostenpflichtige Services oder auf Plattformen spezialisierte Software, die zum Beispiel nur Twitter, Videoplattformen oder Blogs berücksichtigen.
DIE BASICS SELBSTORGANISIERTEN MONITORINGS
➊ Eine einfache und für einzelne Suchbegriffe auch sehr effiziente Möglichkeit, Monitoring zu automatisieren, der «Google Alert». Wir lassen uns per E-Mail benachrichtigen, wenn neue Informationen im Netz zu von uns gewählten Suchbegriffen publiziert werden.
➋ Dienste wie Tweetdeck erleichtern das Beobachten von Kommunikation auf der Plattform Twitter. Für den besseren Überblick lassen sich mit nach verschiedenen Kriterien gefilterte “Timelines” nebeneinander anordnen.
➌ Der Feed-Reader von Google im Einsatz, hier läuft alles zusammen, was wir an Feeds abonnieren.
Viele Tools sind spezialisierte Durchsuch-Services, die Feeds generieren: Blog-Search, Technorati-Search, Forum-Search, Twitter-Search, Facebook-Search etc. Daher ist es äußerst naheliegend und zu empfehlen, ein Feed-Reader System herzunehmen, um diese Quellen zu bündeln und in weiterer Folge mit anderen relevanten Feed-Quellen zusammen übersichtlich aus- und weiterzuverwerten. Diese Methode ist nicht nur die flexibelste, sie lässt sich außerdem kollaborativ betreiben, und das ohne Lizenzkosten!
Beim “Feedback-Monitoring” tritt oft der Fall ein, dass es binnen kürzester Zeit Reaktionen gibt, auf die wir wiederum schnell eingehen möchten. Um ein ebenso rasches Handeln und zum Beispiel Eintreten in den Dialog zu ermöglichen, ist eine Überwachung in Echtzeit nötig. Anwendungen wie Tweetdeck und Seesmic Desktop sind zwei sehr beliebte Tools für das Beobachten der Kommunikationsflüsse auf Twitter und Facebook, mit denen man Statusupdates parallel von mehreren Accounts absetzen und überwachen sowie nach Keywords suchen kann.
Monitoring, Archivierung und Weiterverarbeitungsprozess
Die bekannteste und simpleste Form, das Netz entlang selbst gewählter Schlüsselwörter zu beobachten, diese Beobachtung zu automatisieren und damit gleichzeitig ein Archiv von Suchtreffern anzulegen, ist der gute alte Google Alarm. Mit «Google Alert» können wir E-Mail-Benachrichtigungen abonnieren, wenn irgendwo im Netz etwas Neues publiziert wird, bei dem unser im “Alarm” eingegebener Suchbegriff anschlägt. Mit solchen Benachrichtigungen können wir uns automatisch verständigen lassen, wenn die Suchmaschine Google neue Inhalte zu beispielsweise dem Begriff «Zeitarbeit», «“Jean Ziegler”», «“Empört Euch”» oder sagen wir «Wutbürger» erfasst.
Natürlich ist das ein umständlicher und wenig übersichtlicher Weg, wenn wir nicht nur hie und da informiert werden wollen, sondern laufend diverse Kanäle und mehrere Keywords aufzeichnen wollen. Dazu eignet sich das Monitoring mittels Feed-Reader, wobei wir hier die Nutzung des Google Readers empfehlen würden. Mit diesem Dienst haben wir nicht nur sehr gute Erfahrungen gemacht, sondern können auch die Agenden des Monitorings zusammen mit dem Lesen, Archivieren, Aggregieren und Verteilen von zum Thema relevanten Informationen verbinden.
Durch das Abonnieren von Feeds automatisieren wir zuerst den Eingang von Informationsschnipsel in unsere Monitoring-Oberfläche des Feed-Readers. Abonniert werden ausgesuchte Feeds von interessanten Blogs, thematische Feeds von Nachrichten-Agenturen und wichtigen Online-Medien, Presseaussendungen und die Einträge der Facebook-Seiten von Organisationen in unserem Umfeld. Abonnieren können wir zudem wunderbar dynamisch unsere Suchabfragen der Google News-Suche oder der Twitter-Search. Im Feed-Reader bündeln wir mehrere abonnierte Feeds in thematische Ordner und haben uns auf übersichtliche Art und Weise so etwas wie einen benutzerdefinierten und automatisierten Pressespiegel gebastelt. In diesem digitalen Pressespiegel können wir Informations-Schnipsel nun:
1. durch automatisiertes oder manuelles Taggen kategorisieren. Diese Tags liefern wiederum einen Feed, den wir an anderer Stelle weiterverarbeiten und etwa in unseren Webauftritt einbauen können.
2. direkt per E-Mail weiterleiten und an unsere Kolleg_innen verteilen.
3. direkt in ein Social Media System wie beispielsweise einen Tumblelog speichern beziehungsweise “seeden”.
Was tun, wenn über uns gesprochen wird?
Irgendwann ist es soweit. Irgendwann sagt jemand etwas über uns. Im Optimalfall ist es etwas Positives, vielleicht übt jemand konstruktive Kritik, vielleicht werden wir aber auch angegriffen. In jeden Fall muss geprüft werden, ob eine Reaktion unsererseits und was für eine Art Reaktion notwendig ist. Lösungsansätze, mit denen solchen Kommunikationsherausforderungen am besten begegnet werden soll, gibt es voraussichtlich so viele wie selbst ernannte Berater_innen für Online-Kommunikation. Wer sich an grundsätzliche Kommunikationsnormen hält, die eigene Zielgruppe kennt und der eigenen Intuition vertraut, sollte mit Hilfe der folgenden Kurz-Anleitung jede “Anfrage” relativ unbeschadet überstehen.
(Für diejenigen, die alle genannten Voraussetzungen erfüllen und trotzdem keine Lösung für das eigene Kommunikationsproblem finden, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme zu Kommunikationsberater_innen im Online-Bereich.)
Kommentaren muss unterschiedlich begegnet werden, in Abhängigkeit davon, wann sie wo in welcher Form auftauchen. Wir unterscheiden zwischen eigenen und fremden Kommunikationskanälen. Zu den eigenen Kanälen gehören Webseiten der eigenen Organisation, Unternehmensblogs und eigene Auftritte auf diversen Social Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter. Zu den “eigenen” Kanälen sind hier auch die Profile von in der Organisation mitbestimmenden Einzelpersonen hinzuzuzählen. Zur zweiten Gruppe der fremden Kommunikationskanäle gehören zum Beispiel Zeitungsforen, private Websites und Blogs, Benutzerkonten auf Social Media-Plattformen sowie etwaige Fanseiten und Gruppen, die sich mit organisationsspezifischen Themen beschäftigen. Dazu gehören ebenfalls Gruppen, die gegründet wurden, um der eigenen Organisation zu schaden.
Relevant ist außerdem der Veröffentlichungszeitraum: Wann wurde ein Kommentar abgesetzt? Als Reaktion auf eine aktuelle Kampagne oder außerhalb dieser? Welches Ziel könnte der Absender des Kommentars dementsprechend bezwecken?
Auf positive Beiträge darf, auf konstruktive muss und auf negative kann geantwortet werden. Die Beantwortung der Kommentare ist zwar immer nur an einen oder wenige Menschen gerichtet, hat aber das Ziel, alle zu erreichen. Nicht alle Kommentare und Anfragen müssen öffentlich beantwortet werden. Grundsätzlich gilt, jede auf einem privaten Kanal gestellte Anfrage wird auch auf diesem Kanal beantwortet. Auf “öffentlich” gestellte Anfragen muss im mindesten Fall öffentlich geantwortet werden, dass die Beantwortung aus Gründen des Themensettings etc. auf einem privaten Kanal beantwortet wird.
Bevor auf einen Beitrag im Internet reagiert wird:
1. Tief ein- und ausatmen und dem Reflex widerstehen, sofort eine Antwort zu formulieren, die sich gewaschen hat.
2. Überprüfen, wer der_die Absender_in ist und vor welchem Hintergrund der Beitrag geschrieben wurde. Wo wurde der Beitrag gepostet? Wie wichtig ist dieser Kanal für meine Zielgruppe? Warum könnte er so ausgefallen sein?
3. Welche Absicht verfolgt der_die Autor_in des Beitrags? Will er der Organisation schaden? Handelt es sich dabei um einen Witz, Spott oder Satire? Ist es eine wütende Reaktion? Ist der_die Autor_in mit der Organisation, ihrer Arbeit oder einem ihrer Produkte unzufrieden?
4. Wem gilt der Kommentar? Wird jemand direkt angesprochen? Wer sollte antworten?
5. Ist der_die Autor_in einem Irrtum oder einer Falschmeldung aufgesessen? Wenn ja, unbedingt die Informationen richtig stellen. Auf das Posting öffentlich antworten.
6. Ist der Beitrag eine Mischung aus allen genannten Möglichkeiten? Auf welchen Punkt soll man sich in dem jeweiligen Fall in der Beantwortung konzentrieren? Wo hat man am wenigsten „zu verlieren“? Womit “gewinnt” man am meisten? Mit welchen nachprüfbaren Angaben kann man die eigenen Aussagen untermauern?
7. Die eigene Antwort intern prüfen lassen. Gibt es formale oder inhaltliche Fehler?
8. Gibt es weitere mögliche Problemfelder, die sich durch die Beantwortung der Anfrage ergeben? Wie zeitnah muss/darf man antworten? Könnte die eigene Antwort mehr Fragen aufwerfen als sie beantwortet?
9. Gibt es Möglichkeiten, die Anfrage für die weitere (öffentlichkeitswirksame) Kommunikation des Unternehmens zu nutzen? Kann die geäußerte Kritik zur Optimierung der eigenen Arbeit und Produkte beitragen?
10. Wie reagiert mein Gegenüber auf die eigene Antwort? Gibt es eine Gegenreaktion? Muss auf diese reagiert werden?
Monitoring ist der erste Schritt zu Eigenwerbung und Dialogen
Die Beobachtung der Nachrichtenströme im Netz ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen Kommunikation mit den eigenen Zielgruppen. Erst wenn man weiß, wo und wie über die eigene Person oder Organisation gesprochen wird, hat man eine Ahnung, wie die Menschen über einen denken könnten. In weiterer Folge könnte daran gearbeitet werden, diesen Ruf aktiv zu gestalten.
Die Beobachtung und Beeinflußung des eigenen Rufs im Netz werden unter dem Begriff Online Reputation Management (ORM) zusammengefasst. Eine Regierungspartei muss etwa verfolgen und mitsteuern, was im Netz über ihre Protagonist_innen gesagt und geschrieben wird, könnte aber zum Beispiel auch beobachten, wo Artikel und Diskussionen zum Thema Gesundheit und Gesundheitssystem entstehen und an den Debatten im Netz zu dem Thema teilnehmen, mit dem Ziel, die aktuelle Entwicklung, eigene Projekte oder Reform erklären und promoten zu wollen. Um das eigene Serviceangebot bekannter zu machen, könnte sich eine Rechtschutzversicherung in ihrem Monitoring auf Kommentare zum Thema “Autounfall” konzentrieren und den Geschädigten (mit dem Hinweis auf den eigenen Online-Auftritt) gegebenenfalls mit Tipps im Versicherungsbereich bzw. Empfehlungen von Fachwerkstätten in der Nähe aushelfen. Ein Online-Shop für Notizbücher und Stifte könnte verfolgen, wo es Diskussionen zu den Themen Schreiben, Mobilität etc. gibt, sich dort ins Gespräch einklinken und sein Angebot promoten.
Heutzutage dürfte es keine Organisationen mehr geben, die kein Online-Monitoring betreiben. Zu wissen, was und wo über einen gesprochen wird oder welche relevanten Themengebiete gerade im Netz aktuell sind, gehört zu den grundlegenden Arbeitsbedingungen der modernen Online-Kommunikation. Im Social Media Bereich kann man ohne vorheriges Zuhören auch nicht in Interaktion treten, womit sich wiederum der “soziale” Ansatz wieder von selbst erledigt. Monitoring ermöglicht es uns, unsere Zielgruppen besser kennenzulernen und unsere eigenen Aktionen zu dokumentieren und auszuwerten.
Obwohl sich die Monitoring Tools mit der Zeit verändern werden, bleiben deren Funktionsweise und Sinn gleich: Mit ihrer Hilfe können wir das (soziale) Netz beobachten, nach für uns relevanten Begriffen durchsuchen und archivieren. Mit diesen Ergebnissen sind wir in der Lage, die jeweils aktuelle Kommunikationssituation besser zu beurteilen und können in stattfindende Prozesse eingreifen – und sie im Optimalfall zu unseren Gunsten beeinflussen.
Zusammenfassung
Nur wer Monitoring betreibt und “dem Volk aufs Maul” schaut ist in der Lage, sinnvolle (Online-)Kommunikation zu führen. Themen können zielgruppenspezifisch aufbereitet und platziert werden. Wichtige Multiplikatoren können effektiv angesprochen werden. Und nicht zuletzt lassen sich durch Monitoring die eigenen Kommunikationsbestrebungen und -erfolge dokumentieren. Deshalb kann der Abschluss dieses Beitrags nur lauten: Beobachte, wann, wo und wie über dich, deine Themen, Betätigungsfelder sowie befreundete und gegnerische Organisationen gesprochen wird. Archiviere diese Informationen und verarbeite sie. Lege aufgrund dessen deine Kommunikationsstrategie fest und setze das Monitoring fort.
- Fahre Antennen aus, schaue dich regelmäßig in deiner Umgebung um (Zielgruppe), interessiere dich dafür, was andere machen und verfolge mit, worüber wie geredet wird.
- Definiere Themengebiete und Schlüsselwörter und automatisiere einen eingehenden Informationsfluss zu diesen Themen.
- Passe diese Schlüsselwörter regelmäßig an.
- Organisiere das Monitoring so, dass der beobachtete Informationsfluss in ein Archiv eingeht, das du mit deinen Mitstreiter_innen in gewissen Abständen auch analysieren solltest.
- Grundsätzlich gilt: Wir müssen transparent auftreten, unsere Antworten auf Reaktionen mit Quellenangaben stützen und zeitnah, verhältnismäßig, konstruktiv und respektvoll antworten.
- Nutze die Inputs, die durch Monitoring ihren Weg zu dir finden, für die Verbesserung der eigenen Services und Produkte sowie für die Weiterentwicklung der eigenen Organisation.
- Monitoring hört nicht auf, nachdem ein Kommentar beantwortet wurde.
- Ständiges Schweigen ist auch eine Reaktion, aber keine Antwort. Ein glaubhaftes «Wir sind an der Sache dran» schon eher.
- Durch ungeschickte Beantwortung von Anfragen und entsprechende Interaktion mit den User_innen kann mehr Schaden angerichtet werden, als ursprünglich entstanden ist. Deshalb ist Schweigen manchmal doch die bessere Art der Kommunikation.
- Baue keine Feindbilder auf und bleib cool, auf der anderen Seite des Monitors sitzt auch nur ein Mensch.
- Trolle Trolle sein lassen: don’t feed the troll!
August 16 2011
July 26 2011
July 10 2011
March 23 2011
Das annalist Blog
Innenansicht einer Terrorismus-Ermittlung
«Einigen Beschuldigten wird vorgeworfen, sich “konspirativ” verhalten zu haben: Sie hätten Gespräche geführt, ohne ihr mobile phone dabei zu haben; sie hätten sich am Telefon verabredet, ohne Uhrzeit und Treffpunkt zu nennen. Kriminalisiert wird also der Versuch, seine Privatsphäre zu schützen.»
Offener Brief der Scientific Community
«Bundesanwaltschaft nimmt Linksextremisten fest» (Spiegel Online, 1.8.07). «Militante Gruppe. Schlag gegen Berliner Linksextremisten» (Welt, 2.8.07). «Das linke Terror-Phantom wird greifbar» (Frankfurter Rundschau, 2.8.07)
In den Tagen nach der Festnahme von vier Berlinern im Sommer 2007 waren dies die Schlagzeilen. Mein Freund Andrej Holm, einer der vier, war an einem Morgen gegen sieben Uhr in unserer Wohnung festgenommen worden. Die Wohnung wurde dazu mit gezogenen Waffen gestürmt und 16 Stunden lang durchsucht. Der Vorwurf lautete «Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung» und zwar in der lange gesuchten so genannten «militanten gruppe (mg)». Andrej wurde mit dem Helikopter zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe geflogen, dort wurde ein Haftbefehl unterzeichnet und er verschwand in Untersuchungshaft, vollständig isoliert. Das war das traumatische Erlebnis, das etwas später dazu führen sollte, mit dem Blog «annalist» zu beginnen.
Unter Überwachung – Alltag außerhalb des Alltäglichen
Ich war mit dem Schock dieser Verhaftung aus heiterem Himmel konfrontiert. Ich musste unseren Kindern erklären, wo ihr Vater geblieben war, Kolleg_innen erklären, dass Termine nicht stattfanden, Eltern und FreundInnen Antworten auf Fragen geben, die ich mir selber stellte. Mit dem Erscheinen der Zeitungen am nächsten Tag war deutlich, dass die Massenmedien die Erzählung der Bundesanwaltschaft übernahmen: es seien gefährliche Terroristen endlich gefasst worden. Damit war auch deutlich, dass es nicht einfach sein würde, unsere ganz andere Sicht der Dinge in die Öffentlichkeit zu bringen. Zum Glück war ich mit dieser Aufgabe nicht allein, sondern hatte die Unterstützung vieler Freundinnen und Freunde, und bald auch großer Netzwerke von Wissenschaftler_innen wie auch Aktivist_innen, mit denen Andrej zusammengearbeitet hatte.
In den ersten Wochen war ich vor allem mit der Organisation des Alltags beschäftigt. Telefonate mit der Anwältin, Treffen mit Unterstützer_innen, mit den anderen Beschuldigten (nicht alle waren festgenommen worden), Klärung scheinbar banaler Fragen wie zum Beispiel der, ob und wie Untersuchungshäftlinge krankenversichert sind? Niemand konnte sagen, wie lange Andrej inhaftiert sein würde. Wenn eine Festnahme meines Freundes nach §129a (Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung) möglich war, dann war auch möglich, dass er für Monate oder sogar Jahre im Knast verschwinden könnte. Im Nachhinein – Andrej wurde nach drei Wochen von der Untersuchungshaft erstmals verschont, später wurde der Haftbefehl ganz aufgehoben – mag das absurd klingen. Am Anfang war es aber durchaus vorstellbar.
Wie bemerkt man Überwachung?
«Merkt Ihr eigentlich immer, dass ihr überwacht werdet?» Eine beliebte Frage, meistens beantworten Andrej und ich sie mit «Naja, hmm, eher nein». Verdeckte Ermittler_innen auf der Straße teilen ja keine Visitenkarten aus. Als das §129-Verfahren gegen Andrej schon 16 Monate lang am Laufen war, haben sich zum Beispiel folgende Dinge abgespielt: Mein Rechner im Büro fiel von einer Sekunde auf die andere in den Tiefschlaf – Power Saving Mode. Monitor reagiert nicht, Keyboard reagiert nicht, Techniker ist ratlos und hat das noch nie gesehen. Grafikkartenfehler. Einen Tag darauf rief ich Andrej in seinem Frankfurter Uni-Büro an: beim ersten Versuch – Tü-düü-düüt: «Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar» (ein Uni-Anschluss, kein Handy); beim zweiten Versuch, direkt hinterher – mein Display zeigt 30 Sekunden eine Verbindung an, zu hören ist nichts; dritter Versuch – zentrale Bandansage der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität «Sie rufen außerhalb unserer Bürozeiten an, die sind wie folgt …» (diese Bandansage gab es für den Anschluss noch nie). Ein anderes Mal klingelt mein Handy, ich gehe dran, Anruf von einem Bekannten: ich höre ihm zu, etwas gedämpft, wie er jemandem etwas erzählt. Ich beende die Verbindung, rufe ihn an und sage ihm, dass sein Handy mich gerade angerufen hat. Er wundert sich, amüsiert sich und sagt: «Hmm, naja, doch, könnte sein, es gibt da ein Problem mit der Tastensperre, wer weiß …», und hat auch tatsächlich heute einmal meine Nummer rausgesucht. Nicht unmöglich. Es gibt für alles eine ganz vernünftige Erklärung. Bestimmt.
Auf die Frage, wie Überwachung bemerkt werden kann, sage ich aber auch immer, dass ich das nicht weiß. Vieles kam mir in den letzten Jahren seltsam vor, manches so regelmäßig, dass die Vermutung naheliegt, dass das kein Zufall, sondern Folge von Überwachung war. Abgesehen aber von realen Menschen mit Knöpfen im Ohr, die sich hörbar darüber unterhielten, dass Andrej woanders langfuhr als sonst, konnten wir das natürlich nicht sicher wissen. Fast interessanter finde ich die Frage, wie damit fertig zu werden ist, dass sich die Frage ständig stellt. Wie Betroffene also vermeiden können, nur noch darüber nachzudenken, ob gerade jemand zuhört, zuschaut, dabei ist. Darüber reden (oder schreiben) hilft immer, darüber nicht irre zu werden. Denn schließlich: die Zahlen etwa zur Telefonüberwachung sind in Deutschland bekannt und enorm. Die Wahrscheinlichkeit, als politische Aktivistin davon betroffen zu sein, ist also groß. Wer das weiß, muss sich nicht ständig fragen, ob überwacht wird. Manchmal geht es ja vielleicht auch einfach darum, Überwachung spürbar zu machen, um Menschen nervös oder ängstlich zu machen. Überrascht hat mich, wieviele Menschen sich die Frage stellten, ob nicht schon das Lesen meines Blogs gefährlich sei. Dass sie es dann trotzdem taten und weiterempfahlen, hat mich gefreut. Und es blieb nicht “nur” beim Lesen: Erfahrungen wie die oben geschilderten wurden auch kommentiert, auf mal mehr, mal weniger hilfreiche Weise. Jedenfalls hatten wir so die Möglichkeit, uns auszutauschen, “vernünftige Erklärungen” zu finden und zu diskutieren. Die für mich interessantesten Reaktionen habe ich annlistenhaft in einem Best of … Reaktionen versammelt.
Nach und nach habe ich dann realisiert, dass mit der Beschuldigung und einem Verfahren nach §129a eine umfassende Überwachung des gesamten Lebens einhergeht. Nicht, dass ich das nicht eigentlich gewusst hätte. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, sich konkret in jedem Moment bewusst zu machen, dass nun wirklich jedes Telefonat abgehört, jede E-Mail mitgelesen, der Hauseingang gefilmt wird. In den ersten Tagen und Wochen war die Überwachung gar nicht mal das Hauptproblem. Wir waren allein damit völlig beschäftigt, zu verstehen, was es mit diesem Vorwurf eigentlich auf sich hatte, wie die Ermittlung konstruiert war, und was das alles mit Andrej zu tun haben sollte.
Das Terrorismus-Verfahren
Dem Soziologen und Gentrifizierungsforscher Andrej Holm wurde von der Staatsanwaltschaft und dem Verfassungsschutz der Bundesrepublik Deutschland vorgeworfen, einer der «Köpfe» und «intellektueller Hintermann» der «militanten gruppe» zu sein. Die «militante gruppe» erklärte sich seit 2001 in Deutschland für Anschläge verantwortlich, die teilweise hohen Sachschaden verursachten. All die Jahre gab es verschiedene Ermittlungen gegen unterschiedliche Leute und unter verschiedenen Aktenzeichen, alle ergebnislos. Soweit wir wissen, war das Verfahren, dass im Juli 2007 durch die Festnahmen bekannt wurde, das vierte sogenannte «mg-Verfahren».
Die ‘militante gruppe’ (mg) gab es in Deutschland immerhin tatsächlich – soweit ich das beurteilen kann – und ihre Anschläge wurden als “terroristisch”, sie selbst als “terroristische Vereinigung” eingeordnet. Anschläge auf Menschen gab es nicht. Soweit sich den Akten, die Andrej in der Untersuchungshaft ausgehändigt wurden, entnehmen lässt, war der Anlass des vierten mg-Verfahrens die Suche nach den Verfasser_innen der Bekennerschreiben der mg (, die sich zu jedem Anschlag und auch sonst sehr ausführlich schriftlich äußerte). Das jedenfalls ist die Legende des Bundeskriminalamtes (BKA). Im September 2006 verglich das Bundeskriminalamt (BKA) Texte der mg mit Texten, die in einer Datenbank gesammelt waren, u.a. von Andrej und drei Freunden, mit denen er seit langem gemeinsam wissenschaftlich publizierte. Bei neun Wörtern (unter anderem «Reproduktion», «Marxismus-Leninismus», «Bezugsrahmen», «Prekarisierung»!) fand das BKA Übereinstimmungen. Dies, so die Begründung des BKA, sei der Anlass der Ermittlung gegen die vier Beschuldigten gewesen.
Von der folgenden dadurch legitimierten Observation durch Zivilbeamte, dem Abhören der Telefone, der Überwachung der E-Mails und der Internetnutzung, dem Filmen der Hauseingänge und dem “kleinen Lauschangriff”, also der Aufzeichnung von Gesprächen im öffentlichen Raum, in Kneipen oder bei Spaziergängen, waren hunderte Freund_innen, Bekannte und Kontaktpersonen betroffen.
VOM “WAR ON TERROR” ZUM TERRORISMUS-GENERALVERDACHT
➊ Der Kurzfilm «Gefährder» von Hans Weingartner zeigt anhand des Falles von Andrej Holm und seiner Familie, wie leicht in einem Klima der Angst Politaktivisten wie Terrorist_innen behandelt werden: überwacht, ausspioniert und eingesperrt.
➋ Seit April 2007 wird in Österreich unter Ausnutzung der österreichischen “Mafia- und Terrorismusparagrafen” §278a und §278b gegen Tierschützer_innen ermittelt, seit 2010 prozessiert. Die Umstände des Ermittlungsverfahrens und der Prozess werden seit Jahren von immer mehr Beobachter_innen nur mehr als Farce charakterisiert. Daran lässt auch das ARD Europamagazin keinen Zweifel.
➌ Der vielfach preisgekrönte VideoClip «Du bist Terrorist» beschreibt eindrücklich, wie nicht nur Überwachung überall zunimmt sondern wir alle, die Bevölkerung, unter Generalverdacht genommen werden.
Nach der Verhaftung
Als bekannt wurde, was tatsächlich im Haftbefehl stand, gab es viele Fragen – von Journalist_innen, Kolleg_innen, Bekannten. Für die Bundesanwaltschaft war alles klar: es gibt vier Köpfe, konspirative Treffen, andere begehen einen Anschlag und werden auf frischer Tat ertappt. Die Massenmedien wurden von Polizei und Staatsanwaltschaft über den großen Erfolg informiert und sahen sich nicht veranlasst, kritisch nachzufragen. Aus dem Haftbefehl und den später ausgehändigten ersten Ermittlungsakten wurden in mühseliger Kleinarbeit drei Säulen erarbeitet, auf denen die Ermittlung zu stehen schien:
- Konspiratives Verhalten (z.B. «Nutzung verschlüsselter E-Mails», Ausgehen ohne Mobiltelefon)
- Kontaktschuld («Kontakte in die linke Szene», Beteiligung an den Mobilisierungen gegen den G8-Gipfel 2007 oder ähnliches)
- Kritische Wissenschaft («Die Beschuldigten verfügen über die intellektuellen Fähigkeiten, vergleichsweise anspruchsvolle Texte zu formulieren», «haben als Wissenschaftler die Gelegenheit, unauffällig in Bibliotheken zu recherchieren»)
Drei Wochen später wurde Andrej von der Haft verschont, der Haftbefehl galt aber weiterhin. Zwei Monate später entschied der Bundesgerichtshof, dass der Haftbefehl von Anfang an unzureichend gewesen sei und hob ihn auf. In einer weiteren Entscheidung beschied er, dass die «mg» keine terroristische Vereinigung sei. Nichtsdestotrotz wurde noch bis Juli 2010 gegen Andrej weiter ermittelt, wir alle überwacht, ohne Ergebnis.
Bloggen unter, trotz und gegen die Überwachung
Im Spätsommer 2007 war ich vor allem mit Telefonieren beschäftigt: es gab viele Leute, die wissen wollten, was der Stand der Dinge war, was Andrej vorgeworfen wurde, was die juristischen Möglichkeiten sind, wie sie Andrej und mir helfen konnten. Mein Leben stand Kopf. Ich begann, Sammel-E-Mails zu schreiben, in denen jeweils das Neueste stand. Erst ging es um die jeweils neue Entscheidungen der Richter und Staatsanwält_innen, um neue Details aus den Akten, um die vielen sehr unterschiedlichen Aktivitäten aus Protest gegen die Verhaftung, dann um die Freilassung. Sofort danach um eine weitere Hausdurchsuchung. Um den Widerspruch der Staatsanwaltschaft gegen die Freilassung und darum, wie es ist, jeden Moment wieder festgenommen werden zu können.
In dieser Zeit entstand der Gedanke, ein Blog zu starten. Ohne die Ereignisse wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, selbst zu bloggen. Mir liegt viel an meiner Privatsphäre und ein Blog, dessen Zentrum ja fast zwangsläufig die eigene Person ist, steht dieser Idee diametral entgegen. Umgekehrt war nicht zu übersehen, dass all die Ereignisse rund um Andrejs Verhaftung nach einem Terrorismus-Paragrafen und die damit verbundene totale Überwachung nicht nur unsere Freund_innen und Bekannten interessierte. Mitten in der öffentlichen Debatte darüber, welche Gesetzesverschärfungen zum Kampf gegen den Terrorismus eingeführt werden sollten, erlebten wir Terrorismusbekämpfung live. Wir erlebten täglich Dinge, die weit entfernt von alltäglich sind.
Anfang Oktober 2007 entstand «annalist». Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Bislang war ich als Person öffentlich überhaupt nicht in Erscheinung getreten. Es wäre einfach gewesen, als «Freundin von …» im Hintergrund zu bleiben. Ein Blog zu den Geschehnissen zu starten bedeutete, Aufmerksamkeit aktiv auf mich zu ziehen. Kann ich das verantworten, auch unseren Kindern gegenüber? Will ich überhaupt deswegen bekannt werden, weil ich die Freundin von irgendwem bin?
Reaktionen auf das annalist Blog
Im Oktober 2007 beschäftigten mich die unterschiedlichen Auswirkungen der Überwachung: Fehlschaltungen unserer Telefone, Probleme beim E-Mail-Verkehr, aber auch zivile Beamte auf der Straße oder auch einfach das Gefühl zu wissen, dass “sie” immer dabei sind. Wenn ich beschreibe, dass es regelmäßig vorkommt, dass Anrufe für Andrejs Handy bei meinem Handy ankommen, obwohl sicher seine Nummer gewählt wurde, kann ich natürlich nicht sicher sagen, dass das die die Auswirkung von Überwachung ist. Würde ich als paranoid und über der Ermittlung verrückt geworden wahrgenommen werden? Das wäre ja nicht mal überraschend, nur war ich mir sehr sicher, dass nicht ich verrückt war, sondern unsere Erlebnisse.
Genauso unwohl – und auch eine Überlegung wert – war mir bei der Vorstellung, dass es zu gezielten Gegenkampagnen etwa von Nazis kommen könnte. Und dann gab es die Frage zu bedenken, wie die Behörden reagieren könnten, die für das Verfahren verantwortlich waren. Wie weit würden sie in ihrer medialen Vorverurteilung und zur Kontrolle des medialen Darstellung gehen?
Fürs Bloggen sprach, dass wir uns in einer ziemlich einzigartigen Situation befanden und bis dahin noch niemand – jedenfalls soweit ich weiß – im deutschsprachigen Raum die vielen seltsamen “Kleinigkeiten” eines Alltags mit Terror-Fahndung aufgeschrieben hatte. Das annalist Blog bot und bietet eine Innenansicht, die Dokumentation einer ständigen Extremsituation, die sonst nur über abstrakt bleibenden Meldungen der Massenmedien erfahren wird. Und diese Extremsituation ist von breiterem gesellschaftlichen Interesse, berührt drängende Themen wie die Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit, die im Herbst 2007 virulente Diskussion des Themas “Innere Sicherheit”, staatliche Willkür und Repression, die Machtfülle der Polizeien und den Abbau der Bürger_innenrechte usw. Die Resonanz auf das annalist Blog war dann auch deutlich größer, als ich es je erwartet hätte.
Datenschutz- und Privacy-bewusste Plattformen
Für annalist nutze ich die italienische Blog-Plattform «noblogs.org», die nicht immer bequem, aber supernett und so datenschutz-bewusst ist wie keine andere. Die Noblogs-Plattform wird betrieben von «autistici.org». Autistici ist ein sich in Italien unter schwierigen Bedingungen für Freiheit, unabhängige Kommunikation und Medien engagierendes Kollektiv. Das Motto lautet «Freedom of speech implies a keen eye on privacy and security». Für noblogs.org wird freie Software verwendet und es werden, im Gegensatz zu anderen Plattformen wie etwa die von google betriebene blogger.com, weder “logs” noch irgendwelche persönlichen Daten gespeichert. Solche Kollektive gibt es noch mehr. Die meisten bieten jedoch keine Blog-Plattform an, aber andere Online-Dienste wie E-Mail, Jabber, Webspace. Empfehlungen finden sich bei Autistici oder bei Riseup.net. Nicht alle Angebote sind in der Nutzung so bequem wie kommerzielle Dienste. Dafür ist bei ihnen sicher, dass sie sich tatsächlich für die Interessen der Nutzer_innen einsetzen, denn sie verdienen nichts damit.
Ich kannte mich in der Blogosphäre nicht aus und wusste nicht, wie ein Blog aktiv bekannt gemacht wird. Ich habe mich also vorsichtig vorangetastet und zunächst nur einigen Bekannten die Adresse gegeben. Es dauerte keine drei Wochen, bis annalist in den großen deutschen Blogs verlinkt wurde und die Zugriffszahlen explodierten.
Entgegen meiner Befürchtungen waren die Reaktionen fast ausnahmslos positiv und sehr unterstützend. Viele waren entsetzt und hatten keine Vorstellung, dass “sowas” in dieser Form in Deutschland stattfindet. Es gab viele hilfreiche Informationen und Diskussionen über die technische oder praktische Seite von Überwachung. Es war offensichtlich, dass annalist für viele Menschen ganz neue Denkanstöße lieferte. Für uns war großartig, soviel positives Feedback zu bekommen, was uns darin bestätigt hat, dass der Sprung ins kalte Wasser Öffentlichkeit der richtige war.
Inzwischen ist es bei annalist viel ruhiger geworden. Die Ermittlung ging noch bis Juli 2010 weiter, war aber nach dem ersten halben Jahr kaum noch spürbar. Entsprechend gab es nicht mehr soviel Spektakuläres zu berichten, was ich nicht bedaure. Die Themen veränderten sich: über unseren sehr öffentlichen Umgang erreichten uns auch viele Informationen über ähnliche Verfahren, die aber viel weniger bekannt sind. So fing ich an, auch über sie zu schreiben. “Innere Sicherheit” und die Funktionalisierung der Begriffe “Terrorismus” oder “Extremismus” für immer repressivere Innenpolitik hat mich auch früher schon interessiert, genauso Teile der Felder Medien- und Netzpolitik. Darüber schreibe ich jetzt, weniger aufgeregt als in der existenziellen Frühphase von annalist. Und ich blogge bis heute sehr froh über die Möglichkeiten, die Blogs vorbei an kommerziellen Medien bieten. Neben den ausführlicheren Blogposts nutze ich Twitter und Identi.ca als Mikroblogs, also für Hinweise auf Websites, Artikel etc, die ich interessant oder wichtig finde, ohne gleich einen eigenen Artikel zu schreiben.


DIE ÜBERWACHUNG DER ZIVILGESELLSCHAFT
➊ Immer wieder geraten Wissenschaftler_innen ins Visier der Überwachung, weil sie sich mit Gegenständen beschäftigen, die Inlandsgeheimdiensten verdächtig erscheinen, z.B. Migration, Fremdenrecht und Menschenrechte, Orientalistik oder Islamismus, Gentrifikation und Hausbesetzungen.
➋ Die Überwachung beschränkt sich dabei nicht nur auf den Einsatz der Informationstechnologie. Immer wieder werden Fälle aufgedeckt, in denen V-Leute wie “Mark Kennedy”, “Simon Brenner” oder “Danielle Durant” in NGOs eingeschleust werden.
➌ Die Initiative und Petition «Demokratie Retten!» vereint viele bekannte NGOs und steht stellvertretend für die offensichtlich berechtigte Sorge, dass Terrorismusparagrafen und Möglichkeiten der Überwachung allzu leicht zur Kontrolle kritischen Journalismus und zivilgesellschaftlicher Arbeit missbraucht werden.
Selbstermächtigung der eigenen Geschichte
Die Vorteile des Bloggens in unserer prekären Situation waren vielfältig. Das Erzählen und Berichten bedeutete zuerst einmal, nicht vom Interesse und Wohlwollen von Journalist_innen und Redakteur_innen abhängig zu sein. Im und mit dem annalist Blog entscheide ich selbst, was veröffentlicht wird. In meinem Blog sind die redaktionellen Eingriffe, die es in anderen Medien gäbe, kein Thema. Meine Berichte von den Ermittlungen und der Überwachung reihen sich nicht zwischen andere Tagesthemen oder Betrachtungen ein, teilen sich nicht den Platz mit Werbung und Anzeigen. Und die Berichte erscheinen nicht dann oder wann, da oder dort, wenn eine Redaktion einem Bericht aktuellen “Newswert” zubilligt, sondern laufend, eine kontinuierliche Dokumentation abgebend. Das häufige Veröffentlichen und Protokollieren der Vorgänge und Erlebnisse hatte zudem den Vorteil, nachvollziehbar machen zu können, was für eine psychische Belastung die kleinen und großen Schikanen der Ermittlung im Alltag über Wochen und Monate bedeuten.
Das eigene Blog, die Kontrolle über die eigene Geschichte, die eigene Stimme zu haben, das bedeutete in unserer Situation gleichzeitig, die Differenz sichtbar zu machen, zwischen der zwangsläufig sachlichen und de facto stark von der Perspektive staatlicher Behörden beeinflussten Medienberichterstattung und unserer Sicht der Dinge; die eigene Geschichte der Geschichte gegenüberstellen zu können, die andere über dich erzählen. So ist annalist auch ein WatchBlog, eine Dokumentation der Aktivitäten der Behörden aus der Perspektive der Betroffenen. Die Sicht der Behörden ist aus den Massenmedien ja weithin bekannt. Hier fehlt in aller Regel die andere Seite: der Stress, der Irrsinn der einzelnen Maßnahmen, die Auswirkung für das Umfeld.
Mit annalist gibt es ein bleibendes Archiv, inklusive vieler unglaublichen Einzelheiten, von denen sonst viele vergessen würden. Das ständige Aufschreiben und Protokollieren der Erlebnisse hat mir immer wieder geholfen, den Kopf frei zu bekommen. Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich bestimmte Vorkommnisse aus den ersten Monaten nach einer Weile selbst kaum glauben konnte und froh war, dass ich sie dokumentiert hatte. Und das annalist Blog half von Beginn an, Menschen erreichen zu können, die sonst keinen Zugang zur Perspektive der Betroffenen hätten.
Zusammenfassung
Mein Blog annalist war zunächst eine Chronik aller seltsamen und unfassbaren Ereignisse in unserem neuen Leben. Es hat sich beruhigt, aber ist immer noch außergewöhnlich. Für mich war es erst eine Form, damit fertig zu werden, gewissermaßen Kollateralschaden im Verfahren gegen einen Staatsfeind zu sein. Das Blog war zudem eine Möglichkeit, vielen Interessierten viel mitteilen zu können. Und es war nicht zuletzt auch eine Form, mich den versessenen Staatsschützern nicht völlig macht- und hilflos auszuliefern. Und damit war das Bloggen – also das Veröffentlichen von Ereignissen aus meinem “Alltag” – eine Möglichkeit, mich gegen die Auflösung meiner Privatsphäre zu wehren.
- Lesbare Artikel schreiben – kurze, aussagekräftige Überschriften, kurz halten, Bilder einbauen, keine politischen Programme und Weisheiten, sondern interessante Geschichten.
- Kleinigkeiten beschreiben, auch wenn sie ganz unspektakulär scheinen. Wir gewöhnen uns schnell an die seltsamsten Dinge, aber andere Menschen bemerken gerade an diesen Dingen, wie sonderbar das ist, was wir zu erzählen haben.
- Preach to the converted: Nicht (nur) zur eigenen politischen Szene sprechen. Die achten zwar im Zweifelsfall übergenau auf politische Korrektheit, aber die wissen im Wesentlichen schon, worum es geht. Versucht die Menschen zu erreichen, die das Thema bisher nicht kannten.
March 20 2011
Ausblick auf ein #sbsmcamp im Herbst
Es steht gerade mal der Frühling vor der Tür und wir denken schon an den Herbst. Während wir noch parallel an Buchbeiträgen, dem Einholen von Kommentaren und Auswählen von Bildmaterial arbeiten, Luca und Christian weiter an der #sbsm-Website schrauben, befinden wir uns auch schon in der ersten Planungsphase für eine größere Veranstaltung im Oktober. Die Zeichen stehen zumindest auf “größere” Veranstaltung – nicht zuletzt deshalb auch die Erweiterung des Hashtags: von #sbsm auf #sbsmcamp.
Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.
Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.
Termin und Ort:
Mittwoch, 19. und Donnerstag 20. Oktober 2011
Catamaran, das ÖGB-Gebäude direkt bei der U2 Donaumarina, Wien
Darüber hinaus ist noch nichts “fix”.
In den nächsten Wochen und Monaten werden wir weiter daran basteln, wie wir das alles umsetzen können. Vorschläge und Mitarbeit sind gern gesehen und sicherlich möglich.
Das #sbsmcamp wird wahrscheinlich ein gutes Stück weit in Richtung Un-Konferenz gehen, es mag aber auch Elemente einer Messe oder auch eines Festivals geben. Angedacht ist neben dem Fokus auf die Themen des Buchs, möglicherweise drei Schwerpunkte an drei Halbtage zu setzen, die Ideen gehen Richtung:
Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.
Postdemokratie und Soziale Bewegungen
… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.
Globalisierungs- und Kapitalismuskritik
… und damit ebenfalls ein wiederkehrendes Thema unsers Buchs, mit Beitragenden von Robert Misik, Attac, NachDenkSeiten, Betriebsräten usw.
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Ausblick auf ein #sbsmcamp im Herbst
Es steht gerade mal der Frühling vor der Tür und wir denken schon an den Herbst. Während wir noch parallel an Buchbeiträgen, dem Einholen von Kommentaren und Auswählen von Bildmaterial arbeiten, Luca und Christian weiter an der #sbsm-Website schrauben, befinden wir uns auch schon in der ersten Planungsphase für eine größere Veranstaltung im Oktober. Die Zeichen stehen zumindest auf “größere” Veranstaltung – nicht zuletzt deshalb auch die Erweiterung des Hashtags: von #sbsm auf #sbsmcamp.
Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.
Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.
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Mittwoch, 19. und Donnerstag 20. Oktober 2011
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Darüber hinaus ist noch nichts “fix”.
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Das #sbsmcamp wird wahrscheinlich ein gutes Stück weit in Richtung Un-Konferenz gehen, es mag aber auch Elemente einer Messe oder auch eines Festivals geben. Angedacht ist neben dem Fokus auf die Themen des Buchs, möglicherweise drei Schwerpunkte an drei Halbtage zu setzen, die Ideen gehen Richtung:
Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.
Postdemokratie und Soziale Bewegungen
… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.
Globalisierungs- und Kapitalismuskritik
… und damit ebenfalls ein wiederkehrendes Thema unsers Buchs, mit Beitragenden von Robert Misik, Attac, NachDenkSeiten, Betriebsräten usw.
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Im Mittelpunkt werden natürlich die Themen, die Autor_innen, Organisationen, Gruppen und Tätigkeitsfelder des Buches stehen. Mal schauen, ob es uns gelingt, alle Beteiligten nach Wien zu bringen. Und dann wollen wir ganz nebenbei und vor allem das: arbeiten. Also nicht so sehr vortragen und präsentieren, sondern schlicht zusammen arbeiten; in Workshops und Worldcafés, an Kampagnen und unserer Medienkompetenz, an Visualisierungen und Umsetzungen von Themen, an Vernetzung und Austausch von Know How und Erfahrung, an Ideen und der Entwicklung von Strategien.
Was steht soweit fest? Wir wissen, dass wir das Abenteuer #sbsmcamp versuchen werden, wir haben einen Termin und sehr umfangreiche räumliche Ressourcen reserviert. Wenn wir alle Autor_innen, Organisationen und Themen nach Wien bekommen – von Stuttgart über Frankfurt und Berlin, von Attac über die NachDenkSeiten zu unibrennt, von Wirtschaftsdemokratie und Vermögensfragen hin zu Menschenrechten und Überwachung, zu Postdemokratie und Partizipationsfragen, von WatchBlogs über Vernetzung via Social Media Plattformen, zum Einsatz von WebVideo und Live-Streams und, und, und. Wir werden viel Raum brauchen und viele Räume parallel mit unseren Aktivitäten bespielen.
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Catamaran, das ÖGB-Gebäude direkt bei der U2 Donaumarina, Wien
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Alternative Medienakademie
… mit viel praktischen Workshops, aber auch der Arbeit an Fragen von Gegenöffentlichkeit, Rahmenbedingungen alternativer Medien, Kontrolle der großen Medienkonzerne, Zukunft des Mediensystems etc.
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… was einen viel zu großen Rahmen für nur zwei Tage abgibt, aber natürlich bei unserem Buch ein logischer Schwerpunkt sein würde, zum Beispiel mit Konzentration auf die Koalition aus PR-Journalismus und Partizipation abwiegelnder Politik, mit Überlegungen zu den Strategien der Zivilgesellschaft und natürlich mit Konzentration auf Netzthemen wie Überwachung, Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Open Data usw.
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We’ve got you under your skin
Grenzen ziehen in einem auch unsozialen Netz
«Die Kommunikation im Internet hat keine unmittelbare Rückwirkung auf das lokale Sozialleben der individuellen Teilnehmer. Daher fühlen sie sich frei(er), sich ohne Hemmungen auszudrücken. Man ist ungewöhnlich nett zueinander (so genanntes “netslutting” oder “flirting”) oder man verhält sich in nahezu exzessiver Weise beleidigend und droht anderen sogar (so genanntes “netshitting” oder “flaming”).»
Albert Benshop
Die Möglichkeit, die uns das World Wide Web bietet, relativ unabhängig von Raum und Zeit mit anderen nah und fern, uns bekannt oder unbekannt zu kommunizieren, ist vorbehaltlos wunderbar. Gleichzeit ist das mit dem Kommunizieren auch wieder eine ambivalente Geschichte im und via dem Internet. Aus zwanglosen Unterhaltungen erwachsen unbekannte Verehrer_innen, weil da so viel Raum für Phantasie ist. Aus dem einen oder anderen Kommentar entsteht ein hitziger Schlagabtausch, der in Beleidigungen mündet, weil wir ohne Mimik und Gestik unsere Gegenüber leichter missverstehen. Ein Scherz wird zwar von (fast) allen als solcher verstanden, gerät aber doch bei jemanden in die falsche Kehle, den wir im erweiterten Bekanntenkreis haben. Und dann sind da manchmal Leute, die nur vorgeben Gespräche führen zu wollen. Im Netz gilt daher ähnlich wie im so genannten Real Life, dass wir Grenzen setzen sollten.
Abgrenzungen zum Selbstschutz auf Facebook
Bei Facebook sind Mitte 2010 über 10 Millionen Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland angemeldet. 60 Prozent der Nutzer_innen sind zwischen 18 und 35 Jahren alt. Wer viele Personen erreichen will, sich an deren Diskussionen, Empfehlungen und Hinweisen beteiligen will, kommt an Facebook 050 nicht vorbei. Die Datenschutzeinstellungen bei Facebook sind problematisch und nur umständlich einzustellen. Der einzig wirklich sichere Weg, die eigene Privatsphäre und Person zu schützen wäre also, sich von Facebook fernzuhalten.
Mit Facebook verhält es sich ähnlich wie mit Sex. Der sicherste Weg sich nichts zu holen, wäre auch hier, darauf komplett zu verzichten. Das kann eine Option sein, dabei entgeht einem aber auch etwas. Folgende Hinweise sind für alle die gedacht, die trotz dieser Bedenken Facebook nutzen wollen, also analog zu safer sex auch sicher kommunizieren wollen. Das beginnt mit dem Anlegen eines Benutzerkontos, wenn du nicht bereits eines hast. Leg zuerst eine eigene E-Mail-Adresse bei einem Webmail-Anbieter an, die du zur Erstellung und Verwaltung von Social Media Accounts verwendest, verbinde nicht deine dienstlichen und privaten E-Mail-Konten mit Facebook. Gleich im Zuge der ersten Schritte beim Anlegen eines Benutzerkontos schlägt Facebook nämlich vor, “dich Freunde finden” zu lassen, wenn Du Zugriff auf die von Dir gespeicherten Mailadressen zulässt. Finger weg davon. Facebook speichert diese E-Mail-Adressen bei sich und Du hast keine Kontrolle mehr darüber, was dort damit passiert. Wenn du Felder mit Angaben zu deiner Person ausfüllst, kannst du einfach darauf verzichten, Angaben zu Schule, Hochschule und Arbeitgeber zu machen. Auch deinen Geburtstag musst du anderen, und den diversen angehängten Datenbanken, nicht öffentlich machen.
Facebook bietet wie andere Anbieter auch von dir als Benutzer_in definierbare Profil- und Datenschutz-Einstellungen an. Mehr noch als jede andere Plattform versucht das Unternehmen Facebook aber, diese Einstellungen kompliziert zu halten. Sie sind mühsam zu durchschauen, zu ändern und werden aber vom Unternehmen selbst laufend geändert; in der Regel, ohne den Benutzer_innen etwas davon zu sagen. Schon alleine daher zahlt es sich aus, immer wieder einmal nach den Empfehlungen von Facebook kritischen Organisationen zu schauen. Einige Empfehlungen gibt es als Anleitungsvideos auf YouTube (eine ausführlichere Version der hier angebrachten Hinweise findest du bei der IG Metall). Die von Facebook vorgeschlagenen Einstellungen für die Privatsphäre kannst du schmeissen, geh auf «Benutzerdefinierte Einstellungen» und geh das einmal aufmerksam durch.
Wie sollte man mit “Anderen” auf Facebook umgehen?
Wir können uns auf Facebook mit anderen dort angemeldeten Personen vernetzen, in dem wir diesen Personen eine Freundschaftsanfrage schicken beziehungsweise auf von anderen kommenden Freundschaftsanfragen reagieren. Für die Vernetzung mit wenigen uns bekannten Personen spricht, dass wir so unsere eigene Person und Daten eher schützen. Für die Vernetzung mit vielen spricht umgekehrt, dass in größeren sozialen Netzwerken eher interessante Informationen zirkulieren. Wir empfehlen, diese “Freunde” wie es bei Facebook heißt, in verschiedene Listen aufzuteilen. Für die Freunde, die wir auch im wirklichen Leben als solche bezeichnen würden, sollte es eine Liste “Gute Freunde” geben. Arbeitskolleg_innen kommen in die Liste “Kollegen”. Weitere Kontakte uns nicht näher bekannter Personen, die aber interessante Benutzer_innen des Netzwerks sind, kommen auf eine eigene Liste. Über diese Einteilung lässt sich dann genauer steuern, wer welche Informationen zu sehen bekommen soll. Ohne diese Aufteilung sehen auch Kollegen_innen und nicht nur die guten Freunde jede kritische Bemerkung zum Arbeitsplatz.
Hast du einmal Listen angelegt, kannst du bei den oben schon erwähnten «Benutzerdefinierte Einstellungen» bestimmen, wer welche Informationen von deinem Account sehen kann, also zum Beispiel dein Geburtsdatum oder deine Ausbildung sehen kann. Besondere Beachtung verdient die Funktion, von anderen auf Fotos oder in Beiträgen markiert zu werden. Wenn du kein Bild einer Voodoo-Puppe mit einer Markierung deiner Person sehen willst, nicht mal im Scherz, dann deaktiviere diese Funktion.
Von dir veröffentlichten Beiträge können durch mit dir vernetzte Freunde auf deren Pinnwand gesehen, weitergeleitet und natürlich auch kommentiert werden. Wenn du Kontakte in einzelne Listen aufgeteilt hast, kannst du Beiträge aber auch gezielt nur für eine bestimmte Gruppe veröffentlichen. Manches sollte schon aus Selbstschutz nur für bestimmte Gruppen sichtbar soll. Die einfachste und harmloseste Form des Feedbacks ist ja der Klick auf «gefällt mir». Damit interessante Info weiter verbreitet werden, muss aber die «Teilen» Schaltfläche bemüht werden, und in der Regel wollen wir unsere Informationen auch weitergeleitet sehen. Manchmal entwischt Facebook-Nutzer_innen so jedoch ein schnell getippter Eintrag, den sie dann nicht mehr zurück holen können. Wenn dein Eintrag kommentiert oder weitergeleitet wird, wird der Kreis derer, die ihn sehen und wiederum kommentieren können größer. Unter diesen Kommentaren können auch negative, beleidigende oder schlicht sinnlose Wortspenden vorkommen.
Auch Mobbing ist bereits seit längerem ein Phänomen, dass auch im Netz und auf Facebook eigene Dynamiken entfalten kann. Im schlimmsten Fall werden Hetzreden viral, weil viele Schranken direkter Interaktion beim Cyber-Mobbing online wegfallen und das Netz auch keine Ruhephasen kennt. Wir selbst können uns nicht prinzipiell davor geschützt, nicht einmal durch eigene Abstinenz im Web. Da sind wir schon auf der sichereren Seite, wenn wir uns souverän im Netz und den sozialen Netzwerken zu bewegen verstehen und viele Netzwerkverbindungen zu solidarischen Freund_innen haben. Dann kann zwar immer noch nicht verhindert werden, dass sich Trolle in unsere Kommunikation einmischen. Wir sind aber gemeinsam kompetenter und stärker.
Der Unbill mit Trollen
Sie sind Wesen unbekannter Art und unbekannten Namens, des Schreibens mächtig, am sinnverstehenden Lesen nicht interessiert, die Trolle. Sie tauchen ungefragt und ungeladen in Kommentarspalten von Blogs, Facebook-Seiten oder in Foren auf und hinterlassen dort Beiträge, die wir sechs Kategorien zuordnen können. Ihre Beiträge sind entweder (a) zweckbefreit, (b) sinnlos, (c) diskussionsstörend, (d) beleidigend, (e) offensiv-angreifend, (f) von Argumenten befreit oder mehreren dieser Kategorien zuzurechnen. Sie hinterlegen sozusagen “getippten Sondermüll” und überlassen es nur zu gerne anderen, sich um ihre Hinterlassenschaften zu kümmern. Trolle können in Anwendung der dreiklassigen “Digitaler Mob Skala” eingestuft werden werden:
1. Harmloser Kindergartentroll : Sie schreiben Einträge wie «Trollolo» oder «hahahahah hohoho» oder posten Links zu ihrer Meinung nach “lustigen” Bildern, wählen also Methoden a, b und c.
2. Pubertierende Halbstarkentrolle: Sie schreiben Kommentare unter ausgiebiger Verwendung von Sprächen wie «dumme Nutte», «zu dumm zum Leben» oder «fick dich», dehnen also ihre Methoden von a, b und c auch auf d aus.
3. Echte Trolle : Sie machen eindeutig die unangenehmste aller Trollarten aus, da sie nicht nur ein wenig herumpöbeln wollen. Ihr Ziel ist die Zerstörung beziehungsweise Verunmöglichung jeder Debatte und Diskussion. Echte Trolle benutzen alle Methoden außer Methode a.
Trolle der Klassenstufen Kindergartentroll und Halbstarkentroll verwenden für ihre Beiträge in aller Regel sogenannte “Kopierpaste”, das heißt Texte, die aus einem beschränkten Trolltextvorrat herauskopiert und eingefügt werden. Sie heißen Bernd, Bernhard, Eisenhower, Bernadette oder ähnlich. Manchmal tauchen auch andere Namen auf. Echte Trolle der Klasse 3 benennen sich differenzierter und sind über den angegebenen Namen nicht sofort zu erkennen. Im Gegenteil, sie verwenden Namen als eines der Mittel, Verwirrung und Frustrationen zu stiften, in dem sie sich als anerkannte Teilnehmer_innen von Diskussionen ausgeben. Echte Trolle sind zielorientiert und das gelingt ihnen am besten, wenn sie sich nicht dem Risiko des sofortigen Gelöschtwerdens aussetzen, sondern vordergründig sachlich schreiben, zumindest was ihren Tonfall und die allgemeine Ausdrucksweise betrifft. Jedoch bedienen sie sich der “Derailing for Dummies” Methoden in nahezu perfekter Weise und versuchen, jegliche konstruktive Diskussion zu zerstören.
Trollen aller drei Klassen ist gemein, dass sie vollständig anonym sind und um jeden Preis bleiben wollen beziehungsweise müssen. Anonymität gehört zu den Grundbedingungen ihrer Existenz. Fast alle nutzen ausgiebig Anonymisierer und TOR-Dienste, um ihr Unwesen ungestört zu treiben.
Was wollen Trolle?
Trolle der Klassen 1 und 2 wollen stören, erwarten sich aber eigentlich keine größere Beachtung. Sie posten ihre “Kopierpaste” und lachen heimlich allein im Keller. Sie wissen nie, was mit ihren Postings geschieht, da diese in aller Regel nie freigeschaltet werden (außer in unmoderierten Blogs und Foren, wo das Posten aufgrund des überdurchschnittliche hohen Trollbefalls aber keinen Spaß macht). Diese Kindergarten- und Halbstarkentrolle haben keine Strategie, sondern agieren wahllos. Daher kann es jede_n im Web treffen, alle können Besuche dieser Art von Trollen erhalten.
Die “echten Trolle” sind ein anderes Kaliber, denn sie haben ihre dezidierten Zielvorstellungen: eine Diskussion durch Kumulation aller Aufmerksamkeit auf das Trollposting zu zerstören. Ihr Ziel haben sie erreicht, wenn Diskussionsteilnehmer_innen nur noch auf ihre meist unsinnigen, stereotypen Pseudoargumentationen eingehen und das eigentlich ursprüngliche Diskussionsthema vollkommen verdrängt worden ist. Lässt das Interesse an der Diskussion letztlich aufgrund des Trollbefalls nach, verschwindet der Troll beglückt und sucht sich ein neues Zielobjekt, sprich ein anderes Blog oder Forum. Zu diesem Zweck durchkämmt der echte Troll das Internet nach Triggerworten wie: «Schwule», «Lesben», «Krieg», «Islam», «Nazi», «Frauen», «Feminismus», «Männer», «Israel», «Politik», «Sex», «Geschlecht», «Emanzipation» uns so weiter. Diese oftmals kontrovers diskutierten Themen bieten die größte Trollangriffsfläche, weshalb sich der echte Troll dort am wohlsten fühlt. Der gemeine Troll liebt auch die Gemeinschaft mit anderen Trollen, weshalb er oft in Rudeln auftritt und in seinen Trollhöhlen wie krautchan oder 4chan zu gemeinsamen Trollfeldzügen aufruft. Trolle können aber auch bezahlt werden und spezielle Aufträge übernehmen, etwa die interne Kommunikation von NGOs und sozialen Bewegungen stören oder die Online Auftritte der Massenmedien heimsuchen und bei ausgesuchten Themen unter Artikel posten.
Der Umgang mit Trollen und ihren Hinterlassenschaften
Die erste Entscheidung, die Blogger_innen treffen können, ist jene ob Kommentare überhaupt möglich sein sollen, nur eingeschränkt oder gar nicht. Ist die Entscheidung gegen Kommentare gefallen, ist dem Blog allerdings von Beginn an viel seines möglichen Charmes genommen. Ein Blog “lebt” erst richtig durch den Austausch mit anderen. Fällt die Entscheidung für Kommentare, sollte sich jede_r Blogger_in (und jede_r Moderator_in von Forenseiten und Fanpages) Kriterien überlegen, ab wann die eingehenden Kommentare als Trollerei eingestuft werden. Während für die eine «du Homo» noch eine “normale Meinungsäußerung” oder in der Community gebräuchlicher Ausruf ist, kann es für andere und in anderen Kontexten eine üble Beleidigung sein. Nur du weißt, wo deine persönliche Grenze liegt. Du solltest freilich auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie deine Community das sieht und wo deren Grenzen liegen.
Als Community-Manager_in eines kollaborativen Blogs mit offiziellerem Rahmen gelten nochmals andere Regeln, die auch gemeinsam ausgemacht gehören. Du darfst in deinem Blog diese Grenze festlegen, du allein bestimmst darüber. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass mensch zumindest auf diesen eigenen Seiten das Hausrecht hat! Sind die Kriterien in etwa festgelegt, können und sollten sie als Regeln im Blog oder Forum für alle sichtbar veröffentlicht werden. Nur: das verhindert das Auftauchen der Trolle jedoch in keiner Weise.
HASS IM NETZ, TROLLE, GERÜCHTE SCHLEUDERN
➊ In «Zero Comments» beschäftigt sich der Medienwissenschaftler Geert Lovink kritisch mit Internetkultur, mit taktischen Medien, Aktivismus im und für das Netz, Grassroots-Bewegungen versus NGOs. Und er berührt auch «nihilistische Impulse im Netz».
➋ Auf der «re:publica 2011», der Konferenz über «Blogs, soziale Medien und digitale Gesellschaft» präsentiert Sasha Lobo die Erkenntnisse seiner persönlichen Troll Forschung.
➌ Im Juni 2011 gelingt es Hacker_innen in die Mobbing-Plattform isharegossip.com einzudringen, gegen die von Seiten der Staatsanwaltschaft ermittelt wird. Die Täter agierten bis dahin in der Sicherheit absoluter Anonymität.
Wenn trollige Einträge eingegangen sind, die sich offensichtlich nicht an die Hausordnung halten, stellt sich zuerst die Frage des Löschens oder Nicht-Löschens? Das angenehmste Szenario ist Löschen und der Troll verschwindet. Das tut er tatsächlich oft, aber nicht immer. Einige kleben an der Backe wie ausgelutschtes Kaugummi unter der Schuhsohle und an der Stelle kommen nun in der Regel die “Zensur” und “Beschneidung der Meinungsfreiheit” Vorwürfe. Zensur ist allerdings ein staatliches System der Informationskontrolle und du moderierst ein Blog oder Forum. Der Troll wendet sich nicht als Bürger an die Verwaltung, sondern ist ein ungebetener Gast, der sich nicht an die Hausordnung hält. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das kannst du ganz gut an der Stelle des gelöschten Kommentars feststellen und für alle anderen damit sichtbar machen, wie du vorgegangen bist. Falls du den Trollkommentar nicht löschst, gibt es die beiden Optionen, den Kommentar zu beantworten oder nicht. Ignorierst du die Trollabsonderung und alle anderen tun das auch, so verschwindet der Troll meistens mangels Aufmerksamkeit; aber nicht immer, siehe oben. Falls du den Troll ignorierst, andere Diskutant_innen aber antworten, bleibt der Troll dem Blog oder Forum ziemlich sicher erhalten und Diskussionen sind im schlechtesten Fall zerstört.
Trollbefall nicht persönlich nehmen
Für die Psyche der von Trollbefall Betroffenen ist es gut, wenn wir Kontakt zu gleichermaßen Betroffenen suchen. Insbesondere wenn du beschlossen hast, Trollkommentare zu veröffentlichen oder dir die zusätzliche Arbeit des Moderierierens von Kommentaren nicht antun willst, solltest du dich mit anderen absprechen. Zu mehreren kann ein Troll besser “in Grund und Boden geantwortet” werden, Stichwort: Argumentationshoheit gewinnen. Oder er kann auch besser gemeinsam ostentativ ignoriert werden. Werden die persönliche Beleidigungen zu schlimm, ist es wiederum guttuend, im Austausch mit anderen festzustellen, dass wir nicht die einzigen Betroffenen sind. Darüber hinaus macht der Kontakt mit anderen sichtbarer, dass Trolle nicht dich persönlich attackieren und eigentlich niemals eine spezielle Persönlichkeit angreifen, sondern ihre Angriffsziele stets nur nach den oben genannten Triggerworten auswählen.
Neben den anonymen Boards, die den Trollen zum Austausch dienen, gibt es neuerdings auf der anderen Seite das Projekt hatr.org. Diese “Trollhalde” oder “Jauchegrube für Trolle”, wie wir es gern nennen, hat es sich zum Ziel gesetzt, die grausigsten Kommentare zu sammeln, die zu eklig, beleidigend, dumm, grob, hasstriefend, rassistisch, homo- oder heterophob, sexistisch etc. sind, um sie im eigenen Blog durchzulassen. Diese Absonderungen von Trollen werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, Blog oder Forum herausgelöst und der direkten Angriffsfläche entzogen. In ihrer geballten Form sind sie dann schon wieder lustig. Und es ist besser über Trolle zu lachen, als sich über sie zu ärgern. Die Kommentare verlieren ihre ursprünglich boshafte Energie und zeigen auf, wie beschränkt Trolle wirklich sind. Zugleich wird durch auf hatr.org geschaltete Werbung Geld für Projekte gesammelt. Die Plattform – ein quasi WatchBlog von Trollexzessen trifft es mit seinem Motto auf den Punkt und die Trolle in ihrer Ehre, indem es (ihre) «Scheiße zu Geld» macht.
Eine ganz neue Qualität gewinnt das Trollen, wenn es zum Stalken wird. Hier ist der Spaß definitiv vorbei. Stalker sind in der Regel nicht mit schlicht beleidigenden Blogkommentaren zufrieden. Sie geilen sich erst richtig auf, wenn sie per Kommentar oder häufiger noch per E-Mail anonym Morddrohungen, Vergewaltigungs- und Folterankündigungen schicken, die Familie der Betroffenen bedrohen, oder sich gleich selbst zum Besuch ankündigen. In diesen Fällen sollte unbedingt die Polizei informiert und der Täter angezeigt werden («Anzeige gegen Unbekannt»). Stalking, auch Cyberstalking, ist eine Straftat, die von Rechts wegen verfolgt werden muss. Nun brauchen wir nicht glauben, dass Stalker so einfach gleich ermittelt und bestraft werden. In aller Regel werden diese Verfahren schnell eingestellt, da die Täter nicht ausfindig gemacht werden. Aber die Anzeige ist dennoch wichtig, um das Ausmaß, Häufigkeit und die Verbreitung dieser Straftat öffentlich bekannt zu machen. Auch um klar zu machen, dass das kein “Kavaliersdelikt” und auch kein “Spaß” ist.
Zusammenfassung
Der Kommunikationsraum Internet bietet tolle Möglichkeiten und birgt gewisse Risiken. Die Kommunikationskanäle im Netz sind gleichzeitig unglaublich leistungsfähig und aber auch reduziert und entgrenzend. Da ist es häufig schwierig einzuschätzen, wo unsere Kommentare überall landen. Umgekehrt können wir nicht immer sicher sein, wie andere ihre Aussagen meinen, ob sie sind, wer sie vorgeben zu sein und ob sie überhaupt in der Art und Weise an Kommunikation interessiert sind, wie wir das annehmen. Nicht zu kommunizieren ist angesichts dieser Risiken keine erstrebenswerte Lösung. Wir müssen lernen Grenzen zu ziehen. Wir sollten überlegen und müssen bestimmen, wer wo wie weit gehen kann und wer wo was darf und was nicht.