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March 07 2012

Interview zum #sbsmCamp in CONTRASTE

CONTRASTE – Die Monatszeitung für Selbstorganisation hatte bereits in der letzten Ausgabe 2011 eine Rezension unseres Handbuchs gebracht, in der Januar Ausgabe 2012, der immerhin 328. insgesamt in 29 Jahrgängen, ist ein umfangreiches Interview abgedruckt, das Brigitte Kratzwald mit mir via Skype geführt hat. Ich hatte schon vergessen, aber als ich Brigitte gestern das erste Mal seit dem Camp kurz getroffen habe, hat sie mir ein Exemplar dieser Ausgabe in die Hand gedrückt. Danke! :-)

Hier ist das Interview eingescannt und als PDF eingebettet:

CONTRASTE Januar 2012 Interview

February 20 2012

eCampaining – die PPT-Folien

Am Camp hat der Vortrag “Vortrag Einführung in eCampaigning” einiges Interesse gefunden, Infos samt links gibt es hier beim Ankündigungstext im Blog.

Und jetzt nachgereicht die PPT zum Durchklicken:

February 05 2012

Scan the social media

Mitverfolgen, was sich alles so tut in den Netzen

Boah, ist das eklig! “Der Pakt mit dem Panda: Was uns der #WWF verschweigt” http://bit.ly/jCrnoD
Tweet von @holgi

Wer nicht zuhört, wird nicht gehört. Dieser Satz gilt besonders im Online-Bereich und spiegelt das Problem wider, das sehr viele Organisationen im Netz haben. Sie wollen zwar (mehr oder weniger) mit ihren Zielgruppen reden, sind es aber nicht gewohnt, ihnen zuzuhören. Deshalb steht das Monitoring an erster Stelle jeder Kommunikationsbestrebung. Ziel des Monitorings ist nicht nur die rechtzeitige Reaktion auf etwaige Anfragen an die eigene Organisation. Monitoring kann auch dazu genutzt werden, um für sich selbst, die eigene Organisation oder die eigene Meinung und Denkrichtung Unterstützer_innen zu finden und Werbung zu machen. Damit ist Monitoring der erste Schritt, um an die Kommunikation mit den eigenen Sympathisant_innen, der Zielgruppe oder auch dem politischen Gegenüber anknüpfen zu können.

Reicht es, einfach nur Zeitung zu lesen? Ein Plädoyer für die Zielgruppenarbeit

«Was gehen mich die Blogs und Facebook an, die Zeitungen schreiben eh gut über uns.» So oder ähnlich lauten die Kommentare von Offline-Dinosauriern, die sich weigern, im Online-Bereich tätig zu werden. Die Praxis zeigt aber, dass eine Neubewertung der eigenen Kommunikations- und also auch Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten einer digitalen Gesellschaft unumgänglich ist, die immer mehr und immer selbstverständlicher mit dem Netz verwoben ist. Dazu gehört zwangsläufig in einem ersten Schritt das Monitoring.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der es ausgereicht hat, ein paar Journalisten der wenigen “Leitmedien” zu kennen und sich mit ihnen gut gestellt zu haben. Indem mensch das “kontrollieren” konnte, was über die eigene Person und Organisation publiziert wurde, konnte damit auch beeinflusst werden, welche Bilder der eigenen Zielgruppe vermittelt wurden. So wurde in Bahnen gelenkt, was mensch “zu denken hat” und wie die “offizielle Sprachregelung” zu den Themen X und Y aussieht. Was die Leute daneben eigentlich gedacht haben und was Zielgruppen, so man diese damals überhaupt wirklich definiert hat, untereinander wirklich gesprochen haben, das war die eigene Reputation betreffend grundsätzlich egal. Meinungen wurden sowieso weitgehend lokal kundgetan, konnten sich nicht weit verbreiten und dieses potentielle Feedback hat einen selbst kaum erreicht. Es genügte also, oberflächlich betrachtet, die Zeitung zu lesen, um zu wissen, was die Menschen über die eigene Organisation oder einen bestimmten Themenbereich denken könnten.

Im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren kann heute theoretisch jeder Mensch weltweit eine relativ große Anzahl anderer Personen über eine immer größer werdende Menge an Kanälen erreichen. Mithilfe von Social Media Tools können Informationen sehr einfach mit großen Massen an Menschen geteilt werden, wobei es hier weder geographische noch zeitliche Schranken gibt. Damit wird jeder Mensch potentiell zu einem kleinen Medienunternehmen, das aufgrund der persönlichen Kommunikationsweise im Netz relativ großen (direkten) Einfluss ausüben kann. Dadurch ergeben sich abseits der klassischen Medien mehr potentiell wichtige Kommunikatoren, die je nach Auswahl der Zielgruppe variieren (können).

Für die Monitoring-Arbeit bedeutet dieser Umstand, dass am Anfang immer eine genaue Zielgruppenanalyse erfolgen sollte. Es geht darum festzustellen, wo im Netz sich die Sympathisant_innen, Kolleg_innen, User_innen und Kritiker_innen bewegen und welche Medien sie überwiegend nutzen. Daraus ergibt sich wiederum die Strategie, wie die weitere Kommunikation gestaltet werden kann. Das Beobachten und Nachverfolgen meiner Informationen, meines Namens und Informationen anderer, die in meinem Feld und Umfeld relevant sein könnten, ist somit ein wichtiger Faktor für den Erfolg meiner Kommunikation und meines Reputationsmanagements.

Monitoring, how to?

Wir können zwei Herangehensweisen des Monitoring unterscheiden, die grundlegend nach Zweck gebunden sind:

  • “Non-stop-Monitoring”: Hier geht es um das prinzipielle und allgemeine Monitoring unserer Informationen auf allen Kanälen. Hier stellen wir fest, wer wann wie und wo unsere Informationen benutzt. Dazu haben wir für uns relevante Keywords definiert und erweitern diese nach Bedarf. Ein Beispiel wäre ein Verlag, der laufend alle eigenen Buchtitel im Programm “überwacht”, Reaktionen darauf erkennt, aufzeichnet und einem Weiterverarbeitungsprozess zuführt. Dazu wird für die «Social Media» und sozialen Netzwerke eine “Reaktion” inklusive der handelnden Identitäten erfasst.
  • “Feedback-Monitoring”: Hier geht es um ein Messen von Wirkung, unmittelbar nach dem Publizieren von eigener Information. Im Fall unseres Beispiels des Verlags würde das relevant, wenn er ein neues Buch herausgibt und dazu eine Marketing Kampagne startet. Der Verlag veröffentlicht Informationen im Zuge der Kampagne und verfolgt dabei genau, wer wann wie und wo darauf reagiert. Er kann diesen Echtzeit-Rückkanal nutzen, um das Interesse an den dargebotenen Informationen zu steigern sowie die Reaktionen darauf aufzeichnen und weiterzuverarbeiten.

“Non-stop-Monitoring” zeichnet laufendes Geschehen auf. Die Aufzeichnungen des erfassten Geschehens werden in regelmäßigen Zeitabständen gesichtet und analysiert. Das «Wiki of Social Media Monitoring Solutions» kennt allein mehr als 140 verschiedene Monitoring-Tools zu diesem Zweck, zum überwiegenden Teil freilich kostenpflichtige Services oder auf Plattformen spezialisierte Software, die zum Beispiel nur Twitter, Videoplattformen oder Blogs berücksichtigen.

Google Alert für "Soziale Bewegungen und Social Media" meldet per E-Mail neu erfasste Suchtreffer.Der Dienst Tweetdeck organisiert Streams in Spalten, hier die Timeline, die Mentions, einen Filter nach Hashtags, eine Twitter-Liste.Mit einem Feed Reader abonnieren, was interessant sein könnte, in Ordner organisieren und übersichtlich im Blick haben.

DIE BASICS SELBSTORGANISIERTEN MONITORINGS
➊ Eine einfache und für einzelne Suchbegriffe auch sehr effiziente Möglichkeit, Monitoring zu automatisieren, der «Google Alert». Wir lassen uns per E-Mail benachrichtigen, wenn neue Informationen im Netz zu von uns gewählten Suchbegriffen publiziert werden.
Dienste wie Tweetdeck erleichtern das Beobachten von Kommunikation auf der Plattform Twitter. Für den besseren Überblick lassen sich mit nach verschiedenen Kriterien gefilterte “Timelines” nebeneinander anordnen.
➌ Der Feed-Reader von Google im Einsatz, hier läuft alles zusammen, was wir an Feeds abonnieren.

Viele Tools sind spezialisierte Durchsuch-Services, die Feeds generieren: Blog-Search, Technorati-Search, Forum-Search, Twitter-Search, Facebook-Search etc. Daher ist es äußerst naheliegend und zu empfehlen, ein Feed-Reader System herzunehmen, um diese Quellen zu bündeln und in weiterer Folge mit anderen relevanten Feed-Quellen zusammen übersichtlich aus- und weiterzuverwerten. Diese Methode ist nicht nur die flexibelste, sie lässt sich außerdem kollaborativ betreiben, und das ohne Lizenzkosten!

Beim “Feedback-Monitoring” tritt oft der Fall ein, dass es binnen kürzester Zeit Reaktionen gibt, auf die wir wiederum schnell eingehen möchten. Um ein ebenso rasches Handeln und zum Beispiel Eintreten in den Dialog zu ermöglichen, ist eine Überwachung in Echtzeit nötig. Anwendungen wie Tweetdeck und Seesmic Desktop sind zwei sehr beliebte Tools für das Beobachten der Kommunikationsflüsse auf Twitter und Facebook, mit denen man Statusupdates parallel von mehreren Accounts absetzen und überwachen sowie nach Keywords suchen kann.

Monitoring, Archivierung und Weiterverarbeitungsprozess

Die bekannteste und simpleste Form, das Netz entlang selbst gewählter Schlüsselwörter zu beobachten, diese Beobachtung zu automatisieren und damit gleichzeitig ein Archiv von Suchtreffern anzulegen, ist der gute alte Google Alarm. Mit «Google Alert» können wir E-Mail-Benachrichtigungen abonnieren, wenn irgendwo im Netz etwas Neues publiziert wird, bei dem unser im “Alarm” eingegebener Suchbegriff anschlägt. Mit solchen Benachrichtigungen können wir uns automatisch verständigen lassen, wenn die Suchmaschine Google neue Inhalte zu beispielsweise dem Begriff «Zeitarbeit», «“Jean Ziegler”», «“Empört Euch”» oder sagen wir «Wutbürger» erfasst.

Natürlich ist das ein umständlicher und wenig übersichtlicher Weg, wenn wir nicht nur hie und da informiert werden wollen, sondern laufend diverse Kanäle und mehrere Keywords aufzeichnen wollen. Dazu eignet sich das Monitoring mittels Feed-Reader, wobei wir hier die Nutzung des Google Readers empfehlen würden. Mit diesem Dienst haben wir nicht nur sehr gute Erfahrungen gemacht, sondern können auch die Agenden des Monitorings zusammen mit dem Lesen, Archivieren, Aggregieren und Verteilen von zum Thema relevanten Informationen verbinden.

Durch das Abonnieren von Feeds automatisieren wir zuerst den Eingang von Informationsschnipsel in unsere Monitoring-Oberfläche des Feed-Readers. Abonniert werden ausgesuchte Feeds von interessanten Blogs, thematische Feeds von Nachrichten-Agenturen und wichtigen Online-Medien, Presseaussendungen und die Einträge der Facebook-Seiten von Organisationen in unserem Umfeld. Abonnieren können wir zudem wunderbar dynamisch unsere Suchabfragen der Google News-Suche oder der Twitter-Search. Im Feed-Reader bündeln wir mehrere abonnierte Feeds in thematische Ordner und haben uns auf übersichtliche Art und Weise so etwas wie einen benutzerdefinierten und automatisierten Pressespiegel gebastelt. In diesem digitalen Pressespiegel können wir Informations-Schnipsel nun:

1. durch automatisiertes oder manuelles Taggen kategorisieren. Diese Tags liefern wiederum einen Feed, den wir an anderer Stelle weiterverarbeiten und etwa in unseren Webauftritt einbauen können.
2. direkt per E-Mail weiterleiten und an unsere Kolleg_innen verteilen.
3. direkt in ein Social Media System wie beispielsweise einen Tumblelog speichern beziehungsweise “seeden”.

Was tun, wenn über uns gesprochen wird?

Irgendwann ist es soweit. Irgendwann sagt jemand etwas über uns. Im Optimalfall ist es etwas Positives, vielleicht übt jemand konstruktive Kritik, vielleicht werden wir aber auch angegriffen. In jeden Fall muss geprüft werden, ob eine Reaktion unsererseits und was für eine Art Reaktion notwendig ist. Lösungsansätze, mit denen solchen Kommunikationsherausforderungen am besten begegnet werden soll, gibt es voraussichtlich so viele wie selbst ernannte Berater_innen für Online-Kommunikation. Wer sich an grundsätzliche Kommunikationsnormen hält, die eigene Zielgruppe kennt und der eigenen Intuition vertraut, sollte mit Hilfe der folgenden Kurz-Anleitung jede “Anfrage” relativ unbeschadet überstehen.
(Für diejenigen, die alle genannten Voraussetzungen erfüllen und trotzdem keine Lösung für das eigene Kommunikationsproblem finden, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme zu Kommunikationsberater_innen im Online-Bereich.)

Kommentaren muss unterschiedlich begegnet werden, in Abhängigkeit davon, wann sie wo in welcher Form auftauchen. Wir unterscheiden zwischen eigenen und fremden Kommunikationskanälen. Zu den eigenen Kanälen gehören Webseiten der eigenen Organisation, Unternehmensblogs und eigene Auftritte auf diversen Social Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter. Zu den “eigenen” Kanälen sind hier auch die Profile von in der Organisation mitbestimmenden Einzelpersonen hinzuzuzählen. Zur zweiten Gruppe der fremden Kommunikationskanäle gehören zum Beispiel Zeitungsforen, private Websites und Blogs, Benutzerkonten auf Social Media-Plattformen sowie etwaige Fanseiten und Gruppen, die sich mit organisationsspezifischen Themen beschäftigen. Dazu gehören ebenfalls Gruppen, die gegründet wurden, um der eigenen Organisation zu schaden.
Relevant ist außerdem der Veröffentlichungszeitraum: Wann wurde ein Kommentar abgesetzt? Als Reaktion auf eine aktuelle Kampagne oder außerhalb dieser? Welches Ziel könnte der Absender des Kommentars dementsprechend bezwecken?

Auf positive Beiträge darf, auf konstruktive muss und auf negative kann geantwortet werden. Die Beantwortung der Kommentare ist zwar immer nur an einen oder wenige Menschen gerichtet, hat aber das Ziel, alle zu erreichen. Nicht alle Kommentare und Anfragen müssen öffentlich beantwortet werden. Grundsätzlich gilt, jede auf einem privaten Kanal gestellte Anfrage wird auch auf diesem Kanal beantwortet. Auf “öffentlich” gestellte Anfragen muss im mindesten Fall öffentlich geantwortet werden, dass die Beantwortung aus Gründen des Themensettings etc. auf einem privaten Kanal beantwortet wird.

Bevor auf einen Beitrag im Internet reagiert wird:

1. Tief ein- und ausatmen und dem Reflex widerstehen, sofort eine Antwort zu formulieren, die sich gewaschen hat.

2. Überprüfen, wer der_die Absender_in ist und vor welchem Hintergrund der Beitrag geschrieben wurde. Wo wurde der Beitrag gepostet? Wie wichtig ist dieser Kanal für meine Zielgruppe? Warum könnte er so ausgefallen sein?

3. Welche Absicht verfolgt der_die Autor_in des Beitrags? Will er der Organisation schaden? Handelt es sich dabei um einen Witz, Spott oder Satire? Ist es eine wütende Reaktion? Ist der_die Autor_in mit der Organisation, ihrer Arbeit oder einem ihrer Produkte unzufrieden?

4. Wem gilt der Kommentar? Wird jemand direkt angesprochen? Wer sollte antworten?

5. Ist der_die Autor_in einem Irrtum oder einer Falschmeldung aufgesessen? Wenn ja, unbedingt die Informationen richtig stellen. Auf das Posting öffentlich antworten.

6. Ist der Beitrag eine Mischung aus allen genannten Möglichkeiten? Auf welchen Punkt soll man sich in dem jeweiligen Fall in der Beantwortung konzentrieren? Wo hat man am wenigsten „zu verlieren“? Womit “gewinnt” man am meisten? Mit welchen nachprüfbaren Angaben kann man die eigenen Aussagen untermauern?

7. Die eigene Antwort intern prüfen lassen. Gibt es formale oder inhaltliche Fehler?

8. Gibt es weitere mögliche Problemfelder, die sich durch die Beantwortung der Anfrage ergeben? Wie zeitnah muss/darf man antworten? Könnte die eigene Antwort mehr Fragen aufwerfen als sie beantwortet?

9. Gibt es Möglichkeiten, die Anfrage für die weitere (öffentlichkeitswirksame) Kommunikation des Unternehmens zu nutzen? Kann die geäußerte Kritik zur Optimierung der eigenen Arbeit und Produkte beitragen?

10. Wie reagiert mein Gegenüber auf die eigene Antwort? Gibt es eine Gegenreaktion? Muss auf diese reagiert werden?

Monitoring ist der erste Schritt zu Eigenwerbung und Dialogen

Die Beobachtung der Nachrichtenströme im Netz ist der erste Schritt zu einer erfolgreichen Kommunikation mit den eigenen Zielgruppen. Erst wenn man weiß, wo und wie über die eigene Person oder Organisation gesprochen wird, hat man eine Ahnung, wie die Menschen über einen denken könnten. In weiterer Folge könnte daran gearbeitet werden, diesen Ruf aktiv zu gestalten.

Die Beobachtung und Beeinflußung des eigenen Rufs im Netz werden unter dem Begriff Online Reputation Management (ORM) zusammengefasst. Eine Regierungspartei muss etwa verfolgen und mitsteuern, was im Netz über ihre Protagonist_innen gesagt und geschrieben wird, könnte aber zum Beispiel auch beobachten, wo Artikel und Diskussionen zum Thema Gesundheit und Gesundheitssystem entstehen und an den Debatten im Netz zu dem Thema teilnehmen, mit dem Ziel, die aktuelle Entwicklung, eigene Projekte oder Reform erklären und promoten zu wollen. Um das eigene Serviceangebot bekannter zu machen, könnte sich eine Rechtschutzversicherung in ihrem Monitoring auf Kommentare zum Thema “Autounfall” konzentrieren und den Geschädigten (mit dem Hinweis auf den eigenen Online-Auftritt) gegebenenfalls mit Tipps im Versicherungsbereich bzw. Empfehlungen von Fachwerkstätten in der Nähe aushelfen. Ein Online-Shop für Notizbücher und Stifte könnte verfolgen, wo es Diskussionen zu den Themen Schreiben, Mobilität etc. gibt, sich dort ins Gespräch einklinken und sein Angebot promoten.

Heutzutage dürfte es keine Organisationen mehr geben, die kein Online-Monitoring betreiben. Zu wissen, was und wo über einen gesprochen wird oder welche relevanten Themengebiete gerade im Netz aktuell sind, gehört zu den grundlegenden Arbeitsbedingungen der modernen Online-Kommunikation. Im Social Media Bereich kann man ohne vorheriges Zuhören auch nicht in Interaktion treten, womit sich wiederum der “soziale” Ansatz wieder von selbst erledigt. Monitoring ermöglicht es uns, unsere Zielgruppen besser kennenzulernen und unsere eigenen Aktionen zu dokumentieren und auszuwerten.

Obwohl sich die Monitoring Tools mit der Zeit verändern werden, bleiben deren Funktionsweise und Sinn gleich: Mit ihrer Hilfe können wir das (soziale) Netz beobachten, nach für uns relevanten Begriffen durchsuchen und archivieren. Mit diesen Ergebnissen sind wir in der Lage, die jeweils aktuelle Kommunikationssituation besser zu beurteilen und können in stattfindende Prozesse eingreifen – und sie im Optimalfall zu unseren Gunsten beeinflussen.

Zusammenfassung

Nur wer Monitoring betreibt und “dem Volk aufs Maul” schaut ist in der Lage, sinnvolle (Online-)Kommunikation zu führen. Themen können zielgruppenspezifisch aufbereitet und platziert werden. Wichtige Multiplikatoren können effektiv angesprochen werden. Und nicht zuletzt lassen sich durch Monitoring die eigenen Kommunikationsbestrebungen und -erfolge dokumentieren. Deshalb kann der Abschluss dieses Beitrags nur lauten: Beobachte, wann, wo und wie über dich, deine Themen, Betätigungsfelder sowie befreundete und gegnerische Organisationen gesprochen wird. Archiviere diese Informationen und verarbeite sie. Lege aufgrund dessen deine Kommunikationsstrategie fest und setze das Monitoring fort.

  • Fahre Antennen aus, schaue dich regelmäßig in deiner Umgebung um (Zielgruppe), interessiere dich dafür, was andere machen und verfolge mit, worüber wie geredet wird.
  • Definiere Themengebiete und Schlüsselwörter und automatisiere einen eingehenden Informationsfluss zu diesen Themen.
  • Passe diese Schlüsselwörter regelmäßig an.
  • Organisiere das Monitoring so, dass der beobachtete Informationsfluss in ein Archiv eingeht, das du mit deinen Mitstreiter_innen in gewissen Abständen auch analysieren solltest.
  • Grundsätzlich gilt: Wir müssen transparent auftreten, unsere Antworten auf Reaktionen mit Quellenangaben stützen und zeitnah, verhältnismäßig, konstruktiv und respektvoll antworten.
  • Nutze die Inputs, die durch Monitoring ihren Weg zu dir finden, für die Verbesserung der eigenen Services und Produkte sowie für die Weiterentwicklung der eigenen Organisation.
  • Monitoring hört nicht auf, nachdem ein Kommentar beantwortet wurde.
  • Ständiges Schweigen ist auch eine Reaktion, aber keine Antwort. Ein glaubhaftes «Wir sind an der Sache dran» schon eher.
  • Durch ungeschickte Beantwortung von Anfragen und entsprechende Interaktion mit den User_innen kann mehr Schaden angerichtet werden, als ursprünglich entstanden ist. Deshalb ist Schweigen manchmal doch die bessere Art der Kommunikation.
  • Baue keine Feindbilder auf und bleib cool, auf der anderen Seite des Monitors sitzt auch nur ein Mensch.
  • Trolle Trolle sein lassen: don’t feed the troll!

Vom Netz füttern lassen, mit ausgesuchter Diät

Die Möglichkeit des selbstorganisierten Abonnierens von Content im großen weltweiten Netz gehört zu den herausragenden Grundlagen für das Web 2.0. Abonnierbarkeit bedeutet im Kern, dass Nutzer_innen nicht auf publizierenden Websiten nachschauen müssen, ob sie dort interessante Informationen finden und etwas neues getan hat. Statt dessen bietet die Abonnierbarkeit von Feeds für uns Nutzer_innen die Möglichkeit, für uns interessante Informationen, Inhalte, Blogs und Websites so zu abonnieren, dass wir automatisiert auf dem Laufenden gehalten werden und uns die Informationen dort abholen können, wo wir sie hinbestellen.

Die so genannten “Feeds”, auch «News-Feeds» genannt, sind einerseits eine Art Dateiformat; die «rss» oder die «atom»-Feeds sind die bekanntesten. Zum anderen sind sie das Zeichen, dass es von überall wo wir das Feed-Symbol sehen, eine frei nutzbare Ausspeisung (engl.: feed) von Inhalten gibt. So können wir Blogeinträge, Zeitungsartikel, Presseaussendungen, aber auch Bilder, Videos oder Audiodateien aus interessanten Quellen abonnieren oder stornieren. Zum Auslesen weniger Feeds, also Abos von Webinhalten, können E-Mail-Programme oder Web-Browser verwendet werden.

Mehrere Feeds werden übersichtlicher in “Feed-Reader” eingespeist und dort ausgelesen, so dass viele abonnierte Quellen nebeneinander betrachtet trotzdem einfachen Überblick ermöglichen. Neue Inhalte sind markiert und schnell zu finden, mehrere thematisch verwandte Feeds sind in Ordner zusammenfassbar. Interessante Inhalte können oft im Reader selbst gelesen werden, sind aber jedenfalls mit der Quelle der Information verlinkt. Erfahrene Nutzer_innen speisen neben einfachen, “allgemeinen” Feeds auch Abos von Suchabfragen in den Feed-Reader ein, der mit seinen eingespeisten Inhalten zudem ein nützliches Archiv aufbaut.

Feeds können nicht nur zum individuellen Abonnieren von Content genutzt werden, sondern auch für dynamische Inhalte von Webauftritten genutzt werden. Wird ein Feed zum Beispiel in die Sidebar eines Blogs “gehängt”, werden an der Stelle laufend die gerade aktuellen Beiträge wie etwa auch Tweets angezeigt.

January 30 2012

PPT zum “Making of #sbsm”

Am Vormittag des zweiten Camptags haben wir von Seiten des Verlags über das “Making of” berichtet und dafür eine umfangreiche Präsentation mit 62 Folien vorbereitet.

Siehe zum Thema des making of auch unseren Eintrag im Projektblog, die Anmerkungen zum “Making of” von Verlagsseite.

Hier ist die PowerPoint-Präsentation zum Durchblättern, wir hoffen, der Vortrag hat Gefallen gefunden und die Präsentation tut das immer noch …

January 23 2012

Prekär Café zu Wissensarbeit am #sbsmCamp

für den ersten Camptag am späteren Nachmittag angesetzt, was eine Broschürenpräsentation und anschließende offene Diskussion zu «Wissensarbeit: Prekär: Organisiert:». Die Herausgeber_innen – IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, Linkes Hochschulnetz, PrekärCafé und Squatting Teachers – stellen die Broschüre vor. Vor Ort gab es einen ganzen Karton des schönen Hefts mit gut 60 Seiten, hier bei der Ankündigung dieses Programmpunkts kann sie online durchgeblättert und heruntergeladen werden.

Die ausführliche Diskussion dreht sich um alle Variationen von – Wissensarbeit : prekär : organisiert // Wissensarbeit : prekär organisiert // Wissensarbeit prekär : organisiert.

Hier meine Notizen vom camp …
Die Broschüre, erschienen anlässlich 15 Jahre IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, ist ein Kooperationsprojekt, das nicht den Abschluss der theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen mit und um Wissensarbeit darstellt, sondern den momentanen Stand der Diskussion dokumentiert. Versammelt werden widerständige, sich den herrschenden Wissens-Prduktionsverhältnissen widersetzende Geschichten, Manifeste und Positionierungen ebenso wie ältere Texte zur unibrennt Bewegung. In allen Beiträge – ob nun Erfahrungsberichten, Dokumentationen oder Manifeste – werden Fragen nach der Produktion und Verwaltung von Wissen verhandelt: Was heißt Wissen? Wer, welche Institutionen, verfügen über die Verhältnisse zur legitimierten, legitimierenden Wissensproduktion? Wo wird Wissen produziert? Was bedeutet es, von Wissensarbeit zu sprechen? Wer leistet Wissensarbeit? Unter welchen Bedingungen?

Wissensarbeit prekär: organisiert

Wissen wird nicht nur in akademischen Kontexten produziert, sondern auch in sozialen Bewegungen.

Input Squatting Teachers.
Die Squatting Teachers sind als Arbeitsgruppe aus der unibrennt Bewegung 2009 hervorgegangen – Lehrende, die sich mit den Studierenden solidarisiert haben. Nach den unibrennt Protesten ist die Frage, ob es überhaupt noch ein Kollektiv außerhalb der unibrennt Bewegung gibt, immer wieder aufgetaucht: Wer und in welchen Verhältnissen ist repräsentativ für die Squatting Teachers? Während der unibrennt Plena hat sich gezeigt, wie heterogen die Gruppe der Wissensarbeiter_innen im Grunde ist.

Die prekären Vertragsverhältnisse an den Unis werden im Hinblick auf die neoliberalen Verhältnisse betrachtet: TINA Selbstverständlichkeiten, sich sich auch in der Wissensarbeit niederschlagen, die aufgezeigt und ausgehebelt werden sollen. Im Zuge des Bologna Prozesses hat sich auch die Auffassung von Bildung verändert – was heißt Bildung in diesem Zusammenhang und wie können alternative Bildungskonzepte aussehen, artikuliert und umgesetzt werden? Während der unibrennt Bewegung ist vor allem der übliche, der eingefleischte Ablauf an den Unis gestört worden: durch Besetzung und Streik, in Form von alternativer Lehre (Lehrveranstaltungen im öffentlichen Raum, Diskussionen über die herrschenden Verhältnisse in den Lehrveranstaltungen, gemeinsam mit den Studierenden verfasste Artikel und Petitionen …)

Input PrekärCafé.
Das Prekär Café ist 2009 aus der EuroMayDay Bewegung entstanden und fokussiert auf die Auseinandersetzung mit der Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen. Partikuläre, von den traditionellen Arbeitnehmer_innen-Vertretungen ausgeklammerte, d.h. nicht berücksichtigte und nicht artikulierte, Interessen und Positionen werden organisiert. Einmal im Monat, jeden ersten Dienstag, findet das Café im W23 statt – Raum für theoretische Debatten, praktische Fragen // Antworten, die Entwicklung gemeinsamer Strategien.

Debatte: Wissensarbeit : begrifflich organisiert

Soziale Bewegungen gewährleisten die Lebendigkeit der Begriffe. Wir schreiben die herrschenden Verhältnisse nicht fest – wir schreiben sie um!

Der Begriff ‘Wissensarbeit’ soll, angesichts der sehr heterogenen Gruppe von Wissensabeiter_innen, die Basis bilden für ein solidarisches Wir – nicht als ein ein für alle Mal festgeschriebener Begriff, sondern als ein weiter zu verhandelnder.
WissensARBEIT hat einen realen und entsprechend zu entlohnenden Wert. Die sehr oft leeren Versprechen, die unangemessene Bezahlung und/oder die prekären Arbeitsverhältnisse durch die Akkumulation von symbolischem Kapital kompensieren zu können (die Karotten, die vor den Nasen von dienstrechtlich schlecht gestellt Wissensarbeiter_innen baumeln…), führen zu einer relativ hohen Bereitschaft, die herrschenden Wissensproduktionsverhältnisse hinzunehmen.

Deshalb: Sich als Arbeiter_innen verstehen und organisieren. Außerdem handelt es sich bei Wissensarbeiten um Tätigkeiten mit hoher Tendenz zur Selbstausbeutung. Deshalb die Betonung darauf, dass es sich bei wissenschaftlichem Arbeiten eben: um Arbeit handelt.

Eine Möglichkeit, sich mit diesen Fragen eines Selbstverständnisses der Wissensarbeiter_innen auseinanderzusetzen – Wissensarbeiter_innen als Wanderarbeiter_innen betrachten. Wanderarbeiter_innen waren in den USA Ende des 19. Jhs relativ gut organisiert – in diesem Sinn auch Möglichkeiten, sich über Branchengrenzen und traditionelle Standesvertretungen hinausgehend zu organisieren.

Der Begriff ‘Wissensarbeit’ hebt auch althergebrachte akademische Standes-Unterschiede (Lektor_innen, Dozent_innen, Professor_innen, aber auch Lehrende / Studierende) auf und macht sie verhandelbar. In dieser Hinsicht gibt es auch Vorbehalte: «Um den Begriff Wissensarbeit zu verwenden, da muss man* noch viel arbeiten» – nämlich am Arbeits-Begriff allgemein: mit ‘Arbeit’ wird an manchen Stellen immer noch ausschließlich Lohnarbeit bezeichnet. Die vorwiegend unbezahlte studentische Wissensarbeit würde in diesem Sinne abqualifiziert werden.

Debatte Wissensarbeit : prekär organisiert

… traditionelle Standesvertretungen und klassische Protestformen

Die rechtlichen Grundlagen für Uni-Betriebsräte müssen im Hinblick auf Lektor_innen und dringend geändert werden: wer nicht durchgehend angestellt ist, kann bei momentan geltender Gesetzeslage nicht in den Betriebsrat (ab einer ‘Anstellungspause’ von drei Monaten hat mensch den Betriebsrat zu verlassen).

Die Universität als eine gewerkschaftsfreie Zone: die Standesvertretung (GÖD, Gewerkschaft öffentlicher Dienst) hat einen Mitglieder-Anteil (Uni Wien) von 4%: die GPA (Gewerkschaft der Privat Angestellten, Druck – Journalismus – Papier) ist aufgrund der Dienstverhältnisse höher repräsentiert. Allerdings kann/ darf sich diese nicht in einem größeren für die an den Unis angestellten Wissensarbeiter_innen zuständig fühlen: die Gewerkschaftsterritorien sind in Österreich klar abgesteckt – die Universitäten liegen (eben nur aus dieser Sicht) eindeutig auf dem Gebiet der GÖD.
Welche Möglichkeiten gibt es nun, dass die GPA, die de facto für die nach dem UG 2002 Angestellten der Universitäten zuständig ist, sich auch zuständig fühlt und vor allem zuständig zeigt?

«Wenn ihr euch nicht um uns Wissensarbeiter_innen kümmert, ist das unsere Schwächung aber euer Ende!»

Wissensarbeiter_innen sind kein typisches Gewerkschaftsklientel, allerdings: angesichts der herrschenden Verhältnisse verändert sich das Gewerkschaftsklientel in allen Bereichen. Prekäre Arbeitsverhältnisse lediglich in einer Interessensgemeinschaft (work@flex) zusammenzufassen, ist zu wenig: wäre es möglich/ lohnenswert, Ideen und Organizing-Projekte an die Gewerkschaften herantragen, insofern in die Gewerkschaften hineinzugehen, um schließlich “bis zur Spitze”, bis zu den Entscheidungsträger_innen durchzudringen?
Vage Zustimmung, große Skepsis.

«Wie gründet man* eine Gewerkschaft?»

Angesichts der bis dato in den Gewerkschaften völlig unterbelichteten atypischen Arbeitsverhältnisse gibt es zu viele Kompetenz-Fragen und Diskrepanzen, deshalb: gibt es Wege, sich unabhängig von den etablierten Gewerkschaften ‘auf eigene Faust’ gewerkschaftlich zu organisieren? Und wären Generalstreiks als klassische Protestform adäquate Mittel? Es ist schwierig, als Wissensarbeiter_in die Arbeit über längere Zeit niederzulegen (laufende Lehre und laufende Forschung…).

Im Grunde scheinen also die traditionellen Standesvertretungen nicht in der Lage, Wissensarbeiter_innen entsprechend zu unterstützen und zu organisieren: ob eine gewerkschaftliche Selbst-Organisation möglich und sinnvoll sein könnte bleibt ebenso weiter zu diskutieren wie andere Formen, sich – als Wissensarbeiter_innen – zu organisieren, zu artikulieren.

und hier noch ergänzend eingebettet, der Bericht im Augustin von Katharina Fritsch:

Bericht im Augustin zur «Wissensarbeit: prekär: organisiert» Präsentation am #sbsmCamp

Reposted bykellerabteil kellerabteil

Feminismus 2.0

Andrea hatte eine offene Diskussionsrunde “Feminismus 2.0″ auf den Sessionsplan des ersten Camptages gesetzt. Darum sollte es gehen:

  • feministische Blogs: welche gibt es und wie vielfältig gestalten sich die Positionen und Positionierungen
  • gender-playing: das Spiel mit Geschlechteridentitäten auf social-media Plattformen
  • Sexismus und Sexismen im Web: Stichwort “Standard”-Foren – “Was ist der Edding im Netz?!” – und die aktuellen Debatten rund um die Piraten-Partei
Andrea machte auch die Moderation und warf ein piratpad zur kollaborativen Mitschrift an, weiterhin zugänglich und abzufragen hier

Nach der Vorstellungsrunde ging es mitten in die Diskussion, hier eine Mitschrift von Eva:

«Was ist der Edding im Netz?» – Sexismen streichen

Zur Debatte steht: sind Reaktionen auf Sexismen im Web sinnvoll oder eher Zeit- und Energieverschwendung? Können diese kursierenden Sexismen einfach stehen gelassen werden oder geht es darum, diese jedes Mal (und es gibt so so viele Male) zu markieren und darauf zu reagieren? Und wenn Reaktionen darauf und Aktionen dagegen: in welcher Form? Und was, denn Zeit- und Energiemangel sich breit machen?

Fallbericht: auf Eigen-Initiative hat eine Teilnehmerin begonnen, einen Baukasten für entsprechende Reaktionen auf sexistische Kommentare zu erarbeiten – Standard-Antworten, mit denen sehr schnell und einfach, da copy-and-paste, auf typische Sexismen re/agiert werden kann – in etwa: «Diese Meldung hat nichts besseres als Antwort Nr. 323 verdient: [entsprechende Antwort aus dem Baukasten]».
Als Beispiel, wie das in etwa aussehen könnte, siehe hatr.org (auch im Buch im Manual hier gewürdigt).

Die Baukasten-Idee findet Anklang: wie ließe sich das konkretisieren?
Vorschlag: fb-Gruppe bilden und über sozialebewegungen.org ankündigen; mögliche Vorgehensweisen: zunächst brauchbare Antworten und Reaktionen sammeln; und weiter: Typologien der Sexismen erstellen und entsprechende Antworten generieren, finden, erfinden.

Baukasten-Antworten als eine Art Aufkleber und Spraydose fürs Web: «Was ist der Edding, die Spray-Dose, der Rassimus-Streichen-Aufkleber im Netz?»
Im öffentlichen Raum werden auch (manchmal) sexistische Plakate angesprüht und mit Anmerkungen, Sprüchen versehen: das wär doch im Web auch gefragt.

Kann sich im Hinblick auf Feminismus Neues im Web 2.0 entwickeln?

Beispiele für feministische Blogs: mädchenmannschaft, das Blog von Antje Schrupp – beide Deutschland; für Österreich die Denkwerkstatt.

Die Frage nach der sehr hohen Drop-Out-Quote von fem* Blog-Projekten taucht auf: handelt es sich dabei um ein generelles Blog-Phänomen, oder geben fem* Blogger_innen häufiger auf, aufgrund der zahlreichen und teilweise sehr sehr heftigen Gegenreaktionen?

Überleitung, Übergang zu Sexismus freien Zonen: die eigenen Twitter-Timelines, die frei sind von Sexismen – mensch hat die Wahl, wer in der Timeline ist. Twitter ist besser zu filtern als Facebook.
Selbstgebaute Sexismus freie Zonen: selektive Wahrnehmung der Welt? Eine Art und Weise, sich eine eigene kleine Welt zu bauen? Andererseits: ist das überhaupt möglich und/oder zulässig?

gender-playing / playing gender – Theorie und Praxis

Die herkömmlichen asl [age-sex-location]-Aspekte sind auch in sehr vielen Web-Formularen und -Registrierungen gefragt und unausweichlich (binäre w/m Eingaben, Fehlermeldungen, sobald das Eingabe-Feld “Geschlecht” nicht oder nicht ‘richtig’ ausgefüllt wird)

Möglichkeiten, mit Identitäten im Netz zu spielen: nicht eindeutig zuzuordnende Namen/Account-Namen, sich bewusst als mann* oder frau* markieren im Netz, Doppel-Namen frauenname–männername;

Frage: wie weit klaffen Theorie und Praxis auseinander?
Verschiedene Standpunkte: fem* Theorien würden kaum Eingang finden ins Alltagsleben, würden kaum eine Rolle spielen in der Praxis
Gegenstandpunkt: die Kluft zwischen Theorie/Praxis ist nicht so einfach aufrechtzuerhalten – sich bewusst als frau* oder mann* zu markieren (auf Twitter, Facebook etc.) ermöglicht auch, die eigene eingefleischte Praxis zu reflektieren (was heißt das für mich, als *mann, als *frau zu schreiben, mich als solche_r zu positionieren und nicht zu positionieren?)

«Wir hätten eh gerne Frauen dabei» …

Das “… die-wollen-aber-nicht”-Argument gilt insofern nicht, als es den herRkömmlichen Status-Quo einfach reproduziert: bewusster Einsatz zum Abbau herRkömmlicher Schwellen-Ängste, die sich nicht ‘von selbst’ lösen werden;
Fallbeispiele: Software-Entwicklung (extrem geringer Frauen*-Anteil), Social-Media-Manager_innen – für die meisten erstaunlich: Social Media-Managerinnen überwiegen.

Piraten-Partei: Unklare Positionierung der Piraten im Hinblick auf gender-Fragen, frag- und diskussionswürdige laisser-faire-Haltung.

December 30 2011

Eine #sbsm-Erzählung für GewerkschafterInnen

Am Ende des zweiten Camptages wurde ich von einer Kollegin im ÖGB, die ebenfalls erst in den Abendstunden den Catamaran verließ, gefragt, ob ich nicht bei einem Treffen gewerkschaftlicher “Bildungsleute” das #sbsm-Projekt präsentieren und vor allem auch über das #sbsmCamp berichten wolle. Konkret handelte es sich um eine etwa ein Monat später stattfindende Tagung der Bildungsreferent_innen der österreichischen Gewerkschaften und des ÖGB.

Was im Taumel der vielen Eindrücke der soeben vergangenen zwei Tage schnell, ohne Zögern und mit Leichtigkeit zugesagt war, warf knapp vor dem vereinbarten Termin Mitte November dann doch einige Fragen auf: Wie fasst du ein so komplexes Projekt zusammen, das dich über eineinhalb Jahre immens beschäftigt hat, das du selbst noch kaum verarbeitet hast? Wie erzählst du eine Geschichte, die du spannend findest und von der du überzeugt bist, bei der du aber nicht unbedingt das gleiche Interesse bei anderen voraussetzen kannst? Was präsentierst du, um die grundsätzlichen Aspekte von “Soziale Bewegungen und Social Media” darzustellen und im gewerkschaftlichen Bereich (stärker) anschlussfähig zu machen? Und wie bringst du dann auch noch die kaum auf den Punkt zu bringenden Eindrücke vom #sbsmCamp unter? (U.a.m.)

Mittlerweile sind wieder eineinhalb Monate vergangen. Meine “#sbsm-Doku-To Do-List” ist nach wie vor noch nicht abgearbeitet, aber zumindest diese Präsentation, die dann entstanden ist, will ich im Sinne eines Jahresabschlusses nicht länger vorenthalten.

Stark angelehnt an die einleitenden Überlegungen zu Visionen einer Gewerkschaft 2.0 spannt sich der Bogen von aktuellen Entwicklungen im Bereich polistischer (Protest-)Bewegungen bis hin zur Idee, ein Camp zu machen. Warum genau und was dabei rausgekommen ist, erzählen die Folien allerdings – klarererweise – nur ansatzweise. Als für den Rahmen der Präsentation sehr passenden Titel musste ich ganz einfach den von Andrea Mayer-Edoloeyi in am Camp ausgesprochenen Tweet von Ani Degirmencioglu nehmen (so war das doch, oder?) ;)

November 21 2011

how to manage Social Media am Arbeitsplatz

was am sbsm-Camp geschah

Ein Workshop des Camps “Soziale Bewegungen Soziale Medien” setzte sich mit der Nutzung von Social Media im Arbeitsverhältnis auseinander. Gemeinsam haben Betriebsrätinnen, Betriebsräte und Interessierte erarbeitet, welche Regelungen hier sinnvoll wären. Wertvolle Tipps aus der Praxis von IT-Verantwortlichen, Angestellten in Rechts- oder in PR-Abteilungen haben zu einem bereichernden Austausch beigetragen.


Anmerk.: Dieser Beitrag ist zuerst am 8. November 2011
im Arbeit&Technik-Blog von Clara Fritsch publiziert
worden.

Nachdem geteiltes Wissen über die wesentlichen Rechtsgrundlagen und dazu gesprochenen Gerichtsurteile hergestellt war, wendeten wir uns dem spannenden Thema zu, wie Regelungen zur Social Media Verwendung in Unternehmen nun tatsächlich aussehen könnten.

Viele BetriebsrätInnen berichteten, dass bestimmte Social Media Anwendungen häufig gesperrt werden. Die Privatnutzung ist zwar bei fast allen Anwesenden erlaubt, der Zugang zu beispielsweise Facebook ist in einigen Betrieben allerdings nicht uneingeschränkt möglich, sondern nur in bestimmten Abteilungen (z.B. Personalabteilung) vorhanden.

Eine Arbeitsgruppe kam zu dem Schluss, dass (unter anderem) folgende Themen in einer Social Media-Vereinbarung geregelt werden müssten:
- Umfang und Ziel der Nutzung
- Freiwilligkeit, wenn Social Media von der Geschäftsführung forciert wird
- Umfang der Auswertungen, keine Leistungs- und Verhaltenskontrollen
- Zugriffsmöglichkeiten, wer darf was sehen und auswerten?
- Vertretungsregelungen, es kann immer mal sein, dass jemand unvorhergesehen ausfällt und wer darf dann Einsicht nehmen?
- Schulungen für die MitarbeiterInnen und Sensibilisierung im Umgang mit privaten und beruflichen Informationen

Damit das auch tatsächlich passiert, muss sich der Betriebsrat mit seinen/ihren Mitbestimmungsrechten einbringen. Nur allzu oft werden die Regelungen einseitig von der Unternehmensleitung (die weit weit weg in den USA sitzen kann) gestaltet und die betriebliche Mitbestimmung wird außer Acht gelassen.

Abschließend möchte ich das Zitat einer Teilnehmerin aus dem Gedächtnis wiedergeben, da es meines Erachtens die Situation sehr treffend zusammenfasst:

Social-Media-Regelungen sollen den Beschäftigten Sicherheit im Umgang mit Social Media geben. Diese Sicherheit kann nur dann entstehen, wenn Konsistenz und Konsequenz im Handeln vorliegt.

In diesem Sinne wäre es angesagt, sich in Konsistenz und Konsequenz zu üben, Regelungen nicht permanent umzuwerfen, neu zu definieren und auszulegen, einmal dies und einmal das damit zu meinen und so zu einer allgemeinen Verunsicherung beizutragen, anstatt Social Media als das zu nehmen, was es ist; eine Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, so wie viele andere auch.

November 15 2011

Sind die neuen „sozialen Bewegungen“ politisch?

Die Antwort ist nicht einfach. Das Bild ist noch zu diffus. Die neuen „sozialen Bewegungen“ könnten zu einer politischen Bewegung werden, wenn es gelingt, dass sie ihre (politischen) Ziele klar definieren und nachvollziehbar begründen können, sodass man weiß wohin die Bewegung gehen soll.
Offene Diskussionen sind gut, Aktivismus ist gut und soziale Bewegung ist gut, aber irgendwann müssten die Diskussionen zu einer Meinungsfindung kommen, irgendwann müsste man wissen, was die Aktivisten konkret wollen und irgend müsste man vor allem auch wissen, wohin oder in welche Richtung die Bewegung geht.


Anmerk.: Dieser Beitrag ist zuerst am 27. Oktober 2011
in den NachDenkSeiten publiziert
worden.

Eine Nachbetrachtung über das „#sbsm Camp – Soziale Bewegungen und Social Media“ in der letzten Woche im Haus des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) in Wien.

Meine Beobachtung ist subjektiv und eine einzelne Veranstaltung lässt sicherlich keine allgemeinen Rückschlüsse auf die Vielzahl der Aktionen der „Aktivisten“ der neuen sozialen Bewegungen zu. Aber da die Form dieses Camps und Art der Diskussion, die von den insgesamt wohl 300 Teilnehmern offensichtlich akzeptiert und angenommen wurde, lassen meine Beobachtungen ein Stück weit verallgemeinern.

Ich schreibe diese Nachbetrachtung und bin mir dabei der Gefahr bewusst, dass ich von den „Aktivisten“ dieses Camps oder von vielen Engagierten in den neuen sozialen Bewegungen auf anderen Gefilden, wohl als Ewiggestriger, jedenfalls als einer der noch nach den „alten“ politischen Ritualen sozialisiert ist, abgestempelt werde. Ich bin mir auch darüber im Klaren, dass ich vielen „AktivistInnen“ und dem Innenleben in vielen konkreten sozialen Bewegungen nicht gerecht werde. Dennoch drängt es mich, auf Gefahren hinzuweisen:

Die Einladung zu diesem „#sbsm Camp“ erhielt ich, weil ich für ein vom Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes verlegtes und von Hans Christian Voigt und Thomas Kreiml herausgegebenen Handbuch „Soziale Bewegungen und Social Media – Handbuch für den Einsatz von Web 2.0“ ein Interview über den Sinn und Zweck der NachDenkSeiten gegeben hatte.

Dieses Handbuch ist geradezu eine Fibel oder, besser gesagt, ein Handwerkskasten für alle „Aktivisten“, die sich der „Social Medias“ für ihr soziales Engagement bedienen möchten. Dieses Buchprojekt war Anstoß zu diesem Camp im Gewerkschaftshaus des ÖGB in Wien vom 19. bis zum 21. September.

Weil mich sowohl das Thema als auch die Veranstaltungsform interessiert hat, hatte ich schon im Frühsommer meine Teilnahme zugesagt. Zwischenzeitlich hatte ich zwar viele Mails über die Planungen des Camps erhalten, aber bis wenige Tage vor der Veranstaltung habe ich nicht gewusst, was von mir erwartet wird, worauf ich mich vorbereiten oder wie ich mich einbringen sollte. Erst wenige Tage vor dem Camp, als ich bei der Präsentation des Handbuches auf der Frankfurter Buchmesse, den Direktor des ÖGB Verlags Gerhard Bröthaler und die Organisatoren des Camps Christian Voigt und Thomas Kreiml getroffen habe, wurde mir in Umrissen klar, was mich da in Wien erwarten sollte.

Es seien vor allem „AktivistInnen“ geladen und es solle bewusst vermieden werden, dass jemand für eine Bewegung oder Organisation spricht. Es soll ohne vorbereitete Inputs (Referate) gearbeitet werden, die Diskussion soll von den jeweiligen konkreten Arbeitsfeldern der TeilnehmerInnen ausgehen und bestimmt werden. Die Gespräche sollen zwar moderiert sein, aber sich möglichst frei entwickeln. Die zentrale These könnte man so umreißen: das politische System hat heute das „Primat der Politik“ verloren und die sozialen Bewegungen werden zunehmend zu den Akteuren, die „Politik“ bewegen, politische Gestaltungskraft und politisches Handeln einfordern.

Mit ziemlich gemischten Gefühlen bin ich nach Wien gefahren. Ich bin nun seit meinem 18. Lebensjahr, angefangen von der Schülervertretung, über die Studentenbewegung, als Gewerkschafter und als Mitglied einer Partei politisch aktiv, aber eine (politische) Veranstaltung ohne „Inputs“, ja ohne ein konkretes Ziel oder ohne Erwartung einer Meinungsbildung zu einem bestimmten Thema, das hatte ich noch nie erlebt – nicht einmal in der sog. antiautoritären Bewegung Anfang der 70er Jahre. Als ich dann das ein DIN-A3-Blatt füllende Programm am Tagungsort vorfand, konnte ich mir schon gar nicht mehr vorstellen, was da in den zweieinhalb Tagen ablaufen sollte.

An die 50 ganz unterschiedliche Themen sollten jeweils eineinhalb Stunden in jeweils parallel tagenden Arbeitskreisen diskutiert werden. Das Themenspektrum reichte von sog. Flashmobs (also über Mobiltelefone und Internet organisierte kollektive direkte Aktionen), über die Frage „Wie bringen wir Anliegen und Themen in die Gesellschaft“, „Digitale Bürgerrechte“, „Krise und Angst“, „Grassroots vs Apparat“, „Kampagnen der Arbeitgeber die auf Sprache zielen“, „Feminismus 2.0“, prekäre WissenschaftsarbeiterInnen bis hin zur Frage „Wie Social Media die Medienlandschaft verändert“. Diskutiert werden sollten auch neue Formen demokratischer Beteiligung, etwa über die von der „Piraten-Partei“ in Ansätzen propagierten „Liquid Democracy“ usw. usf.

(Ein ORF-Radio-Beitrag versucht das Geschehen zusammenzufassen, hier auch noch eine Zusammenfassung des Camp-Video-Teams.)

Obwohl ich tapfer und diszipliniert von morgens bis abends Arbeitsgruppen besuchte und mich an den Diskussionen beteiligte, konnte ich natürlich nur einen kleinen Teil des Angebots verfolgen. Ich maße mir deshalb kein Gesamturteil an. Zumal es keine Plenumsberichte oder Zusammenfassungen aus den Arbeitsgruppen im Plenum gab.

Was ich – zunächst einmal ganz oberflächlich betrachtet – bemerkenswert fand, war allein schon die Tatsache, dass sich eine große Zahl jüngerer Menschen, die schon aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds und mit ihren zahllosen Laptops gar nicht so Recht dahin passten, in einer Gewerkschaftszentrale aufhielten. Es war ein buntes Treiben im ÖGB-Haus. (Vgl. die Fotostrecken hier und hier.)

Ich vermute, dass der überwiegende Teil der Camp-Teilnehmer noch nie die Schwelle zu einem Gewerkschaftshaus überschritten haben dürfte und schon gar nicht mit einer Gewerkschaftsorganisation Kontakt hatte. Insofern war dies angesichts der eigenen Alters- und Sozialstruktur von Gewerkschaften ein wagemutiger Schritt des ÖGB hin zu einer gänzlich anderen „Subkultur“. Leider haben sich – bis auf die das Camp organisierenden Mitarbeiter des ÖGB und bis auf die beauftragten Projektorganisatoren – die „Hierarchen“ des Gewerkschaftsbundes nicht gezeigt. Allein der Direktor des ÖGB-Verlags Gerhard Bröthaler stellte sich tapfer der Herausforderung.
Dennoch halte ich diese „Öffnung“ der Gewerkschaft für einen mutigen und richtigen Schritt, um überhaupt Brücken zu den unterschiedlichsten sozialen Bewegungen schlagen zu können.

Die Herkunft der Teilnehmer/innen war recht vielfältig, so waren die Internetbetreiber/innen der deutschen Gewerkschaften ver.di und der IG Metall genauso vertreten, wie Vertreter/innen der katholischen Laienbewegung, AktivistInnen von „Stuttgart 21“ oder der studentischen Protestbewegung „uni brennt“. Ich traf Internet- oder „Web 2.0“-AktivistInnen ganz unterschiedlicher Felder – von Bloggern über Twitter- und Facebook-Kampagnenmachern bis zu Video-Stream-Reportern. Überwiegend männlich, aber auch viele Frauen.

Überrascht hat mich weiter die Diskussionskultur in den von mir besuchten Arbeitsgruppen. Es gab – wie gesagt – keine Einführungsreferate (Inputs) und auch keine klassischen Podien. Die Diskussionen wurden überwiegend nur von Moderatoren mit Fragen angestoßen, um dann in eine offene Diskussion zu kommen – was zumeist auch klappte. Die Diskutanten traten nicht als Repräsentanten von bestimmten Gruppen auf und es gab nicht die übliche Hierarchie von „Experten“ und „Betroffenen“ bzw. „Laien“. Obwohl sehr offen, hielten sich die Diskussionen an die aufgeworfenen Fragen und verhedderten sich nicht an oft „steilen Thesen“ einzelner Gesprächspartner. Jede und Jeder konnte seine Meinung oder seine Position vortragen, alle waren gleichberechtigt. Jedes Argument wurde fair respektiert. Auch wenn Thesen hartnäckig vertreten wurden, gab es keine „Flügelkämpfe“ oder gar hitzige Debatten darüber, wer nun Recht hat. Es gab allerdings auch keine Zusammenfassungen oder keine „Ergebnisse“ aus den Arbeitsgruppen, so dass kontroverse Positionen einfach im Raum stehen blieben.

Die Veranstaltungsform und die Diskussionskultur könnte man vielleicht als eine Mischung aus „Kirchentag“, Hochschulseminar und Selbsthilfegruppe beschreiben, nur eben ergänzt durch Twitter-Zurufe von außen und übertragen als Live-Stream im Internet.

Das weitgehend übereinstimmende Grundmotiv der Diskutanten könnte man vielleicht grob so zusammenfassen: Es gibt ein massives Unbehagen an der herrschenden Politik, die politische Elite (also Parteien, Verbände oder sonstige gesellschaftliche Großorganisationen) genießt kein Vertrauen mehr, sie gilt als von der gesellschaftlichen Basis abgekoppelt und getrieben von mächtigen Finanz- und Kapitalinteressen (z.B. den Banken und der Finanzwirtschaft, dem reichen einen Prozent in der Gesellschaft eben). Die Rituale in den etablierten Organisationen sind erstarrt, demokratische Teilhabe oder Mitbestimmung funktionieren nicht mehr, das Mitmachen in Organisationen (also Parteien, Gewerkschaften, Kirchen) bewirkt nichts.

Kurz: Es sind „Empörte“, die gegen die bestehenden Zustände „aktiv“ sind oder werden wollen und die Veränderung nur noch durch Bewegungen von unten, „basisdemokratisch“ von „sozialen Bewegungen“ erhoffen. Und man sucht nach (radikal-)alternativen Formen – vor allem über das Internet verbreitete Kommunikationsformen – zur Überwindung der Herrschafts- bzw. (allgemeiner) Systemstrukturen.

Was sich mir im Wiener Gewerkschaftshaus auf dem „#sbsm Camp“ darbot, scheint mir als Ausschnitt auch die Struktur der „Occupy Bewegung“ widerzuspiegeln. Nämlich eine offene Bewegung, die möglichst alle, die aus unterschiedlichsten Gründen ein Unbehagen an den herrschenden Machtverhältnissen und an der etablierten Politik sowie den vorhandenen Institutionen haben, kurz, alle die sich empören, aufnehmen will. Aus Sorge vor einer Instrumentalisierung durch mächtige herrschende Interessen, setzt man auf eine Art „Barcamp“- oder Open Space-Dynamik – will sagen, auf offene Diskussionen über Themen gemeinsamer Betroffenheit oder Empörung deren Inhalte und Ablauf von Gleichberechtigten als Anwesende oder über Internetkanäle – bzw. Social Medias (Twitter, Facebook) selbst entwickelt und bestimmt wird, an deren Ende dann möglicherweise eher eine (Protest-)Aktion als eine gemeinsame inhaltliche (politische) Forderung steht.

Dieser offene Dialog und die Akzeptanz ganz unterschiedlicher Meinungen unter den „AktivistInnen“ machen solche Formen eines gemeinsamen Lernprozesses für viele Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung oder politischer Einstellung sympathisch und einbindend. Andererseits bleibt der Meinungsbildungsprozess diffus, ja sogar widersprüchlich, er mündet eben eher in einer gemeinsamen öffentlichen Aktion oder in einer Internet-Kampagne, bei der aber gleichfalls jeder für seine Auffassung eintreten kann, also seine Plakate hochhalten oder seine Internet-Community „viral“ aktivieren kann.

Diese gewinnende Offenheit für ganz unterschiedliche Meinungen und politische Positionen – vereint nur im Widerstand gegen einen gesellschaftlichen Misstand oder gegen eine Entscheidung der Regierenden – dürfte aus meiner Sicht gleichzeitig zum Kernproblem solcher Art neuer sozialer Bewegungen werden. Sie mögen breite Schichten ansprechen und sie mögen – wie etwa die Occupy Bewegung – ein allgemein anerkanntes, berechtigtes Anliegen vortragen und überfälligen Protest zum Ausdruck bringen, für den bis zu Angela Merkel und sogar Helmut Schmidt alle Verständnis aufbringen. Aber solche Aktionen bleiben (jedenfalls zunächst) nur kritische Appelle an diejenigen, die Herrschaft ausüben. Solche sozialen Bewegungen mögen eine bestimmte Politik oder die herrschenden Verhältnisse ablehnen, aber sie stellen ihnen keine konkrete Alternative gegenüber. Oder sie entwickeln Gegenentwürfe – wie z.B. bei Stuttgart 21 – erst in einem langwierigen Prozess mit Hilfe von Fachleuten oder von sich im Laufe der Diskussion zu Experten entwickelnden AktivistInnen. Damit dürften solche Bewegungen aber oftmals der „Macht des Faktischen“ hinterherlaufen und an ihr scheitern. Was dann bei den Beteiligten eher zu Frustration und Resignation als zu weiterem Engagement führen dürfte.

Der ausschließlich moderierte und sich nicht an inhaltliche Inputs orientierende Diskussionsprozess, bei dem sozusagen jeder oder jede vertreten kann, was er oder sie will, ist gleichzeitig eine Gefahr für solche offenen Bewegungen. Die Offenheit ist nämlich eine offene Flanke. Solche Bewegungen sind dadurch in ihren Positionen beeinflussbar und z.B. über das Internet durch anonyme Teilnehmer an diesem Meinungsbildungsprozess von außen durchdringbar – gerade auch durch verschwörungstheoretische oder mit suggestiver Kraft vorgetragenen sektiererischen Positionen unterschiedlichster Herkunft bis hin zu besonders aktiven Gruppen aus dem (rechts-) populistischen Lager. Man will gar nicht erst daran denken, dass sich mächtige Institutionen der öffentlichen Meinungsmache mit ihren Apparaten und vor allem mit ihren Parolen einmischen. (Die haben inzwischen die Methoden der viralen Propaganda professionalisiert.)

Umso wichtiger ist es, dass aufklärerische, emanzipatorische oder fortschrittliche Positionen in den Meinungsbildungsprozess eingebracht werden. Das mag vielen politisch Aktiven, die in etablierten Organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen oder gar Parteien engagiert sind, schwer fallen, weil sie eine völlig andere Kultur der politischen Meinungsbildung gewohnt sind, die üblicherweise in einer kontroversen Debatte zu einem Beschluss führt oder bestimmte Personen als Repräsentanten für ein mehrheitlich abgestimmtes Programm wählt. Es wäre jedoch ein schwerer Fehler, wenn die auf diese Art sozialisierten politisch Aktiven nicht auf die neuen „sozialen Bewegungen“ zugehen würden. Nicht nur weil sie damit ein wichtiges Potential für gesellschaftliche (und damit auch politische) Veränderung sprichwörtlich links liegen lassen würden, sondern weil sie sich damit von einem beachtlichen Teil der jüngeren Generation isolieren würden. Insofern war die Entscheidung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, für AktivistInnen in Social Media und in Sozialen Bewegungen die Tür zu öffnen, eine richtige und eine kluge Entscheidung.

Um aber nicht in bloßem Aktivismus zu enden oder um nicht nur eine Bewegung um der Bewegung willen zu bleiben, die (jedenfalls in aller Regel) zwar berechtigten, aber ohnmächtigen Protest ausdrückt, der aufgrund seiner Wirkungslosigkeit eher zu Resignation und damit wiederum zu Passivität führt, müsste es den sozialen Bewegungen gelingen, ihre (politischen) Ziele klarer zu definieren und nachvollziehbarer zu begründen.

Mein vorläufiges, sicherlich noch sehr subjektiv gefärbtes Fazit zu den neuen Sozialen Bewegungen ist:

Offene Diskussionen sind gut, Aktivismus ist gut und soziale Bewegung ist gut, aber irgendwann müssten die Diskussionen zu einer Meinungsfindung kommen, irgendwann müsste man wissen, was die Aktivisten konkret wollen und irgendwann müsste man vor allem auch genauer wissen, wohin oder in welche Richtung die Bewegung geht.

Die Ansätze für eine demokratische Gegenöffentlichkeit sind da und die technisch-kommunikativen Möglichkeiten auch. Vielleicht fehlt es nur noch an den „zündenden“ Ideen, damit die neuen sozialen Bewegungen sich in ein fortschrittliches demokratisches Lauffeuer ausbreiten, das die herrschende Politik – wie in Nordafrika – ernsthaft bedroht.

October 27 2011

October 25 2011

matrix mit einem Bericht zum Camp

Das Ö1 Journal zu «computer & neue medien» hat am So, dem 23.10., also gleich direkt nach dem #sbsmCamp einen Beitrag gebracht.

Anna Masoner war vorort am Camp dabei, hat sich das angesehen und einige Interviews gemacht, die Sendung gestaltet und “User aller Länder vereinigt euch”. Soziale Bewegungen und Social Media. genannt. Ein herzliches Danke an der Stelle. :-)

Die AG InfoPoint hat’s aufgenommen und die Sendung auf soundcloud zum Nachhören für alle hochgeladen. Nochmals herzlich Danke!

September 21 2011

Be the TV media

Mit spontanen Clips, Grassroots News und Live-Streaming Präsenz sichbar machen

«Wir dürfen den Werkzeugen nicht erlauben, im Sattel zu sitzen und uns zu reiten.»
Vilém Flusser


Der Vermittlungsweg Video dient in Zeiten der zeitnahen und medialen Kommunikation als wichtiges und am leichtesten konsumierbares Medium der Informationsvermittlung. Während die Produktion von professionellen “fernsehtauglichen” Berichten viel Know-how und Vorbereitung benötigt und sich auch die Nachbearbeitung arbeitsintensiv gestaltet, sind Videoclips relativ einfach, schnell und mit wenig Aufwand aus Mobiltelefonen oder der eigenen Digicam zu zaubern. Die notwendigen Schritte zur Verbreitung selbstgemachter Videos sind heutzutage so niedrigschwellig, dass wir alle von nahezu überall aus tätig werden können. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele von uns das bereits tun, verdanken wir der fortschreitenden Medialisierung unserer Welt und einer damit einhergehenden breiten Medienaffinität.

Be the tv media

Videoclips auf YouTube oder Vimeo sind der perfekte Content für unsere Social Media-Kultur, sie eignen sich gut zur Dokumentation von Ereignissen und zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft im Zuge von Kampagnen, für die Verbreitung und das Sharing in unseren sozialen Netzwerken. Sie sind billig, einfach und schnell produziert. Sie können direkt und unmittelbar, mehr oder weniger “amateurhaft” aufgenommen und hochgeladen werden, wodurch sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Ressourcenaufwand ist gering und in einer Gruppe von Aktivist_innen bietet sich eine allen gerecht werdende Aufgabenteilung an: jede_r kann sich in den Bereichen einbringen, die ihr/ihm am nächsten liegen und in dem Kontext findet sich jedenfalls auch jemand, der oder die das Filmen übernimmt.

Die Regie einer Aktion im öffetlichen Raum beschränkt sich nicht, wie Saskia, Sebastian und Julia in ihrem Beitrag zeigen, allein auf die Planung und Durchführung der Aktion selbst, sondern sollte auch – bei manchen Aktionen sogar vor allem – die Bild- und Video-Dokumentation umfassen. Zur Vorbereitung einer Aktion gehört also auch, das Positionieren der Kameras (so sichtbar oder so unsichtbar wie möglich), die Aufnahme und eventuell den Schnitt mitzubedenken. Das ins Web Hochladen, Platzieren und Einbetten der Videos auf Facebook und in unser Blogs, das sind alles Arbeitsschritte, die zur Gesamtaktion gehören. Bis hin zur Verbreitung der Videos in weiteren Kontexten gibt es viele Möglichkeiten, arbeitsteilig zusammenzuarbeiten und je nach Talent und Neigung an Aktionen zu partizipieren.

Die «Geld oder Leben» Aktion am deutschen Reichstag. Der Schriftzug «Dem deutschen Volke» wird mit einem gelb-schwarzen Transparent «Der deutschen Wirtschaft» überhängt.Geld oder Leben Videodokumentation. Ein Lehrvideo, wie mensch so etwas perfekt macht.Geld oder Leben Blog mit der Presseaussendung zu Aktion, dem Video und Fotos.

BEST PRACTICE DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT
➊ Über den Schriftzug «Dem deutschen Volke» am Portal des Reichstags in Berlin wird das Banner «Der deutschen Wirtschaft» gezogen. Die Aktion ist großartig und Aufsehen erregend, wobei die Aktion dieses Aufsehen im menschenleeren Regierungsviertel Berlins nur bei wenigen Personen live erregen kann.
➋ Von der Aktion «Geld oder Leben» ist ein Video erhalten, eine sehr gelungene Videodokumentation noch dazu, die bei mehrmaliger Ansicht auch die akribische Planung der gesamten Aktion offenbart.
➌ Nach der Aktion, dem Videoschnitt, dem Verfassen der Presseerklärung: der Weg ins Internet-Café, wo ein Blog und eine YouTube-Kanal angelegt werden. Pressetext, Video und Fotos auf das «Geld-oder-Leben» Blog und fertig.

Ein paar wenige Dinge gibt es zu berücksichtigen, um positiv wahrgenommen zu werden und um in diesem Sinne gute Videos zu machen: Das wichtigste ist die Authentizität der Aufnahme. Nur wenn die Botschaft aus voller Überzeugung kommt, ehrlich und ernst gemeint ist, kann sie einfach und glaubhaft in ein kurzes Video transformiert werden. Um Halb- oder Unwahrheiten medial aufzubereiten, ist einiges mehr an Aufwand und Know-how vonnöten. Es ist wichtig, in den richtigen und wichtigen Momenten aufzunehmen – und das will geplant und durchdacht sein. Späteres “Nachsprechen” und “Nachstellen” kann nie so stark und eindrücklich wie der richtige Moment sein. In den relevanten Momenten ist es wichtig, authentisch und “locker” zu bleiben, egal ob diese Momente hektisch oder von großer Bedeutung sind. Dies wird am besten durch das kleinere bis hin zum “privaten” Setup gewährleistet, das wuchtige Equipment behindert Filmer_innen wie Gefilmte.

Manchmal reicht schon das Smartphone aus, um direkt “am Spot” einen kurzen Beitrag aufzunehmen. Während Zuseher_innen in Bezug auf die Bildqualität erfahrungsgemäß relativ nachsichtig reagieren, ist die Tonqualität ungleich relevanter. Daher gilt, bei der Aufnahme deutlich, verständlich und klar artikulierend zu sprechen, «Wir schreiben heute den 7. November 2011. Ich stehe hier im Wendtland». Schließlich werden über die Sprache wichtige Inhalte vermittelt. Ein lautes Umfeld wie Demos oder ein Pfeifkonzert kann problematisch sein. Hier gilt, die Erfahrung macht die Meisterin und wer sein Equipment gut kennt und schon oft benutzt hat, weiß bereits während der Aufnahme, wie sie oder er zum besten Ergebnis kommt. Erfahrung sammeln zahlt sich also aus, Feedback einholen und das eine oder andere ausprobieren auch. Je nachdem, welchen Zweck ihr mit einem Video verfolgt, wird das Video anders aussehen, anders aufgebaut und mehr oder weniger aufwendig gestrickt sein. Es gibt schließlich unterschiedliche Verwendungszwecke und Einsatzgebiete für Videos.

Film ab: der Einsatz von Videos

Es gibt einige gute Gründe, warum wir filmen. Es gibt diverse Intentionen, was unsere Clips leisten sollen. Wir unterscheiden also verschiedene Arten von Videos:

Dokumentation: Videos von Veranstaltungen und Ereignissen dokumentieren diese Aktionen, Kundgebungen, Treffen, allfällige Konflikte. Durch ein kurzes Video von einem Demozug oder einer interessanten Diskussionsveranstaltung kann den Nichtanwesenden ein schneller und persönlicher Einblick ins Geschehen vermittelt werden. Ein Videoeinstieg kann heute schon in Minutenschnelle und sogar direkt von der noch laufenden Aktion oder Demo über aktuelle Ereignisse unterrichten. Der persönliche Einblick des direkt vom Mobiltelefon hochgeladenen Videos kann vielleicht zusätzliche Menschen mobilisieren, schnell noch zur Demonstration hinzuzukommen. Auf längere Sicht gesehen kann ein Video Eindrücke, die die Massenmedien transportieren, relativieren und eine anschauliche Gegenposition schaffen. Als es in der Zeit der #unibrennt-Besetzung zu einer angeblichen Bombendrohung und im Anschluss zu einer Räumung und Durchsuchung des Audimax kommt, versuchen wir bei der Polizei die Tonbandaufnahme der Bombendrohung anhören zu können. Die Dokumentation dieses letztendlich erfolgreichen Versuchs ist ein Lehrstück auf mehreren Ebenen. Allgemein dienen Videos der andauernden Dokumentation von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und leisten somit einen identitätsstiftenden und -bewahrenden Beitrag für die Gruppen, die in diesen Bereichen engagiert sind.

Deeskalation: Das dokumentierende Filmen kann auch als Beweis für den tatsächlichen Ablauf von Geschehnissen dienen, die später zur Diskussion stehen. Videos können im besten Fall Schutz vor aggressiven Provokateur_innen oder vor Behördenwillkür bieten. Das sichtbare, ruhige und gelassene Filmen bildet eine Hemmschwelle für solche Aggressionen. Behördenvertreter_innen sind, je nachdem welchen Gruppierungen sie gegenüber stehen, mal milder, mal weniger mild gestimmt. Vorfälle wie jene vom «Schwarzen Donnerstag» in Stuttgart bringen jedoch immer wieder in Erinnerung, dass selbst dort, wo polizeiliche Übergriffe unwahrscheinlich sind, doch alles möglich ist. Wir können in Wahrheit auch nicht sagen, wie es bei Kundgebungen und Demonstrationen um die Durchmischung mit Zivilpolizei steht. Und egal, wo ein Agent Provocateur letztlich herkommt, vor unseren Kameras wird er erstens mehr Zurückhaltung bewahren und zweitens sind unsere Aufnahmen immer noch die beste Chance, sie bloßzustellen.

Üblicherweise wissen politisch aktive Gruppen aus ihren bisherigen Erfahrungen einzuschätzen, ob und in welchem Ausmaß mit Übergriffen zu rechnen ist. Bekannt ist auch, dass trotz der “freien Beweiswürdigung” den Aussagen von Polizist_innen im Fall des Falles mehr Glaubwürdigkeit beigemessen wird als den Aussagen von Aktivist_innen. Kleine Kameras wirken hier Wunder. Handlich in der Mitnahme und simpel in der Bedienung dienen sie der Prävention. Wer wird schon gern gefilmt beim Übergriff. Und die Fälle von Polizeibrutalität wie bei der «Freiheit statt Angst»-Demo in Berlin 2009, die dank schneller und einfacher Videoaufnahmen mit Smartphones medien- und aktenkundig werden, steigt in den letzten Jahren rasant an.

Mobilisierung: Für mobilisierende Videos können die zur Dokumentation gefilmten Aktionen recht einfach mit Erklärungstexten und Untertiteln, einer An- und Abmoderation oder dazu passender Musik unterlegt werden. So entsteht mit Einblendungen beispielsweise ein Mobilisierungsvideo, mit Moderation und Schnitt ein Lehrvideo oder mit einer Anmoderation und strategisch gesetzten Untertiteln eine wirkungsvolle Anklage gegen einen Missstand. Der Einsatz von Bildern, Fotografien, Diagrammen und Textfolien erzeugt die Wirkung einer Diashow und kann mit bewegten Videosequenzen gemischt werden. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Aber auch hier gilt, je reduzierter und prägnanter, desto besser.

Information: Ein gutes Video kann helfen, Zwecke, Ziele, Forderungen leichter verständlich zu machen, Zusammenhänge aufzudecken oder einfach den Bekanntheitsgrad einer Gruppe, Partei, Vereinigung zu fördern. Das Informationsvideo erleichtert den Transport der Information, denn wer setzt sich heutzutage schon noch hin und liest Parteiprogramme, Forderungen oder Strategiepapiere. Informationsvideos können Mitglieder einer Organisation oder sozialen Bewegung vorstellen, über Beweggründe berichten und aktuelle Entwicklungen darstellen. Soll für den Informationstransport nicht eine Aktion, sondern ein ausgearbeiteter Text im Vordergrund stehen, so ist dafür schon ein etwas komplexeres Setting erforderlich. Texte sollten wohl überlegt und vorbereitet sein. Achtet auf die Lesbarkeit und sucht euch eine Person, die das euren Ansprüchen entsprechend intonieren oder graphisch gut einarbeiten kann. Ein kleines Drehbuch hilft, die Struktur des Films vorab zu klären und kann auch schon mit der Struktur des Textes Hand in Hand gehen. Die Bilder für diesen Film sollten den Text gut visualisieren, damit der Inhalt bei den Rezipient_innen auch gut hängen bleibt. Comics sind hier genauso möglich wie Aufnahmen aus der täglichen Arbeit, Stimmungsbilder oder Bilder, die Missstände aufzeigen.

Ab ins Netz: Videos online bringen

Nach den Aufnahmen geht es darum, das Video ins Netz zu bringen und zu verbreiten. Auch dabei gibt es einige Dinge zu berücksichtigen:

Schnitt- und Einstellungssachen: Natürlich ist es möglich (und gar nicht so schwer), verschiedene Videofiles später am Computer zu einem kleinen Film zusammenzufügen. Das erfordert Zeit, ein bisschen Know-How und Übung, sowie ein geeignetes Programm. Gratis gibt es da etwa lightworks und kostenpflichtig, aber natürlich leistungsfähiger zum Beispiel Premiere. Wer sich diese Arbeit sparen will, überlegt schon im Vorhinein die gewünschte Message, antizipiert mögliche Umsetzungen und packt das dann in eine runde und flüssige Einstellung. Dadurch entfällt der Schnitt. Meist bleibt das Video dadurch überraschend kurz und “knackig”. Auch in diesem Fall macht die Übung den oder die Meister_in. Das Kombinieren von Umfeld mit Aktion und eigener Message mit Präsenz führt zu spannenden Ergebnissen. Ein Beispiel wäre ein Schwenk über die Demo mit der abschließenden Wendung der Kamera auf das eigene Gesicht, dann die Ansage direkt in die Kamera mit persönlichem Statement und kurzer Erklärung der Umstände.

Fragen der Länge: Finger weg von quälend langen Videos. Finger weg von komplexen und vielschichtigen Messages! Die Zuseher_innen, die das Video online auf einer Plattform oder weitergeleitet im Soziale Netzwerk finden, können täglich zwischen unzähligen Videos und anderen Dingen wählen, die um Aufmerksamkeit buhlen. Zwei Tipps dazu: je sprechender, passender und packender der Titel und das Vorschaubild, desto besser werden wir unser Publikum erreichen. Je kürzer und prägnanter die Eindrücke und Aussagen dargestellt werden, desto eher wird die Message bei unseren Seher_innen ankommen.

Themenbezogen: Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig. Wenn mensch auch noch aus einer Vielzahl von Videos wählen müsste, wäre das überfordernd und würde wohl dazu führen, dass einfach weiter geklickt wird, ohne auch nur ein Video anzuschauen. Wie weit das Thema sein soll, bleibt natürlich euch überlassen. Ein Thema kann sein: eine Demo, eine Aktion, eine Konferenz. Ein Thema kann aber auch Repression auf der Demo sein, ein wiederum anderes Thema auf der gleichen Demo die Soli-Erklärung einer Organisation. Wichtig ist, dass die inhaltlichen Unterschiede der Videos anhand der Beschriftung (Titel und Beschlagwortung mit Tags) und des Bildes schon evident sind. Jedenfalls sollte nicht passieren, dass wir fünf “allgemeine Videoimpressionen” machen und alle mit «Demo gestern» betitelt online stellen.

Publikation: Ein weiterer wichtiger Faktor für die Wirkung eines Videos online ist die zeitnahe und sichtbare Publikation des Videos. Es hieß es schon zu Zeiten von gedruckten Nachrichten «Nichts ist älter als die News von gestern». Mensch kann sich also vorstellen, wie sich diese Prämisse durch Internet und digitale Freundesnetzwerke verstärkt hat. Während in der Vergangenheit die mediale Wirklichkeit maßgeblich von einigen wenigen Sendern beherrscht wurde, kommt es seit geraumer Zeit zu einer anhaltenden Fragmentierung und Atomisierung der Kommunikationskanäle. Heute setzt sich mein Ausschnitt der Wirklicheit aus einer Vielzahl an Quellen zusammen. Durch Facebook, Twitter & Co sind wir es bereits gewohnt, spontan und im Augenblick unsere Meinung kundzutun. Das gilt auch für die Verwendung von Videos in den Social Media. So gesehen steht der Tweet oder Pinnwandeintrag aus meinem sozialen Netzwerk, der die Ereignisse dort draußen zum Thema hat, gleichwertig auf einer Höhe mit der Mitteilung der Presseagentur. Beides sind “nur” Postings.

Für uns empfiehlt sich also, Videos auf mehreren Kanälen hochzuladen, um die Vorteile der jeweiligen Plattformen optimal zu vereinen. Während zum Beispiel YouTube“der Klassiker” unter den Videoplattformen ist und mit Abstand die größte Breitenwirkung hat, bieten spezielle Nischenplattformen für spezifische Zielgruppen weitere Verbreitungsmöglichkeiten. Eine andere Plattform wie Vimeo punktet wiederum mit besonders guter Bildqualität und wird deswegen oft von Künstler_innen benutzt. Überall werden unterschiedliche Segmente von Seher_innen erreicht. Dieses Seeding an mehreren Orten hat auch den Vorteil, dass bei einer etwaigen Löschung eines Videos sofort Ausweichmöglichkeiten gegeben sind.

Durchs Netz wandern: Verbreitung von Videos

Die Wege zur Verbreitung unserer Videos im Netz können variieren, je nach Zweck und Zielgruppe. Den eigenen Kanal aufzubauen und ansprechend einzurichten stellt den ersten Schritt dar. Anschließend gilt es, diesen Kanal auf einer Plattform wie YouTube mit unseren anderen Social Media-Standbeinen (Blogs, Twitter, Facebook) zu verknüpfen. Uploads werden per Feeds weitergespielt. Zum “ansprechend Einrichten” des Kanals gehört ganz wesentlich, den YouTube-Kanal nicht nur mit deinen eigenen Accounts zu verlinken, sondern dich mit anderen YouTube-Kanälen zu vernetzen. Ein autistisch geführter YouTube-Kanal, der keine Kontakte, keine Abonnenments, keine Favoriten und keine Kommentare aufzuweisen hat, wird auch von anderen geschnitten und eher verwaist bleiben. Hier gelten die gleichen Regeln wie bei der Blogroll für Blogs: andere empfehlen und dafür von anderen empfohlen werden. Politisch aktive Gruppen haben ohnehin eigene Websites, auf denen ihre Videos publiziert werden. Das ist zwar ein erster Schritt, aber nicht immer alleine zielführend. Hier sehen alle im engeren Umfeld Interessierten, die regelmäßig diesen Webauftritt besuchen, dass es ein neues Video gibt; eine breitere Öffentlichkeit wird damit aber in der Regel nicht erreicht, geschweige denn, dass sie das Video über die Netzwerke und Plattformen hinweg verbreitet. Dazu muss neben dem Gehalt des Videos auch das Videoformat passen, es muss Einbetten und “Sharen” mit maximal drei Klicks zu machen sein, das Video muss in die Netzwerke unserer Zielgruppen eingespeist werden und dort muss sich schon so etwas wie “Sharing”-Kultur herausgebildet haben.

Um interessierte, aber möglicherweise andersdenkende Menschen zu erreichen ist es sinnvoll, unsere Videos auch auf thematisch spezialisierte Plattformen hochzuladen, also etwa in die Kanäle der sozialen Bewegungen, die gerade relevanten Mediencenter der Zivilgesellschaft, auf Facebook-Seiten. Durch die dort vorherrschende Fokussierung auf die einen oder anderen zivilgesellschaftlichen Belange erreichen wir weitere Interessierte und sind nicht auf die Fans unseres eigenen Kanals beschränkt. Einmal auf diversen Plattformen vertreten, sind wir außerdem autonomer von internationalen Konzernstrukturen und plötzlich geänderten Benutzerbedingungen, die zu unerwarteten Problemen führen können.

Um Videos nach dem Upload zu pushen, sind die üblichen Social Media-Kanäle Gold wert. Ein einzelner, gut vernetzter Account auf Twitter und Facebook genügt allerdings nicht, selbst wenn es so etablierte Benutzerkonten wie die von @unibrennt, @fluegel.tv oder @misik sind. Optimalerweise verbreitet eine Vielzahl von Einzelpersonen sowohl aus dem privaten Freundeskreis als auch dem Online-Bekanntenkreis das Video, verteilt über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Die Erfahrung zeigt, dass beim Akt des Sharens via Twitter, Facebook und anderer Plattformen oft der einleitende flotte Spruch, die kurze Anklage oder noch besser eine interessante Frage helfen, an die Neugier der anderen zu appellieren. Willst du zusätzlich “digitale Immigrant_innen” oder Menschen abseits der Social Media-Plattformen erreichen, so empfiehlt sich ein guter alter Newsletter, eine Presseaussendung, das Posten des Videolinks unter Artikel der Massenmedien.

Wenn auf einem Video Menschen zu sehen sind, sollten deren Persönlichkeitsrechte und insbesondere deren Bildrechte respektiert sein. Am besten, indem diese gefragt werden, ob ihnen das Filmen und das Veröffentlichen recht ist. Wenn fragen nicht geht – zum Beispiel auf Demos – wäre es schön, wenn versucht wird, keine angreifbaren Aktionen von Demonstrant_innen zu veröffentlichen. Im Zweifel lieber die Gesichter unkenntlich machen. Manche Menschen sind vielleicht auch nicht nur an Gesicht und der Stimme, sondern auch an auffälliger Kleidung, Tatoos, Haarpracht oder sonstigen Merkmalen erkennbar. Je sensibler die Aktionen sind, die gefilmt werden, und je gefährdeter die beteiligten Personen, desto sensibler sollte mit Videomaterial umgegangen werden. Das inkludiert auch den Datenschutz auf den Festplatten und Servern. Eine Möglichkeit, einzelne Menschen nicht erkennbar zu machen, und trotzdem Bilder von der Masse zu haben, besteht darin, nur die Füße der vorbeiziehenden Menschen oder die Menschen nur von hinten zu zeigen. Auch ein Schilder- und Transpiwald oder die Geräuschkulisse kann die Größe einer Demo zeigen.

Veranstaltungen live-streamen und aufzeichnen

So gut wie jeden Tag finden interessante Diskussionsveranstaltungen statt, gibt es irgendwo ein toll besetztes Podium oder einen hörenswerten Vortrag. Nicht immer kann mensch live dabei sein, manchmal weil wir zu spät etwas von der Veranstaltung mitbekommen, andere Termine haben oder leider nicht in dieser Stadt wohnen. Solche einmaligen Veranstaltungen können auch ohne TV-Equipment mitgefilmt und ohne Fernsehkanal einer breiteren Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Anders als im Fernsehen ist die “On-Air-Time” nicht durch die Programmgestaltung begrenzt und so können auch Nischeninteressen gut bedient werden. Während kurze Clips vor allem kurzweilig und prägnant sein sollen, geht es bei Mitschnitten von Diskussion und Vorträgen vor allem darum, das Gesagte möglichst unverfälscht darzubieten. Umfassende Mitschnitte von Diskussionen sollten heute bei keinen zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen mehr fehlen. Nicht nur legen wir Dokumentationen zivilgesellschaftlicher Arbeit und Realität an, wir sammeln auch Material. Ausschnitte aus diesem Material können für später geschnittene Beiträge wertvolle Bestandteile liefern. Ausgesuchte Wortmeldungen und Szenen aus Podiumsdiskussionen oder Vorträgen untermauern den Eindruck von Engagement, Kompetenz und Bedeutung dessen, womit wir uns beschäftigen. Es entsteht ein Stock an pointiertem Expert_innenwissen, das nachhaltig abrufbar ist und zitiert werden kann.

Wie bei allen inhaltlich orientierten Medienprodukten gilt die höchste Priorität dem Ton. Bei der Bildqualität sind noch eher Kompromisse möglich. Also: beim Filmen auf den Ton nicht vergessen! Am besten die (geschlossenen!) Kopfhörer immer aufgesetzt haben, um sofort zu hören, was und wie das später auf der Aufnahme zu hören sein wird. Bei größeren Veranstaltungen werden die Redner_innen meist mit Lautsprechern verstärkt. In diesem Fall ist es das beste, dass wir uns mit der Tonaufnahme direkt an die Anlage anhängen. Dazu bedarf es einer Kamera mit Mic-In-Eingang und der im Vorfeld organisierten nötigen Kabel. Unangenehmer Hall wird so vermieden. Eine andere Möglichkeit wäre, externe Mikrofone oder gleich ein unabhängiges Audioaufnahmegerät zu verwenden, das am Podium plaziert wird. Natürlich wird dadurch die Postproduktion aufwendiger, schließlich müssen eine Audio- und eine Video-Aufnahme am Computer synchronisiert werden. Aber alle aufgezählten Optionen sind besser als eine Tonaufnahme durch das eingebaute Mikro, welches die Geräusche nahe an der Kamera am lautesten aufnehmen wird. Unerlässlich für längere Aufnahmen ist außerdem ein Stativ. Zu beachten ist auch, dass nicht während der Aufzeichnung ein Akku oder das Speichermedium ausfallen. Wir brauchen also ausreichend große und aufgeladene Akkus sowie ausreichend große und nicht belegte Speicherkarten. Speicherkarten-Kameras haben den unschätzbaren Vorteil, dass das Digitalisieren einer Bandaufnahme entfällt. Die Daten müssen lediglich mittels “Cardreader” auf den Computer kopiert werden.

Bologna burns MobiVideo zu den transnationalen Protesten im Winter 2010 in Wien.Graswurzel.tv - der freie Sender, der eine eindrucksvolle Dokumentation der Probleme, Proteste und Aktionen rund um die Atommüllentlagerung bietet.Supertaalk zu Fragestellung «Wer Macht Medien?» mit einer ohne jeden Zweifel qualitativ besseren und jedenfalls relevanteren Diskussion, als das professionelle Fernsehen das zusammenbringt.

SELBSTORGANISIERTE FERNSEHSENDER DES SELBSTORGANISIERTEN ENGAGEMENTS
➊ Gleichzeitig Mobilisierungs- und Informationsvideo, verbindet dieses Beispiel von «bolognaburns!» hier Archivmaterial, Grafiken, Texteinblendungen, direkte Ansprache und Moderation aus dem Off.
➋ Das Selbstverständnis von «graswurzel.tv will komplett unabhängig von herkömmlichen medialen Strukturen arbeiten und informieren. Wir verstehen unsere Arbeit als alternativen Journalismus, der sich die Möglichkeiten der modernen Berichterstattung via Internet zu Nutze macht.»
➌ Mit dem «Supertaalk» organisieren Blogger_innen und Netzaktivist_innen ein eigenes Format der Diskussionssendungen, samt interaktiver Einbindung von Kanälen wie Twitter und Chat, sowohl im Vorfeld, während der Sendung und in der Nachbereitung.

Die Möglichkeit des Live-Streamings ist ein weiterer Schritt in Richtung Medialisierung und Transparenz. Schon die Ankündigung und das Faktum, dass es zur Veranstaltung auch einen Live-Stream geben wird, ist für sich schon ein weiterer Stein im Puzzle der Aufmerksamkeitsökonomie. Wieviele Personen sich dann tatsächlich die Veranstaltung am Live-Stream ansehen, hängt von mehreren Faktoren ab und ist oft gar nicht so wichtig. Zu den Faktoren zählen inhaltliche, geografische und technische. Inhaltlich meint, inwiefern ist es “wichtig”, live dabei zu sein? Ein zeitloser Vortrag zum Thema Grundeinkommen ist weniger brisant als zum Beispiel die Preisverleihung des Social-Impact-Awards. Geografisch meint die Möglichkeit, Personengruppen aus anderen Regionen teilhaben zu lassen. Technisch meint letztendlich, wie verbreitet und beworben ist der Link zum Stream und wie sieht es mit der Kapazität des benutzten Services aus. Der Live-Stream aus dem Audimax Wien war ein ganz wichtiger, wenn auch nicht unumstrittener Faktor der unibrennt Öffentlichkeitsarbeit. Aber Achtung: live streamen heisst automatisch “ohne Visier” zu agieren. Alles, was gesagt wird, ist augenblicklich publiziert und kann nicht mehr “unter der Decke” gehalten werden. Im Falle der Plena in besetzten Hörsäalen gab es immer wieder Bedenken und Kritik an dieser totalen Transparenz, der Live-Stream wurde dennoch mehrheitlich immer wieder befürwortet.

Während vorbereitete und organisierte Übertragungen qualitativ meist ansprechend und professionell umgesetzt sind, gibt es auch sogenannte “Guerilla-Live-Streams” ohne Absprache mit den Veranstalter_innen. Solche “heimlichen” Liveübertragungen können die Aufmerksamkeit auf Auseinandersetzungen lenken, die von manchen Leuten lieber mit weniger Aufmerksamkeit bedacht geführt werden. Diese Guerilla-Taktik ist in letzter Zeit auf dem Vormarsch und unterläuft heimliche politische Absprachen, aufwendigen Einsatz von Public Relation-Events oder bringt ans Licht, wie manche Entscheidungsträger_innen sich gebärden, wenn sie sich von Kameras unbeobachtet fühlen. Einer gewissen Ironie nicht entbeehrt hat etwa die Aktion grüner Parlamentsangehöriger, als sie aus einem mit Datenschutz befassten Ausschuss streamten. Rechtlich befindet mensch sich in einer nicht-ausjudizierten Grauzone, technisch reicht dafür ein modernes Smartphone sowie ein Account bei einer Streaming-Plattform wie ustream.tv oder bambuser.com. Die Qualität wird hierbei vermutlich schlecht sein, aber darauf kommt es in diesem Fall ja auch nicht primär an.

Zusammenfassung

Videos können sehr wirkungsvoll für Informationstätigkeit und den Transport politischer Anliegen sein. Sie können mobilisieren. Die Verwendung von Videos bietet sich im Feld zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen daher besonders an. Es gibt immer etwas zu berichten und selten übernehmen das die klassischen Medien. Mit ein paar Tricks können wir eindrückliche Videos machen und diese im Netz über unsere sozialen Netzwerke in Umlauf bringen. Während bei professionellen Medienmacher_innen die Form und Qualität zu 100 Prozent stimmen müssen, geht es im zivilgesellschaftlichen Bereich mehr um Aussagen, Authentizität und Dokumentation. Wichtig ist, die Kamera im richtigen Moment einzuschalten und den Moment optimal auszunutzen. Dazu ist es von Vorteil, wenn du dein Equipment gut kennst und es bei Bedarf voll einsatzfähig hast.

  • Einfach mal drauflosprobieren, dadurch verliert mensch Hemmungen und kann bei jedem Clip etwas für den nächsten Versuch lernen.
  • Im richtigen Moment solltest du schon vorbereitet sein. Späteres “Nachsprechen/Nachstellen” wirkt viel weniger authentisch und glaubwürdig.
  • Experimentiere mit deinem Equipment, Einstellungen und Techniken, damit du in relevanten Momenten selbstsicher auf deine Erfahrungen zurückgreifen kannst.
  • Weniger ist meist mehr! Verzichte auf übertriebenes Zoomen, gefinkelte Ausschnittwahl und dynamische Kameraschwenks.
  • Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig!
  • Für die Publikation des Videos gilt: so schnell wie möglich, an so vielen Stellen wie möglich.
  • (An-)Sprechende Titel und aussagekräftige Tags helfen bei der Verbreitung des Videos über den Kreis der “üblichen Verdächtigen” hinaus.
  • Konzentriere dich nicht nur auf das Bild. Der Ton macht nicht nur die Musik, er ist auch das Kriterium, ob eine Aufzeichnung etwas wert ist oder trotz schöner Bilder eigentlich zu schmeißen ist.
  • Finger weg von quälend langen Videos, von komplexen und vielschichtigen Messages!
  • Bei Demos, Besetzungen, Blockaden und Aktionen gilt: Missachte nicht die Rechte jener, die du filmst.
  • Vergraule potentielle Zuseher_innen nicht mit Videos ohne Informationsgehalt.

September 10 2011

Auszug aus dem NetzKnigge

Tipps für den verantwortungsvollen und souveränen Auftritt von Dummies für Dummies

«Alles in Ordnung, setz dich, nimm dir ein Keks, mach es dir schön bequem …».
Volksfront von Judäa. Oder Judäische Volksfront. Die populäre Front?

Wenn wir unser Starter-Kit online gebracht haben und loslegen können, eigentlich schon unseren Kanal bespielen und uns zu vernetzen beginnen, bleibt manchmal dennoch die Sorge, dass wir irgendwo in ein Fettnäpfchen treten könnten, uns in irgendeiner Weise ungeschickt anstellen oder in ein «absolutes NO-GO» stolpern. Mit einem neuen Webauftritt ist das immerhin ein gutes Stück Neuland, in das wir hier vorstoßen. Selbst wenn wir gut vorbereitet sind – und das sind wir –, müssen wir uns viele Nuancen erst erarbeiten. Wir müssen manche Fehler erst machen, um dank der Folgen wirklich zu verstehen, warum das so und nicht so gemacht wird. Wir müssen unseren Stil finden, wollen souverän und stilvoll agieren. Nicht nur in eigenem Interesse, sondern auch für die anderen, mit denen wir kommunizieren.
Hier findest du einige Tipps, Tricks, Anleitungen und Empfehlungen dazu, was “noch” wichtig sein könnte für deinen Webauftritt, nämlich abseits der eigentlichen Inhalte und der laufenden Kommunikation.

Offengelegt, wer hier verantwortlich ist

Ob klassische Website oder ein dynamisches Blog: wer online geht, übernimmt Verantwortung. Du hast ein Angebot ins Netz gestellt, eine Einladung für andere, sich anzuschauen, wofür du dich engagierst. Es ist ein Angebot, die Arbeit deiner Organisation zu verfolgen, sich über die Forderungen einer Bewegung zu informieren, Kontakt aufzunehmen zwecks Beratung oder möglicherweise auch, um mitzuarbeiten. Für dieses Angebot bist du auf mehreren Ebenen verantwortlich, wie ein_e Gastgeber_in für eine Veranstaltung: für die inhaltliche Ebene des Programms, für die Einladung, die Sichtbarkeit und Klarheit des Angebots, für die Betreuung und den Dialog. Du bist Ansprechpartner_in, wenn jemand etwas braucht. Die inhaltliche Ebene soll hier nicht besprochen werden, hier geht es zuerst um deine Pflichten als souveräne_r Gastgeber_in.

Es beginnt damit, dass eindeutig und sichtbar offengelegt wird, wer hier wofür verantwortlich und, im Falle des Falles, über welchen Weg kontaktierbar ist. Wir erledigen also das, was oft und gerne Impressum genannt wird und von Print-Publikationen nur zu bekannt ist. Es geht hiermit auch um einige Formalerfordernisse, die aus rechtlichen Gründen erfüllt sein sollten. Als Website- und Blogbetreiber_in unterliegst du beziehungsweise die Organisation, für die du Inhalte veröffentlichst, bestimmten Informationspflichten. In Österreich ist das genau formuliert: die Pflicht zur «Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz». Ob “Impressum” oder “Offenlegung”, beide verfolgen denselben Zweck. Es geht um die Angabe der hinter den veröffentlichten Inhalten stehenden Organisationen und Personen und darum, dass diese kontaktiert werden können. Im Falle des Falles wird dadurch ermöglicht, dass von der Berichterstattung Betroffene sich mit allfälligen Richtigstellungen und Ansprüchen an die verantwortlichen Personen wenden können. Neben diesem rechtlich relevanten Hintergrund geht es auch um Transparenz, Klarheit und die Ansprechbarkeit.

Welche Form der Bereitstellung dieser Informationen – Impressum oder Offenlegung – ist für unsere Website oder deinen Blog die richtige? Die Antwort hängt vom nationalen Recht und von der Art der Tätigkeiten beziehungsweise Dienste ab, die über eine Webpräsenz abgewickelt werden. Handelt es sich um einen «im weitesten Sinne kommerziellen Dienst», bedarf es in Österreich eines Impressums nach § 5 E-Commerce-Gesetz. Das gilt übrigens auch für E-Mail-Newesletter, egal ob mit kommerziellem Hintergrund oder nicht. In Deutschland wird keine “Offenlegung” sondern eine Anbieterkennzeichnung verlangt. Im Kontext nicht-kommerzieller Webauftritte, also in unserem Feld des Aktivismus und der sozialen Bewegungen, sind die Anforderungen nicht so umfangreich und streng wie für kommerzielle Angebote. Womit wir jedenfalls gut fahren und was sowieso schon die Höflichkeit gebieten würde, ist eine Kontaktseite mit mindestens:
(1) dem Namen des Medieninhabers oder der Medieninhaberin,
(2) der Angabe einer für den Inhalt verantwortlichen natürlichen Person mit Namen,
(3) dem Ort (die Angabe der Gemeinde ist eigentlich ausreichend),
(4) einer E-Mail-Adresse für die elektronische Kontaktaufnahme und
(5) einer Erklärung über die grundlegende Richtung des Mediums.

Ob du diese Informationen auf einer Seite des Namens “Kontakt”, “Impressum” oder “Über” platzierst, ist relativ egal. Die Seite sollte nur gut auffindbar sein und nicht knifflig versteckt. Sie kann und soll weitere Informationen enthalten, diese Daten sollten aber jedenfalls klar erkennbar sein und am besten unter der Überschrift «Anbieterkennzeichnung» oder «Offenlegung» stehen. Die E-Mail-Adresse kann zur Spam-Gegenmaßnahme per Bilddatei eingefügt sein oder es wird ein Kontaktformular angeboten. Diese Nuancen der Darstellung sind mehr oder weniger beliebig wählbar, wirklich wichtig ist, dass der E-Mail-Korb auch gelesen und E-Mails beantwortet werden. Viele profilierte Stars in der Social Media-Welt, die gerne und überall von der Bedeutung des Dialogs sprechen, lassen genau hier aus und ziehen sich darauf zurück, dass sie ja auch über Twitter kontaktierbar gewesen wären. Lass uns so gar nicht erst anfangen. E-Mails werden beantwortet. Immer.

Offengelegt, worum es geht

Wer auf deiner Seite landet, ist daran interessiert zu erfahren, worum es hier geht und warum es diese Seite oder das Blog überhaupt gibt. Das Leitbild sollte gebündelt an zentraler Stelle stehen. Die Balance zwischen nüchtern und motivierend ist perfekt – gerade im Kontext politischer Arbeit – und gibt unseren Angeboten im Web einen Rahmen, der “virtuelle Welt” und “Real Life” verbindet. Unter dem zentralen Leitbild folgt manchmal eine Kurzvorstellung der Organisation oder von uns Blogger_innen. Außerdem kannst du hier klarmachen, was die Aufgaben und Leistungen deiner Organisation sind, in welchem weiteren Feld diese Auseinandersetzung angesiedelt ist, welche Geschichte uns hierher geführt hat. Anders als bei den rechtlichen Formalerfordernissen der Kontaktdaten geht es hier um Kontextualisierung. Und diese Standortbestimmung und Leitbildfunktion ist beiläufig gesagt nicht nur für Leser_innen gedacht. Was wir in einem Leitbild festmachen, das hat auch mit Selbstreflexion und Identität zu tun. Aber Achtung: das heißt nicht, dass hier Romane geschrieben werden wollen. Knapp, klar und selbstbewusst. Und wenn dir (oder euch) dieses Medium liegt, warum nicht als eingebettetes Video.

Während das “Mission Statement” nicht nur dazu da ist, «damit du dich auskennst, liebe_r Besucher_in», sondern als Leitbild auch nach innen wirken kann, ist die Erklärung, wie das hier gehandhabt wird, nur für die Besucher_innen. Die wissen nämlich nicht automatisch, ob es hier nur um One-Way-Kommunikation geht, ob der Webauftritt mehr Dokumentations- und Archivcharakter hat, ob das hier auch als Einladung zum Dialog gemeint und kommentieren erwünscht ist, oder ob möglicherweise sogar eingeladen wird, Gastbeiträge einzuschicken, mitzuarbeiten und an Treffen, Veranstaltungen, Entscheidungen teilzuhaben. Wird ein Twitter-Kanal zum Beispiel nur für Aussendungen verwendet, so ist das zwar nicht die diskursive Nutzung, für die Twitter so beliebt ist. Wenn das allerdings klargestellt ist und wenn transparent kommuniziert wird, dass für die dialogische Kommunikation das Blog verwendet werden soll, dann ist das kein Problem.

Wichtig ist, dass das Kommunikationsverhalten sowohl nachvollziehbar als auch antizipierbar ist und das Andocken und Interagieren leicht macht. Ladet explizit dazu ein, die Kommentarfunktion zu benutzen und stellt klar, wie Kommentare behandelt werden. Ladet zu Veranstaltungen, ins Open House, zum Vernetzungstreffen, ins Betriebsratsbüro, zum Plenum ein und dokumentiert die Veranstaltungen. Ladet zu Gastbeiträgen oder Kritik ein und schreibt dazu, wo sich Interessierte zu diesem Behufe hinwenden sollen (und wohin nicht) und wie die weiteren Abläufe dann gehandhabt werden.

Offengelegt, wie das hier gespielt wird

Wer eine Plattform für Diskussionen bietet, muss auch mit einem Widerstreit von Meinungen rechnen. Der Widerstreit kann möglicherweise in einen manifesten Konflikt ausarten. Es passiert gerade bei Online-Kommunikation nicht selten, dass über die Stränge dessen geschlagen wird, was eine positive Diskussionskultur üblicherweise ausmacht. Hier hilft die Abgrenzung, welcher Ton toleriert wird, wie mit Trolle umgegangen wird. Besonders wichtig ist die differenzierte Abgrenzung von Inhalten anderer, wenn wir eine offene Diskussionsplattform anbieten und nicht laufend alle Wortmeldungen kontrollieren wollen. Du bietest auf deiner Seite eine Plattform für Information und Kommunikation, hältst dich an Transparenzkriterien und legst deine Verantwortlichkeit offen – dafür behältst du dir aber auch das Recht vor, Umgangsformen einzufordern. Um klarzustellen, wie der generelle Rahmen der Diskussionskultur aussieht, erklärst du als Gastgeber_in die hier gültige “Netiquette”. Das ist übrigens die Stelle, wo du dich von beleidigenden, rassistischen, sexistischen oder in irgendeiner Form abwertenden Kommentaren distanzierst und die Seite, auf die du im Fall von Regelverletzungen verweist. Vergiss dabei nicht deine Facebook-Seite, auf der vielleicht mehr Kommentare eingehen. Mit all diesen jederzeit nachlesbaren Informationen sollten die Nutzer_innen deiner Seite wissen, welche Umgangsformen erwartet werden und was sie erwarten können, wenn sie am Austausch partizipieren und ihre Inhalte teilen wollen.

An dieser Stelle finden wir auf manchen Websites und Blogs oft auch weitere Disclaimer. “Disclaimer” sind Haftungsausschlüsse. Allerdings handelt es sich dabei um eine heikle Angelegenheit. Disclaimer werden oft als Maßnahme zum Schutz vor rechtswidrigen Inhalten auf verlinkten Seiten oder in Postings von User_innen eingesetzt. Einen umfassenden Schutz in Form eines pauschalen Haftungsausschlusses gibt es aber nicht. Im Vergleich zu ihrem häufigen Gebrauch in der Praxis sind Disclaimer nur in wenigen Fällen sinnvoll und tragen wenig zur rechtlichen Absicherung bei. Dies gilt beispielsweise auch im Falle von Seiten, auf die du verlinkst und für die du dich nicht pauschal der “Linkhaftung” entziehen kannst – siehe die umfassende Aufarbeitung diesbezüglicher Gerichtsurteile unter dem Titel «Das Märchen vom Link-Urteil».

Offengelegt, wie wir mit Daten und Rechten umgehen

Im Netz immer ein Thema: wie gehen wir mit Daten und Rechten um, wie mit jenen der anderen, wie mit den eigenen. Mit einer Datenschutzerklärung legen wir offen, was auf unserer Seite mit Daten der Nutzer_innen passiert. Je nachdem, in welchem Feld wir uns bewegen, worum es bei uns geht, werden wir es mit mehr oder weniger ausgesetzten Zielgruppen zu tun haben. Aber auch wenn verschiedene Gruppen von Menschen mehr oder weniger Schutz benötigen, mit den Daten der anderen sowohl respektvoll als auch vorsichtig umzugehen ist nie ein Fehler. Beispiele von Datenschutzerklärungen findest du zum Beispiel bei der Arbeiterkammer oder beim Kontrollausschluss, bei dem du dir auch viele andere Tipps und Tricks für Datensicherheit und -schutz holen kannst. Eine Einflussgröße, wie sehr eine Datenschutzerklärung angesagt wäre, wird durch Eingabemöglichkeiten auf unserer Website bestimmt. Wenn bei dir “nur” kommentiert werden kann, ist das etwas anderes als wenn du zum Beispiel Daten im Zuge von Kampagnen mit Petitionen erhältst, die du in den Webauftritt integrierst. Noch heikler wird es, wenn du einen Community-Bereich, ein Forum oder gar einen geschützten “Intranet”-Bereich anbietest. Die Datenschutzerklärung wird jedenfalls das Vertrauen in deinen Onlineauftritt stärken. Lass die Leute wissen, was mit den Daten passiert, die sie von sich preisgeben. Geh sorgsam mit Daten um, nicht nur mit den persönlichen Daten, sondern auch mit Persönlichkeits- und Urheberrechten!

Um Persönlichkeitsrechte anderer zu achten, brauchen wir eigentlich nichts “Besonderes” tun; außer ganz selbstverständlich respektvoll und höflich zu sein. Was allerdings manchmal schwierig sein kann, ist zu erahnen, wie andere ihre Persönlichkeitsrechte interpretieren. Gerade bei Bildern kann es da zu Auffassungsunterschieden und komplizierten Abwägungen kommen. Wenn du beispielsweise Bilder von einer Kundgebung online stellst, dann ist das rechtlich kein Problem, weil Teilnehmer_innen von Demonstrationen den Anspruch auf die Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte mit der Teilnahme abgeben. Das heißt freilich noch lange nicht, dass sich niemand aufregen wird. Umgekehrt geht es auch. Wenn wir etwa auf einem Betriebsratsblog einem_r Jubilar_in einen Beitrag samt Geburtstagswünschen und Fotos der Feier widmen, dann verraten wir eigentlich etwas zu viel, auch wenn er_sie sich in der Regel freut und kein Problem damit hat. Persönlichkeitsrechte müssen nämlich geltend gemacht werden, und nur die betroffene Person bestimmt, ob sie das will oder nicht. Außerdem muss sie eine Verletzung ihrer Rechte argumentieren können. Wenn eine Politikerin, der Pressesprecher oder die Aufsichtsrätin bei einem Foto im Blog Persönlichkeitsrechte geltend macht, können wir beruhigt lächeln und einen Blogeintrag über deren seltsames Ansinnen schreiben. Personen, die einerseits in der Öffentlichkeit stehen und repräsentative Funktionen ausüben, können sich nicht andererseits beliebig aussuchen, dass sie bitte in diesem kritischen WatchBlog, auf diesem Doku-Video von Aktionen oder im Betriebsratsblog nicht vorkommen möchten. Persönlichkeitsrechte sind im Rahmen des Kontexts zu bemessen. Prominenz spielt eine Rolle. Und Zusammenhänge spielen eine Rolle, etwa ob Personen fair behandelt oder herabwürdigend dargestellt werden.

Urheberrecht, Igel und freie Lizenzen

Das Urheberrecht schützt sogenanntes “geistiges Eigentum“, also die Leistung, die beispielsweise im Schreiben eines Buches besteht. Dieses Buch können wir kaufen und sind dann Eigentümer_innen dieses konkreten Buchs, dass wir in unser Regal stellen. Genauso können wir auch eine Fotografie kaufen oder einen Film, uns gehört dann der Abzug beziehungsweise die DVD samt Box. Uns gehört das materielle Gut, nicht aber das Recht, mit dem Buch, dem Foto oder dem Film anzustellen, was wir wollen und vielleicht sogar Geld damit zu machen. Die Autor_in, Fotograf_in, das Filmteam hat eine Leistung erbracht und das ist auch ein Gut, ein immaterielles Gut. Mit dem Urheberrecht soll dieses Gut geschützt werden, die Leistung der Urheber_innen. Beziehungsweise ist das die Begründung für Urheberrechte oder “Copyrights”, die Rechte ein Werk zu vervielfältigen, seit ein solches Recht im 18. Jahrhundert zuerst in England durchgesetzt wurde. Aber bereits damals ging es noch mehr darum, aus “immateriellen Gütern” nichts anderes als “knappe Güter” zu machen und die Leistung jener zu schützen, die sich von den Urheber_innen das Recht der Vervielfältigung und Nutzung eines Werkes gesichert hatten. Diese sogenannten Leistungsschutzrechte will die Industrie der Presseverleger_innen heute noch weiter ausbauen, wohl weil dank der Infrastruktur des Internets das Kopieren und Vertreiben so einfach geworden ist, dass es diese Industrie nicht mehr braucht.
Gegen den Verlust von ökonomischer und politischer Macht wehrt sich diese Industrie mit Lobbying beim Gesetzgeber, mit Kampagnen gegen “Raub” und “Diebstahl” geistigen Eigentums sowie drakonischer Verfolgung von “Urheberrechtsverletzungen”. Gegen die Avancen der Presseverleger_innen, sich die Rechte auf die Leistungen der Journalist_innen, Autor_innen, Content-Produzent_innen umfassend und monopolistisch zu sichern, stemmen sich die “Igel”. Die breite Allianz der «Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht» (IGEL) vertritt die Ansicht, dass ein Leistungsschutzrecht «weder gerechtfertigt noch notwendig» ist.

Abseits vom restriktiven “Kopierrecht” gibt es auch freie Lizenzen, die das Nutzen, Vervielfältigen und Weiterverbreiten von Werken erlauben, und zwar kostenlos. Die mittlerweile bekannteste Form freier Lizenzierung sind die «Creative-Commons-» Lizenzen. Mit diesen Lizenzen können die Urheber_innen von Werken ihre Texte, Bilder, Videos oder Tonaufnahmen für genau definierte Nutzungsformen freigeben. Beispielsweise kann das Nutzungsrecht der nicht-kommerziellen Weiterverwendung des Werks eingeräumt werden. Ein noch prononzierteres Freigeben geht mit Copyleft. Die Auswahl dieser Nutzungslizenz gibt Werke zur Bearbeitung frei, und zwar unter der Bedingung, dass alle Folgebearbeitungen wiederum mit «Copyleft» lizensiert werden. So kann rechtlich gesichert werden, dass immaterielle Güter der Allgemeinheit frei zur Verfügung stehen.

Ganz anders als mit den Persönlichkeitsrechten funktioniert das mit dem Urheberrecht. Hier geht es nicht um Kontext, die Sache ist klar. Entweder bist du Urheber_in des Texts, der Bilder, des Videos etc., oder jemand anders ist es. Lass die Finger von der Tastatur und Maus, wenn das “Copyright” bei jemand anderen liegt, vor allem bei Bildern. Zitate von Texten sind eine andere Geschichte. Ganz extrem heikel sind nebenbei bemerkt Markenrechte. Wenn du dich da als Künstler_in nicht auf die “Freiheit der Kunst” berufen kannst, sieht es im Fall von Abmahnungen und Klagen nicht gut aus. Du kannst natürlich immer fragen und dir bei der Rechteinhaber_in die dezidierte Erlaubnis zur Nutzung von Texten, Bildern, Videos oder Musik holen, am besten per E-Mail, also schriftlich. Noch besser greifst du aber auf Bilder unter freien Lizenzen zurück oder – überhaupt am allerbesten – auf selbst gemachte Bilder und Videos. Einbetten kannst du Videos von YouTube übrigens bedenkenlos. Hier sind nicht wir, die wir einbetten, für die Achtung der Urheberrechte verantwortlich, sondern der oder die Benutzer_in, der oder die das Einbetten des Inhalts überhaupt erst möglich macht. Das gilt nicht nur für YouTube sondern für alle einbettbaren Inhalte anderer Plattformen.

Was machen wir nun mit den Rechten, die wir selbst auf unsere Texte, Bilder, Videos und Audiodateien haben? Wenn wir nichts machen, dann gilt strenges Copyright. Und damit sagen wir anderen, «rühr unsere Inhalte nicht an, verbreite sie nicht, spiel nicht mit ihnen». Das ist im Netz heute bereits eine unhöfliche Geste und kaum im Interesse progressiver sozialer Bewegungen. Stellen wir also all unsere Inhalte unter Creative Commons, frei zur Nutzung zumindest unter nicht-kommerziellen Bedingungen. Wir können am Blog klarstellen, dass alle Inhalte unter «Creative Commons» stehen, sollten das aber auch für unseren Twitter-Kanal und, noch viel wichtiger, auf YouTube und Flickr so einstellen.

Dieses Video enthält Content von SME. Es ist in deinem Land nicht verfügbar. Das tut uns leid. Prof. Lawrence Lessig, Entwickler des «Creative Commons» Lizenzsystems.Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz. 

KREATIVE GEMEINGÜTER MIT-TEILEN
➊ Das Copyright für die digitale Gesellschaft ungeeignet. Ein selbstgemachter Clip vom Gartenfest, bei dem im Hintergrund ein paar Sekunden Musik zu hören sind, wird von manchen “Rechteinhabern” bereits gesperrt.
➋ Der US-Rechtsprofessor und bekannte Vorreiter der «Creative-Commons-» Bewegung Lawrence Lessig fordert eine grundlegende Neuorganisation des Urheberrechts.
➌ Bei der Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen behält mensch sein beziehungsweise ihr Urheberrecht und legt spezifisch fest, welche Nutzung unter welchen Bedingungen freigestellt wird.

Offengelegt, in welchen Kreisen wir uns bewegen

Ein Blog ohne Blogosphäre zu führen, das ist eine Ansage. Ein solches Blog signalisiert, dass die Betreiber_innen entweder mit den Gepflogenheiten der Netzkultur nicht vertraut sind, oder, dass ihnen solche Höflichkeiten und Standards der Interaktion egal sind. Ein Webauftritt, der nur von sich selbst spricht und keine Links enthält, keine nützlichen Websites und befreundete Organisationen oder Blogger_innen empfiehlt, erzählt die gleiche Geschichte. Er schreit quasi «Ich! Ich! Ich!». Du solltest dir überlegen, ob du dieses Bild abgeben willst. Stellen wir uns umgekehrt vor, die Besucher_innen unserer Webauftritte finden hier Verweise auf andere interessante Angebote im Netz. Nicht nur wird dieses Angebot geschätzt, wir werden auch als vernetzt und kommunikativ, als wach und souverän über unseren Tellerrand schauend wahrgenommen.

Über die Blogroll stellst du einen generellen Kontakt zu anderen Blogs her. Das Prinzip des Vernetzens und Verlinkens kannst und solltest du auch in die Erstellung deiner Beiträge einfließen lassen. Aber Verlinken ist nicht alles, “sichtbar machen” von Aktivität, Beziehungen und Zusammenhängen heißt mehr. Es verlangt ein Arbeiten quer über die Plattformen, das heißt ein Einbinden verschiedener Medientypen, Einbetten von Videos, Einbetten von interaktiven Karten, von herunterladbaren Dokumenten, online durchzublätternden Präsentationen via Slideshows, Anbieten von Fotodokumentationen, Integrieren des Twitter-Streams. Damit wird nicht nur etwas Abwechslung und Lebendigkeit in unseren Webauftritt gebracht. Das bedeutet nicht nur ein Mehr an interaktiven Angeboten, was alleine schon positiv ist. Nein, all diese Elemente machen direkt oder indirekt das Zusammenarbeiten von Menschen sichtbar. Sind sie auf Fotos und Videos schon einmal direkt sichtbar, so zeigen Fotos und Videos außerdem implizit etwas von den Menschen, die die Fotos und Videos gemacht haben. Hinter herunterladbaren Dokumenten sehen wir die serviceorientierten Aktivist_innen, in Slideshows erkennen wir die Bildungsarbeit, Karten geben uns räumliche Bezüge und lassen uns die Bewegungen der hier Aktiven erahnen. Vor unserem inneren Auge spannt sich ein Netz aus Aktivitäten und Lebendigkeit. Diesen Eindruck können und sollten wir unterstützen, in dem die Nennung von Quellen nicht auf Zitate beschränkt bleibt. Bilder gehen mit einem Dank an die Fotografin einher, die eingebettete Präsentation mit der Erwähnung des Kollegen und so weiter. Mit der namentlichen Erwähnung vieler Personen und ihrer Beiträge wird das Team sichtbar.

Das Archiv, ein offengelegter Tätigkeitsbericht

Wir leben alle im Augenblick, im stetigen Fluss der Informationen. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Social Media zählen Geschwindigkeit, Frequenz, schnelle Reaktion. Das Netz ermöglicht jene Geschwindigkeit und laufende Aktualität, bei der Tageszeitungen und Fernsehsender nicht mehr mitkommen. Gleichzeitig ist das Netz eine riesige Datenbank, ein Archiv, das neue kulturelle Gedächtnis der Gegenwart. Eine der Untereinheiten dieses kollektiven Archivs ist das Blogs; das “Web-Logbuch”. Die Archiv-Funktion des Webs schätzen wir alle, zum Beispiel wenn wir in der Wikipedia recherchieren oder das Netz via Suchmaschine nach Antworten oder Empfehlungen durchsuchen. Und doch wird in der Hitze und Geschwindigkeit des Alltags das Archiv wenig geschätzt, und meist nur, wenn wir etwas gezielt suchen. Dann merken wir, dass Inhalte unterschiedlich zugänglich abgelegt werden, und wir schätzen es, wenn Informationen gut sichtbar, strukturiert und leicht zu finden sind. Was du daraus für dein Angebot im Web ableiten kannst, liegt auf der Hand: eine Herausforderung für den souveränen Auftritt besteht darin, den Leser_innen alle Inhalte in einer leicht zugänglichen Weise und transparenten Struktur zu präsentieren.

An die Struktur des Archivs zu denken und Maßnahmen für leistungsfähige Such- und Filterfunktionen zu ergreifen liegt nicht sonderlich nahe, wenn mit dem Webauftritt gerade erst begonnen wird. Es zahlt sich jedoch bereits mittelfristig aus. Erstens geht eine gute Archivstruktur oft Hand in Hand mit der Optimierung der Auffindbarkeit durch Suchmaschinen. Zweitens verstärken Filteroptionen den Eindruck von Transparenz und geordnetem Überblick. Drittens organisiert die Archivstruktur Wissensbestände und hilft beim Wissensmanagement. Und viertens lassen sich die das Archiv strukturierenden Kategorien und Tags sehr gut in die eigene Öffentlichkeitsarbeit integrieren.

Kategorien sind wie die großen Themenbereiche, nach denen die Bücher in einer Bibliothek oder Beiträge in einem Blog klassifiziert werden. Eine übersichtliche Kategorienstruktur zeigt Themengebiete an und lädt zum Durchstöbern des Archivs ein. Die Wahl der Kategorien sollte stringent sein und die Anzahl von zehn Kategorien nicht übersteigen, um Übersichtlichkeit zu wahren. Die Wahl der Kategorienamen sollte sich daran orientieren, was übliche Suchbegriffe sind, die in Suchmaschinen eingegeben werden. Kategorien können auch Zielgruppen spezifisch bedienen. Auf Basis der Kategorien lassen sich Kategorie-Feeds abonnieren beziehungsweise zum Abonnement anbieten. Der Link, der sich beim Anklicken einer Kategorie ergibt, ist nichts anderes als eine Datenbankabfrage innerhalb deines Webauftritts. Dieser Link führt nicht wie der Permalink eines Eintrags immer zur gleichen Anzeige, sondern liefert zu jedem Zeitpunkt des Aufrufens dieses Links das aktuelle Ergebnis aller mit dieser Kategorie beschlagworteten Einträge. Das sollte uns erstens gemahnen, die Beschlagwortung von Einträgen bewusst und aufmerksam vorzunehmen. Je genauer die Beschlagwortung, desto leistungsfähiger ist das Archiv. Zweitens bietet es sich an, Kategorielinks an möglichst vielen Stellen einzusetzen. Der Link zur Kategorie «Veranstaltungen», «Arbeitsrecht» oder «Forderungen» kann zur Beantwortung von E-Mails verwendet werden oder gleich in der eigenen E-Mail-Signatur stehen. Innerhalb von Artikeln eingesetzt, führt der Link zu “bisherigen Einträgen zu diesem Thema”; eine Funktion, die bei manchen Webauftritten auch automatisiert wird.

Neben den Kategorien gibt es weitere Möglichkeiten, das Archiv eines Webauftritts strukturiert zu durchforsten. Gibt es mehrere Autor_innen, so stellt das eine weitere Kategorieebene dar. Der Zeitstempel, wann Beiträge publiziert wurden, ermöglicht das Filtern nach Monaten und Jahren. Um diese Filteroptionen nach Kategorien, Autor_innen, Monaten für andere nutzbar anzubieten, müssen diese Taxonomien für Besucher_innen des Webauftritts freilich sichtbar angeboten werden. Ein Suchfeld darf erst recht nicht fehlen. Mit diesen einfachen Hilfsmitteln wird es für Nutzer_innen einfach, auf deiner Website zu navigieren und zielgerichtet zu suchen. Sie organisieren die Fülle deiner Beiträge und Daten, die zunehmend zu einem Archiv anwächst, anhand inhaltlicher Kriterien. Dein Archiv lässt sich so auch mit anderen Archiven – der Bibliothek des Web 2.0 – vernetzen und wird durch das Fortschreiten der Beschlagwortung immer leistungsfähiger und strukturierter nutzbar. Wenn es in der Regel auch selten genutzt werden wird, so erzählt dein Archiv doch potenziell die Geschichte deiner Organisation beziehungsweise deines Engagements. In jedem Fall wird sichtbar, dass es hier eine kontinuierliche Auseinandersetzung gibt.

Zusammenfassung

Webauftritte, ebenso wie Menschen und Organisationen, werden von anderen nach zwei Kriterien bewertet und beurteilt. Die erste und in den Augen der meisten Menschen wichtigere Ebene ist die inhaltliche. Daneben beurteilen wir uns gegenseitig allerdings auch laufend nach formalen Kriterien. Stil, Umgangsformen, das Sich-an-Regeln-Halten und Höflichkeit zählen. Ein zuvorkommender und souveräner Auftritt kann sogar Menschen gewinnen, die inhaltlich ganz anderer Meinung sind. Einige formale Kriterien für einen zuvorkommenden und souveränen Webauftritt haben wir hier angeführt. Sie sollten helfen, stilvoll und sicher im Netz aufzutreten.

  • Achte auf Kontaktierbarkeit. Erledige die gesetzlichen Anforderungen und mach dich erreichbar.
  • Sorge für transparente Spielregeln: Leitbild, Disclaimer und Moderation.
  • Sei Teil der Blogosphäre und der Netzkultur. Mach die Arbeit anderer sichtbar, zitiere, referenziere und biete eigene Inhalte zur möglichst freien Nutzung an.
  • Achte die Rechte der anderen: Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, Urheberrechte.
  • Öffne das Archiv und halte es in Schuss. Eine gute Beschlagwortung hilft, muss aber immer wieder einmal kontrolliert und überarbeitet werden.
  • Pauschale Haftungsausschlüsse sind zu vermeiden, da sie rechtlich wirkungslos sind.
  • Eine Blogroll ist nicht eminent wichtig, aber keine Blogroll ist ein Fauxpas.
  • Spielregeln sind durchzusetzen, sie zu proklamieren und sich dann selbst nicht daran zu halten ist ein schweres Versäumnis.
  • Bezieh dich auf Inhalte anderer nicht ohne Quellenangaben, vergiss nicht den Link. Ein Zitat ohne Link hat einen schalen Beigeschmack.
  • Wenn du in Angelegenheiten des Webauftritts kontaktiert wirst, dann dürfen keine Wochen vergehen, bis du vielleicht antwortest.

Das große Etikettieren: Kategorien, Labels & Tags

Ein Raum mit einem Bestand von zehntausenden Büchern ist schön, aber nicht mehr als ein Lager. Der gleiche Raum und Buchbestand mit kategorisierten und nach der Beschlagwortung sortierten Büchern ist sowohl schön als auch nützlich, und wir sprechen nicht mehr von einem “Lager”, sondern von einer Bibliothek. Der Beschlagwortungskatalog macht den Unterschied aus. Er macht aus einem Archiv von Büchern ein Archiv des Wissens.

Im Internet sind es die sogenannten «tags», die uns etwas Ordnung in die riesige Datenbank des World Wide Web bringen, das Suchen und Finden erleichtern sowie Gruppieren und Filtern ermöglichen. Das Wort «tag» meint im Englischen kleine aufgeklebte Etiketten. Zu «taggen» bedeutet im Netz daher, dass wir “Content” mit Beschlagwortungskategorien etikettieren. Dabei gibt es mehrere Arten von “Tags”: 
Geo-Tags für geografische Angaben, Hashtags für das Filtern und Gruppieren von Tweets auf Twitter, Markierungen von Personen auf Web 2.0-Plattformen, Labels für verschiedene Autor_innen auf kollaborativen Arbeitsoberflächen, dann die Ordnung in unsere Blogs und Wikis bringenden Kategorien, “Meta-Tags“, sie sollen Websites besser durch Suchmaschinen erfassbar machen.

Das Besondere beim Etikettieren von Content im Web ist, dass diese Arbeit kaum von Spezialist_innen gemacht wird, wie das bei Bibliotheksbeständen der Fall wäre, sondern potentiell von uns allen im Netz. Das große Etikettieren von Bildern, Blogeinträgen, Videos, Tweets, sozialen Lesezeichen, Favoriten etc. läuft selbstorganisiert ab und wird «Social Tagging» genannt. Als Ausdruck der kollektiven Beschlagwortungsarbeit finden wir Tagclouds im Netz. Diese Schlagwortwolken visualisieren am häufigsten benutzte «tags» und bieten gleichzeitig die Option des Filterns von Content nach diesen Schlagworten an.

Was im Netz bei Suchabfragen und Filteraktionen als Suchtreffer ausgewiesen wird, hängt daher zu einem wesentlichen Grad von der Beschlagwortung ab, die die Nutzer_innen im Web vornehmen.

June 27 2011

Blogs – mehr als online Tagebücher mit Katzenfotos

Anfang des Jahrhunderts hieß es von ihnen, sie werden das Mediensystem aushebeln, in den letzten Jahren wurden sie für tot erklärt, und sie sind immer noch das Herzstück der Netzkultur, die «Blogs». Das Wort leitet sich aus der Kombination zweier Begriffe ab; «Web» (also “Netz” wie im «World Wide Web») und «Logbuch» (engl.: Log, Logbook). Grammatikalisch richtig wäre daher «das Blog», weil das Web-Logbuch. Seit Jahren erkennt der Duden aber auch «der Blog» als richtig an. Ein symptomatisches Zeichen, welche Bedeutung Blogs in unserer Gesellschaft erreicht haben. Der Erfolg des Phänomens «Blog» verdankt sich der Einfachheit, mit der sich ein Blog starten, einrichten und mit Einträgen befüllen lässt. Die Schwelle, etwas auf einer “eigenen Website” ins Netz zu stellen, ist kindisch einfach geworden. So wie vor 15 Jahren kostenlose E-Mail-Dienste aus dem Netz gesprossen sind und immer leitungsfähiger wurden, hat sich ähnliches in den letzten fünf Jahren mit gratis Blog-Diensten wiederholt. Das ist die eine Bedeutungsebene des Wortes Blog: die Funktionalität der Blog-Software

Das zentrale Element des Blogs sind die Einträge mitsamt dem Umstand, dass diese in einer chronologischen Abfolge stehen und der automatischen Leistung der Blog-Software, dass jedem Eintrag ein Datum zugewiesen ist. Alle Einträge zusammen ergeben somit ein chronologisches Archiv, eine Abfolge, bei Twitter, dem “Mikro-Blogging” Dienst, beispielsweise «Timeline» genannt. Blogs eignen sich also zur chronologischen Dokumentation: von Gedanken, Beobachtungen, Ereignissen, Entwicklungen und so weiter … inklusive Bilder von Katzen. Jedes Blog ist ein implizites Versprechen weiterer, zukünftiger Einträge.

Im Wort «Blog» ist neben der Struktur der Software mehr enthalten. Eine andere Dimension des Begriffs meint die “Textsorte”, die Kulturtechnik des Bloggens, das idealtypische «Wie blogge ich “richtig”?». Zur Kultur des Bloggens gehören so manche Aspekte, nicht alles ist gleich bedeutend und darüber hinaus ist klar, dass Blog-Software aufgrund ihrer einfachen Anwendung gerne auch für Webseiten verwendet wird, ohne dass diese auch nur versuchen, “Blogs” im eigentlichen, im kulturellen Sinne zu sein.

Zur Kultur des Bloggens gehört jedenfalls die Bereitschaft zum Dialog und zur Vernetzung. Bloggen heißt, die Kommentarfunktion offen zu halten, auf Kommentare zu antworten und zum Kommentieren einzuladen. Es heißt in weiterer Ausprägung, den Blick über den eigenen Blogrand offen zu haben. Dazu gehört das Verlinken zu interessanten Texten auf anderen Webseiten und vor allem Blogs, das Transparent Machen der Blogs, die mensch selbst liest und schätzt, das Referenzieren auf Beiträge in anderen Blogs. All diese Aspekte des Zitierens, des Pflegens einer Blogroll und des Wahrnehmens, was sonst so in der Blogosphäre passiert, das Teilnehmen an Debatten und Diskursen, das läuft auf Vernetzung hinaus, auf den größeren Zusammenhang und Horizont, auf gesellschaftliches Engagement, auf Solidarität.

June 24 2011

Starter-Kit für alles was es braucht

Die Social Media Architektur Basics

«Ein Protest von dem niemand etwas erfährt, findet für die Öffentlichkeit nicht statt.»
John Ashborn

Warum mit Social Media anfangen und wie? Unabhängig davon ob ein Protest, eine Bewegung, eine Kampagne spontan oder geplant entsteht, ob eine zivilgesellschaftliche Organisation auf ehrenamtliches Engagement angewiesen ist oder sich professionelle NGO-Arbeit leisten kann: eigentlich immer ist es unerlässlich, schnell und flexibel Informationen mit den Teilnehmer_innen oder Mitgliedern und mit der Öffentlichkeit austauschen zu können. Das Social Web bietet eine Vielzahl an Tools und Möglichkeiten für diesen Zweck. Doch bevor wir anfangen wahllos Informationsfragmente zu verbreiten, sollten wir uns über die aktuelle Situation bewusst werden und dann beginnen, ein unabhängiges Informationsnetzwerk aufzubauen. Und bevor du mit dem Fundament deiner Social Media Architektur loslegst, lass uns einige Erfolgsfaktoren für das Auftreten im Social Web zusammenfassen.

Arbeite an Transparenz, sie passiert nicht von selbst

Wenn man etwas in der Gesellschaft verändern möchte, darf man das weder hinter verschlossenen Türen tun, noch alleine. Transparenz ist im politischen Feld und im Nonprofit Bereich erheblich wichtiger als in der Privatwirtschaft, weil das System verändert werden soll und nicht nur die eigenen Beziehungen. Transparenz ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren im Feld von Social Media.

1. Menschen werden misstrauisch, wenn sie nicht verstehen, was eine Organisation oder Bewegung plant und was sie macht. Dann kommt es schnell zur Wahrnehmung abgehobener innerer Zirkel, undemokratischer Verhältnisse oder zu anderen schwindeligen Anschuldungen. Stichwort Verschwörung.
2. Mit jeder weiteren Person, die sich der Organisation anschließt oder irgendwo mitarbeitet, erhöht sich das Risiko, dass Informationen nach außen dringen, die möglicherweise nicht dazu gedacht waren. In Zeiten von Twitter, Facebook und Wikileaks geht das schneller, als es vielen lieb ist. Dies sollte mensch nicht bekämpfen, sondern für den Protest, die Organisation, das Anliegen nutzen.
3. Wenn du von außen nicht erfahren kannst, was in einer Bewegung passiert, ist es unwahrscheinlich, dass sich weitere Menschen anschließen. Oft wissen wir von außen gar nicht, dass wir gebraucht werden oder warum wir uns beteiligen sollten.

Sei kritikfähig, authentisch, menschlich

Wir sind alle Menschen, wir alle machen Fehler. Persönlichkeiten mit immer lächelnden Masken sind uns suspekt. Wenn wir Fehler gemacht haben, sollten wir offen damit umgehen und nicht versuchen sie zu verheimlichen oder umzudichten. Sobald du versuchst Dinge schön zu reden und dies kommt heraus, verlierst du an Glaubwürdigkeit. Du versuchst die Welt zu verändern, Geheimniskrämerei und Lügen funktionieren hier nicht.

Angenommen es ist etwas schlecht gelaufen und du wirst darauf hingewiesen. In dem Fall ist es empfehlenswert sich im Kanal, wo der Fehler passiert ist, damit auseinander zu setzen. Eine Erklärung wird gut ankommen, wie es zu dazu gekommen ist, und eine Entschuldigung, falls der Fehler selbstverschuldet war oder verhindert werde hätte können. Leere Floskeln wie «Wird in Zukunft nicht mehr passieren» helfen nicht weiter. Werden Massnahmen getroffen, um ähnliche Fehler in Zukunft nicht mehr passieren zu lassen, sollten diese Massnahmen angegeben werden. Auf Kritik solltest du offen eingehen und sie nicht ignorieren. Dabei gilt allerdings auch: verbring nicht zu viel Zeit mit Diskussionen, die schon einmal geführt wurden. Verweise auf die schon geführten.

Falls es die Art deiner Organisation zulässt, ist es empfehlenswert als Einzelperson der Organisation und nicht als Organisation selbst aufzutreten und dies auch konsequent auf den unterschiedlichen Kanälen machen. Dadurch können sich andere besser in deine Lage versetzen und ihre eigene Position zu dir klarer feststellen. Diskussionen um eine Person sind zulässig, sollten aber nicht das eigentliche Thema überschatten. Wichig ist, sich nicht auf persönliche Beleidigungen einzulassen. Wir könnten auch sagen: sei du selbst als Person, pass aber auf, nicht persönlich zu werden!

Schicks gleich raus, bevor es keine Information mehr ist

Du bist bei der Entstehung neuer Informationen beteiligt (Ziele, Aktionen, Bündnisse, Probleme, Erfolge, …). Dies solltest du nutzen, um die eigenen Kanäle zu stärken, indem du Informationen vor anderen verbreitest. Bekommen andere Informationen bei dir zu einem frühen Zeitpunkt, kommen Interessierte immer wieder und verbreiten deine Informationen und geben dich und deinen eigenen Kanal als Informationsquelle weiter. Sind deine Kanäle etabliert, hast du weitere Vorteile, was die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung betrifft. Lies dir den folgenden Beitrag von Andreas und Porrporr dazu gut durch, dort findest du das genau erklärt. Die politischen Gegner_innen haben umso eher einen trägeren Apparat, was verhindert, dass sie schnell agieren können. Sind wir geschickt, können wir so zum Beispiel auf Zeitungsartikel reagieren bevor sie erscheinen.

Geschwindigkeit in der Informationsübermittlung ist auch für die interne Organisation wichtig. Eine Organisation kommt mit flacheren Hierarchien aus, wenn jeder Teil der Bewegung mit jedem anderen schnell und ohne Umwege kommunizieren kann. Das hilft räumliche Distanzen zu überwinden und Entscheidungsprozesse besser vorzubereiten. Die Rede ist von einer netzwerkartigen Kommunikation, wie es etwa über ein Wiki oder andere digitale Kanäle möglich ist. Aber auch ein Infoteam(tisch), das Informationen innerhalb der Organisation verteilt, kann eine solche Aufgabe übernehmen.

Untersuche, in welcher Landschaft du bauen möchtest

Bevor wir loslegen, sollten wir uns informieren, welche Strukturen und Kanäle es im Umfeld schon gibt. Vielleicht hat jemand schon das eine oder andere eingerichtet. Mit diesen Leuten solltest du dich zusammensetzen und absprechen. Medienarchitektur und Kanäle von befreundeten Organisationen kannst du zu diesem Zeitpunkt schon sammeln und begutachten. Bespiele diese Kanäle allerdings noch nicht, bevor nicht die eigene zentrale Anlaufstation geschaffen ist: deine “Homebase”. Ansonsten verlierst du Menschen, die sich für das Thema, die Informationen, oder deine Organisation interessieren, aber noch keinen Anschluss an dich finden.

Die zentrale Anlaufstelle, der InfoTischVisitenkarte 2-blog.netWir wollen alle die ersten Suchergebnisse auf Google haben, unibrennt hat das locker geschafft.

YOU’RE @ HOME BABY!
➊ Die zentrale Anlaufstelle ist das A und O für die leistungsfähige Informationsarchitektur. Das ist zum Beispiel so wie hier 2005 bei Studierendenprotesten in Stuttgart ein übersichtlicher, mit Infomaterialien bestückter und gut betreuter Infotisch. (Foto thx 2 Simon Müller)
➋ Im Netz wird deine zentrale Anlaufstelle eine Website sein, eure Homepage, euer Infotisch mit Materialien, übersichtlicher Struktur und guter Betreuung. Eure Visitenkarte.
➌ Zentral ist eure Anlaufstelle “Homepage” im Netz dann, wenn sie gut und leicht gefunden wird. Und noch besser, wenn all eure Social Media Accounts gut und leicht gefunden werden.

Womit nun anfangen? Setzt du alles auf einen Kanal, etwa eine Website, wird diese zum Flaschenhals für Informationen. Durch gezielte Angriffe könnte dieser geschwächt werden. Manchmal reicht schon eine E-Mail mit dem Hinweis auf rechtswidrige Inhalte an den Hoster aus, um die Website oder das Blog temporär sperren zu lassen. Oder es kommt jemand auf die Idee, eine Facebook-Seite mit dem Namen eurer Organisation oder Bewegung zu erstellen und über diese falsche Informationen zu verbreiten. Bau deine Social Media Architektur nicht auf einen einzelnen Kanal auf. Es wird für andere sonst einfacher, Fakes zu erstellen, die vorgeben die echte Website der Organisation zu sein. Wird so ein Fake nur durch eine weitere Stellen anerkannt, passiert es schnell einmal, dass die falsche Website in die Medien kommen. Dergleichen Angriffe müssen nicht einmal von außen, von den so genannten Sockenpuppen kommen. Viel eher war schon jemand aus dem Umfeld deiner Organisation ungeduldig oder unzufrieden.

Wenn du alle Kanäle bespielen willst, sie aber nicht stark genug vernetzt, müsstest du immer überall alle Informationen am aktuellsten Stand halten. Du könntest dann nicht davon profitieren, dass du die eigenen Kanäle gegenseitig authentifiziert. Sobald die diversen Kanäle eingerichtet sind: kommuniziere klar, wo es welche Informationen gibt und auf welchen unterschiedlichen Kanälen wichtige Dinge als Verlinkungen veröffentlicht werden. Nicht alle Informationen müssen über alle Kanäle gespielt werden. Es sollte aber eine zentrale Anlaufstelle geben, über die mensch alle Kanäle leicht finden kann. Hier müssen unsere wichtigsten Informationen zusammenlaufen. Und als solche Zentrale und Homebase bietet sich immer noch eine Website an, da diese am flexibelsten ist. Bedenke aber, sobald deine Homebase steht, welche Ausweichmöglichkeiten du hast, sollte deine Homebase einmal ausfallen. Je mehr Anknüpfungskpunkte es gibt, desto einfacher ist es umzusteigen. Sobald es Anzeichen auf einen Angriff gibt, kommuniziere, wo es weitergeht, falls deine Homebase für den Moment nicht mehr erreichbar ist.

Wie legen wir die Fundamente und was hat Zeit für später?

Eine eigene Domain wie www.unserebewegung.org wirkt professionell, die Einrichtung kann jedoch Schwierigkeiten machen, wenn mensch sich nicht damit auskennt. Jemand muss die Domain mit seinem oder ihren eigenen Namen registrieren und du brauchst Webspace dazu, idealerweise mit einer Datenbank. Auf lange Sicht ist das der beste Weg, für die ersten Stunden der Selbstorganisation aber vielleicht zu komplex. Es empfiehlt sich einen kostenlosen Dienst zu nutzen, der innerhalb von Sekunden eingerichtet ist und über den du sofort Informationen verbreiten kannst. Das funktioniert heutzutage einfacher und schneller als das Einrichten einer E-Mail-Adresse. Sehr gut eignen sich Blogsysteme. Die Struktur von Blogsystemen ist vorteilhaft, weil sie einerseits statische Seiten anbieten, die du mit allgemeinen und grundlegenden Informationen befüllst. Gleichzeitig und auf der anderen Seite bieten Blogs das dynamische Element der chronologischen Beiträge, wodurch die jeweils aktuellste Information ganz oben angezeigt wird. Zudem ist ein Blogsystem von Beginn an mit Feeds ausgestattet, die zum Bespielen deiner weiteren Kanäle genutzt werden können und es Leuten ermöglicht alle Beiträge zu abonnieren.

Deine Website binnen Minuten online

Plattformen wie wordpress.com, tumblr.com und blogger.com sind kostenlos, deine Website ist in Minuten eingerichtet und erfüllt alle Anforderungen, um die ersten Informationen online zu stellen. Die einzelnen Schritte sind mit der Einrichtung eines Gratis E-Mail-Accounts samt dem sofortigen Versenden deiner ersten E-Mail vergleichbar. Der Unterschied ist, dass das Blog einrichten noch schneller geht. Du eröffnest ein Benutzerkonto auf der Plattform deiner Wahl ein, legst das Blog unter einer der noch frei zur Verfügung stehenden Webadressen an, bestätigst das automatisch generierte E-Mail zur Kontrolle der Aktivierung und stellst die ersten Informationen online. Diese Schritte sind in einem Aufwaschen leicht zu erledigen und schon steht der “Infotisch im Web”. Das wichtigste dabei: die Website kann verlinkt werden und wird für Interessierte zur Anlaufstation und Informationsquelle. Darüber hinaus kann die Website, allein weil es sich um ein Blog handelt, von Beginn an abonniert werden, so dass Abonnent_innen von neuen Einträgen automatisch benachrichtigt werden. Die notwendigen Schritte für das Publizieren eines neuen Eintrags ähneln den Schritten zum Versenden eines E-Mails. Statt “neues E-Mail” klickst du “neuen Artikel”, statt einer Betreffzeile füllst du das Feld für den Titel aus und dort wo dein E-Mail-Text stehen würde, schreibst du den Blogartikel. Die Information ist draussen wie beim E-Mail-Verteiler, steht jetzt dokumentiert im Blog, kann verlinkt, zitiert, kommentiert und weiterverbreitet werden.

Es gibt auch eine andere Möglichkeit schnell eine zentrale Anlaufstelle im Web einzurichten, falls es kein Blog sein soll, aber diverse Social Media Plattformen vielleicht schon genutzt werden. Dienste wie flavours.me, about.me oder centra.ly funktionieren als digitale Visitenkarte, über die alle relevanten Kanäle verknüpft werden können. Diese Visitenkarte kann immer angegeben werden, um es Leuten zu erleichtern der Bewegung zu folgen.

Die eigene Website bietet die größte Freiheit. Hier können ohne Begrenzung Informationen jeglicher Art veröffentlicht werden. Je nach technischen Know-How lassen sich Unterstützerlisten, Petitionen und mehr realisieren. Auf jeden Fall sollte die Website auf ein bestehendes OpenSource Content Management System (CMS) wie WordPress oder Typo3 aufsetzen. Für diese Systeme gibt es meist eine Vielzahl von Erweiterungen, womit die Website den Bedürfnissen angepasst werden kann. So wichtig Aussehen und Funktionsweise der Website sind, sollte mensch sich dich auf die Kernaufgaben konzentrieren: Informationen veröffentlichen und mit Interessierten in Kontakt treten. Mit der Zeit können wir die Website immer weiterentwickeln und verbessern.

Zumindest ein Teil deiner Website sollte allen offen stehen. Idealerweise können sich Interessierte selbst anmelden, Benutzerkonten einrichten, alles kommentieren und vielleicht sogar Gastbeiträge veröffentlichen. Natürlich können diese auch per E-Mail an eine zuständige Person geschickt werden, was du umgekehrt deutlich machen und bewerben müsstest. Für Besucher_innen der Website muss klar erkenntlich sein, welche Informationen von wem veröffentlicht wurden und ob es Abstufungen im Charakter der Informationen gibt, etwa “offizielleren” Charakter habende Beschlüsse der Organisation, schnelle Kurzinfos, persönliche Betrachtungen oder eben Gastkommentare.

Ausbau der Medienkanäle und Social Media Architektur

Ist die Homebase eingerichtet, geht es an den Ausbau der weiteren Architektur. Den Namen deiner Organisation auf Twitter, Facebook, YouTube und Co. solltest du spätestens jetzt registrieren. Jetzt geht es um das Bespielen und Einbinden der anderen Dienste in das Gesamtkonzept. Nicht alle Accounts müssen bespielt werden. Was genutzt wird, sollte aufgrund deiner Zielgruppe und deren, sowie deinen, Kommunikationsbedürfnissen ausgewählt werden.

Was nutzen? Zuerst, schon auf Grund der Bekanntheit: Facebook. Diese weltweite Plattform ist manchmal schon das Internet im Internet. Hier kannst du von Texten über Fotos und Videos bis hin zu Links alles veröffentlichen. Der Vorteil der Plattform ist die große Anzahl an Nutzer_innen quer durch alle Alters- und Interessensgruppen. Es ist bereits eine Art von Kontaktverwaltung und ein bedeutsamer Distributionsapparat. Diesen Apparat solltest du daher auch zum Verteilen deiner Informationen nutzen und mit den Mitgliedern und Sympathisant_innen deiner Organisation gemeinsam ein Netzwerk bilden, das Einfluss geltend macht.

Eine Frage der Medienarchitektur wird dann lauten, eine Facebook Fanseite (page) oder eine Gruppe (group) anzulegen? Du hast beide Optionen und während beide ihre Vor- und Nachteile haben, empfiehlt sich mit einer Fanseite anzufangen. Auf längere Sicht sind Gruppen eher für die interne Organisation und spezifischere Projekte deiner Organisation geeignet. Die Facebook Fanseite ist dein Knotenpunkt auf Facebook. Hier setzt du die Links zu den Beiträgen auf der Website und leitest Interessierte damit zu deinem digitalen Infotisch.

Im Stimmgewirr der Breaking News Börse andocken

Neben Facebook spielt Twitter eine gewichtige Rolle für die Kommunikation. Allerdings ist die Hürde für Einsteiger_innen höher: 140 Zeichen für eine Nachricht inklusive Links und nachdem du ein Konto eingerichtet hast, bist du erst einmal komplett alleine. Dennoch ist es eines der mächtigsten Tools, die das Social Web bietet, um schnell Informationen an viele Menschen zu verbreiten. Sobald ein Account angelegt ist, solltest du ihn auf deiner Website angeben. Damit wird der Account offiziell und andere können darauf verweisen, wenn Fakes auftauchen. 140 Zeichen zwingen zu einer verdichteten Kommunikation, belohnen dafür mit einem einem Publikum im Geschwindigkeitsrausch, das zu einem wichtigen Multiplikator für deine Nachrichten werden kann. Für den Umgang mit diesem Kanal gibt es nur wenige Regeln. Je mehr Informationen desto besser. Alle Infos sollten prägnant sein und in einen Tweet, also in die 140 Zeichenbeschränkung passen. Ansonsten veröffentliche Infos in deinem Blog, auf der Website oder anderswo und schick einen Tweet mit Verlinkung dorthin aus. Überlege dir zusätzlich einen Hashtag, den andere für die Kommunikation über die Bewegung nutzen können.

Wichtig ist, interessanten anderen Twitterern zu folgen. Vor allem all jenen, die auch bei der Bewegung, Teil der Organisation oder des zivilgesellschaftlichen Feldes sind. Darüber hinaus achte mit der Zeit auf Multiplikator_innen, also vor allem Journalist_innen, die Twitter nutzen. Somit schaffst du ein Informationsnetzwerk. Dazu muss freilich auf Replys eingegangen werden, die direkt an deinen Account adressierten Fragen, Nachrichten und Informationen. Die Relevanz deines Twitter-Kanal erhöhst du schrittweise, in dem du dialogisch kommunizierst, interessante Nachrichten anderer weiter leitest und nicht einfach nur “oneway” sendest. Wenn sich dein Twitter-Kanal so im Stimmgewirr als kompetent etabliert, werden andere deine Informationen und damit auch die Bewertung deines Kanals als relevante Quelle über ihre Kanäle weiterleiten.

Mediendatenbanken für Bild, Ton, Video und Dokumente

Text ist wichtig, Bilder sind mächtig. Unterschätze nie die Bedeutung von Bildern und Videos; für die Evidenz, dass hier etwas passiert, für die Identifikation deiner Zielgruppe, auch für die Weiterleitung deiner Informationen und für das geteilte Gefühl, eine Bewegung zu sein. Bilder kannst du auf deine Website und auf Facebook stellen, über Twitter versenden, aber auch ganz gut auf einer Plattform für Online Fotoalben hochladen, in Alben organisieren und von dort aus im Blog einbetten sowie über alle Kanäle verlinken. Ein Benutzerkonto bei einem Dienst wie flickr.com lässt sich zudem gut von mehreren Personen in Zusammenarbeit bespielen. In der Praxis bietet sich oft eine Arbeitsteilung zwischen denen an, die Texte produzieren und online stellen und anderen, die sich um gute Bilder, um Videos oder auch die Dialoge auf Facebook und Twitter kümmern. Wenn die Login-Daten für die Bilder-Datenbank der Bewegung mehreren Personen aus der Organisation bekannt sind und alle immer wieder Fotos von Aktionen und Veranstaltungen hochladen, können andere die Bilder in Aussendungen einbauen und wieder andere via Twitter und Facebook verbreiten.

Flickr ermöglicht zudem Gruppenpools für mehrere Flickr-Nutzer_innen zu gründen, so dass viele Fotograf_innen mit aus verschiedenen Ländern etwa zur Online-Präsenz des «European Mayday» beitragen oder ihre Fotos in den «Critical Mass» Pool einspeisen. So entsteht das gemeinsame große Fotoalbum einer ganzen Bewegung.

Für bewegte Bilder gibt es ebenfalls mehrere Plattformen, auf denen Benutzerkonten eingerichtet und dann Videos hochgeladen, verwalten, geteilt und in Blogs und auf Facebook eingebettet werden können. Am bekanntesten ist YouTube. Da es heute schon für alle sehr einfach ist, mit Digitalkameras und gar nur mit Smartphones kleine Clips zu drehen, die dann direkt auf YouTube hochgeladen werden können, ist die Arbeit mit Videos kein großes Problem mehr.

Die Königsdisziplin der Transparenz ist der Live-Stream. Gibt es eine interessante Podiumsdiskussion, eine Demonstration, Aktion oder gar Besetzungen wie im Fall der unibrennt Bewegung, also Ereignisse mit Interesse für eine gewisse Öffentlichkeit, so bietet sich ein Live-Stream an. Es reicht dafür ein Laptop mit Internetanbindung, eine Webcam und ein kostenloser Account etwas bei der Plattform ustream.com. Mit dem Live-Stream signalisierst du vor allem Aktivität, Offenheit, gesellschaftliche Verantwortung und Souveränität. Das macht neugierig und bringt deiner Organisation Interessent_innen.

Dies alles sind nun nur die wichtigsten Kanäle, die sich nutzen lassen. Je nach Zielgruppe, Themenbereich deiner Organisation oder Stossrichung der Bewegung gibt es noch viele andere. Was es da noch alles zu entdecken gibt, was gerade neue, interessante und frequentierte Plattformen mit Mehrwert sind und wie man sie nutzen kann, das muss mensch erstens selber und zweitens immer wieder aufs Neue herausfinden. Wenn du aber in die Social Media Welt eingestiegen bist, ergeben sich solche Optionen und natürlich hilft es, mit den Menschen deiner Umgebung und Zielgruppe sowie mit Multiplikatior_innen zu reden, was sie privat oder in anderen Zusammenhängen nutzen.

Zusammenfassung

Um zu politischen Aktivitäten und Aktionen mobilisieren zu können, – und erst recht um in dringlichen Situationen schnell, organisiert und effektiv mobilisieren zu können, – muss in vorausschauender Aufbauarbeit eine Informations- und Kommunikationsstruktur aufgebaut und etabliert werden. Zu dem Feld, in dem du tätig bist, sollte dein digitaler Infotisch übersichtlich alle wichtigen Informationen aufgeführt haben. Als Aktivist_in oder Organisation gilt es, die eigene Position als glaubwürdigen und relevanten Informationsknotenpunkt zu etablieren und damit Netzwerkknotenpunkt in einer wachsenden Menge Interessierter zu werden.

  • Nutze bestehende Kanäle.
  • Baue eine Website als Homebase.
  • Mach dein Informationsnetzwerk ausfallsicher.
  • Tritt als Person auf.
  • Sei transparent und ehrlich!
  • Verliere dich nicht in der Planung.
  • Beleidige niemanden.
  • Ignoriere die Hilfe von anderen nicht.
  • Lass dir die Logindaten nicht klauen.

June 15 2011

flickr, Foto-Alben in der Cloud und Ströme von Bildern

Flickr.com ist die größte und populärste Web 2.0 Plattform zum Speichern, Verwalten und Teilen von Bilddateien im weltweiten Web. Der Name leitet sich von «etwas flüchtig durchblättern» ab, was allgemein ganz gut beschreibt, wie wir heute dank Social Media im Internet durch Unmengen von Bilderbeständen blättern, scrollen und klicken können. Foto-Alben auf Facebook, flickr oder Picasa. Bilder-Streams via Twitter, Blogs und den Pinnwänden von Facebook. Bilder als Schnappschüsse via Smart-Phone, als hochaufgelöste Fotos oder als Diagramme, Karikaturen und Photoshop-Arbeiten. Plattformen wie flickr eignen sich dazu, Bilder in Alben, Sammlungen und Galerien zu organisieren. Ähnlich wie Videos bei YouTube, können Bilder auf flickr mit Kategorien getagged, kommentiert und gefaved werden (als Favorit markiert). Alben lassen sich auch als Diashows abspielen und natürlich kannst du auf flickr hochgeladene Bilder in Blogeinträge einbetten, in Facebook einspielen oder via Twitter verlinken. Der Vorteil von flickr ist dabei nicht zuletzt, dass ein übersichtliches Fotoarchiv einer Person, Organisation oder Bewegung aufgebaut werden kann – beziehungsweise mit der Zeit ensteht -, das Zeugnis von Veranstaltungen, Aktionen, Personen, Geschehnissen und Aktivitäten gibt; also eine bildhaft vermittelte Dokumentation von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Neben den Plattformen zur Verwaltung von Bilddatenbanken gibt es immer mehr Dienste, die eine alltägliche Verbreitung von Bildern einfach machen. Anwendungen steuern nicht nur das Hochladen von mit dem Smart-Phone gemachten Schnappschüssen sondern integrieren die Fotos auch automatisch in alle weiteren ausgewählten Social Media Plattformen. Über diesen Weg erreichen Bilder von Demonstrationen, Konferenzen, Versammlungen, Streiks und Übergriffen Öffentlichkeiten. Diese Massen an Bildern im Web bedeuten nicht nur “Bilderflut”, sondern bringen vor allem eine Demokratisierung unserer kollektiven Bildwelten mit sich. Fotos werden von überall auf der Welt hochgeladen und erodieren den fast alleinigen Einfluss, den Massenmedien und Werbung auf unsere gängigen Bilderwelten haben. Und was an Bilder einmal in der Cloud gespeichert ist, kann weiterverbreitet und kommentiert werden. Die Vergabe von creative commons Bildrechten, also zum Gemeinwohl, erleichtert darüber hinaus das Einbetten und weitere Verarbeiten von Bildern.

June 12 2011

Aktionen im öffentlichen Raum

Oh wie geil ist das denn, schau dir mal diese starke Aktion an!

«Gute Aktionen überraschen, ähnlich wie gelungene Witze.»
fälschlicherweise Bugs Bunny zugeschrieben

Das Internet bietet viele Möglichkeiten, ein Publikum abseits der ausgetreten Medienpfade zu erreichen, es kann jedoch die Wirkung von Straßenprotesten nicht ersetzen. Umgekehrt mögen Aktionen im öffentlichen Raum der Stadt der Anlass sein, dass sich Bilder, Videos und Berichte über Aktionen im öffentlichen Raum des Internets verbreiten und dort noch einmal für Aufmerksamkeit sorgen. Aktionen im öffentlichen Raum funktionieren zumeist über bildhafte Ausdrucksformen, um etwas zu veranschaulichen. Ein gewisser Grad an Vereinfachung ist dabei nicht zu vermeiden. Trotzdem solltest du darauf achten, nicht so weit zu simplifizieren, dass sich Sachzusammenhänge verdrehen. Dicke Männer in Zylinderhüten sind zum Beispiel keine angemessene Darstellungsform für eine Kritik des Kapitalismus, der sich gerade durch unpersönliche Herrschaftsverhältnisse auszeichnet.

Wie komme ich zu einer ausdrucksstarken Idee?

Du weißt ganz genau, warum du gegen oder für etwas bist. Aber du weißt nicht genau, wie du das anderen bzw. einer größeren Öffentlichkeit vermitteln sollst? Oft glaubt man, nur mit besonders originellen Ideen, Aufmerksamkeit auf sich und seine Anliegen ziehen zu können. Das mag in vielen Fällen auch stimmen, hemmt aber in der Herangehensweise oft die Entwicklung guter und durchführbarer Ideen. Meist ist es ratsamer, zu recherchieren, was andere vor dir schon gemacht haben und dir anzschauen, warum und wie diese erfolgreichen Aktionen funktioniert haben. Wenn du dabei auf Aktionsformen und Protestmittel stossen solltest, die dir gefallen, oder die dir für deine Situation als passend erscheinen, was hindert dich daran, diese einfach für dich zu übernehmen? Keine Angst, durch die Aneignung und die Anpassung an die jeweils gegebenen Bedingungen wird jedes Plagiat zum Unikat! Die gängige Praxis der Aneignung und Anpassung von verschiedenen Aktionsformen hat dazu geführt, dass du aus einer breite Auswahl an Protestkultur und Widerstandsformen auswählen kannst. Du findest Bücher dazu, wie «go. stop. act!» zur Kunst des kreativen Straßenprotests und das «Handbuch der Kommunikationsguerilla», aber auch Webplattformen und Blogs, wie die BlogChronik der Kommunkationsguerilla.

Kundgebung der Freunde des WohlstandsDer Frühling des Widerstands, die planen schon wieder Proteste.Reverse Graffiti mit der Message: Kohlenstoff Reduzieren!

DENN SIE PLANEN SICHER NEUE PROTESTE
➊ Der «Club der Freunde des Wohlstands» bei einer sympathischen Kundgebung vor dem Österreichischen Parlament. Und sein wir uns ehrlich, dieses stilvolle Protest ist doch gleich etwas ganz anderes als die lauten Demos der ewigen Berufsdemonstranten. «Euer Neid kotzt uns an.»
➋ Der nächste Protest kommt bestimmt, wird von Zeitungen zur Warnung der Bevölkerung angekündigt, mensch ist vorbereitet. Umso bemerkenswerter ist es, wenn der Protest in Form überraschender Aktionen kommt. Wir wollen sympathisieren können, uns über Widerstand freuen und gewitzte Ausdrucksformen anerkennen können.
➌ Dass Aktionen schlichtweg “cool” sein können, das möchten sich freilich alle zu nutze machen, erst Recht die Werbeindustrie. Aktionen wie dieses Reverse Graffiti Kunstwerk und Video werden gerne für Kampagnen eingesetzt. Punkto Glaubwürdigkeit wird der Grassroots Aktionismus die Werbewelt aber immer ausstechen.

Mach dir dein Thema und deine Zielgruppe bewusst

Die wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen deiner Aktion sind die Eingrenzung des Themas und der Zielgruppe. Aktionen, die sich allgemein gegen die widrigen Umstände, den Kapitalismus und die Bösartigkeit der Welt richten, die haben zwar ihre Berechtigung, werden aber kaum ein Publikum erreichen, wenn sie keine Möglichkeit zur Identifizierung bieten. Oft kann es helfen, einen bestimmten Personenkreis anzusprechen und an dessen spezifische Erfahrungen anzuknüpfen. Das hieße konkret zum Beispiel, mit den in dieser Gruppe verbreiteten Klischees, Kodes und Running Gags zu arbeiten. Achte darauf, Thema und Zielgruppe immer gut aufeinander abzustimmen. Ein schönes Beispiel ist hier ein Hotelboykott in San Francisco bei dem sich LesBiSchwule Gewerkschaften mit den dortigen Hotelangestellten solidarisierten und zur Zeit des Christopher Street Day gemeinsam zum Boykott aufriefen. Die Aktion in der Hotellobby hat Elemente eines Flashmobs. Personen beginnen wie in einem Musical zu tanzen und singen dazu, wobei der Text sich als Boykottaufforderung entwickelt und dann zu Forderungen übergeht. Die sympathisch-lustige und klar die Message vermittelnde Aktion schafft Aufmerksamkeit in der Lobby des Hotels, erreicht sowohl Gäste als auch Personal und Management. Und sie gibt ein schönes einfaches YouTube Video ab, das sich gut verbreiten lässt und uns bis heute von dieser Aktion erzählt.

Zu den relevanten Kriterien für die Auswahl der Zielgruppe können zum Beispiel Arbeitsverhältnis, Alter, Milieu/Klasse, Geschlecht, Wohnort, Sprache und da eventuell auch Dialekte gehören. Aktionen können integrativ, zugänglich und offen ausgerichtet sein. In dem Sinne fordern sie auf, sich informieren zu lassen. Oder sie können auch provozierend sein und auf Abgrenzung abzielen. Von einem konkreten Anliegen ausgehend, kannst du oft auch weiter reichende und prinzipiellere Kritik vermitteln. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, du versuchst mit deiner Aktion, Anrainer für den Kampf gegen den Abriss eines Spielplatzes zu gewinnen. Mit guter Planung und deinem klar formulierten Anliegen wirst du vermutlich auf einigen Zuspruch stossen. Diesen kannst du nun nutzen, um am konkreten Einzelfall auch eine allgemeinere Kritik zu formulieren: an der überall sinkenden Lebensqualität in deiner Stadt, an der Beseitigung von Freiräumen im öffentlichen Raum oder sogar an der Tatsache, dass der Mensch im Kapitalismus ein von der Verwertungslogik geknechtetes Wesen ist, die keinen Raum für Spielplätze lässt. Deine Forderungen sollten also nicht nur verständlich und konkret formuliert, sondern auch inhaltlich fundiert sein. Deine Vermittlungsformen können ganz gut überraschend, illustrativ, ironisch-bissig und wohl auch etwas augenzwinkernd sein. ;-)

Die Pointe finden, die Aussage in den Raum stellen

Eine gute Aktion fußt immer auf dem Erkennen und Sichtbar Machen bestehender Strukturen und Konventionen und ihrer Wirkungsweisen. Eine Variante für die Konzeption einer Aktion ist es, diese Strukturen und Konventionen sichtbar zu machen, da sie durch den Gewöhnungseffekt von den meisten Leuten gar nicht mehr bemerkt werden. Zum Beispiel möchtest du mit einer Aktion gegen den steigenden Autoverkehr in deiner Stadt aufmerksam machen. Bei genauerer Untersuchung des Stadtbildes wirst du zahlreiche Merkmale für das hohe Verkehrsaufkommen bemerken – wie etwa den Dreck an Häuserfronten seitens dicht befahrener Straßen. Diesen Dreck kannst du wiederum wunderbar sichtbar machen, in dem du Reverse Graffitis an Mauern und Straßen anbringst.

Eine weitere Möglichkeit ist, Bestehendes durch “Überaffirmation” zu verdeutlichen, also statt mit Kritik zu reagieren, was sowieso schon erwartet und daher als normal wahrgenommen wird, den Spieß umdrehen und mit überbordender Zustimmung überraschen. Ein gängiges Mittel sind hier beispielsweise Jubeldemos. Viel Erfolg und einige Aufmerksamkeit hatten Studierende der Freien Uni Berlin 2007 beispielsweise mit dem «Dieter Lenzen Fanclub of Excellence», den sie gegen für den geliebten Rektor der Universität ins Leben riefen. Mit euphorischen Sprechchören von «68 ist vorbei, nur der Markt, der macht uns frei», «Hoch die internationale Konkurrenz» und «Lenzen, Lenzen unser Idol, besser noch als Helmut Kohl» unterstützten die sendungsbewussten Anhänger_innen des Rektor dessen Politik, wo immer dieser zu öffentlichen Auftritten ansetzte.

Du kannst Erwartungen konterkarieren, indem du den Fluss des Alltags und die Abläufe des in Bahnen gelenkten Lebens brichst. Ein simples Beispiel ist hier der “Freeze”, der durch die gleichzeitige totale Erstarrung mehrerer, sich normaler Weise bewegender Körper einen verstörenden Akzent an Orten mit hoher Fluktuation setzt. Wenn im Fluss der laufenden Bewegungen ein paar Menschen plötzlich erstarren und der Kontrast zu den Bewegungen der Anderen sichtbar wird, führt das zu einem “Inne-Halten” vieler Menschen in der Umgebung. Nebenbei eignet sich diese Aktion sehr gut zur Veranschaulichung per Video, wie dieses Beispiel eines Freeze vieler Fussgänger_innen verdeutlicht, die sich für einen Zeitraum von wenigen Minuten öffentlichen Straßenraum aneignen.

Die Aktion, der Sprung ins kalte Wasser? Learning by doing

Du hast eine Idee, ein Konzept, eine Zielgruppe und motivierte Mitstreiter_innen. Du hast an die Dokumentation gedacht, es wird ein Video abfallen, es wird gute Fotos geben wie hier in der Aktionen-Sammlung von unibrennt. Die Bilder werden sicherlich dazu geeignet sein, auf Facebook verbreitet zu werden, sie haben das Potential viral werden und Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren. Aber bei dem Gedanken, auf der Straße in Aktion zu treten, wird dir und der Gruppe noch etwas mulmig zumute? Da wir unser ganzes Leben lang darauf trainiert werden, uns an gegebene Normen zu halten, ist das ganz normal. Mit ein bisschen Vorbereitung schaffst du es aber, Scheu und unbestimmte Ängste vor dem Auftritt in der Öffentlichkeit abzubauen und die Gruppe kann sich körperlich und geistig auf die kommende Situation vorbereiten. Und Vorbereitung, Übung bis hin zu einer Generalprobe macht Sinn. Denn auf der Straße kannst du mit deiner Gruppe ständig mit Situationen konfrontiert werden, die ihr nicht antizipiert habt. Dann heißt es gemeinsam schnell reagieren und voneinander wissen, dass alle mit unerwarteten Situation umgehen können. Komm dir also nicht blöd vor, wenn ihr in einem Zimmer Aufwärmübungen macht.

Es ist vor jeder Aktion sinnvoll, Vorbereitungsübungen mit Augenmerk auf Körperspannung, die Lockerung etwaiger Anspannung und Öffnung der Haltung zu machen. Auf Protestformen mit erhöhten körperlichen Anforderungen (zum Beispiel Freeze) solltest du zusätzlich mit speziellen Übungen vorbereiten. Zudem beeinflussen Körperhaltung und Gestik unsere Meinung über andere Menschen meist stärker als Argumente. Egal ob man das gut oder schlecht findet, unsere Körperlichkeit hat auf alle Fälle großen Einfluss darauf, wie wir wahrgenommen werden. So ist es auch mit Plakaten, die Engagement versprechen oder zu Engagement auffordern. Wenn sie von nachlässig schlurfenden Menschen getragen werden, wirken sie nun mal nicht authentisch. Sich bestimmt und selbstbewusst bewegende Körper erreichst du ganz einfach, in dem du zuerst Übungen zur Aktivierung dieser Körper gemacht hast.

Zugangsbeschränktes Sitzen neben dem für die Universitäten zuständigen Wissenschaftsminister.Können Sie beweisen, dass sie ein Recht haben, auf die andere Seite der Absperrung zu kommen?Angehörige der Rebel Clown Army bei der Demonstration Bologna Burns anlässlich des Europagipfels der Wissenschaftsminister_innen in Wien.

DIE WELT IST VOLLER ZUGANGSBESCHRÄNKUNGEN
➊ Kurz nach der Explosion der Studierendenproteste 2009 in Wien will der Bundesminister vor versammelten Honoratioren eine Gebäude eröffnen. Bereits der Zugang zum Public Relations Event ist durch in der Gegend herumliegende Studierende beschränkt. Im Festsaal sind zudem Sitzplätze beschränkt, werden sie doch von ungeladenen Gästen besetzt. (Foto ©Martin Juen)
➋ Der ehemalige Banker und seit der Finanzkrise Aktivist Charlie Veitch arbeitet mit dem Megafon im öffentlichen Raum. Hier errichtet er für die Kampagne «No One Is Illegal» Grenzkontrollen mitten in London und wählt willkürlich aus, welche Dokumente vorgelegt werden müssen und wer passieren darf und wer nicht.
➌ Als im März 2010 die Bildungs- und Wissenschaftsminister der 47 Bologna-Staaten in der Hofburg 10 Jahre Bologna feiern möchten, drehen die demonstrierenden Studierenden aus mehreren Ländern den Spieß um und beschränken mit Sitzblockaden den Zugang der Partygäste zum Bologna-Gipfel.

Bildet Bezugsgruppen und passt aufeinander auf!

Wenn du eine Gruppe von Leuten gefunden hast, die mit dir eine Aktion durchführen, solltet ihr neben organisatorischen und rechtlichen Fragen auch über mögliche Unsicherheiten sprechen. Überlegt euch verschiedene mögliche Szenarien, was während eurer Aktion passieren könnte und wie ihr als Gruppe darauf reagieren wollt. Je offener ihr dabei über Ängste reden könnt, desto stärker könnt ihr euch später aufeinander verlassen! Seit euch im Klaren, dass nicht immer alle Alles wahrnehmen können, da sie vielleicht durch ihre Rolle oder Tätigkeit ein eingeschränktes Sichtfeld haben. Berücksichtigt das in eurer Planung. Überlegt euch, wie ihr die Aktion gegebenenfalls abbrechen könnt – etwa durch plötzliches Zerstreuen der Gruppe und ein späteres Treffen an einer vereinbarten Stelle. Um euch darüber in kritischen Situationen schnell verständigen zu können, solltet ihr vorher ein Signal vereinbaren. Innerhalb der Gruppe solltet ihr zumindest Namen und Geburtsdaten austauschen, um sie im Fall einer Festnahme an einen Rechtsbeistand weiterleiten zu können. Die Polizei kann aber zur Klärung der Identität zum Beispiel die “Anhaltung” verfügen.

Das Recht zu demonstrieren an sich, ebenso wie das Recht sich im öffentlichen Raum zu bewegen ist unverzichtbar und kann auch von den Behörden nur begründet unterbunden werden. Die Gründe, warum Demos oder Aktionen vorab oder während ihrer Durchführung untersagt werden, sind aber nicht immer durchsichtig. Auf zivilen Ungehorsam, der sich nicht nur aus Untersagungen von Demos sondern auch aus Einzelaktionen ergeben kann, gibt es verschiedene Antworten der Behörden. Bei der Aktion selbst kann es sein, dass Ausweisen kontrolliert, Leute aufgeschrieben werden, wenn sie der Polizei als “tatverdächtig” erscheinen. Was mit diesen Daten passiert bleibt oftmals unklar.

Auf Demonstrationen und bei größeren Aktionen gibt es häufig eine Rechtshilfe (in Deutschland Ermittlungsausschuss), an die ihr euch wenden könnt. Solltest du festgenommen, hast du das Recht auf Aussageverweigerung. Mach davon unbedingt Gebrauch! Die Aufgabe der Polizei ist es grundsätzlich, Schuldige zu finden, und nicht, dich zu entlasten. Selbst, wenn du dich mit einer Aussage selber nicht belastest, könntest du damit deine Mitstreiter_innen gefährden. Im deutschsprachigen Raum ist mensch nicht verpflichtet einen Ausweis mit sich herumzutragen. Sollte es zu einem gerichtlichen Verfahren kommen, kannst du dort – nach eingehender Beratung mit einem Rechtsbeistand – ohnehin noch Stellung nehmen.

Rechtshilfe organisieren

So unineressant es auf den ersten Blick scheint, zum Selbstschutz gehört auch eine rechtliche Planung. Ist die geplante Aktion eine Demo? Gehört sie angemeldet? Oder kann sie als sponane Demo qualifiziert werden und bedarf keiner Anmeldung? Die Anmeldeprozeduren sind überall ein bisschen anders, ebenso die Persönlichkeiten mit denen mensch bei den Anmeldungen zu tun hat. Manchmal jedoch gibt es Verwaltungsstrafen oder gar strafrechtliche Anzeigen. Die Verwaltungstrafe (bei unangemeldeten Demos oder reiner Menschen-Blockade von Straßen) hat rein bestrafenden Charakter und hat – abgesehen von der Unbill des finanziellen Verlustes – keine weiteren Folgen. Strafrechtliche Anzeigen sind da weit unangenehmer: ein Eintrag in den Strafregisterauszug kann bei der Jobsuche hinderlich werden, ein auch nur drohender Kurzurlaub hinter schwedischen Gardinen für Sachbeschädigung, Körperverletzung oder Widerstand gegen die Staatsgewalt kann sich auszahlen, kann aber auch unnötiges Nachspiel einer sonst gelungenen Aktion sein. Zur Vorbeireitung einer größeren oder riskanteren Aktion kann auch eine Rechtshilfe gehören. Dafür benötigt mensch nicht mehr als eine Person, die abseits der Aktion per Handy erreichbar ist und Daten von Menschen aufnimmt, die verhaftet worden sind oder sonst Rechtshilfe suchen. Nehmt dafür kein privates sondern ein eigenes Rechtshilfe-Handy und verteilt die Nummer unter den Aktivist_innen, bevor ihr startet. Optimalerweise hat die Rechtshilfe noch ein zweites Handy über das sie die Kontakte zu den Behörden herstellt.

Bei manchen Aktionsformen, wie etwa dem Rebel Clowning, ist es schwierig, immer die ganze Gruppe im Blick zu behalten. Hier bietet es sich an, innerhalb der Bezugsgruppe nochmals Zweier-Teams zu bilden, die aufeinander aufpassen. Keine Panik! Diese Tipps sollen dir keine Angst vor dem Durchführen einer Aktion machen, aber eine gute Vorbereitung schützt dich und deine Gruppe.

Regie: nicht nur der Aktion, auch des Films

Für die erfolgreiche Protestaktion mit Witz, Biss und längeranhaltender Wirkung gibt es vier Aspekte, die jeder für sich besondere Aufmerksamkeit verdienen. Erstens gilt es die Konzeption so auszuarbeiten, dass die Aktion tatsächlich das anspricht und aufzeigt, was als Missstand sichtbar gemacht werden soll. Zweitens hängt viel an der Gruppe, am Vertrauen aller Beteiligten zueinander, an Arbeitsaufteilung und Hilfestellung untereinander. Drittens hilft die Vorbereitung von Kostümen und Materialien oftmals die Aktion sowohl lustiger als auch einfacher und flüssiger in der Durchführung zu machen. Viertens, das Aufwärmen nicht vergessen!

  • Investiere in Planungsarbeit! Diskutiere mit anderen das Thema, die Motivation und Ziel jeder Aktion. Thematisiere die Zielgruppe und versuche sie in allen Facetten vorab zu visualisieren.
  • Training, Training, Training! Körperarbeit machen, Lockerungsübungen, Generalproben. Vorbereitungsarbeiten und Trainings mobilisieren auch schon die Gruppe und machen Spass, etwa das basteln von Kostümen und Utensilien.
  • Klärt eure Zuständigkeiten und Ausstiegsszenarien, diskutiert eure Befürchtungen und Ängste. Es ist wichtig, vor allem aber hilfreich, wenn alle Beteiligten die Schwächen und Stärken der Mitstreiter_innen kennen und wissen, dass sie sich auf die anderen verlassen können.
  • Lerne von Beispielen und den Erfahrungen anderer, sei es um neue Protestformen zu entdecken oder um die Risiken von zivilen Ungehorsam und Aktionismus besser einschätzen zu können. Kümmere dich um Rechtshilfe-Unterstützung.
  • Eine tolle Aktion durchgeführt zu haben, die funktioniert hat, alle Teilnehmenden euphorisiert und Leute moblisiert hat und dann aber keine Bilder und Videomaterial von der Aktion zu haben. Das ist nicht nur bitter sondern auch ein Zeichen ungenügender Planung.
  • Du darfst dich durch Security-Kräfte, die Polizei oder aggressive Reaktionen nicht aus dem Konzept bringen lassen. Werde nicht persönlich, werde nicht wütend, verlier nicht die Selbstbeherrschung. Du hast geplant, antizipiert und trainiert, um auch in schwierigen Situationen kontrolliert und für deine Mitstreiter_innen berechenbar und verlässlich zu agieren.
Reposted bykellerabteilsciphex

May 26 2011

fluegel.tv

Als uns in Stuttgart ein taktisches Medium passiert ist

«Taktische Medien sind nie perfekt, sie sind immer involviert, agieren konkret und pragmatisch, und das unterscheidet sie wie sonst kaum etwas von etablierten Medien.»
Das ABC der Taktischen Medien

Der Widerstand gegen S21 verändert Stuttgart unumkehrbar. Das wird bleiben. Ob S21 nun jemals fertig gebaut werden wird oder nicht. Wir sind selbst Teil dieser Veränderungen geworden. Angefangen hat das Anfang August 2010 mit der spontanen Eingebung von Robert, seine Büro-Webcam in das Fenster zu stellen und in die Richtung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu drehen. Die Webcam beginnt das heftig umstrittene Geschehen vor Ort zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Webcam blickt auf den Nordflügel des Bahnhofs, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Bauzaun versehen wird. Dieser Nordflügel soll heftigsten Bürgerprotesten zum Trotz abgerissen werden. An seiner Stelle will die Deutsche Bahn das lang geplante und ebenso lange umstrittenen Bahnprojekt «Stuttgart 21» (S21) realisieren: ein prestigeträchtiger unterirdischer Eisenbahnknoten mitten in Stuttgart.

Das Interesse an den Live-Bildern ist enorm: Zu Spitzenzeiten schalten sich bis zu 500.000 Zuseher aus sämtlichen Regionen der Erde zu, darunter viele Exil-Stuttgarter. Der Internet-Sender «fluegel.tv» ist geboren – und wächst rasch zu einem Sprachrohr der zivilen Protestbewegung gegen Stuttgart 21. In den Büroräumlichkeiten von Robert Schrems Multi-Media-Agentur gehen in den folgenden Monaten rund 20 Mitwirkende aus und ein, die alle zusammen das engagierte ehrenamtliche Projekt am Leben erhalten.

Enstehung eines Fernseh-Senders by accident

Die erste Kamera, die Robert im Fenster 43 Metern Luftlinie gegenüber dem Nordflügel installiert, ist eine Foto-Webcam. In kurzen Zeitabständen aktualisiert sie das Bild der Szenerie, sichtbar auf einer eigens eingerichteten ersten Website. Am 5. August 2010 veröffentlicht Robert die Webadresse mit dem Eintrag «Webcam auf den Nordflügel: www.schrem.eu/webcam» auf einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Stuttgarter Protestbewegung, dem Parkschützerforum. Gleich in den ersten Tagen geht der Server aufgrund der hohen Zugriffszahlen in die Knie. Das “Nordflügel-TV” wird auf die Server von ustream.tv übersiedelt, einer Web 2.0 Plattform, über die schon ein dreiviertel Jahr früher viele unibrennt Live-Streams gelaufen sind. Die Foto-Webcam wird gegen zwei Live-Stream Kameras ausgetauscht, die von da an das Geschehen ununterbrochen per Videostream mitverfolgbar machen. Diesen Entwicklungen folgt bald eine eigens neu gestaltete Website, seither unter der Adresse fluegel.tv zu finden.

Das Team von fluegel.tv filmt und streamt eine der unzähligen KundgebungenMit dem Bollerwagen am Schwarzen Donnerstag immer auf Sendung.Das Talk-Format «Auf den Sack» bei fluegel.tv mit Aktivisten der Parkschützer.

DOKUMENTATION DES GESCHEHENS UND DISKUSSION DER HINTERGRÜNDE
➊ Das Team bei einer Kundgebung. Es wird nicht nur live gestreamt sondern auch aufgezeichnet. Alles ist nachzusehen, auf der Website oder auch im vimeo-Kanal von fluegel.tv.
➋ Eine wichtige Rolle spielt der Bollerwagen. Der auch im Parkgelände sehr mobile Ü-Wagen war am schwarzen Donnerstag mit uns die ganze Zeit im Einsatz.
➌ Das Talk-Format «Auf den Sack» bringt verdichtete Debatte, Hintergrundinformationen, die Perspektiven der verschiedenen Akteure, aber auch Analyse von Beobachter_innen.

Als sich die Gerüchte mehren, dass mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel jeden Tag zu rechnen ist, steigen nicht nur die Zugriffszahlen des Livestreams an, auch die Anzahl laufend auf dem Gelände vor dem Nordflügel ausharrender, wachsamer Bürger_innen nimmt ständig zu. Bei einem zufälligen Treffen im Zuge einer Demo entsteht die Idee, neben dem Live-Stream noch etwas mehr für die Dokumentation der Geschehnisse in Stuttgart zu machen. Wir, Robert und Putte, kannten uns bereits ein wenig von früher. Jetzt sagten wir, «komm, wir drehen die Webcam um und laden Gäste zum Interview ein».

Die Idee zu «fluegel.tv» als Sendungsformat mit Interviews, Live-Berichterstattung und Studiodiskussionen nimmt Gestalt an. Putte, der sich als Moderator anbietet, war bereits Mitbegründer der Initiative «Unsere Stadt – Stuttgart gestalten!». So wie viele andere waren wir in diesen Tagen an der aktiv gelebten Demokratie interessiert, die sich da quer durch die Stadt Raum zu nehmen begann. Und wir waren mit vielen anderen enttäuscht über die verhältnismäßig einseitige Berichterstattung der etablierten Massenmedien: «Weil das Fernsehen überwiegend so enttäuscht, machen wir jetzt halt unseren eigenen Fernsehsender auf: Flügel TV. Der einzige Sender der Welt, der 24h am Tag nur über S21 berichtet.» Dem ersten Aufruf im Parkschützerforum mit der Aufforderung «Wer hat Lust mitzumachen? Wir brauchen Redakteure, Kameraleute, Regie…» schließen sich Medienschaffende aus der Stadt und dem weiteren Umfeld spontan an, das Projekt mit hochwertigem Equipment und ehrenamtlichen Engagement unterstützend. Binnen kürzester Zeit wird eine geradezu professionelle Infrastruktur auf die Beine gestellt, alles in kollaborativer Selbstorganisation. Ein Studio für Talkrunden wird eingerichtet und fluegel.tv bekommt einen Übertragungswagen.

Der “Auf den Sack” – Talk

Am 4. September 2010 findet die erste Talkrunde im Studio von fluegel.tv statt. Während die «live: webcam nord» am Fenster weiter auf den Nordflügel gerichtet bleibt, wird aus dem Raum schon zur ersten Sendung ein kleines professionelles TV-Studio. Eine Sitzecke mit gespendeten, modischen bunten Sitzsäcken wird eingerichtet. Die ersten Gäste der Diskussionsreihe «Auf den Sack» sind der bekannte Schauspieler und bekennende S21-Gegner Walter Sittler und Hannes Rockenbauch, der als früher Besetzer des Nordflügels einige Bekanntheit erlangt hat. Für die Sendung arbeitet ein frisch zusammengewürfeltes Team. Ein Unterstützer kommt etwa mit Licht und Kamera angereist. Hinter den zwei Kameras haben Profis Stellung bezogen. Die Ausstattung der ersten Sendung umfasst auch schon eine Tonabteilung samt digitalem Tonmischpult. Das gesamte Team zählt bereits mit dem ersten Sendungsdurchlauf sieben Personen. Der Zuspruch zu dieser Premiere ist so groß und positiv, dass all diese Beteiligten, die sich zu diesem Zeitpunkt untereinander noch nicht wirklich kennen, unbedingt weiter machen wollen.

Im Herbst entstehen auf diese Art und Weise sieben «Auf den Sack» Sendungen, immer zum Thema Stuttgart 21, und immer unter dem Vorzeichen, die offene Diskussionen mit inhaltlicher Tiefe, ohne Polemik und ungehetzt zu ermöglichen. Die Sendungsdauer wird vorab nie zeitlich begrenzt, die Aufzeichnung wird nicht geschnitten und es kommen Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen des Bahnprojekts zu Wort. Um das übliche Talkshow-Gezetere zu vermeiden, vermied man das Aufeinandertreffen beider Lager.

Stuttgart 21 – ein Bahnhof zwischen Stadtentwicklung und Megaloprojekt

1994 werden der Öffentlichkeit erstmals Pläne vorgestellt, die oberirdische Kopfbahnhofanlage des Stuttgarter Bahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Von Anfang an ist das Prestige-Projekt aus zahlreichen Gründen umstritten. Kritisiert werden etwa die hohen zu veranschlagenden Kosten für einen Umbau, die in kaum sinnvoll argumentierbarem Verhältnis zum Nutzen stehen würden; Kosten, die zu größten Teilen von den Steuerzahler_innen zu tragen sind. Diskutiert werden auch die umweltbelastenden Faktoren, die Zerstörungen in einem funktionierenden Herzstück der Stadt, des 600 Jahre alten Stuttgarter Schlossgarten. Einig sind sich Gegner_innen wie Befürworter_innen nur in dem Punkt, dass der alte Bahnhof einer Modernisierung bedarf. Die Form, in der die Modernisierung erfolgen soll, wird nie zur öffentlichen Debatte mit offenen Ausgang der Entscheidungsfindung gestellt. Stattdessen werden die Pläne zum Bau ohne Zulassen jeglicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben. 2007 wird die Initiative für ein Bürgerbegehren trotz mehr als 60.000 Unterschriften für unzulässig erklärt. «Ausgetrickst und abgekanzelt» werden die Bürger_innen, befindet «Die Zeit» in einer Reportage. Von November 2009 an gehen bei den Montagsdemos regelmäßig Tausende auf die Straße, um gegen die Pläne für einen Bahnhofsneubau unter der Erde zu protestieren.

Als die Bauarbeiten im Sommer 2010 ohne Berücksichtigung der zahlreichen Gegenstimmen begonnen werden, finden sich zehntausende Menschen zu regelmäßigen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort ein, um ihren Park, ihre Bäume und ihren Bahnhof zu schützen. Am 30. September 2010 wird mit heftiger Polizeigewalt und Wasserwerfern gegen eine angemeldete Demonstrantion von Schüler_innen und viele weitere Demonstrierende vorgegangen, die das Fällen von Bäumen verhindern wollen. Das Vorgehen der Verantwortlichen an diesem Tag erlangt schnell traurige Berühmtheit. Die Bilder bürgerkriegsähnlicher Szenen verbreiten sich medial und im Netz wie ein Lauffeuer – und lösen eine breite Welle der Empörung aus. Unter dem Chiffre und Hashtag #S21 verbreitet sich die Kunde vom Großbauprojekt der Deutschen Bahn und dem breiten Widerstand dagegen nicht nur auf Twitter weltweit.

Fluegel.tv entsprang anfänglich nicht dem Anspruch und hatte nicht das strategische Konzept, ein alternatives Medienprojekt in Opposition zu Mainstream-Medien sein zu wollen. Das Projekt ist aufgrund der Umstände und Geschehnisse in Stuttgart entstanden und nicht mehr als die Antwort auf eine konkrete Situation zu einem konkreten Zeitpunkt. Dementsprechend unsystematisch stellen sich die gesendeten Formate dar. Bis auf wenige Ausnahmen wird spontan entschieden, was gemacht wird. Die rund 20 Aktiven organisieren sich basisdemokratisch und meist über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler. Jeder kann Vorschläge einbringen oder Einspruch erheben. Nicht gehört wird nur, wer schweigt. Entschieden wird auf diese Weise: was gemacht wird, wer Zeit hat und wer gerade welche Position übernehmen kann. Sind die Fragen rund um Projektleitung, Kamera, Ton, Moderation oder andere Notwendigkeiten geklärt, wird auch schon umgesetzt. Während sich öffentlich rechtliche und private Sender an Sendezeiten zu halten haben, bleiben bei fluegel.tv Sendungen ungeschnitten und oft auch auch unkommentiert. Unsere Idee hinter dieser Praxis ist, der demokratischen, selbstverantwortlichen Entscheidungsfindung Material und Unterstützung zu geben.

Spezialanfertigung fluegel.tv-Übertragungswagen

Eine wesentliche Erweiterung unseres Aktionsradius erfolgt durch die Einrichtung einer mobilen Sendungseinheit, unseres verehrten Boller-Ü-Wagens. Zu diesem Zweck wurde ein klassischer Leiterwagen mit Autobatterien, Laptop, Funkantenne und Kamera bestückt – und direkt an den jeweiligen Schauplatz gefahren. Damit haben wir die Möglichkeit, Aktionen und Kundgebungen direkt vor Ort zu begleiten, Interviews auf der Straße zu machen und parallel live zu streamen. Beim ersten Boller-Ü-Wagen-Ausflug zu einer der wöchentlichen Samstagsdemos haben uns die installierten UMTS Richtfunkantennen noch deutlich auf ihre technischen Grenzen hingewiesen. Aber auch dieses Problem war Dank des kollaborativen Geistes, der dieser Tage in Stuttgart herrscht, bald gelöst. Ein S21-Demonstrant und Funkstreckenexperte hatte unsere mobile Übertragungseinheit und unsere technischen Schwierigkeiten beim ersten Einsatz bemerkt. Was macht er? Er meldet sich kurzerhand per E-Mail, bietet seine Hilfe an mit seiner Unterstützung bekommen wir eine Funkstrecke hin. Die anfänglichen Übertragungsprobleme hat fluegel.tv ab diesem Zeitpunkt minimiert.

Im September 2009 liefert fluegel.tv stundenlange Übertragungen direkt aus dem Stuttgarter Schlosspark und der Bahnhofsgegend. Die Frequenz der Demonstrationen und die Anzahl der Demonstrant_innen nehmen zu, auch das Echo im Web und in den Massenmedien explodiert. Stuttgart 21 wird zu einem medialen Großereignis. Über das Internet verfolgen tausende Menschen, was sich auf der Kundgebungsbühne tut. Wir begleiten die Demonstrationen und versuchen, mit dem fluegel.tv-Stream einen möglichst umfassenden Eindruck der Szenerie und der Vorgänge zu einzufangen. Zwischendurch interviewen wir, wen wir treffen, “Open Mike” für alle, die etwas zu sagen haben. Essen und Getränke erhalten wir auf unseren stundenlangen Streifzügen von wohlgesonnenen Passant_innen.

Am 30. September 2010 sind Hundertschaften der Polizei aus der ganzen Republik rund um den Schloßgarten zusammen gezogen. Am Vormittag gibt es noch eine genehmigte Demonstration von Schüler_innen. Es kommt zu dem berühmt-berüchtigten Polizeieinsatz, der schon untertags zu der bekannt schockierenden Eskalation führt. Wir sind an diesem Tag ganze 18 Stunden durchgehend live auf Sendung, als die ersten der jahrhundertealten Bäume gefällt werden. Mehrere Zehntausend sind per Live-Stream zugeschalten. Der «Schwarze Donnerstag» dauert bis 5 Uhr morgens und fesselte bis ganz zuletzt immer noch 400 Zuseher, die das Geschehen per Livestream bis ins Morgengrauen mitverfolgten.

Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist fluegel.tv bereits bei nahezu allen großen Medien Deutschlands als Informations- und Bilderlieferant rund um die zivile Widerstandsbewegung S21 etabliert und lange nicht mehr nur auf die regelmäßigen Zuseher_innen aus der regionalen Zivilgesellschaft beschränkt. Während der heißen Phase im Herbst kommt es laufend zu An- und Nachfragen von Journalisten aus dem Bereich der Print-Medien wie TAZ und Tagesspiegel, aber auch von TV-Sendern wie beispielsweise 3Sat, Phoenix, ZDF oder dem SWR, der zeitweise die fluegel.tv-Webcam sogar live auf seiner Website einband. Das aufgezeichnete Video-Material der allerersten Stunden wird auf Nachfrage für viele Sender kostenlos freigegeben und von RTL bis N24 ohne Logo verwendet. Die wohl ungewöhnlichste Anfrage, die je stattgefunden hat, kam von der Kriminalpolizei. Bei einer Demo hatte es einen Unfall gegeben und so wurde angefragt, ob wir davon zufälligerweise Aufzeichnungen hätten. Die Bilder dieses Tages sind wir gemeinsam durchgegangen und konnten tatsächlich Aufnahmen von der Unfallstelle entdecken.

Die Dokumentation der Schlichtungsgespräche

Im Oktober nach dem schwarzen Donnerstag werden “Schlichtungsgesprächen” zwischen den Gegner_innen und Befürworter_innen des Bahnhofprojekts unter der Leitung des Ex-CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler ausverhandelt. Fluegel.tv erhält die Zusage, die sechs Schlichtungsrunden ab dem 22. Oktober live übertragen zu können. Als drei Tage vor dem Termin die Zusage zurückgezogen wird und nur der Südwestrundfunk (SWR) und PHOENIX zugelassen werden sollen, kommt es zu einem Aufstand der «Parkschützer». Unter anderem wird die Protestmeldung auf parkschuetzer.de innerhalb weniger Stunden knapp 500 Mal kommentiert, mit unmissverständlich einhelligem Tenor. Die Solidarität ist erstaunlich. Auf Grund des deutlichen Protestes innerhalb der Protestbewegungung wird die Entscheidung einen Tag später zurückgenommen und fluegel.tv kann übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera filmen dürfen. Wir bekommen sogar gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Hier war zu merken, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändern kann. Der Zuspruch wird zudem via Twitter und vor allem Facebook sichtbar.

In der Facebook-Gruppe von fluegel.tv und noch mehr auf Seiten wie «KEIN Stuttgart 21» kommentieren und diskutieren Hunderte und Tausende nicht nur die Vorbereitung, die Debatten und die Ergebnisse der Schlichtungsgespräche. Die vielseitige Protestbewegung betreibt zudem noch diverse Websiten und Foren, neben den schon genannten Parkschützern auch unsere-stadt.org oder K21 mit dem «Ja zum Kopfbahnhof». Hier wie dort werden die Live-Streams verlinkt und Videos eingebettet, hier wie dort werden unsere Ansuchen um Unterstützung etwa zum Cutten oder für Materialbedarf weitergeleitet und unterstützt. Feedback erreicht uns des weiteren oft per E-Mail, darunter immer wieder solches von S21-Befürwortern, die sowohl ihre Anerkennung für unsere Unabhängigkeit als auch für die Übertragungen an sich ausdrücken. Anfragen und Themenvorschläge für Sendungen, Ideen zu Kooperationen und Außenstellen erreichen uns laufend über alle möglichen Kanäle.

Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss im Gefolge des «Schwarzen Donnerstag».DieZeit titelt «Ausgetrickst und abgekanzelt».Die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» mit Material von fluegel.tv. 

DIE ANGST DER POSTDEMOKRATIE VOR AKTIVEN BÜRGERINNEN
➊ Putte bei der Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den «Schwarzen Donnerstag» aufarbeiten sollte: «Die Entscheidung fiel im Staatsministerium».
➋ «Ausgetrickst und abgekanzelt», die DIE ZEIT beschreibt «Wie Politiker aktiv verhinderten, dass die Bürger beim neuen Stuttgarter Bahnhof mitbestimmen».
➌ Passagen aus dem bei fluegel.tv gewonnenen Material ist in die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» eingeflossen, die ein chronologisches Portrait und Stimmungsbild rund um den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 eingefangen hat.

Obgleich die Entstehung des Senders dem Zusammenschluss einiger S21-Kritiker zu verdanken ist, herrscht unter den Aktivist_innen von fluegel.tv große Einigkeit darüber, dass eine möglichst weitreichende Eigenständigkeit bestehen bleiben muss. Es gibt keine direkten wirtschaftlichen oder politischen Abhängigkeiten, der Sender arbeitet allein mit Spenden, ehrenamtlichem Engagement und der Selbstorganisation der Aktiven. Die benötigte Ausrüstung wurde zum Teil gespendet, zum Teil selber gestemmt und manchmal von Gönnern und Unterstützern ausgeliehen, um vor allem eine wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherstellen zu können.

In der Gruppe der Aktiven bei fluegel.tv bemühen sich alle um neutrale Äquidistanz zu anderen Personen und Gruppen der Protestbewegung. Selbstverständlich kennen viele der Beteiligten die verschiedene Protagonist_innen aus unterschiedlichen Gruppierungen der Protestbewegungen. Direkte Zusammenschlüsse, Treffen oder Abstimmungen mit anderen Menschen rund um die Protestbewegung finden nicht statt. Koordiniert wird fluegel.tv ausschließlich teamintern und wir agieren nicht strategisch in der Protestbewegungung, sondern konzentrieren uns auf die konkrete Umsetzung von Sendungen. Nicht wenige der Mitwirkenden sind zudem Profis der Fernsehproduktion, einige arbeiten hauptberuflich beim SWR und sind entsprechend gewohnt, sachlich professionell zu agieren.

Hürden, Herausforderungen und Erfahrungen

Als im Sommer 2010 die erste Kamera aufgestellt wurde, konnte niemand sagen, was passieren würde. Würden möglicherweise Anwaltsschreiben ins Büro flattern, weil jemand die eigenen Persönlichkeitsrechte durch die Webcam verletzt sieht? Kommt vielleicht die Polizei und schaltet das Ding ab? Schließlich waren vor der Kamera Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Demonstrant_innen zu sehen. Anfeindungen, Vereinnahmungsversuche, alles schien möglich. Womit wir zum Beispiel nicht gerechnet hatten ist, dass die Frage nach der Notwendigkeit einer Sendelizenz eine Rolle spielen kann. Eine Webcam alleine ist rechtlich gesehen kein Problem. Sobald wir aber redaktionell gestalteten Inhalt produzieren wird, sieht die Sache bereits anders aus. Das Land Baden-Württemberg definiert “redaktionell gestalteter Inhalt” nun bereits, wenn eine Kamera bedient und 500 Zuseher_innen aufwärts erreicht werden. Mittlerweile hat sich fluegel.tv eine Sendelizenz erwerben können.

Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Fernsehen und fluegel.tv ein gewichtiger Unterschied besteht: Technisch auf höchstem Stand zu arbeiten ist zweitrangig, viel wichtiger ist es, spontan zu arbeiten. Für die hohe Glaubwürdigkeit von Situationen verzichten unsere Zuseher_innen sichtlich gerne auf ein fixes Sendungsschema und die mundgerechte Aufarbeitung. Ein zu hoher Anspruch an Professionalität in allen Details birgt eher die Gefahr, eine Idee nicht rasch genug umsetzen umsetzen zu können. Für viele der mitwirkenden hauptberuflichen Medienmacher, ist genau diese Arbeitsweise eine ungewohnte Erfahrung. In dem Punkt spielt ihre große Routine keinerlei Rolle, ihnen blutet da manchmal das Herz, wenn sie auf ihre professionellen Standards, die im Fernsehen zweifellos wichtig sind, so untergraben sehen. Die Freiheiten, Irritationen oder Hoppalas im Sendungsverlauf sind umgekehrt ein wesentlicher Faktor, warum fluegel.tv in Feedbacks häufig als authentisch, glaubwürdig, charmant und sympathisch beschrieben wird. Dennoch bekommt auch das Sendeformat der professionellen Reportage mittlerweile mehr Platz eingeräumt.

Das somit mitgemeinte Biest Basisdemokratie wird im fluegel.tv-Team pragmatisch bezähmt. Solange niemand laut schimpft, gilt etwas als beschlossen. Natürlich ist auf diese Weise manchmal auch jemand beleidigt und verweigert schon einmal die Mitarbeit an einer Sendung. Wo Menschen unentgeltlich zusammenarbeiten, bekommt man es auch laufend mit Befindlichkeiten sehr engagierter und sehr eingesetzter Persönlichkeiten zu tun. Die natürliche Folge davon sind Austritte, Eintritte, Wiedereintritte und auch Wiederaustritte. Das Hauptinvestment einer solchen Unternehmung ist also in erster Linie sehr viel Zeit – und der geteilte Wille, eine sinnvolle Sache zu verfolgen. Ohne Spenden wäre das Betreiben des Senders nicht möglich; alleine die Regelmäßigkeit und vielen notwendigen E-Mails zur Koordination verursachen eine nicht zu unterschätzende Menge an ehrenamtlichen Aufwand. Diese Herausforderungen in der und für die Gruppe sind im letzten Abschnitt des Beitrags der Bürgerinitiative vom Augartenspitz sehr treffend beschrieben. Durch die klare inhaltliche, moralische und ethische Zielorientiertheit sowie die Überschaubarkeit unserer Gruppe ist keines der angesprochenen Themen bei uns virulent geworden. Uns ist klar, dass fluegel.tv einiges an Herausforderungen bevorsteht, wenn die zentrale Frage von «Stuttgart 21» in irgendeine Richtung entschieden wird. Ohne den akuten Grund unserer Arbeit, der als natürlicher Kitt bei den immer wieder aufkommenden Schwierigkeiten dient, werden Zweifel und Differenzen sowie die Müdigkeit aller Beteiligten wesentlich deutlicher zutage treten.

Zusammenfassung

Das Team von fluegel.tv hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, indem Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und so weiter möglichst live und in voller Länge übertragen werden. Dazu kommen ungehetzte Interviews und Reportagen. Ging es zu Beginn lediglich um das Thema Stuttgart 21, so kamen im Laufe der Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft und kommunale Energiegewinnung, Partizipationsformen der Bürgergesellschaft, Politik im allgemeinen und andere Themen hinzu, die auf das Leben der Menschen und ihrer Umwelt Einfluss haben.

  • Positionierung ist okay, Polemik oder propagandistisches Verhalten nicht. Die Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt und das entgegengebrachte Vertrauen dann verloren.
  • Inhalt geht vor Form. Fehler sind Stilmittel eines nicht professionellen Fernsehsenders.
  • Eine eigene Handschrift entwickeln, mit den eigenen Stärken arbeiten.
  • Effektive Bewerbung der Sendungen und Inhalte in der Mediathek, Information über viele Kanäle.
  • Das Adaptieren der Vorgangsweise der gängigen Fernsehsender.
Reposted bykellerabteil kellerabteil
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