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March 07 2012
Interview zum #sbsmCamp in CONTRASTE
CONTRASTE – Die Monatszeitung für Selbstorganisation hatte bereits in der letzten Ausgabe 2011 eine Rezension unseres Handbuchs gebracht, in der Januar Ausgabe 2012, der immerhin 328. insgesamt in 29 Jahrgängen, ist ein umfangreiches Interview abgedruckt, das Brigitte Kratzwald mit mir via Skype geführt hat. Ich hatte schon vergessen, aber als ich Brigitte gestern das erste Mal seit dem Camp kurz getroffen habe, hat sie mir ein Exemplar dieser Ausgabe in die Hand gedrückt. Danke!
Hier ist das Interview eingescannt und als PDF eingebettet:
CONTRASTE Januar 2012 Interview
February 20 2012
eCampaining – die PPT-Folien
Am Camp hat der Vortrag “Vortrag Einführung in eCampaigning” einiges Interesse gefunden, Infos samt links gibt es hier beim Ankündigungstext im Blog.
Und jetzt nachgereicht die PPT zum Durchklicken:
February 05 2012
Scan the social media
Mitverfolgen, was sich alles so tut in den Netzen
Boah, ist das eklig! “Der Pakt mit dem Panda: Was uns der #WWF verschweigt” http://bit.ly/jCrnoD
Tweet von @holgi
Wer nicht zuhört, wird nicht gehört. Dieser Satz gilt besonders im Online-Bereich und spiegelt das Problem wider, das sehr viele Organisationen im Netz haben. Sie wollen zwar (mehr oder weniger) mit ihren Zielgruppen reden, sind es aber nicht gewohnt, ihnen zuzuhören. Deshalb steht das Monitoring an erster Stelle jeder Kommunikationsbestrebung. Ziel des Monitorings ist nicht nur die rechtzeitige Reaktion auf etwaige Anfragen an die eigene Organisation. Monitoring kann auch dazu genutzt werden, um für sich selbst, die eigene Organisation oder die eigene Meinung und Denkrichtung Unterstützer_innen zu finden und Werbung zu machen. Damit ist Monitoring der erste Schritt, um an die Kommunikation mit den eigenen Sympathisant_innen, der Zielgruppe oder auch dem politischen Gegenüber anknüpfen zu können.
Reicht es, einfach nur Zeitung zu lesen? Ein Plädoyer für die Zielgruppenarbeit
«Was gehen mich die Blogs und Facebook an, die Zeitungen schreiben eh gut über uns.» So oder ähnlich lauten die Kommentare von Offline-Dinosauriern, die sich weigern, im Online-Bereich tätig zu werden. Die Praxis zeigt aber, dass eine Neubewertung der eigenen Kommunikations- und also auch Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten einer digitalen Gesellschaft unumgänglich ist, die immer mehr und immer selbstverständlicher mit dem Netz verwoben ist. Dazu gehört zwangsläufig in einem ersten Schritt das Monitoring.
Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der es ausgereicht hat, ein paar Journalisten der wenigen “Leitmedien” zu kennen und sich mit ihnen gut gestellt zu haben. Indem mensch das “kontrollieren” konnte, was über die eigene Person und Organisation publiziert wurde, konnte damit auch beeinflusst werden, welche Bilder der eigenen Zielgruppe vermittelt wurden. So wurde in Bahnen gelenkt, was mensch “zu denken hat” und wie die “offizielle Sprachregelung” zu den Themen X und Y aussieht. Was die Leute daneben eigentlich gedacht haben und was Zielgruppen, so man diese damals überhaupt wirklich definiert hat, untereinander wirklich gesprochen haben, das war die eigene Reputation betreffend grundsätzlich egal. Meinungen wurden sowieso weitgehend lokal kundgetan, konnten sich nicht weit verbreiten und dieses potentielle Feedback hat einen selbst kaum erreicht. Es genügte also, oberflächlich betrachtet, die Zeitung zu lesen, um zu wissen, was die Menschen über die eigene Organisation oder einen bestimmten Themenbereich denken könnten.
Im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren kann heute theoretisch jeder Mensch weltweit eine relativ große Anzahl anderer Personen über eine immer größer werdende Menge an Kanälen erreichen. Mithilfe von Social Media Tools können Informationen sehr einfach mit großen Massen an Menschen geteilt werden, wobei es hier weder geographische noch zeitliche Schranken gibt. Damit wird jeder Mensch potentiell zu einem kleinen Medienunternehmen, das aufgrund der persönlichen Kommunikationsweise im Netz relativ großen (direkten) Einfluss ausüben kann. Dadurch ergeben sich abseits der klassischen Medien mehr potentiell wichtige Kommunikatoren, die je nach Auswahl der Zielgruppe variieren (können).
Für die Monitoring-Arbeit bedeutet dieser Umstand, dass am Anfang immer eine genaue Zielgruppenanalyse erfolgen sollte. Es geht darum festzustellen, wo im Netz sich die Sympathisant_innen, Kolleg_innen, User_innen und Kritiker_innen bewegen und welche Medien sie überwiegend nutzen. Daraus ergibt sich wiederum die Strategie, wie die weitere Kommunikation gestaltet werden kann. Das Beobachten und Nachverfolgen meiner Informationen, meines Namens und Informationen anderer, die in meinem Feld und Umfeld relevant sein könnten, ist somit ein wichtiger Faktor für den Erfolg meiner Kommunikation und meines Reputationsmanagements.
Monitoring, how to?
Wir können zwei Herangehensweisen des Monitoring unterscheiden, die grundlegend nach Zweck gebunden sind:
- “Non-stop-Monitoring”: Hier geht es um das prinzipielle und allgemeine Monitoring unserer Informationen auf allen Kanälen. Hier stellen wir fest, wer wann wie und wo unsere Informationen benutzt. Dazu haben wir für uns relevante Keywords definiert und erweitern diese nach Bedarf. Ein Beispiel wäre ein Verlag, der laufend alle eigenen Buchtitel im Programm “überwacht”, Reaktionen darauf erkennt, aufzeichnet und einem Weiterverarbeitungsprozess zuführt. Dazu wird für die «Social Media» und sozialen Netzwerke eine “Reaktion” inklusive der handelnden Identitäten erfasst.
- “Feedback-Monitoring”: Hier geht es um ein Messen von Wirkung, unmittelbar nach dem Publizieren von eigener Information. Im Fall unseres Beispiels des Verlags würde das relevant, wenn er ein neues Buch herausgibt und dazu eine Marketing Kampagne startet. Der Verlag veröffentlicht Informationen im Zuge der Kampagne und verfolgt dabei genau, wer wann wie und wo darauf reagiert. Er kann diesen Echtzeit-Rückkanal nutzen, um das Interesse an den dargebotenen Informationen zu steigern sowie die Reaktionen darauf aufzeichnen und weiterzuverarbeiten.
“Non-stop-Monitoring” zeichnet laufendes Geschehen auf. Die Aufzeichnungen des erfassten Geschehens werden in regelmäßigen Zeitabständen gesichtet und analysiert. Das «Wiki of Social Media Monitoring Solutions» kennt allein mehr als 140 verschiedene Monitoring-Tools zu diesem Zweck, zum überwiegenden Teil freilich kostenpflichtige Services oder auf Plattformen spezialisierte Software, die zum Beispiel nur Twitter, Videoplattformen oder Blogs berücksichtigen.
DIE BASICS SELBSTORGANISIERTEN MONITORINGS
➊ Eine einfache und für einzelne Suchbegriffe auch sehr effiziente Möglichkeit, Monitoring zu automatisieren, der «Google Alert». Wir lassen uns per E-Mail benachrichtigen, wenn neue Informationen im Netz zu von uns gewählten Suchbegriffen publiziert werden.
➋ Dienste wie Tweetdeck erleichtern das Beobachten von Kommunikation auf der Plattform Twitter. Für den besseren Überblick lassen sich mit nach verschiedenen Kriterien gefilterte “Timelines” nebeneinander anordnen.
➌ Der Feed-Reader von Google im Einsatz, hier läuft alles zusammen, was wir an Feeds abonnieren.
Viele Tools sind spezialisierte Durchsuch-Services, die Feeds generieren: Blog-Search, Technorati-Search, Forum-Search, Twitter-Search, Facebook-Search etc. Daher ist es äußerst naheliegend und zu empfehlen, ein Feed-Reader System herzunehmen, um diese Quellen zu bündeln und in weiterer Folge mit anderen relevanten Feed-Quellen zusammen übersichtlich aus- und weiterzuverwerten. Diese Methode ist nicht nur die flexibelste, sie lässt sich außerdem kollaborativ betreiben, und das ohne Lizenzkosten!
Beim “Feedback-Monitoring” tritt oft der Fall ein, dass es binnen kürzester Zeit Reaktionen gibt, auf die wir wiederum schnell eingehen möchten. Um ein ebenso rasches Handeln und zum Beispiel Eintreten in den Dialog zu ermöglichen, ist eine Überwachung in Echtzeit nötig. Anwendungen wie Tweetdeck und Seesmic Desktop sind zwei sehr beliebte Tools für das Beobachten der Kommunikationsflüsse auf Twitter und Facebook, mit denen man Statusupdates parallel von mehreren Accounts absetzen und überwachen sowie nach Keywords suchen kann.
Monitoring, Archivierung und Weiterverarbeitungsprozess
Die bekannteste und simpleste Form, das Netz entlang selbst gewählter Schlüsselwörter zu beobachten, diese Beobachtung zu automatisieren und damit gleichzeitig ein Archiv von Suchtreffern anzulegen, ist der gute alte Google Alarm. Mit «Google Alert» können wir E-Mail-Benachrichtigungen abonnieren, wenn irgendwo im Netz etwas Neues publiziert wird, bei dem unser im “Alarm” eingegebener Suchbegriff anschlägt. Mit solchen Benachrichtigungen können wir uns automatisch verständigen lassen, wenn die Suchmaschine Google neue Inhalte zu beispielsweise dem Begriff «Zeitarbeit», «“Jean Ziegler”», «“Empört Euch”» oder sagen wir «Wutbürger» erfasst.
Natürlich ist das ein umständlicher und wenig übersichtlicher Weg, wenn wir nicht nur hie und da informiert werden wollen, sondern laufend diverse Kanäle und mehrere Keywords aufzeichnen wollen. Dazu eignet sich das Monitoring mittels Feed-Reader, wobei wir hier die Nutzung des Google Readers empfehlen würden. Mit diesem Dienst haben wir nicht nur sehr gute Erfahrungen gemacht, sondern können auch die Agenden des Monitorings zusammen mit dem Lesen, Archivieren, Aggregieren und Verteilen von zum Thema relevanten Informationen verbinden.
Durch das Abonnieren von Feeds automatisieren wir zuerst den Eingang von Informationsschnipsel in unsere Monitoring-Oberfläche des Feed-Readers. Abonniert werden ausgesuchte Feeds von interessanten Blogs, thematische Feeds von Nachrichten-Agenturen und wichtigen Online-Medien, Presseaussendungen und die Einträge der Facebook-Seiten von Organisationen in unserem Umfeld. Abonnieren können wir zudem wunderbar dynamisch unsere Suchabfragen der Google News-Suche oder der Twitter-Search. Im Feed-Reader bündeln wir mehrere abonnierte Feeds in thematische Ordner und haben uns auf übersichtliche Art und Weise so etwas wie einen benutzerdefinierten und automatisierten Pressespiegel gebastelt. In diesem digitalen Pressespiegel können wir Informations-Schnipsel nun:
1. durch automatisiertes oder manuelles Taggen kategorisieren. Diese Tags liefern wiederum einen Feed, den wir an anderer Stelle weiterverarbeiten und etwa in unseren Webauftritt einbauen können.
2. direkt per E-Mail weiterleiten und an unsere Kolleg_innen verteilen.
3. direkt in ein Social Media System wie beispielsweise einen Tumblelog speichern beziehungsweise “seeden”.
Was tun, wenn über uns gesprochen wird?
Irgendwann ist es soweit. Irgendwann sagt jemand etwas über uns. Im Optimalfall ist es etwas Positives, vielleicht übt jemand konstruktive Kritik, vielleicht werden wir aber auch angegriffen. In jeden Fall muss geprüft werden, ob eine Reaktion unsererseits und was für eine Art Reaktion notwendig ist. Lösungsansätze, mit denen solchen Kommunikationsherausforderungen am besten begegnet werden soll, gibt es voraussichtlich so viele wie selbst ernannte Berater_innen für Online-Kommunikation. Wer sich an grundsätzliche Kommunikationsnormen hält, die eigene Zielgruppe kennt und der eigenen Intuition vertraut, sollte mit Hilfe der folgenden Kurz-Anleitung jede “Anfrage” relativ unbeschadet überstehen.
(Für diejenigen, die alle genannten Voraussetzungen erfüllen und trotzdem keine Lösung für das eigene Kommunikationsproblem finden, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme zu Kommunikationsberater_innen im Online-Bereich.)
Kommentaren muss unterschiedlich begegnet werden, in Abhängigkeit davon, wann sie wo in welcher Form auftauchen. Wir unterscheiden zwischen eigenen und fremden Kommunikationskanälen. Zu den eigenen Kanälen gehören Webseiten der eigenen Organisation, Unternehmensblogs und eigene Auftritte auf diversen Social Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter. Zu den “eigenen” Kanälen sind hier auch die Profile von in der Organisation mitbestimmenden Einzelpersonen hinzuzuzählen. Zur zweiten Gruppe der fremden Kommunikationskanäle gehören zum Beispiel Zeitungsforen, private Websites und Blogs, Benutzerkonten auf Social Media-Plattformen sowie etwaige Fanseiten und Gruppen, die sich mit organisationsspezifischen Themen beschäftigen. Dazu gehören ebenfalls Gruppen, die gegründet wurden, um der eigenen Organisation zu schaden.
Relevant ist außerdem der Veröffentlichungszeitraum: Wann wurde ein Kommentar abgesetzt? Als Reaktion auf eine aktuelle Kampagne oder außerhalb dieser? Welches Ziel könnte der Absender des Kommentars dementsprechend bezwecken?
Auf positive Beiträge darf, auf konstruktive muss und auf negative kann geantwortet werden. Die Beantwortung der Kommentare ist zwar immer nur an einen oder wenige Menschen gerichtet, hat aber das Ziel, alle zu erreichen. Nicht alle Kommentare und Anfragen müssen öffentlich beantwortet werden. Grundsätzlich gilt, jede auf einem privaten Kanal gestellte Anfrage wird auch auf diesem Kanal beantwortet. Auf “öffentlich” gestellte Anfragen muss im mindesten Fall öffentlich geantwortet werden, dass die Beantwortung aus Gründen des Themensettings etc. auf einem privaten Kanal beantwortet wird.
Bevor auf einen Beitrag im Internet reagiert wird:
1. Tief ein- und ausatmen und dem Reflex widerstehen, sofort eine Antwort zu formulieren, die sich gewaschen hat.
2. Überprüfen, wer der_die Absender_in ist und vor welchem Hintergrund der Beitrag geschrieben wurde. Wo wurde der Beitrag gepostet? Wie wichtig ist dieser Kanal für meine Zielgruppe? Warum könnte er so ausgefallen sein?
3. Welche Absicht verfolgt der_die Autor_in des Beitrags? Will er der Organisation schaden? Handelt es sich dabei um einen Witz, Spott oder Satire? Ist es eine wütende Reaktion? Ist der_die Autor_in mit der Organisation, ihrer Arbeit oder einem ihrer Produkte unzufrieden?
4. Wem gilt der Kommentar? Wird jemand direkt angesprochen? Wer sollte antworten?
5. Ist der_die Autor_in einem Irrtum oder einer Falschmeldung aufgesessen? Wenn ja, unbedingt die Informationen richtig stellen. Auf das Posting öffentlich antworten.
6. Ist der Beitrag eine Mischung aus allen genannten Möglichkeiten? Auf welchen Punkt soll man sich in dem jeweiligen Fall in der Beantwortung konzentrieren? Wo hat man am wenigsten „zu verlieren“? Womit “gewinnt” man am meisten? Mit welchen nachprüfbaren Angaben kann man die eigenen Aussagen untermauern?
7. Die eigene Antwort intern prüfen lassen. Gibt es formale oder inhaltliche Fehler?
8. Gibt es weitere mögliche Problemfelder, die sich durch die Beantwortung der Anfrage ergeben? Wie zeitnah muss/darf man antworten? Könnte die eigene Antwort mehr Fragen aufwerfen als sie beantwortet?
9. Gibt es Möglichkeiten, die Anfrage für die weitere (öffentlichkeitswirksame) Kommunikation des Unternehmens zu nutzen? Kann die geäußerte Kritik zur Optimierung der eigenen Arbeit und Produkte beitragen?
10. Wie reagiert mein Gegenüber auf die eigene Antwort? Gibt es eine Gegenreaktion? Muss auf diese reagiert werden?
Monitoring ist der erste Schritt zu Eigenwerbung und Dialogen
Die Beobachtung der Nachrichtenströme im Netz ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen Kommunikation mit den eigenen Zielgruppen. Erst wenn man weiß, wo und wie über die eigene Person oder Organisation gesprochen wird, hat man eine Ahnung, wie die Menschen über einen denken könnten. In weiterer Folge könnte daran gearbeitet werden, diesen Ruf aktiv zu gestalten.
Die Beobachtung und Beeinflußung des eigenen Rufs im Netz werden unter dem Begriff Online Reputation Management (ORM) zusammengefasst. Eine Regierungspartei muss etwa verfolgen und mitsteuern, was im Netz über ihre Protagonist_innen gesagt und geschrieben wird, könnte aber zum Beispiel auch beobachten, wo Artikel und Diskussionen zum Thema Gesundheit und Gesundheitssystem entstehen und an den Debatten im Netz zu dem Thema teilnehmen, mit dem Ziel, die aktuelle Entwicklung, eigene Projekte oder Reform erklären und promoten zu wollen. Um das eigene Serviceangebot bekannter zu machen, könnte sich eine Rechtschutzversicherung in ihrem Monitoring auf Kommentare zum Thema “Autounfall” konzentrieren und den Geschädigten (mit dem Hinweis auf den eigenen Online-Auftritt) gegebenenfalls mit Tipps im Versicherungsbereich bzw. Empfehlungen von Fachwerkstätten in der Nähe aushelfen. Ein Online-Shop für Notizbücher und Stifte könnte verfolgen, wo es Diskussionen zu den Themen Schreiben, Mobilität etc. gibt, sich dort ins Gespräch einklinken und sein Angebot promoten.
Heutzutage dürfte es keine Organisationen mehr geben, die kein Online-Monitoring betreiben. Zu wissen, was und wo über einen gesprochen wird oder welche relevanten Themengebiete gerade im Netz aktuell sind, gehört zu den grundlegenden Arbeitsbedingungen der modernen Online-Kommunikation. Im Social Media Bereich kann man ohne vorheriges Zuhören auch nicht in Interaktion treten, womit sich wiederum der “soziale” Ansatz wieder von selbst erledigt. Monitoring ermöglicht es uns, unsere Zielgruppen besser kennenzulernen und unsere eigenen Aktionen zu dokumentieren und auszuwerten.
Obwohl sich die Monitoring Tools mit der Zeit verändern werden, bleiben deren Funktionsweise und Sinn gleich: Mit ihrer Hilfe können wir das (soziale) Netz beobachten, nach für uns relevanten Begriffen durchsuchen und archivieren. Mit diesen Ergebnissen sind wir in der Lage, die jeweils aktuelle Kommunikationssituation besser zu beurteilen und können in stattfindende Prozesse eingreifen – und sie im Optimalfall zu unseren Gunsten beeinflussen.
Zusammenfassung
Nur wer Monitoring betreibt und “dem Volk aufs Maul” schaut ist in der Lage, sinnvolle (Online-)Kommunikation zu führen. Themen können zielgruppenspezifisch aufbereitet und platziert werden. Wichtige Multiplikatoren können effektiv angesprochen werden. Und nicht zuletzt lassen sich durch Monitoring die eigenen Kommunikationsbestrebungen und -erfolge dokumentieren. Deshalb kann der Abschluss dieses Beitrags nur lauten: Beobachte, wann, wo und wie über dich, deine Themen, Betätigungsfelder sowie befreundete und gegnerische Organisationen gesprochen wird. Archiviere diese Informationen und verarbeite sie. Lege aufgrund dessen deine Kommunikationsstrategie fest und setze das Monitoring fort.
- Fahre Antennen aus, schaue dich regelmäßig in deiner Umgebung um (Zielgruppe), interessiere dich dafür, was andere machen und verfolge mit, worüber wie geredet wird.
- Definiere Themengebiete und Schlüsselwörter und automatisiere einen eingehenden Informationsfluss zu diesen Themen.
- Passe diese Schlüsselwörter regelmäßig an.
- Organisiere das Monitoring so, dass der beobachtete Informationsfluss in ein Archiv eingeht, das du mit deinen Mitstreiter_innen in gewissen Abständen auch analysieren solltest.
- Grundsätzlich gilt: Wir müssen transparent auftreten, unsere Antworten auf Reaktionen mit Quellenangaben stützen und zeitnah, verhältnismäßig, konstruktiv und respektvoll antworten.
- Nutze die Inputs, die durch Monitoring ihren Weg zu dir finden, für die Verbesserung der eigenen Services und Produkte sowie für die Weiterentwicklung der eigenen Organisation.
- Monitoring hört nicht auf, nachdem ein Kommentar beantwortet wurde.
- Ständiges Schweigen ist auch eine Reaktion, aber keine Antwort. Ein glaubhaftes «Wir sind an der Sache dran» schon eher.
- Durch ungeschickte Beantwortung von Anfragen und entsprechende Interaktion mit den User_innen kann mehr Schaden angerichtet werden, als ursprünglich entstanden ist. Deshalb ist Schweigen manchmal doch die bessere Art der Kommunikation.
- Baue keine Feindbilder auf und bleib cool, auf der anderen Seite des Monitors sitzt auch nur ein Mensch.
- Trolle Trolle sein lassen: don’t feed the troll!
January 30 2012
January 23 2012
Prekär Café zu Wissensarbeit am #sbsmCamp
für den ersten Camptag am späteren Nachmittag angesetzt, was eine Broschürenpräsentation und anschließende offene Diskussion zu «Wissensarbeit: Prekär: Organisiert:». Die Herausgeber_innen – IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, Linkes Hochschulnetz, PrekärCafé und Squatting Teachers – stellen die Broschüre vor. Vor Ort gab es einen ganzen Karton des schönen Hefts mit gut 60 Seiten, hier bei der Ankündigung dieses Programmpunkts kann sie online durchgeblättert und heruntergeladen werden.
Die ausführliche Diskussion dreht sich um alle Variationen von – Wissensarbeit : prekär : organisiert // Wissensarbeit : prekär organisiert // Wissensarbeit prekär : organisiert.
Hier meine Notizen vom camp …
Die Broschüre, erschienen anlässlich 15 Jahre IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, ist ein Kooperationsprojekt, das nicht den Abschluss der theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen mit und um Wissensarbeit darstellt, sondern den momentanen Stand der Diskussion dokumentiert. Versammelt werden widerständige, sich den herrschenden Wissens-Prduktionsverhältnissen widersetzende Geschichten, Manifeste und Positionierungen ebenso wie ältere Texte zur unibrennt Bewegung. In allen Beiträge – ob nun Erfahrungsberichten, Dokumentationen oder Manifeste – werden Fragen nach der Produktion und Verwaltung von Wissen verhandelt: Was heißt Wissen? Wer, welche Institutionen, verfügen über die Verhältnisse zur legitimierten, legitimierenden Wissensproduktion? Wo wird Wissen produziert? Was bedeutet es, von Wissensarbeit zu sprechen? Wer leistet Wissensarbeit? Unter welchen Bedingungen?
Wissensarbeit prekär: organisiert
Wissen wird nicht nur in akademischen Kontexten produziert, sondern auch in sozialen Bewegungen.
Input Squatting Teachers.
Die Squatting Teachers sind als Arbeitsgruppe aus der unibrennt Bewegung 2009 hervorgegangen – Lehrende, die sich mit den Studierenden solidarisiert haben. Nach den unibrennt Protesten ist die Frage, ob es überhaupt noch ein Kollektiv außerhalb der unibrennt Bewegung gibt, immer wieder aufgetaucht: Wer und in welchen Verhältnissen ist repräsentativ für die Squatting Teachers? Während der unibrennt Plena hat sich gezeigt, wie heterogen die Gruppe der Wissensarbeiter_innen im Grunde ist.
Die prekären Vertragsverhältnisse an den Unis werden im Hinblick auf die neoliberalen Verhältnisse betrachtet: TINA Selbstverständlichkeiten, sich sich auch in der Wissensarbeit niederschlagen, die aufgezeigt und ausgehebelt werden sollen. Im Zuge des Bologna Prozesses hat sich auch die Auffassung von Bildung verändert – was heißt Bildung in diesem Zusammenhang und wie können alternative Bildungskonzepte aussehen, artikuliert und umgesetzt werden? Während der unibrennt Bewegung ist vor allem der übliche, der eingefleischte Ablauf an den Unis gestört worden: durch Besetzung und Streik, in Form von alternativer Lehre (Lehrveranstaltungen im öffentlichen Raum, Diskussionen über die herrschenden Verhältnisse in den Lehrveranstaltungen, gemeinsam mit den Studierenden verfasste Artikel und Petitionen …)
Input PrekärCafé.
Das Prekär Café ist 2009 aus der EuroMayDay Bewegung entstanden und fokussiert auf die Auseinandersetzung mit der Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen. Partikuläre, von den traditionellen Arbeitnehmer_innen-Vertretungen ausgeklammerte, d.h. nicht berücksichtigte und nicht artikulierte, Interessen und Positionen werden organisiert. Einmal im Monat, jeden ersten Dienstag, findet das Café im W23 statt – Raum für theoretische Debatten, praktische Fragen // Antworten, die Entwicklung gemeinsamer Strategien.
Debatte: Wissensarbeit : begrifflich organisiert
Soziale Bewegungen gewährleisten die Lebendigkeit der Begriffe. Wir schreiben die herrschenden Verhältnisse nicht fest – wir schreiben sie um!
Der Begriff ‘Wissensarbeit’ soll, angesichts der sehr heterogenen Gruppe von Wissensabeiter_innen, die Basis bilden für ein solidarisches Wir – nicht als ein ein für alle Mal festgeschriebener Begriff, sondern als ein weiter zu verhandelnder.
WissensARBEIT hat einen realen und entsprechend zu entlohnenden Wert. Die sehr oft leeren Versprechen, die unangemessene Bezahlung und/oder die prekären Arbeitsverhältnisse durch die Akkumulation von symbolischem Kapital kompensieren zu können (die Karotten, die vor den Nasen von dienstrechtlich schlecht gestellt Wissensarbeiter_innen baumeln…), führen zu einer relativ hohen Bereitschaft, die herrschenden Wissensproduktionsverhältnisse hinzunehmen.
Deshalb: Sich als Arbeiter_innen verstehen und organisieren. Außerdem handelt es sich bei Wissensarbeiten um Tätigkeiten mit hoher Tendenz zur Selbstausbeutung. Deshalb die Betonung darauf, dass es sich bei wissenschaftlichem Arbeiten eben: um Arbeit handelt.
Eine Möglichkeit, sich mit diesen Fragen eines Selbstverständnisses der Wissensarbeiter_innen auseinanderzusetzen – Wissensarbeiter_innen als Wanderarbeiter_innen betrachten. Wanderarbeiter_innen waren in den USA Ende des 19. Jhs relativ gut organisiert – in diesem Sinn auch Möglichkeiten, sich über Branchengrenzen und traditionelle Standesvertretungen hinausgehend zu organisieren.
Der Begriff ‘Wissensarbeit’ hebt auch althergebrachte akademische Standes-Unterschiede (Lektor_innen, Dozent_innen, Professor_innen, aber auch Lehrende / Studierende) auf und macht sie verhandelbar. In dieser Hinsicht gibt es auch Vorbehalte: «Um den Begriff Wissensarbeit zu verwenden, da muss man* noch viel arbeiten» – nämlich am Arbeits-Begriff allgemein: mit ‘Arbeit’ wird an manchen Stellen immer noch ausschließlich Lohnarbeit bezeichnet. Die vorwiegend unbezahlte studentische Wissensarbeit würde in diesem Sinne abqualifiziert werden.
Debatte Wissensarbeit : prekär organisiert
… traditionelle Standesvertretungen und klassische Protestformen
Die rechtlichen Grundlagen für Uni-Betriebsräte müssen im Hinblick auf Lektor_innen und dringend geändert werden: wer nicht durchgehend angestellt ist, kann bei momentan geltender Gesetzeslage nicht in den Betriebsrat (ab einer ‘Anstellungspause’ von drei Monaten hat mensch den Betriebsrat zu verlassen).
Die Universität als eine gewerkschaftsfreie Zone: die Standesvertretung (GÖD, Gewerkschaft öffentlicher Dienst) hat einen Mitglieder-Anteil (Uni Wien) von 4%: die GPA (Gewerkschaft der Privat Angestellten, Druck – Journalismus – Papier) ist aufgrund der Dienstverhältnisse höher repräsentiert. Allerdings kann/ darf sich diese nicht in einem größeren für die an den Unis angestellten Wissensarbeiter_innen zuständig fühlen: die Gewerkschaftsterritorien sind in Österreich klar abgesteckt – die Universitäten liegen (eben nur aus dieser Sicht) eindeutig auf dem Gebiet der GÖD.
Welche Möglichkeiten gibt es nun, dass die GPA, die de facto für die nach dem UG 2002 Angestellten der Universitäten zuständig ist, sich auch zuständig fühlt und vor allem zuständig zeigt?
«Wenn ihr euch nicht um uns Wissensarbeiter_innen kümmert, ist das unsere Schwächung aber euer Ende!»
Wissensarbeiter_innen sind kein typisches Gewerkschaftsklientel, allerdings: angesichts der herrschenden Verhältnisse verändert sich das Gewerkschaftsklientel in allen Bereichen. Prekäre Arbeitsverhältnisse lediglich in einer Interessensgemeinschaft (work@flex) zusammenzufassen, ist zu wenig: wäre es möglich/ lohnenswert, Ideen und Organizing-Projekte an die Gewerkschaften herantragen, insofern in die Gewerkschaften hineinzugehen, um schließlich “bis zur Spitze”, bis zu den Entscheidungsträger_innen durchzudringen?
Vage Zustimmung, große Skepsis.
«Wie gründet man* eine Gewerkschaft?»
Angesichts der bis dato in den Gewerkschaften völlig unterbelichteten atypischen Arbeitsverhältnisse gibt es zu viele Kompetenz-Fragen und Diskrepanzen, deshalb: gibt es Wege, sich unabhängig von den etablierten Gewerkschaften ‘auf eigene Faust’ gewerkschaftlich zu organisieren? Und wären Generalstreiks als klassische Protestform adäquate Mittel? Es ist schwierig, als Wissensarbeiter_in die Arbeit über längere Zeit niederzulegen (laufende Lehre und laufende Forschung…).
Im Grunde scheinen also die traditionellen Standesvertretungen nicht in der Lage, Wissensarbeiter_innen entsprechend zu unterstützen und zu organisieren: ob eine gewerkschaftliche Selbst-Organisation möglich und sinnvoll sein könnte bleibt ebenso weiter zu diskutieren wie andere Formen, sich – als Wissensarbeiter_innen – zu organisieren, zu artikulieren.
—
und hier noch ergänzend eingebettet, der Bericht im Augustin von Katharina Fritsch:
Bericht im Augustin zur «Wissensarbeit: prekär: organisiert» Präsentation am #sbsmCamp
December 30 2011
Eine #sbsm-Erzählung für GewerkschafterInnen
Am Ende des zweiten Camptages wurde ich von einer Kollegin im ÖGB, die ebenfalls erst in den Abendstunden den Catamaran verließ, gefragt, ob ich nicht bei einem Treffen gewerkschaftlicher “Bildungsleute” das #sbsm-Projekt präsentieren und vor allem auch über das #sbsmCamp berichten wolle. Konkret handelte es sich um eine etwa ein Monat später stattfindende Tagung der Bildungsreferent_innen der österreichischen Gewerkschaften und des ÖGB.
Was im Taumel der vielen Eindrücke der soeben vergangenen zwei Tage schnell, ohne Zögern und mit Leichtigkeit zugesagt war, warf knapp vor dem vereinbarten Termin Mitte November dann doch einige Fragen auf: Wie fasst du ein so komplexes Projekt zusammen, das dich über eineinhalb Jahre immens beschäftigt hat, das du selbst noch kaum verarbeitet hast? Wie erzählst du eine Geschichte, die du spannend findest und von der du überzeugt bist, bei der du aber nicht unbedingt das gleiche Interesse bei anderen voraussetzen kannst? Was präsentierst du, um die grundsätzlichen Aspekte von “Soziale Bewegungen und Social Media” darzustellen und im gewerkschaftlichen Bereich (stärker) anschlussfähig zu machen? Und wie bringst du dann auch noch die kaum auf den Punkt zu bringenden Eindrücke vom #sbsmCamp unter? (U.a.m.)
Mittlerweile sind wieder eineinhalb Monate vergangen. Meine “#sbsm-Doku-To Do-List” ist nach wie vor noch nicht abgearbeitet, aber zumindest diese Präsentation, die dann entstanden ist, will ich im Sinne eines Jahresabschlusses nicht länger vorenthalten.
Stark angelehnt an die einleitenden Überlegungen zu Visionen einer Gewerkschaft 2.0 spannt sich der Bogen von aktuellen Entwicklungen im Bereich polistischer (Protest-)Bewegungen bis hin zur Idee, ein Camp zu machen. Warum genau und was dabei rausgekommen ist, erzählen die Folien allerdings – klarererweise – nur ansatzweise. Als für den Rahmen der Präsentation sehr passenden Titel musste ich ganz einfach den von Andrea Mayer-Edoloeyi in am Camp ausgesprochenen Tweet von Ani Degirmencioglu nehmen (so war das doch, oder?)
November 21 2011
November 15 2011
October 27 2011
October 25 2011
September 21 2011
September 10 2011
June 27 2011
Blogs – mehr als online Tagebücher mit Katzenfotos
Anfang des Jahrhunderts hieß es von ihnen, sie werden das Mediensystem aushebeln, in den letzten Jahren wurden sie für tot erklärt, und sie sind immer noch das Herzstück der Netzkultur, die «Blogs». Das Wort leitet sich aus der Kombination zweier Begriffe ab; «Web» (also “Netz” wie im «World Wide Web») und «Logbuch» (engl.: Log, Logbook). Grammatikalisch richtig wäre daher «das Blog», weil das Web-Logbuch. Seit Jahren erkennt der Duden aber auch «der Blog» als richtig an. Ein symptomatisches Zeichen, welche Bedeutung Blogs in unserer Gesellschaft erreicht haben. Der Erfolg des Phänomens «Blog» verdankt sich der Einfachheit, mit der sich ein Blog starten, einrichten und mit Einträgen befüllen lässt. Die Schwelle, etwas auf einer “eigenen Website” ins Netz zu stellen, ist kindisch einfach geworden. So wie vor 15 Jahren kostenlose E-Mail-Dienste aus dem Netz gesprossen sind und immer leitungsfähiger wurden, hat sich ähnliches in den letzten fünf Jahren mit gratis Blog-Diensten wiederholt. Das ist die eine Bedeutungsebene des Wortes Blog: die Funktionalität der Blog-Software.
Das zentrale Element des Blogs sind die Einträge mitsamt dem Umstand, dass diese in einer chronologischen Abfolge stehen und der automatischen Leistung der Blog-Software, dass jedem Eintrag ein Datum zugewiesen ist. Alle Einträge zusammen ergeben somit ein chronologisches Archiv, eine Abfolge, bei Twitter, dem “Mikro-Blogging” Dienst, beispielsweise «Timeline» genannt. Blogs eignen sich also zur chronologischen Dokumentation: von Gedanken, Beobachtungen, Ereignissen, Entwicklungen und so weiter … inklusive Bilder von Katzen. Jedes Blog ist ein implizites Versprechen weiterer, zukünftiger Einträge.
Im Wort «Blog» ist neben der Struktur der Software mehr enthalten. Eine andere Dimension des Begriffs meint die “Textsorte”, die Kulturtechnik des Bloggens, das idealtypische «Wie blogge ich “richtig”?». Zur Kultur des Bloggens gehören so manche Aspekte, nicht alles ist gleich bedeutend und darüber hinaus ist klar, dass Blog-Software aufgrund ihrer einfachen Anwendung gerne auch für Webseiten verwendet wird, ohne dass diese auch nur versuchen, “Blogs” im eigentlichen, im kulturellen Sinne zu sein.
Zur Kultur des Bloggens gehört jedenfalls die Bereitschaft zum Dialog und zur Vernetzung. Bloggen heißt, die Kommentarfunktion offen zu halten, auf Kommentare zu antworten und zum Kommentieren einzuladen. Es heißt in weiterer Ausprägung, den Blick über den eigenen Blogrand offen zu haben. Dazu gehört das Verlinken zu interessanten Texten auf anderen Webseiten und vor allem Blogs, das Transparent Machen der Blogs, die mensch selbst liest und schätzt, das Referenzieren auf Beiträge in anderen Blogs. All diese Aspekte des Zitierens, des Pflegens einer Blogroll und des Wahrnehmens, was sonst so in der Blogosphäre passiert, das Teilnehmen an Debatten und Diskursen, das läuft auf Vernetzung hinaus, auf den größeren Zusammenhang und Horizont, auf gesellschaftliches Engagement, auf Solidarität.
June 24 2011
June 15 2011
June 12 2011
May 26 2011
fluegel.tv
Als uns in Stuttgart ein taktisches Medium passiert ist
«Taktische Medien sind nie perfekt, sie sind immer involviert, agieren konkret und pragmatisch, und das unterscheidet sie wie sonst kaum etwas von etablierten Medien.»
Das ABC der Taktischen Medien
Der Widerstand gegen S21 verändert Stuttgart unumkehrbar. Das wird bleiben. Ob S21 nun jemals fertig gebaut werden wird oder nicht. Wir sind selbst Teil dieser Veränderungen geworden. Angefangen hat das Anfang August 2010 mit der spontanen Eingebung von Robert, seine Büro-Webcam in das Fenster zu stellen und in die Richtung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu drehen. Die Webcam beginnt das heftig umstrittene Geschehen vor Ort zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Webcam blickt auf den Nordflügel des Bahnhofs, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Bauzaun versehen wird. Dieser Nordflügel soll heftigsten Bürgerprotesten zum Trotz abgerissen werden. An seiner Stelle will die Deutsche Bahn das lang geplante und ebenso lange umstrittenen Bahnprojekt «Stuttgart 21» (S21) realisieren: ein prestigeträchtiger unterirdischer Eisenbahnknoten mitten in Stuttgart.
Das Interesse an den Live-Bildern ist enorm: Zu Spitzenzeiten schalten sich bis zu 500.000 Zuseher aus sämtlichen Regionen der Erde zu, darunter viele Exil-Stuttgarter. Der Internet-Sender «fluegel.tv» ist geboren – und wächst rasch zu einem Sprachrohr der zivilen Protestbewegung gegen Stuttgart 21. In den Büroräumlichkeiten von Robert Schrems Multi-Media-Agentur gehen in den folgenden Monaten rund 20 Mitwirkende aus und ein, die alle zusammen das engagierte ehrenamtliche Projekt am Leben erhalten.
Enstehung eines Fernseh-Senders by accident
Die erste Kamera, die Robert im Fenster 43 Metern Luftlinie gegenüber dem Nordflügel installiert, ist eine Foto-Webcam. In kurzen Zeitabständen aktualisiert sie das Bild der Szenerie, sichtbar auf einer eigens eingerichteten ersten Website. Am 5. August 2010 veröffentlicht Robert die Webadresse mit dem Eintrag «Webcam auf den Nordflügel: www.schrem.eu/webcam» auf einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Stuttgarter Protestbewegung, dem Parkschützerforum. Gleich in den ersten Tagen geht der Server aufgrund der hohen Zugriffszahlen in die Knie. Das “Nordflügel-TV” wird auf die Server von ustream.tv übersiedelt, einer Web 2.0 Plattform, über die schon ein dreiviertel Jahr früher viele unibrennt Live-Streams gelaufen sind. Die Foto-Webcam wird gegen zwei Live-Stream Kameras ausgetauscht, die von da an das Geschehen ununterbrochen per Videostream mitverfolgbar machen. Diesen Entwicklungen folgt bald eine eigens neu gestaltete Website, seither unter der Adresse fluegel.tv zu finden.
DOKUMENTATION DES GESCHEHENS UND DISKUSSION DER HINTERGRÜNDE
➊ Das Team bei einer Kundgebung. Es wird nicht nur live gestreamt sondern auch aufgezeichnet. Alles ist nachzusehen, auf der Website oder auch im vimeo-Kanal von fluegel.tv.
➋ Eine wichtige Rolle spielt der Bollerwagen. Der auch im Parkgelände sehr mobile Ü-Wagen war am schwarzen Donnerstag mit uns die ganze Zeit im Einsatz.
➌ Das Talk-Format «Auf den Sack» bringt verdichtete Debatte, Hintergrundinformationen, die Perspektiven der verschiedenen Akteure, aber auch Analyse von Beobachter_innen.
Als sich die Gerüchte mehren, dass mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel jeden Tag zu rechnen ist, steigen nicht nur die Zugriffszahlen des Livestreams an, auch die Anzahl laufend auf dem Gelände vor dem Nordflügel ausharrender, wachsamer Bürger_innen nimmt ständig zu. Bei einem zufälligen Treffen im Zuge einer Demo entsteht die Idee, neben dem Live-Stream noch etwas mehr für die Dokumentation der Geschehnisse in Stuttgart zu machen. Wir, Robert und Putte, kannten uns bereits ein wenig von früher. Jetzt sagten wir, «komm, wir drehen die Webcam um und laden Gäste zum Interview ein».
Die Idee zu «fluegel.tv» als Sendungsformat mit Interviews, Live-Berichterstattung und Studiodiskussionen nimmt Gestalt an. Putte, der sich als Moderator anbietet, war bereits Mitbegründer der Initiative «Unsere Stadt – Stuttgart gestalten!». So wie viele andere waren wir in diesen Tagen an der aktiv gelebten Demokratie interessiert, die sich da quer durch die Stadt Raum zu nehmen begann. Und wir waren mit vielen anderen enttäuscht über die verhältnismäßig einseitige Berichterstattung der etablierten Massenmedien: «Weil das Fernsehen überwiegend so enttäuscht, machen wir jetzt halt unseren eigenen Fernsehsender auf: Flügel TV. Der einzige Sender der Welt, der 24h am Tag nur über S21 berichtet.» Dem ersten Aufruf im Parkschützerforum mit der Aufforderung «Wer hat Lust mitzumachen? Wir brauchen Redakteure, Kameraleute, Regie…» schließen sich Medienschaffende aus der Stadt und dem weiteren Umfeld spontan an, das Projekt mit hochwertigem Equipment und ehrenamtlichen Engagement unterstützend. Binnen kürzester Zeit wird eine geradezu professionelle Infrastruktur auf die Beine gestellt, alles in kollaborativer Selbstorganisation. Ein Studio für Talkrunden wird eingerichtet und fluegel.tv bekommt einen Übertragungswagen.
Der “Auf den Sack” – Talk
Am 4. September 2010 findet die erste Talkrunde im Studio von fluegel.tv statt. Während die «live: webcam nord» am Fenster weiter auf den Nordflügel gerichtet bleibt, wird aus dem Raum schon zur ersten Sendung ein kleines professionelles TV-Studio. Eine Sitzecke mit gespendeten, modischen bunten Sitzsäcken wird eingerichtet. Die ersten Gäste der Diskussionsreihe «Auf den Sack» sind der bekannte Schauspieler und bekennende S21-Gegner Walter Sittler und Hannes Rockenbauch, der als früher Besetzer des Nordflügels einige Bekanntheit erlangt hat. Für die Sendung arbeitet ein frisch zusammengewürfeltes Team. Ein Unterstützer kommt etwa mit Licht und Kamera angereist. Hinter den zwei Kameras haben Profis Stellung bezogen. Die Ausstattung der ersten Sendung umfasst auch schon eine Tonabteilung samt digitalem Tonmischpult. Das gesamte Team zählt bereits mit dem ersten Sendungsdurchlauf sieben Personen. Der Zuspruch zu dieser Premiere ist so groß und positiv, dass all diese Beteiligten, die sich zu diesem Zeitpunkt untereinander noch nicht wirklich kennen, unbedingt weiter machen wollen.
Im Herbst entstehen auf diese Art und Weise sieben «Auf den Sack» Sendungen, immer zum Thema Stuttgart 21, und immer unter dem Vorzeichen, die offene Diskussionen mit inhaltlicher Tiefe, ohne Polemik und ungehetzt zu ermöglichen. Die Sendungsdauer wird vorab nie zeitlich begrenzt, die Aufzeichnung wird nicht geschnitten und es kommen Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen des Bahnprojekts zu Wort. Um das übliche Talkshow-Gezetere zu vermeiden, vermied man das Aufeinandertreffen beider Lager.
Stuttgart 21 – ein Bahnhof zwischen Stadtentwicklung und Megaloprojekt
1994 werden der Öffentlichkeit erstmals Pläne vorgestellt, die oberirdische Kopfbahnhofanlage des Stuttgarter Bahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Von Anfang an ist das Prestige-Projekt aus zahlreichen Gründen umstritten. Kritisiert werden etwa die hohen zu veranschlagenden Kosten für einen Umbau, die in kaum sinnvoll argumentierbarem Verhältnis zum Nutzen stehen würden; Kosten, die zu größten Teilen von den Steuerzahler_innen zu tragen sind. Diskutiert werden auch die umweltbelastenden Faktoren, die Zerstörungen in einem funktionierenden Herzstück der Stadt, des 600 Jahre alten Stuttgarter Schlossgarten. Einig sind sich Gegner_innen wie Befürworter_innen nur in dem Punkt, dass der alte Bahnhof einer Modernisierung bedarf. Die Form, in der die Modernisierung erfolgen soll, wird nie zur öffentlichen Debatte mit offenen Ausgang der Entscheidungsfindung gestellt. Stattdessen werden die Pläne zum Bau ohne Zulassen jeglicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben. 2007 wird die Initiative für ein Bürgerbegehren trotz mehr als 60.000 Unterschriften für unzulässig erklärt. «Ausgetrickst und abgekanzelt» werden die Bürger_innen, befindet «Die Zeit» in einer Reportage. Von November 2009 an gehen bei den Montagsdemos regelmäßig Tausende auf die Straße, um gegen die Pläne für einen Bahnhofsneubau unter der Erde zu protestieren.
Als die Bauarbeiten im Sommer 2010 ohne Berücksichtigung der zahlreichen Gegenstimmen begonnen werden, finden sich zehntausende Menschen zu regelmäßigen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort ein, um ihren Park, ihre Bäume und ihren Bahnhof zu schützen. Am 30. September 2010 wird mit heftiger Polizeigewalt und Wasserwerfern gegen eine angemeldete Demonstrantion von Schüler_innen und viele weitere Demonstrierende vorgegangen, die das Fällen von Bäumen verhindern wollen. Das Vorgehen der Verantwortlichen an diesem Tag erlangt schnell traurige Berühmtheit. Die Bilder bürgerkriegsähnlicher Szenen verbreiten sich medial und im Netz wie ein Lauffeuer – und lösen eine breite Welle der Empörung aus. Unter dem Chiffre und Hashtag #S21 verbreitet sich die Kunde vom Großbauprojekt der Deutschen Bahn und dem breiten Widerstand dagegen nicht nur auf Twitter weltweit.
Fluegel.tv entsprang anfänglich nicht dem Anspruch und hatte nicht das strategische Konzept, ein alternatives Medienprojekt in Opposition zu Mainstream-Medien sein zu wollen. Das Projekt ist aufgrund der Umstände und Geschehnisse in Stuttgart entstanden und nicht mehr als die Antwort auf eine konkrete Situation zu einem konkreten Zeitpunkt. Dementsprechend unsystematisch stellen sich die gesendeten Formate dar. Bis auf wenige Ausnahmen wird spontan entschieden, was gemacht wird. Die rund 20 Aktiven organisieren sich basisdemokratisch und meist über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler. Jeder kann Vorschläge einbringen oder Einspruch erheben. Nicht gehört wird nur, wer schweigt. Entschieden wird auf diese Weise: was gemacht wird, wer Zeit hat und wer gerade welche Position übernehmen kann. Sind die Fragen rund um Projektleitung, Kamera, Ton, Moderation oder andere Notwendigkeiten geklärt, wird auch schon umgesetzt. Während sich öffentlich rechtliche und private Sender an Sendezeiten zu halten haben, bleiben bei fluegel.tv Sendungen ungeschnitten und oft auch auch unkommentiert. Unsere Idee hinter dieser Praxis ist, der demokratischen, selbstverantwortlichen Entscheidungsfindung Material und Unterstützung zu geben.
Spezialanfertigung fluegel.tv-Übertragungswagen
Eine wesentliche Erweiterung unseres Aktionsradius erfolgt durch die Einrichtung einer mobilen Sendungseinheit, unseres verehrten Boller-Ü-Wagens. Zu diesem Zweck wurde ein klassischer Leiterwagen mit Autobatterien, Laptop, Funkantenne und Kamera bestückt – und direkt an den jeweiligen Schauplatz gefahren. Damit haben wir die Möglichkeit, Aktionen und Kundgebungen direkt vor Ort zu begleiten, Interviews auf der Straße zu machen und parallel live zu streamen. Beim ersten Boller-Ü-Wagen-Ausflug zu einer der wöchentlichen Samstagsdemos haben uns die installierten UMTS Richtfunkantennen noch deutlich auf ihre technischen Grenzen hingewiesen. Aber auch dieses Problem war Dank des kollaborativen Geistes, der dieser Tage in Stuttgart herrscht, bald gelöst. Ein S21-Demonstrant und Funkstreckenexperte hatte unsere mobile Übertragungseinheit und unsere technischen Schwierigkeiten beim ersten Einsatz bemerkt. Was macht er? Er meldet sich kurzerhand per E-Mail, bietet seine Hilfe an mit seiner Unterstützung bekommen wir eine Funkstrecke hin. Die anfänglichen Übertragungsprobleme hat fluegel.tv ab diesem Zeitpunkt minimiert.
Im September 2009 liefert fluegel.tv stundenlange Übertragungen direkt aus dem Stuttgarter Schlosspark und der Bahnhofsgegend. Die Frequenz der Demonstrationen und die Anzahl der Demonstrant_innen nehmen zu, auch das Echo im Web und in den Massenmedien explodiert. Stuttgart 21 wird zu einem medialen Großereignis. Über das Internet verfolgen tausende Menschen, was sich auf der Kundgebungsbühne tut. Wir begleiten die Demonstrationen und versuchen, mit dem fluegel.tv-Stream einen möglichst umfassenden Eindruck der Szenerie und der Vorgänge zu einzufangen. Zwischendurch interviewen wir, wen wir treffen, “Open Mike” für alle, die etwas zu sagen haben. Essen und Getränke erhalten wir auf unseren stundenlangen Streifzügen von wohlgesonnenen Passant_innen.
Am 30. September 2010 sind Hundertschaften der Polizei aus der ganzen Republik rund um den Schloßgarten zusammen gezogen. Am Vormittag gibt es noch eine genehmigte Demonstration von Schüler_innen. Es kommt zu dem berühmt-berüchtigten Polizeieinsatz, der schon untertags zu der bekannt schockierenden Eskalation führt. Wir sind an diesem Tag ganze 18 Stunden durchgehend live auf Sendung, als die ersten der jahrhundertealten Bäume gefällt werden. Mehrere Zehntausend sind per Live-Stream zugeschalten. Der «Schwarze Donnerstag» dauert bis 5 Uhr morgens und fesselte bis ganz zuletzt immer noch 400 Zuseher, die das Geschehen per Livestream bis ins Morgengrauen mitverfolgten.
Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist fluegel.tv bereits bei nahezu allen großen Medien Deutschlands als Informations- und Bilderlieferant rund um die zivile Widerstandsbewegung S21 etabliert und lange nicht mehr nur auf die regelmäßigen Zuseher_innen aus der regionalen Zivilgesellschaft beschränkt. Während der heißen Phase im Herbst kommt es laufend zu An- und Nachfragen von Journalisten aus dem Bereich der Print-Medien wie TAZ und Tagesspiegel, aber auch von TV-Sendern wie beispielsweise 3Sat, Phoenix, ZDF oder dem SWR, der zeitweise die fluegel.tv-Webcam sogar live auf seiner Website einband. Das aufgezeichnete Video-Material der allerersten Stunden wird auf Nachfrage für viele Sender kostenlos freigegeben und von RTL bis N24 ohne Logo verwendet. Die wohl ungewöhnlichste Anfrage, die je stattgefunden hat, kam von der Kriminalpolizei. Bei einer Demo hatte es einen Unfall gegeben und so wurde angefragt, ob wir davon zufälligerweise Aufzeichnungen hätten. Die Bilder dieses Tages sind wir gemeinsam durchgegangen und konnten tatsächlich Aufnahmen von der Unfallstelle entdecken.
Die Dokumentation der Schlichtungsgespräche
Im Oktober nach dem schwarzen Donnerstag werden “Schlichtungsgesprächen” zwischen den Gegner_innen und Befürworter_innen des Bahnhofprojekts unter der Leitung des Ex-CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler ausverhandelt. Fluegel.tv erhält die Zusage, die sechs Schlichtungsrunden ab dem 22. Oktober live übertragen zu können. Als drei Tage vor dem Termin die Zusage zurückgezogen wird und nur der Südwestrundfunk (SWR) und PHOENIX zugelassen werden sollen, kommt es zu einem Aufstand der «Parkschützer». Unter anderem wird die Protestmeldung auf parkschuetzer.de innerhalb weniger Stunden knapp 500 Mal kommentiert, mit unmissverständlich einhelligem Tenor. Die Solidarität ist erstaunlich. Auf Grund des deutlichen Protestes innerhalb der Protestbewegungung wird die Entscheidung einen Tag später zurückgenommen und fluegel.tv kann übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera filmen dürfen. Wir bekommen sogar gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Hier war zu merken, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändern kann. Der Zuspruch wird zudem via Twitter und vor allem Facebook sichtbar.
In der Facebook-Gruppe von fluegel.tv und noch mehr auf Seiten wie «KEIN Stuttgart 21» kommentieren und diskutieren Hunderte und Tausende nicht nur die Vorbereitung, die Debatten und die Ergebnisse der Schlichtungsgespräche. Die vielseitige Protestbewegung betreibt zudem noch diverse Websiten und Foren, neben den schon genannten Parkschützern auch unsere-stadt.org oder K21 mit dem «Ja zum Kopfbahnhof». Hier wie dort werden die Live-Streams verlinkt und Videos eingebettet, hier wie dort werden unsere Ansuchen um Unterstützung etwa zum Cutten oder für Materialbedarf weitergeleitet und unterstützt. Feedback erreicht uns des weiteren oft per E-Mail, darunter immer wieder solches von S21-Befürwortern, die sowohl ihre Anerkennung für unsere Unabhängigkeit als auch für die Übertragungen an sich ausdrücken. Anfragen und Themenvorschläge für Sendungen, Ideen zu Kooperationen und Außenstellen erreichen uns laufend über alle möglichen Kanäle.


DIE ANGST DER POSTDEMOKRATIE VOR AKTIVEN BÜRGERINNEN
➊ Putte bei der Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den «Schwarzen Donnerstag» aufarbeiten sollte: «Die Entscheidung fiel im Staatsministerium».
➋ «Ausgetrickst und abgekanzelt», die DIE ZEIT beschreibt «Wie Politiker aktiv verhinderten, dass die Bürger beim neuen Stuttgarter Bahnhof mitbestimmen».
➌ Passagen aus dem bei fluegel.tv gewonnenen Material ist in die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» eingeflossen, die ein chronologisches Portrait und Stimmungsbild rund um den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 eingefangen hat.
Obgleich die Entstehung des Senders dem Zusammenschluss einiger S21-Kritiker zu verdanken ist, herrscht unter den Aktivist_innen von fluegel.tv große Einigkeit darüber, dass eine möglichst weitreichende Eigenständigkeit bestehen bleiben muss. Es gibt keine direkten wirtschaftlichen oder politischen Abhängigkeiten, der Sender arbeitet allein mit Spenden, ehrenamtlichem Engagement und der Selbstorganisation der Aktiven. Die benötigte Ausrüstung wurde zum Teil gespendet, zum Teil selber gestemmt und manchmal von Gönnern und Unterstützern ausgeliehen, um vor allem eine wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherstellen zu können.
In der Gruppe der Aktiven bei fluegel.tv bemühen sich alle um neutrale Äquidistanz zu anderen Personen und Gruppen der Protestbewegung. Selbstverständlich kennen viele der Beteiligten die verschiedene Protagonist_innen aus unterschiedlichen Gruppierungen der Protestbewegungen. Direkte Zusammenschlüsse, Treffen oder Abstimmungen mit anderen Menschen rund um die Protestbewegung finden nicht statt. Koordiniert wird fluegel.tv ausschließlich teamintern und wir agieren nicht strategisch in der Protestbewegungung, sondern konzentrieren uns auf die konkrete Umsetzung von Sendungen. Nicht wenige der Mitwirkenden sind zudem Profis der Fernsehproduktion, einige arbeiten hauptberuflich beim SWR und sind entsprechend gewohnt, sachlich professionell zu agieren.
Hürden, Herausforderungen und Erfahrungen
Als im Sommer 2010 die erste Kamera aufgestellt wurde, konnte niemand sagen, was passieren würde. Würden möglicherweise Anwaltsschreiben ins Büro flattern, weil jemand die eigenen Persönlichkeitsrechte durch die Webcam verletzt sieht? Kommt vielleicht die Polizei und schaltet das Ding ab? Schließlich waren vor der Kamera Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Demonstrant_innen zu sehen. Anfeindungen, Vereinnahmungsversuche, alles schien möglich. Womit wir zum Beispiel nicht gerechnet hatten ist, dass die Frage nach der Notwendigkeit einer Sendelizenz eine Rolle spielen kann. Eine Webcam alleine ist rechtlich gesehen kein Problem. Sobald wir aber redaktionell gestalteten Inhalt produzieren wird, sieht die Sache bereits anders aus. Das Land Baden-Württemberg definiert “redaktionell gestalteter Inhalt” nun bereits, wenn eine Kamera bedient und 500 Zuseher_innen aufwärts erreicht werden. Mittlerweile hat sich fluegel.tv eine Sendelizenz erwerben können.
Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Fernsehen und fluegel.tv ein gewichtiger Unterschied besteht: Technisch auf höchstem Stand zu arbeiten ist zweitrangig, viel wichtiger ist es, spontan zu arbeiten. Für die hohe Glaubwürdigkeit von Situationen verzichten unsere Zuseher_innen sichtlich gerne auf ein fixes Sendungsschema und die mundgerechte Aufarbeitung. Ein zu hoher Anspruch an Professionalität in allen Details birgt eher die Gefahr, eine Idee nicht rasch genug umsetzen umsetzen zu können. Für viele der mitwirkenden hauptberuflichen Medienmacher, ist genau diese Arbeitsweise eine ungewohnte Erfahrung. In dem Punkt spielt ihre große Routine keinerlei Rolle, ihnen blutet da manchmal das Herz, wenn sie auf ihre professionellen Standards, die im Fernsehen zweifellos wichtig sind, so untergraben sehen. Die Freiheiten, Irritationen oder Hoppalas im Sendungsverlauf sind umgekehrt ein wesentlicher Faktor, warum fluegel.tv in Feedbacks häufig als authentisch, glaubwürdig, charmant und sympathisch beschrieben wird. Dennoch bekommt auch das Sendeformat der professionellen Reportage mittlerweile mehr Platz eingeräumt.
Das somit mitgemeinte Biest Basisdemokratie wird im fluegel.tv-Team pragmatisch bezähmt. Solange niemand laut schimpft, gilt etwas als beschlossen. Natürlich ist auf diese Weise manchmal auch jemand beleidigt und verweigert schon einmal die Mitarbeit an einer Sendung. Wo Menschen unentgeltlich zusammenarbeiten, bekommt man es auch laufend mit Befindlichkeiten sehr engagierter und sehr eingesetzter Persönlichkeiten zu tun. Die natürliche Folge davon sind Austritte, Eintritte, Wiedereintritte und auch Wiederaustritte. Das Hauptinvestment einer solchen Unternehmung ist also in erster Linie sehr viel Zeit – und der geteilte Wille, eine sinnvolle Sache zu verfolgen. Ohne Spenden wäre das Betreiben des Senders nicht möglich; alleine die Regelmäßigkeit und vielen notwendigen E-Mails zur Koordination verursachen eine nicht zu unterschätzende Menge an ehrenamtlichen Aufwand. Diese Herausforderungen in der und für die Gruppe sind im letzten Abschnitt des Beitrags der Bürgerinitiative vom Augartenspitz sehr treffend beschrieben. Durch die klare inhaltliche, moralische und ethische Zielorientiertheit sowie die Überschaubarkeit unserer Gruppe ist keines der angesprochenen Themen bei uns virulent geworden. Uns ist klar, dass fluegel.tv einiges an Herausforderungen bevorsteht, wenn die zentrale Frage von «Stuttgart 21» in irgendeine Richtung entschieden wird. Ohne den akuten Grund unserer Arbeit, der als natürlicher Kitt bei den immer wieder aufkommenden Schwierigkeiten dient, werden Zweifel und Differenzen sowie die Müdigkeit aller Beteiligten wesentlich deutlicher zutage treten.
Zusammenfassung
Das Team von fluegel.tv hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, indem Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und so weiter möglichst live und in voller Länge übertragen werden. Dazu kommen ungehetzte Interviews und Reportagen. Ging es zu Beginn lediglich um das Thema Stuttgart 21, so kamen im Laufe der Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft und kommunale Energiegewinnung, Partizipationsformen der Bürgergesellschaft, Politik im allgemeinen und andere Themen hinzu, die auf das Leben der Menschen und ihrer Umwelt Einfluss haben.
- Positionierung ist okay, Polemik oder propagandistisches Verhalten nicht. Die Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt und das entgegengebrachte Vertrauen dann verloren.
- Inhalt geht vor Form. Fehler sind Stilmittel eines nicht professionellen Fernsehsenders.
- Eine eigene Handschrift entwickeln, mit den eigenen Stärken arbeiten.
- Effektive Bewerbung der Sendungen und Inhalte in der Mediathek, Information über viele Kanäle.
- Das Adaptieren der Vorgangsweise der gängigen Fernsehsender.
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