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February 20 2012

#sbsm beim Metaday #48

Letzten Freitag hat Mitherausgeber hc voigt beim Metaday #48 etwas zum Konzept des #sbsm Projekts erzählt. Der Metaday ist eine regelmäßige Veranstaltung des Wiener Hackerspace Metalab:

Einmal im Monat lädt das Metalab Vortragende aus aller Welt ein, bei uns von ihren Projekten und Ideen zu erzählen. Anschließend gibt es Platz für Lightning Talks, wo Besucher aktuelle Unternehmungen und Vorhaben vorstellen können, sowie ein Buffet und gemütliches Ambiente für Diskussion und Austausch.

Der Vortrag ist aufgezeichnet und hier in zwei Teilen dokumentiert. Der erste Teil ist angekündigt als «knapper Überblick zu einem an Systemlogiken gemessen ziemlich unwahrscheinlichen Projekt». Soll heißen, Christian erzählt einfach etwas zur Grundidee, zur Entwicklung und zu Hintergründen des Cross Media Projekts …

Der zweite Teil ist angekündigt als «Einblicke zu Fällen, die nicht publiziert werden können» und greift vor allem das Thema des Buchbeitrags Heul nicht! Sag was! von Lanu und Christian auf.

Teil 1:

www.youtube.com/watch?v=E4Vwr8H_K4w

Teil 2:

www.youtube.com/watch?v=7oIeacg4UKg

und immer einen Besuch wert, das

Metalab Wien

Metalab Wien

November 28 2011

Dezentrale Aktionstage – ein Erfahrungsaustausch

Im Laufe der zwei Tage des #sbsmCamps ging es immer wieder um selbstorganisierte Formen politischen Engagements. Auf solche Agitationsweisen sind insbesondere Gruppen angewiesen, die ihre Anliegen zunehmend weniger durch bestehende Organisationen und Interessenvertretungen vertreten sehen. Dezentrale Aktionstage wie MayDay, der 1. März Streik oder der „Santa Precaria“ Aktionstag, mit denen sie auf ihre Problemsiatuation aufmerksam machen, waren Thema eines Erfahrungsaustausches in Form eines #sbsmTaalks.

www.youtube.com/watch?v=VOwKFwe1mUQ


Die Anliegen von beispielsweise prekär beschäftigten (Wissens-)ArbeiterInnen oder MigrantInnen. sind meist nicht massentauglich und ihre Ressourcen stark begrenzt -- trotzdem muss etwas passieren. Doch wo fängt mensch an, wie funktioniert Aktivismus unter prekären Bedingungen? Ist politisches Engagement nur unter gnadenloser Selbstausbeutung möglich? Diese Fragen waren Ausgangspunkt für die Diskussion, die den TeilnehmerInnen die Möglichkeit bieten sollte, ihre Anliegen vorzustellen. Darüber hinaus wurden auch Kooperationsmöglichkeiten und “Brückenschläge” zu Gewerkschaften thematisiert. An der von Philipp Sonderegger moderierten Diskussion nahmen Zoraida Nieto (1. März Streik), Philip Taucher (MayDay, Prekär Cafe)
Michi Botka (GPA-djp work@flex) und Andrea Schober (GPA-djp work@flex).

November 16 2011

Vortrag und Debatte zu liquid democracy

Für den zweiten Tag des #sbsmCamps war ein Vortrag zu Liquid Democracy in Theorie und Praxis angekündigt. Am #sbsmCamp selbst ging es laufend in den verschiedensten Aspekten auch um den Antagonismus zwischen ► Mitgliedern / Basis / Grassroots auf der einen und ► Hauptamtlichen / Führung / Organisation auf der anderen Seite. Bei dem Vortrag zu Liquid Democracy handelte es sich um den Schluss- und Höhepunkt mehrerer Sessions, die alle mit diesem Verhältnis vor allem in großen -- heißt mitgliederstarken -- Organisationen zu tun hatten. Die interne Kommunikation, Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in komplexen, großen, mehr oder weniger demokratischen Organisationen (wie Parteien, Gewerkschaften, Genossenschaften, Kirche, großen NGO’s, …).

Hier ist die Aufzeichnung des Vortrags von Markus Stoff mit der anschließenden lebhaften Debatte. Im folgenden gibt es unten dann meine überarbeitete Mitschrift des Vortrags und der anschließenden Debatte, die in drei Abschnitte gegliedert ist.

www.youtube.com/watch?v=ETuUz308Zm0

Anmerkungen, Korrekturen, Ergänzungen zur Mitschrift gerne unten als Kommentar anfügen. Wird dann bei Gelegenheit noch eingearbeitet.

1. Liquid Democracy zwischen repräsentativer und direkter Demokratie
2. Prinzipien und Werkzeuge der Liquid Democracy
3. Die lebhafte Debatte

Liquid Democracy als fließender Übergang zwischen repräsentativer und direkter Demokratie

“Die Wahlmöglichkeit heißt also nicht nur: Konzentration oder Zerstreuung. Eher besteht eine Alternative zwischen dem Eingleisigen und dem Mehrgleisigen im Verhältnis der Medien zur »Öffentlichkeit«, zum »Publikum«. Die Verantwortung – die Freiheit der Presse und gegenüber der Presse – hängt stets von der Wirksamkeit eines »Rechts auf Antwort oder Erwiderung« beziehungsweise »Rechts auf Gegendarstellung« ab, das es dem Bürger [sic!] gestattet, mehr zu sein als nur der (immer weiter ins Private abgleitende) Bruchteil einer passiven »Öffentlichkeit«, einer Öffentlichkeit, die nur aus Verbrauchern sich zusammensetzt und darum zwangsläufig beschädigt ist. Gibt es Demokratie ohne Gegenseitigkeit?”

Jacques Derrida, in: Die vertagte Demokratie

Um den Ansatz der Liquid Democracy als fließenden Übergang zwischen repräsentativer und direkter Demokratie zu markieren, wird in der Einführung dieser klassische Gegensatz noch einmal hervorgehoben.

Repräsentative Demokratie: sind die Delegierten einmal gewählt, gibt es während der jeweiligen Legislatur-Periode keine Einflussnahme mehr auf die Regierungsentscheiden. Die Möglichkeiten, sich als Bürger_innen direkt durchzusetzen, sind sehr beschränkt (etwa auf Volksbegehren). Die Effizienz der repräsentativen Demokratie ist in dieser Hinsicht sehr hoch: zeitnahe und schnelle Entscheidungen können getroffen werden – allerdings ausschließlich von den wenigen Entscheidungsträger_innen, die in Österreich außerdem noch unter Klubzwang stehen.

Direkte Demokratie: die Regierungsentscheidungen kommen über verbindliche Volksbefragungen auf breitem Konsens zustande. Eine jeweilige Mehrheit entscheidet, die Machtakkumulation ist gering und die Korruptionsresistenz hoch.
Allerdings: die Entscheidungsfindungen sind langwierig (“ineffizient”) und gehen immer von einer jeweiligen Mehrheit aus -- wie und unter welchen Gesichtspunkten sich diese Mehrheiten konstituieren spielt für die Entscheidung keine Rolle. Ausschlaggebend für die Wahl, die Entscheidung ist das jeweilige Stimmenverhältnis und nicht der Meinungsbildungsprozess.

Zwischen diesen beiden Polen ist Liquid Democracy anzusiedeln: die Stimme bzw. Stimmen werden nicht ein für alle Male innerhalb einer Legislatur-Periode abgeben, sondern fallen bei allen zu treffenden Entscheidungen ins Gewicht. Das Prinzip des delegated voting, der Delegationsketten, entlastet die Bürger_innen, die nicht die Kapazitäten und Ressourcen haben – können, sich jeweils mit allen zur Abstimmung stehenden Themen eingehend auseinanderzusetzen.

Fließend ist der Übergang zwischen repräsentativer und direkter Demokratie, da es bei Liquid Democracy Ansätzen darum geht, den Meinungsbildungs- und den Abstimmungsprozess darszustellen, transparent zu machen und insofern zu demokratisieren. Ausschlaggebend sind also nicht mehr die einmal für einen bestimmten Zeitraum (Legislatur-Periode) gewählten Repräsentant_innen (repräsentative Demokratie); ausschlaggebend ist also auch nicht mehr das Verhältnis der einmal abgegebenen Stimmen (direkte Demokratie); ausschlaggebend soll vielmehr der Prozess sein, in dem sich eine Abstimmung vollzieht und vollzogen haben wird.
Prozess statt Zustand. Zustande Kommen anstatt Zustande Bringen.

Gegenseitigkeiten: Prinzipien und Werkzeuge der Liquid Democracy

Das Prinzip des delegated voting, der Delegationsketten, gewährleistet, dass sich nicht alle Bürger_innen so mir nichts dir nichts zu Expert_innen für alles erklären, oder sich in alle zur Abstimmung anstehenden Themenbereiche einlesen müssen. Verantwortungslose wäre das eine, unmöglich (aus zeitlichen, ökonomischen etc. Gründen) das andere.

Werkzeuge für Abstimmungsverfahren im Sinne der Liquid Democracy sind Liquid Feedback und Adhocracy Tools. Markus Stoff stellt vor allem Liquid Feedback Systeme vor, wie sie teilweise bei der SPD, im Bundestag und vor allem bei der Piraten Partei eingesetzt werden.

Delegated voting: Die Stimmabgabe – die Entscheidung über ein bestimmtes Thema – kann, aber muss nicht delegiert werden. Je nach Kompetenz und Selbsteinschätzung entscheidet sich die Bürger_in entweder direkt, oder sie entscheidet sich dafür, ihre Stimme an eine andere Person – ihrer Wahl – zu delegieren. Diese Person, an welche die Stimme delegiert wurde, hat wiederum ihrerseits die Wahl, entweder direkt zu entscheiden (mit ihrer + den an sie delegierten Stimmen im Rucksack), oder ihre Stimmen an eine andere Person weiterzugeben.

Prinzipiell gibt es also keine Repräsentant_innen, die sich und ihre Standpunkte zur Wahl stellen. Delegiert werden kann die Stimme an jede Person, die von der Bürger_in als in diesem Bereich kompetent und im eigenen Interesse zuverlässig erachtet wird. Delegierte Stimmen gehen nicht verloren, sondern werden weitergegeben (“Rucksack”): die Person, an welche eine oder mehrere Stimmen weitergegeben werden, trägt diese Stimmen mit. Entscheidet sie sich, selbst abzustimmen, stimmt sie mit der entsprechenden Anzahl an Stimmen (“im Rucksack”) ab. Entscheidet sie sich, ihre Stimme zu delegieren, delegiert sie zusammen mit ihrer Stimme auch die an sie weitergegebenen Stimmen.

Durch das Prinzip des delegated voting entstehen Delegationsketten. Wesentlich dabei ist, dass die Bürger_innen, die ihre Stimme an eine Person ihrer Wahl weitergeben, nachvollziehen können, ob in ihrem Sinne abgestimmt oder delegiert worden ist. Denn: delegierte Stimmen können auch entzogen werden. Angesichts der Transparenz der Abstimmungen, der Nachvollziehbarkeit der jeweils delegierten und abgegebenen Stimmen, wird die geheime Wahl obsolet.

So, wie keine bestimmten Repräsentant_innen mehr vorgesehen sind, so sollte es grundsätzlich auch keine Moderationsinstanzen mehr geben in den Abstimmungsforen, bei den Liquid Feedback Tools.
Allerdings: sowohl das Prinzip des delegated voting als auch die Werkzeuge zur Umsetzung von Liquid Democracy Abstimmungsverfahren sind leichter ausgedacht als umgesetzt.

Eine lebhafte Debatte … um die Werkzeuge

Der Verzeicht auf Moderationsinstanzen in den Liquid Feedback Systemen setzt eine sehr hohe Trollresistenz der Software voraus. Weder Trolle noch notorische Lautsprechs haben etwas verloren in den Abstimmungsprozessen. Außerdem gibt es unterschiedliche Verfahren, denen zufolge eine Entscheidung zustand kommen kann und die in unterschiedlichen Absichten, mit verschiedenen Interessen (‘Effizienz’, ‘Transparenz’, etc.) zum Einsatz kommen können.

Für den Verlauf einer Abstimmung spielt es eine große Rolle, ob die Stimmen nach Präferenz gereiht werden (Konsenssystem: mehreren Initiativen und Vorschlägen kann zugestimmt werden mit jeweils unterschiedlicher Präferenz) oder einfach ausgezählt werden (quantitativ: die Zustimmung ist nur für eine Initiative, einen Vorschlag möglich).

Eine lebhafte Debatte … ums Prinzipielle

Rund um das Prinzip des delegated voting, das für in repräsentativer Demokratie Eingeschulte relativ ungewohnt ist, ist lebhaft debattiert worden. Die wichtigsten Angelpunkte dieser Diskussion sind die Aufgabe der geheimen Wahl/Abstimmung, die Gefahr einer Expertokratie und mit dieser einhergehend die Frage nach expliziten wie impliziten Zugangsbeschränkungen zu diesen ‘vernünftigen’ Abstimmungsverfahren.

Angesichts der Stimmendelegationen, des delegated voting, ist eine geheime Wahl nicht sinnvoll. Ob die Aufgabe der geheimen Wahl einen Fortschritt bei der Demokratisierung von Meinungs- und Abstimmungsprozessen darstellt, oder umgekehrt einen Schritt zurück hinter den Schutz der jeweils eigenen Stimme und Stimmen-Abgabe durch das Wahlgeheimnis, darüber ist debattiert worden.
Zu einem Schluss hat diese Debatte nicht geführt, sondern: einerseits zu verschiedenen Aspekten, unter denen die Notwendigkeit offener Abstimmungen in Liquid Feedback Systemen durchaus kritisch betrachtet werden kann; andererseits zu Ansatzpunkten, entlang derer das Wahlgeheimnis seiner Selbstverständlichkeit enthoben auch von von anderen fragwürdigeren Seiten betrachtet werden kann – und darf.

Das Prinzip des delegated voting forciert möglicherweise eine Expertokratie. Fragen wie – Wer traut wem welches Wissen, welche Ein- und Ansichten zu? Wer traut sich zu, die Stimmen direkt abzugeben? Wer interessiert sich für welche Themen und Initiativen? Wer verfügt über die entsprechenden Kompetenzen (Sprache, Lesen, …) und Ressourcen (Zeit, Zugang zu Informationen, …)? Wer kann von welchen Positionen aus die Perspektive entwickeln, sich diese Kompetenzen und Ressourcen anzueigen und sie zum Einsatz zu bringen? – spielen weit über unmittelbares Abstimmungs- und Wahlverhalten hinaus. (Die berühmte “Billa-Verkäuferin” ist kurz in der Diskussion herumgespukt.)
Wenn Liquid Democracy als eine allgemeine Form der Demokratisierung von Meinungsbildungs- und Abstimmungsprozessen behauptet wird, dann werden die impliziten Zugangsbeschränkungen ausgeblendet -- eben in und mit dem Anspruch, sich ‘vernünftig’, d.h. auf einer bestimmten und ziemlich exklusiven Diskursebene auszutauschen, um zu einer Meinung und Entscheidung zu gelangen.

Die heute eingesetzten Liquid-Feedbacks operieren ausschließlich mit Sprache, über Text und auf ziemlich exklusiven Diskursebenen. Wer sich in diesen Systemen und auf diesen Sprachebenen bewegt wie ein Fisch im Wasser kann diese schnell und gerne mit den besten Absichten als barrierefrei wahrnehmen. Wer weniger geübt ist im und mit dem Umgang mit (einer bestimmten) Sprache und herrschenden Diskussions- und Kommenta

November 15 2011

#sbsm @ #fbm11 aka “Frankfurter Buchmesse”

Ein Zusammenschnitt der Buchvorstellung von «Soziale Bewegungen und Social Media» am Stand des gastgebenden BUND Verlags -- danke vielmals für die Möglichkeit! -- auf der Frankfurter Buchmesse.

www.youtube.com/watch?v=5bCthBzx7iA

October 28 2011

Radio FRO zur Buchpräsentation

Rund um den 1. #sbsmTaalk anlässlich des Erscheinens unseres Handbuchs hat der Freie Rundfunk Oberösterreich, das Radio FRO 105.0 eine Sendung mit zwei Teilen gebracht:

Interview zum Buchprojekt:

Ein Ausschnitt, was Autor_innen bei der Präsentation gesagt haben:

October 27 2011

October 25 2011

wienTV.org Wochenschau 38

Die Wochennachrichten von Wolfgang Webers freiem Fernsehsender WienTV.org, die jedesmal am Dienstag herauskommen und über interessante Geschehnisse in Wien berichten. In der Woche 38 gibt es Berichte zu einer selbstorganisierten Fotoausstellung mit Portraits von Asylwerber_innen in einem aufgelassenen Asylwerberheim, zu Karim El-Gawhary bei der GLOBArt Academy, zum Start der “Zeit für Menschlichkeit” -- Kampagne der protestierenden Wiener Pflege- und Gesundheitsarbeiter_innen. Zum Abschluss der Sendung ist Christian, einer der beiden der Herausgeber, zu Gast. Leider etwas sehr durch Schlafmangel und Migräne zerknittert. ;-)

WienTVorg freie Nachrichten mit sbsm

www.youtube.com/watch?v=TuoYyudJvqs

September 21 2011

Be the TV media

Mit spontanen Clips, Grassroots News und Live-Streaming Präsenz sichbar machen

«Wir dürfen den Werkzeugen nicht erlauben, im Sattel zu sitzen und uns zu reiten.»
Vilém Flusser


Der Vermittlungsweg Video dient in Zeiten der zeitnahen und medialen Kommunikation als wichtiges und am leichtesten konsumierbares Medium der Informationsvermittlung. Während die Produktion von professionellen “fernsehtauglichen” Berichten viel Know-how und Vorbereitung benötigt und sich auch die Nachbearbeitung arbeitsintensiv gestaltet, sind Videoclips relativ einfach, schnell und mit wenig Aufwand aus Mobiltelefonen oder der eigenen Digicam zu zaubern. Die notwendigen Schritte zur Verbreitung selbstgemachter Videos sind heutzutage so niedrigschwellig, dass wir alle von nahezu überall aus tätig werden können. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele von uns das bereits tun, verdanken wir der fortschreitenden Medialisierung unserer Welt und einer damit einhergehenden breiten Medienaffinität.

Be the tv media

Videoclips auf YouTube oder Vimeo sind der perfekte Content für unsere Social Media-Kultur, sie eignen sich gut zur Dokumentation von Ereignissen und zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft im Zuge von Kampagnen, für die Verbreitung und das Sharing in unseren sozialen Netzwerken. Sie sind billig, einfach und schnell produziert. Sie können direkt und unmittelbar, mehr oder weniger “amateurhaft” aufgenommen und hochgeladen werden, wodurch sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Ressourcenaufwand ist gering und in einer Gruppe von Aktivist_innen bietet sich eine allen gerecht werdende Aufgabenteilung an: jede_r kann sich in den Bereichen einbringen, die ihr/ihm am nächsten liegen und in dem Kontext findet sich jedenfalls auch jemand, der oder die das Filmen übernimmt.

Die Regie einer Aktion im öffetlichen Raum beschränkt sich nicht, wie Saskia, Sebastian und Julia in ihrem Beitrag zeigen, allein auf die Planung und Durchführung der Aktion selbst, sondern sollte auch – bei manchen Aktionen sogar vor allem – die Bild- und Video-Dokumentation umfassen. Zur Vorbereitung einer Aktion gehört also auch, das Positionieren der Kameras (so sichtbar oder so unsichtbar wie möglich), die Aufnahme und eventuell den Schnitt mitzubedenken. Das ins Web Hochladen, Platzieren und Einbetten der Videos auf Facebook und in unser Blogs, das sind alles Arbeitsschritte, die zur Gesamtaktion gehören. Bis hin zur Verbreitung der Videos in weiteren Kontexten gibt es viele Möglichkeiten, arbeitsteilig zusammenzuarbeiten und je nach Talent und Neigung an Aktionen zu partizipieren.

Die «Geld oder Leben» Aktion am deutschen Reichstag. Der Schriftzug «Dem deutschen Volke» wird mit einem gelb-schwarzen Transparent «Der deutschen Wirtschaft» überhängt.Geld oder Leben Videodokumentation. Ein Lehrvideo, wie mensch so etwas perfekt macht.Geld oder Leben Blog mit der Presseaussendung zu Aktion, dem Video und Fotos.

BEST PRACTICE DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT
➊ Über den Schriftzug «Dem deutschen Volke» am Portal des Reichstags in Berlin wird das Banner «Der deutschen Wirtschaft» gezogen. Die Aktion ist großartig und Aufsehen erregend, wobei die Aktion dieses Aufsehen im menschenleeren Regierungsviertel Berlins nur bei wenigen Personen live erregen kann.
➋ Von der Aktion «Geld oder Leben» ist ein Video erhalten, eine sehr gelungene Videodokumentation noch dazu, die bei mehrmaliger Ansicht auch die akribische Planung der gesamten Aktion offenbart.
➌ Nach der Aktion, dem Videoschnitt, dem Verfassen der Presseerklärung: der Weg ins Internet-Café, wo ein Blog und eine YouTube-Kanal angelegt werden. Pressetext, Video und Fotos auf das «Geld-oder-Leben» Blog und fertig.

Ein paar wenige Dinge gibt es zu berücksichtigen, um positiv wahrgenommen zu werden und um in diesem Sinne gute Videos zu machen: Das wichtigste ist die Authentizität der Aufnahme. Nur wenn die Botschaft aus voller Überzeugung kommt, ehrlich und ernst gemeint ist, kann sie einfach und glaubhaft in ein kurzes Video transformiert werden. Um Halb- oder Unwahrheiten medial aufzubereiten, ist einiges mehr an Aufwand und Know-how vonnöten. Es ist wichtig, in den richtigen und wichtigen Momenten aufzunehmen – und das will geplant und durchdacht sein. Späteres “Nachsprechen” und “Nachstellen” kann nie so stark und eindrücklich wie der richtige Moment sein. In den relevanten Momenten ist es wichtig, authentisch und “locker” zu bleiben, egal ob diese Momente hektisch oder von großer Bedeutung sind. Dies wird am besten durch das kleinere bis hin zum “privaten” Setup gewährleistet, das wuchtige Equipment behindert Filmer_innen wie Gefilmte.

Manchmal reicht schon das Smartphone aus, um direkt “am Spot” einen kurzen Beitrag aufzunehmen. Während Zuseher_innen in Bezug auf die Bildqualität erfahrungsgemäß relativ nachsichtig reagieren, ist die Tonqualität ungleich relevanter. Daher gilt, bei der Aufnahme deutlich, verständlich und klar artikulierend zu sprechen, «Wir schreiben heute den 7. November 2011. Ich stehe hier im Wendtland». Schließlich werden über die Sprache wichtige Inhalte vermittelt. Ein lautes Umfeld wie Demos oder ein Pfeifkonzert kann problematisch sein. Hier gilt, die Erfahrung macht die Meisterin und wer sein Equipment gut kennt und schon oft benutzt hat, weiß bereits während der Aufnahme, wie sie oder er zum besten Ergebnis kommt. Erfahrung sammeln zahlt sich also aus, Feedback einholen und das eine oder andere ausprobieren auch. Je nachdem, welchen Zweck ihr mit einem Video verfolgt, wird das Video anders aussehen, anders aufgebaut und mehr oder weniger aufwendig gestrickt sein. Es gibt schließlich unterschiedliche Verwendungszwecke und Einsatzgebiete für Videos.

Film ab: der Einsatz von Videos

Es gibt einige gute Gründe, warum wir filmen. Es gibt diverse Intentionen, was unsere Clips leisten sollen. Wir unterscheiden also verschiedene Arten von Videos:

Dokumentation: Videos von Veranstaltungen und Ereignissen dokumentieren diese Aktionen, Kundgebungen, Treffen, allfällige Konflikte. Durch ein kurzes Video von einem Demozug oder einer interessanten Diskussionsveranstaltung kann den Nichtanwesenden ein schneller und persönlicher Einblick ins Geschehen vermittelt werden. Ein Videoeinstieg kann heute schon in Minutenschnelle und sogar direkt von der noch laufenden Aktion oder Demo über aktuelle Ereignisse unterrichten. Der persönliche Einblick des direkt vom Mobiltelefon hochgeladenen Videos kann vielleicht zusätzliche Menschen mobilisieren, schnell noch zur Demonstration hinzuzukommen. Auf längere Sicht gesehen kann ein Video Eindrücke, die die Massenmedien transportieren, relativieren und eine anschauliche Gegenposition schaffen. Als es in der Zeit der #unibrennt-Besetzung zu einer angeblichen Bombendrohung und im Anschluss zu einer Räumung und Durchsuchung des Audimax kommt, versuchen wir bei der Polizei die Tonbandaufnahme der Bombendrohung anhören zu können. Die Dokumentation dieses letztendlich erfolgreichen Versuchs ist ein Lehrstück auf mehreren Ebenen. Allgemein dienen Videos der andauernden Dokumentation von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und leisten somit einen identitätsstiftenden und -bewahrenden Beitrag für die Gruppen, die in diesen Bereichen engagiert sind.

Deeskalation: Das dokumentierende Filmen kann auch als Beweis für den tatsächlichen Ablauf von Geschehnissen dienen, die später zur Diskussion stehen. Videos können im besten Fall Schutz vor aggressiven Provokateur_innen oder vor Behördenwillkür bieten. Das sichtbare, ruhige und gelassene Filmen bildet eine Hemmschwelle für solche Aggressionen. Behördenvertreter_innen sind, je nachdem welchen Gruppierungen sie gegenüber stehen, mal milder, mal weniger mild gestimmt. Vorfälle wie jene vom «Schwarzen Donnerstag» in Stuttgart bringen jedoch immer wieder in Erinnerung, dass selbst dort, wo polizeiliche Übergriffe unwahrscheinlich sind, doch alles möglich ist. Wir können in Wahrheit auch nicht sagen, wie es bei Kundgebungen und Demonstrationen um die Durchmischung mit Zivilpolizei steht. Und egal, wo ein Agent Provocateur letztlich herkommt, vor unseren Kameras wird er erstens mehr Zurückhaltung bewahren und zweitens sind unsere Aufnahmen immer noch die beste Chance, sie bloßzustellen.

Üblicherweise wissen politisch aktive Gruppen aus ihren bisherigen Erfahrungen einzuschätzen, ob und in welchem Ausmaß mit Übergriffen zu rechnen ist. Bekannt ist auch, dass trotz der “freien Beweiswürdigung” den Aussagen von Polizist_innen im Fall des Falles mehr Glaubwürdigkeit beigemessen wird als den Aussagen von Aktivist_innen. Kleine Kameras wirken hier Wunder. Handlich in der Mitnahme und simpel in der Bedienung dienen sie der Prävention. Wer wird schon gern gefilmt beim Übergriff. Und die Fälle von Polizeibrutalität wie bei der «Freiheit statt Angst»-Demo in Berlin 2009, die dank schneller und einfacher Videoaufnahmen mit Smartphones medien- und aktenkundig werden, steigt in den letzten Jahren rasant an.

Mobilisierung: Für mobilisierende Videos können die zur Dokumentation gefilmten Aktionen recht einfach mit Erklärungstexten und Untertiteln, einer An- und Abmoderation oder dazu passender Musik unterlegt werden. So entsteht mit Einblendungen beispielsweise ein Mobilisierungsvideo, mit Moderation und Schnitt ein Lehrvideo oder mit einer Anmoderation und strategisch gesetzten Untertiteln eine wirkungsvolle Anklage gegen einen Missstand. Der Einsatz von Bildern, Fotografien, Diagrammen und Textfolien erzeugt die Wirkung einer Diashow und kann mit bewegten Videosequenzen gemischt werden. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Aber auch hier gilt, je reduzierter und prägnanter, desto besser.

Information: Ein gutes Video kann helfen, Zwecke, Ziele, Forderungen leichter verständlich zu machen, Zusammenhänge aufzudecken oder einfach den Bekanntheitsgrad einer Gruppe, Partei, Vereinigung zu fördern. Das Informationsvideo erleichtert den Transport der Information, denn wer setzt sich heutzutage schon noch hin und liest Parteiprogramme, Forderungen oder Strategiepapiere. Informationsvideos können Mitglieder einer Organisation oder sozialen Bewegung vorstellen, über Beweggründe berichten und aktuelle Entwicklungen darstellen. Soll für den Informationstransport nicht eine Aktion, sondern ein ausgearbeiteter Text im Vordergrund stehen, so ist dafür schon ein etwas komplexeres Setting erforderlich. Texte sollten wohl überlegt und vorbereitet sein. Achtet auf die Lesbarkeit und sucht euch eine Person, die das euren Ansprüchen entsprechend intonieren oder graphisch gut einarbeiten kann. Ein kleines Drehbuch hilft, die Struktur des Films vorab zu klären und kann auch schon mit der Struktur des Textes Hand in Hand gehen. Die Bilder für diesen Film sollten den Text gut visualisieren, damit der Inhalt bei den Rezipient_innen auch gut hängen bleibt. Comics sind hier genauso möglich wie Aufnahmen aus der täglichen Arbeit, Stimmungsbilder oder Bilder, die Missstände aufzeigen.

Ab ins Netz: Videos online bringen

Nach den Aufnahmen geht es darum, das Video ins Netz zu bringen und zu verbreiten. Auch dabei gibt es einige Dinge zu berücksichtigen:

Schnitt- und Einstellungssachen: Natürlich ist es möglich (und gar nicht so schwer), verschiedene Videofiles später am Computer zu einem kleinen Film zusammenzufügen. Das erfordert Zeit, ein bisschen Know-How und Übung, sowie ein geeignetes Programm. Gratis gibt es da etwa lightworks und kostenpflichtig, aber natürlich leistungsfähiger zum Beispiel Premiere. Wer sich diese Arbeit sparen will, überlegt schon im Vorhinein die gewünschte Message, antizipiert mögliche Umsetzungen und packt das dann in eine runde und flüssige Einstellung. Dadurch entfällt der Schnitt. Meist bleibt das Video dadurch überraschend kurz und “knackig”. Auch in diesem Fall macht die Übung den oder die Meister_in. Das Kombinieren von Umfeld mit Aktion und eigener Message mit Präsenz führt zu spannenden Ergebnissen. Ein Beispiel wäre ein Schwenk über die Demo mit der abschließenden Wendung der Kamera auf das eigene Gesicht, dann die Ansage direkt in die Kamera mit persönlichem Statement und kurzer Erklärung der Umstände.

Fragen der Länge: Finger weg von quälend langen Videos. Finger weg von komplexen und vielschichtigen Messages! Die Zuseher_innen, die das Video online auf einer Plattform oder weitergeleitet im Soziale Netzwerk finden, können täglich zwischen unzähligen Videos und anderen Dingen wählen, die um Aufmerksamkeit buhlen. Zwei Tipps dazu: je sprechender, passender und packender der Titel und das Vorschaubild, desto besser werden wir unser Publikum erreichen. Je kürzer und prägnanter die Eindrücke und Aussagen dargestellt werden, desto eher wird die Message bei unseren Seher_innen ankommen.

Themenbezogen: Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig. Wenn mensch auch noch aus einer Vielzahl von Videos wählen müsste, wäre das überfordernd und würde wohl dazu führen, dass einfach weiter geklickt wird, ohne auch nur ein Video anzuschauen. Wie weit das Thema sein soll, bleibt natürlich euch überlassen. Ein Thema kann sein: eine Demo, eine Aktion, eine Konferenz. Ein Thema kann aber auch Repression auf der Demo sein, ein wiederum anderes Thema auf der gleichen Demo die Soli-Erklärung einer Organisation. Wichtig ist, dass die inhaltlichen Unterschiede der Videos anhand der Beschriftung (Titel und Beschlagwortung mit Tags) und des Bildes schon evident sind. Jedenfalls sollte nicht passieren, dass wir fünf “allgemeine Videoimpressionen” machen und alle mit «Demo gestern» betitelt online stellen.

Publikation: Ein weiterer wichtiger Faktor für die Wirkung eines Videos online ist die zeitnahe und sichtbare Publikation des Videos. Es hieß es schon zu Zeiten von gedruckten Nachrichten «Nichts ist älter als die News von gestern». Mensch kann sich also vorstellen, wie sich diese Prämisse durch Internet und digitale Freundesnetzwerke verstärkt hat. Während in der Vergangenheit die mediale Wirklichkeit maßgeblich von einigen wenigen Sendern beherrscht wurde, kommt es seit geraumer Zeit zu einer anhaltenden Fragmentierung und Atomisierung der Kommunikationskanäle. Heute setzt sich mein Ausschnitt der Wirklicheit aus einer Vielzahl an Quellen zusammen. Durch Facebook, Twitter & Co sind wir es bereits gewohnt, spontan und im Augenblick unsere Meinung kundzutun. Das gilt auch für die Verwendung von Videos in den Social Media. So gesehen steht der Tweet oder Pinnwandeintrag aus meinem sozialen Netzwerk, der die Ereignisse dort draußen zum Thema hat, gleichwertig auf einer Höhe mit der Mitteilung der Presseagentur. Beides sind “nur” Postings.

Für uns empfiehlt sich also, Videos auf mehreren Kanälen hochzuladen, um die Vorteile der jeweiligen Plattformen optimal zu vereinen. Während zum Beispiel YouTube“der Klassiker” unter den Videoplattformen ist und mit Abstand die größte Breitenwirkung hat, bieten spezielle Nischenplattformen für spezifische Zielgruppen weitere Verbreitungsmöglichkeiten. Eine andere Plattform wie Vimeo punktet wiederum mit besonders guter Bildqualität und wird deswegen oft von Künstler_innen benutzt. Überall werden unterschiedliche Segmente von Seher_innen erreicht. Dieses Seeding an mehreren Orten hat auch den Vorteil, dass bei einer etwaigen Löschung eines Videos sofort Ausweichmöglichkeiten gegeben sind.

Durchs Netz wandern: Verbreitung von Videos

Die Wege zur Verbreitung unserer Videos im Netz können variieren, je nach Zweck und Zielgruppe. Den eigenen Kanal aufzubauen und ansprechend einzurichten stellt den ersten Schritt dar. Anschließend gilt es, diesen Kanal auf einer Plattform wie YouTube mit unseren anderen Social Media-Standbeinen (Blogs, Twitter, Facebook) zu verknüpfen. Uploads werden per Feeds weitergespielt. Zum “ansprechend Einrichten” des Kanals gehört ganz wesentlich, den YouTube-Kanal nicht nur mit deinen eigenen Accounts zu verlinken, sondern dich mit anderen YouTube-Kanälen zu vernetzen. Ein autistisch geführter YouTube-Kanal, der keine Kontakte, keine Abonnenments, keine Favoriten und keine Kommentare aufzuweisen hat, wird auch von anderen geschnitten und eher verwaist bleiben. Hier gelten die gleichen Regeln wie bei der Blogroll für Blogs: andere empfehlen und dafür von anderen empfohlen werden. Politisch aktive Gruppen haben ohnehin eigene Websites, auf denen ihre Videos publiziert werden. Das ist zwar ein erster Schritt, aber nicht immer alleine zielführend. Hier sehen alle im engeren Umfeld Interessierten, die regelmäßig diesen Webauftritt besuchen, dass es ein neues Video gibt; eine breitere Öffentlichkeit wird damit aber in der Regel nicht erreicht, geschweige denn, dass sie das Video über die Netzwerke und Plattformen hinweg verbreitet. Dazu muss neben dem Gehalt des Videos auch das Videoformat passen, es muss Einbetten und “Sharen” mit maximal drei Klicks zu machen sein, das Video muss in die Netzwerke unserer Zielgruppen eingespeist werden und dort muss sich schon so etwas wie “Sharing”-Kultur herausgebildet haben.

Um interessierte, aber möglicherweise andersdenkende Menschen zu erreichen ist es sinnvoll, unsere Videos auch auf thematisch spezialisierte Plattformen hochzuladen, also etwa in die Kanäle der sozialen Bewegungen, die gerade relevanten Mediencenter der Zivilgesellschaft, auf Facebook-Seiten. Durch die dort vorherrschende Fokussierung auf die einen oder anderen zivilgesellschaftlichen Belange erreichen wir weitere Interessierte und sind nicht auf die Fans unseres eigenen Kanals beschränkt. Einmal auf diversen Plattformen vertreten, sind wir außerdem autonomer von internationalen Konzernstrukturen und plötzlich geänderten Benutzerbedingungen, die zu unerwarteten Problemen führen können.

Um Videos nach dem Upload zu pushen, sind die üblichen Social Media-Kanäle Gold wert. Ein einzelner, gut vernetzter Account auf Twitter und Facebook genügt allerdings nicht, selbst wenn es so etablierte Benutzerkonten wie die von @unibrennt, @fluegel.tv oder @misik sind. Optimalerweise verbreitet eine Vielzahl von Einzelpersonen sowohl aus dem privaten Freundeskreis als auch dem Online-Bekanntenkreis das Video, verteilt über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Die Erfahrung zeigt, dass beim Akt des Sharens via Twitter, Facebook und anderer Plattformen oft der einleitende flotte Spruch, die kurze Anklage oder noch besser eine interessante Frage helfen, an die Neugier der anderen zu appellieren. Willst du zusätzlich “digitale Immigrant_innen” oder Menschen abseits der Social Media-Plattformen erreichen, so empfiehlt sich ein guter alter Newsletter, eine Presseaussendung, das Posten des Videolinks unter Artikel der Massenmedien.

Wenn auf einem Video Menschen zu sehen sind, sollten deren Persönlichkeitsrechte und insbesondere deren Bildrechte respektiert sein. Am besten, indem diese gefragt werden, ob ihnen das Filmen und das Veröffentlichen recht ist. Wenn fragen nicht geht – zum Beispiel auf Demos – wäre es schön, wenn versucht wird, keine angreifbaren Aktionen von Demonstrant_innen zu veröffentlichen. Im Zweifel lieber die Gesichter unkenntlich machen. Manche Menschen sind vielleicht auch nicht nur an Gesicht und der Stimme, sondern auch an auffälliger Kleidung, Tatoos, Haarpracht oder sonstigen Merkmalen erkennbar. Je sensibler die Aktionen sind, die gefilmt werden, und je gefährdeter die beteiligten Personen, desto sensibler sollte mit Videomaterial umgegangen werden. Das inkludiert auch den Datenschutz auf den Festplatten und Servern. Eine Möglichkeit, einzelne Menschen nicht erkennbar zu machen, und trotzdem Bilder von der Masse zu haben, besteht darin, nur die Füße der vorbeiziehenden Menschen oder die Menschen nur von hinten zu zeigen. Auch ein Schilder- und Transpiwald oder die Geräuschkulisse kann die Größe einer Demo zeigen.

Veranstaltungen live-streamen und aufzeichnen

So gut wie jeden Tag finden interessante Diskussionsveranstaltungen statt, gibt es irgendwo ein toll besetztes Podium oder einen hörenswerten Vortrag. Nicht immer kann mensch live dabei sein, manchmal weil wir zu spät etwas von der Veranstaltung mitbekommen, andere Termine haben oder leider nicht in dieser Stadt wohnen. Solche einmaligen Veranstaltungen können auch ohne TV-Equipment mitgefilmt und ohne Fernsehkanal einer breiteren Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Anders als im Fernsehen ist die “On-Air-Time” nicht durch die Programmgestaltung begrenzt und so können auch Nischeninteressen gut bedient werden. Während kurze Clips vor allem kurzweilig und prägnant sein sollen, geht es bei Mitschnitten von Diskussion und Vorträgen vor allem darum, das Gesagte möglichst unverfälscht darzubieten. Umfassende Mitschnitte von Diskussionen sollten heute bei keinen zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen mehr fehlen. Nicht nur legen wir Dokumentationen zivilgesellschaftlicher Arbeit und Realität an, wir sammeln auch Material. Ausschnitte aus diesem Material können für später geschnittene Beiträge wertvolle Bestandteile liefern. Ausgesuchte Wortmeldungen und Szenen aus Podiumsdiskussionen oder Vorträgen untermauern den Eindruck von Engagement, Kompetenz und Bedeutung dessen, womit wir uns beschäftigen. Es entsteht ein Stock an pointiertem Expert_innenwissen, das nachhaltig abrufbar ist und zitiert werden kann.

Wie bei allen inhaltlich orientierten Medienprodukten gilt die höchste Priorität dem Ton. Bei der Bildqualität sind noch eher Kompromisse möglich. Also: beim Filmen auf den Ton nicht vergessen! Am besten die (geschlossenen!) Kopfhörer immer aufgesetzt haben, um sofort zu hören, was und wie das später auf der Aufnahme zu hören sein wird. Bei größeren Veranstaltungen werden die Redner_innen meist mit Lautsprechern verstärkt. In diesem Fall ist es das beste, dass wir uns mit der Tonaufnahme direkt an die Anlage anhängen. Dazu bedarf es einer Kamera mit Mic-In-Eingang und der im Vorfeld organisierten nötigen Kabel. Unangenehmer Hall wird so vermieden. Eine andere Möglichkeit wäre, externe Mikrofone oder gleich ein unabhängiges Audioaufnahmegerät zu verwenden, das am Podium plaziert wird. Natürlich wird dadurch die Postproduktion aufwendiger, schließlich müssen eine Audio- und eine Video-Aufnahme am Computer synchronisiert werden. Aber alle aufgezählten Optionen sind besser als eine Tonaufnahme durch das eingebaute Mikro, welches die Geräusche nahe an der Kamera am lautesten aufnehmen wird. Unerlässlich für längere Aufnahmen ist außerdem ein Stativ. Zu beachten ist auch, dass nicht während der Aufzeichnung ein Akku oder das Speichermedium ausfallen. Wir brauchen also ausreichend große und aufgeladene Akkus sowie ausreichend große und nicht belegte Speicherkarten. Speicherkarten-Kameras haben den unschätzbaren Vorteil, dass das Digitalisieren einer Bandaufnahme entfällt. Die Daten müssen lediglich mittels “Cardreader” auf den Computer kopiert werden.

Bologna burns MobiVideo zu den transnationalen Protesten im Winter 2010 in Wien.Graswurzel.tv - der freie Sender, der eine eindrucksvolle Dokumentation der Probleme, Proteste und Aktionen rund um die Atommüllentlagerung bietet.Supertaalk zu Fragestellung «Wer Macht Medien?» mit einer ohne jeden Zweifel qualitativ besseren und jedenfalls relevanteren Diskussion, als das professionelle Fernsehen das zusammenbringt.

SELBSTORGANISIERTE FERNSEHSENDER DES SELBSTORGANISIERTEN ENGAGEMENTS
➊ Gleichzeitig Mobilisierungs- und Informationsvideo, verbindet dieses Beispiel von «bolognaburns!» hier Archivmaterial, Grafiken, Texteinblendungen, direkte Ansprache und Moderation aus dem Off.
➋ Das Selbstverständnis von «graswurzel.tv will komplett unabhängig von herkömmlichen medialen Strukturen arbeiten und informieren. Wir verstehen unsere Arbeit als alternativen Journalismus, der sich die Möglichkeiten der modernen Berichterstattung via Internet zu Nutze macht.»
➌ Mit dem «Supertaalk» organisieren Blogger_innen und Netzaktivist_innen ein eigenes Format der Diskussionssendungen, samt interaktiver Einbindung von Kanälen wie Twitter und Chat, sowohl im Vorfeld, während der Sendung und in der Nachbereitung.

Die Möglichkeit des Live-Streamings ist ein weiterer Schritt in Richtung Medialisierung und Transparenz. Schon die Ankündigung und das Faktum, dass es zur Veranstaltung auch einen Live-Stream geben wird, ist für sich schon ein weiterer Stein im Puzzle der Aufmerksamkeitsökonomie. Wieviele Personen sich dann tatsächlich die Veranstaltung am Live-Stream ansehen, hängt von mehreren Faktoren ab und ist oft gar nicht so wichtig. Zu den Faktoren zählen inhaltliche, geografische und technische. Inhaltlich meint, inwiefern ist es “wichtig”, live dabei zu sein? Ein zeitloser Vortrag zum Thema Grundeinkommen ist weniger brisant als zum Beispiel die Preisverleihung des Social-Impact-Awards. Geografisch meint die Möglichkeit, Personengruppen aus anderen Regionen teilhaben zu lassen. Technisch meint letztendlich, wie verbreitet und beworben ist der Link zum Stream und wie sieht es mit der Kapazität des benutzten Services aus. Der Live-Stream aus dem Audimax Wien war ein ganz wichtiger, wenn auch nicht unumstrittener Faktor der unibrennt Öffentlichkeitsarbeit. Aber Achtung: live streamen heisst automatisch “ohne Visier” zu agieren. Alles, was gesagt wird, ist augenblicklich publiziert und kann nicht mehr “unter der Decke” gehalten werden. Im Falle der Plena in besetzten Hörsäalen gab es immer wieder Bedenken und Kritik an dieser totalen Transparenz, der Live-Stream wurde dennoch mehrheitlich immer wieder befürwortet.

Während vorbereitete und organisierte Übertragungen qualitativ meist ansprechend und professionell umgesetzt sind, gibt es auch sogenannte “Guerilla-Live-Streams” ohne Absprache mit den Veranstalter_innen. Solche “heimlichen” Liveübertragungen können die Aufmerksamkeit auf Auseinandersetzungen lenken, die von manchen Leuten lieber mit weniger Aufmerksamkeit bedacht geführt werden. Diese Guerilla-Taktik ist in letzter Zeit auf dem Vormarsch und unterläuft heimliche politische Absprachen, aufwendigen Einsatz von Public Relation-Events oder bringt ans Licht, wie manche Entscheidungsträger_innen sich gebärden, wenn sie sich von Kameras unbeobachtet fühlen. Einer gewissen Ironie nicht entbeehrt hat etwa die Aktion grüner Parlamentsangehöriger, als sie aus einem mit Datenschutz befassten Ausschuss streamten. Rechtlich befindet mensch sich in einer nicht-ausjudizierten Grauzone, technisch reicht dafür ein modernes Smartphone sowie ein Account bei einer Streaming-Plattform wie ustream.tv oder bambuser.com. Die Qualität wird hierbei vermutlich schlecht sein, aber darauf kommt es in diesem Fall ja auch nicht primär an.

Zusammenfassung

Videos können sehr wirkungsvoll für Informationstätigkeit und den Transport politischer Anliegen sein. Sie können mobilisieren. Die Verwendung von Videos bietet sich im Feld zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen daher besonders an. Es gibt immer etwas zu berichten und selten übernehmen das die klassischen Medien. Mit ein paar Tricks können wir eindrückliche Videos machen und diese im Netz über unsere sozialen Netzwerke in Umlauf bringen. Während bei professionellen Medienmacher_innen die Form und Qualität zu 100 Prozent stimmen müssen, geht es im zivilgesellschaftlichen Bereich mehr um Aussagen, Authentizität und Dokumentation. Wichtig ist, die Kamera im richtigen Moment einzuschalten und den Moment optimal auszunutzen. Dazu ist es von Vorteil, wenn du dein Equipment gut kennst und es bei Bedarf voll einsatzfähig hast.

  • Einfach mal drauflosprobieren, dadurch verliert mensch Hemmungen und kann bei jedem Clip etwas für den nächsten Versuch lernen.
  • Im richtigen Moment solltest du schon vorbereitet sein. Späteres “Nachsprechen/Nachstellen” wirkt viel weniger authentisch und glaubwürdig.
  • Experimentiere mit deinem Equipment, Einstellungen und Techniken, damit du in relevanten Momenten selbstsicher auf deine Erfahrungen zurückgreifen kannst.
  • Weniger ist meist mehr! Verzichte auf übertriebenes Zoomen, gefinkelte Ausschnittwahl und dynamische Kameraschwenks.
  • Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig!
  • Für die Publikation des Videos gilt: so schnell wie möglich, an so vielen Stellen wie möglich.
  • (An-)Sprechende Titel und aussagekräftige Tags helfen bei der Verbreitung des Videos über den Kreis der “üblichen Verdächtigen” hinaus.
  • Konzentriere dich nicht nur auf das Bild. Der Ton macht nicht nur die Musik, er ist auch das Kriterium, ob eine Aufzeichnung etwas wert ist oder trotz schöner Bilder eigentlich zu schmeißen ist.
  • Finger weg von quälend langen Videos, von komplexen und vielschichtigen Messages!
  • Bei Demos, Besetzungen, Blockaden und Aktionen gilt: Missachte nicht die Rechte jener, die du filmst.
  • Vergraule potentielle Zuseher_innen nicht mit Videos ohne Informationsgehalt.
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