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March 07 2012

Gegenöffentlichkeit 2.0

Das Vorwort der Herausgeber

Dank des Internets ist Mobilisierung fast ohne Bürokratie und fast ohne hierarchische Strukturen möglich; mühevolle Konsensfindung und angestrengte Manifeste verlieren an Bedeutung und werden durch eine Kultur des permanenten, locker strukturierten, bisweilen geradezu zwanghaften Informationsaustauschs ersetzt.
Naomi Klein, 2003

Soziale Bewegungen erleben in der gegenwärtigen Phase einen Aufschwung, getragen von breiter Unzufriedenheit mit herrschenden Verhältnissen und sich abzeichnenden großen Umbrüchen. Das Netz, das World Wide Web, das selbst seit einem halben Jahrzehnt in eine dynamischere und interaktivere Phase eingetreten ist, in eine “Web 2.0″ und “Social Media”-Phase, ist zu einem nahe liegenden bis selbstverständlichen Werkzeug für Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und kollektives Wissensmanagement geworden.
Gerade für heterogene, neu entstehende und bewegliche Organisationsformen, wie die der Sozialen Bewegungen, ist das Web und bietet das Web die überall erreichbaren, funktionalen und billigen Werkzeuge, die im Moment gebraucht werden.

Soziale Bewegungen nutzen das Netz nicht, weil “sich das für den erfolgreichen Auftritt heute so gehört”, wie das für viele Unternehmen gelten mag. Soziale Bewegungen entstehen nicht im Web, obwohl veränderte Formen der Informationsverbreitung und die Sichtbarkeit von “rumorenden Bewegungen” sicherlich förderlich für die Manifestation von diesen Bewegungen sind. Sie bedienen sich ganz einfach der Mittel der Zeit, die gerade da sind, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

Das heißt natürlich, dass die Aktivist_innen in den sozialen Bewegungen die Werkzeuge gebrauchen, die sich für die Organisation der Bewegung in den Momenten anbieten, in denen sie gebraucht werden und das zu organisieren helfen, was gerade ansteht. Und da ist es heute ganz simpel: Viele nützliche Instrumente dazu finden wir im und durch das Netz. Und das Web selbst ist als Instrument und Medium unter anderem deswegen so nützlich, weil es viele Instrumente bietet und wir alle von ziemlich überall aus darauf zugreifen können. Simple as that.

Practice What You Preach

Das vorliegende Handbuch ist so entstanden. Es ist von Aktivist_innen zusammengestellt und geschrieben worden, unter Verwendung und mit Hilfe der Infrastruktur “Web”, mit Werkzeugen, die wir via Web nutzen. Gut vierzig Autor_innen und noch einmal so viele Kommentator_innen haben kollaboriert. Sie haben sich auch per E-Mail, mindestens so viel aber via Twitter, Facebook, Skype, Jabber und anderer Tools und so weiter unterhalten und abgestimmt.
Das Buch ist in einem nicht frei zugänglichen Arbeitswiki entstanden, ist im Wiki lektoriert, von Habiba ausgebessert und von Dietmar dann von dort in jenes schlussendlich sehr große Dokument gesetzt worden, das irgendwann der Druckerei übermittelt wurde.

Teilweise vorher, teilweise parallel dazu haben wir die Beiträge aus dem Arbeitswiki auf unsere Website gesetzt, die wir als Blog-Plattform aufgebaut haben. Dort sind die Buchbeiträge für alle frei zugänglich und kommentierbar. Einige Kommentare haben wir gezielt eingeholt, ein paar haben sich ergeben. Wir haben dazu entweder den Link zum Beitrag auf sozialebewegungen.org an andere Aktivist_innen geschickt oder sie gleich in das Arbeitswiki eingeladen.

So ist ein Handbuch entstanden, das von der ganz pragmatischen Nutzung des Netzes, des Web 2.0 und der Social Media in der Praxis sozialer Bewegungen berichtet. Erzählt von Aktivist_innen aus sehr verschiedenen Zusammenhängen, erzählt ebenso von Digital Natives wie Digital Immigrants, erzählt fast ausnahmslos von Aktivist_innen, die sich ehrenamtlich, ungefragt und selbstverständlich aktiv engagieren.

Eine kurze Bedienungsanleitung

Eine “Bedienungsanleitung” für ein Buch ist selbstverständlich übertrieben. Aber wir wollen doch kurz auf einige Elemente dieses «Cross Media»-Projekts eingehen.

Auf der ersten Seite dieses Vorworts im Buch so wie auch hier in der Online Version oben, sind einige Begriffe in schwarzen Balken der Überschrift vorangestellt. Es handelt sich dabei um Kategorien, also eine grundlegende Beschlagwortung, die besonders online gut genutzt werden kann.

In den Absätzen bisher außerdem unübersehbar, das sind die gelb markierten Begriffe und Links. Im gedruckten Buch ist diesen gelb markierten Begriffen, die dort nicht als Hyperlinks funktionieren können, eine Raute und Seitenzahl beigestellt. Diese gelb markierten Wörter kennzeichnen Glossareinträge, die es zu diesen Begriffen gibt. Die Seitenzahl daneben verweist als analoge Verknüpfung (Link) auf die Stelle, wo der Glossar-Eintrag zu finden ist. Es sind zwanzig im ganzen Buch und sie stehen nicht als Anhang stiefmütterlich am Ende, sondern sind zwischen den fast 400 Seiten verteilt, wo sie uns gerade besonders angebracht erschienen sind.
Hier auf unserer Online-Plattform führen natürlich aktive Hyperlinks zu den Einträgen und die sind in einem eigenen Blog GLOSSAR zusammengefasst.

Zusätzlich zu den gelb markierten Begriffen gibt es im Text immer wieder auch solche, die so wie die Kategorien schwarz markiert sind. Diese Verknüpfungen verweisen, wenn du irgendwo im Text auf so etwas stößt, von der jeweiligen Stelle auch auf andere Buchbeiträge, also zum Beispiel verweisen wir hier auf den ersten Buchbeitrag zum Annalist Blog.
Gelb heißt also Glossar-Eintrag, schwarze Balken im Text heißen: da gibt es noch einen eigenen Beitrag dazu.

Vernetzung von Buch und Beiträgen online

Die weiteren Textpassagen, die unterstrichen sind, heißen ganz naheliegend, dass es hier einen Hyperlink zu einer Website gibt. Im Buchbeitrag bedeutet das freilich vorerst nur, dass dieser Link hier, also an dieser Stelle abrufbar wäre: online. Willst du das Buch lesend dem einen oder anderen Link folgen, musst du Verweise nicht aus den Endnoten zusammensuchen und lange Hyperlinks eintippen, sondern nur schlicht den Beitrag online aufrufen.

Im Buch enthält jeder Beitrag auch illustrierende Bilder, allerdings nur kleine Vorschaubilder immer in Dreierpacks, im Web meist «Thumbnails» genannt. Im Druckwerk sind schwarz-weiß. Manchmal verweist ein gelb-schwarzer Play-Button darauf, dass es sich um ein Video handelt.
Online sind diese Thumbnails, die Buchbeiträge bevölkern, erstens bunt und zweitens anklickbar.

Um von einem Buchbeitrag einfach und verlässlich zum Beitrag online zu kommen, gibt es am Beginn jedes Buchbeitrags einen QR-Code, und auf jeder zweiten Seite ist über dem Beitrag die Webadresse angegeben. (So steht im Buch über diesem Vorwort der Herausgeber die Webadresse visionen.sozialebewegungen.org/gegenoeffentlichkeit: die Url dieses Eintrags.)

Dieses Handbuch unterscheidet sich also ein wenig von üblichen Büchern. Elemente, die im Web und in den Social Media logisch sind, haben wir versucht in das Buch zu übersetzen; und dabei ihre Logik so weit als möglich beizubehalten, ohne krampfhaft Elemente in die gedruckten Seiten des Buchs zu kopieren. Statt der am Beginn eines Beitrags üblichen Namen von Autor_innen gibt es bei uns die Avatare, die diese Autor_innen im Web üblicherweise verwenden. Die für Bücher klassische Form des Verzeichnisses aller Autor_innen ist deswegen nicht abgeschafft, sondern auch bei uns vorhanden.

Das dialogische Element der Social Media

Besonders freuen wir uns über die Kommentare, die in diesem Buch abgedruckt sind, nämlich so, wie sie online stehen und zum großen Teil auch online eingegangen sind. Es ist zu hoffen, dass sie das dialogische Element, das im Web, seit dem Web 2.0 und vor allen in den Social Media so wichtig ist, spürbar in das Buch zu transponieren helfen.

Wir hoffen es vor allem auch deshalb, weil es verdammt viel Arbeit und Aufwand war, diese Kommentare einzuholen, den angefragten Personen zu vermitteln, wovon wir eigentlich reden, «Wie bitte? Einen Kommentar für eine Buchbeitrag online schreiben, der im üblichen Social Media-Plauderton gehalten sein soll und dann in einem Buch abgedruckt wird?», Profilbilder auch noch der kommentierenden Personen einzuholen, die Natalia schließlich alle in das Buchlayout bringen musste; Pixel- und Vektorgrafik inklusive.
(Lasst euch dieses Making Of-Video von Natalia nicht entgehen, Avatarproduktion im großen Stil!)

So hat dieses Buch also Kommentare zu und unter den meisten Beiträgen. Online sind es jetzt bereits mehr und es können noch einige mehr werden. Wir freuen uns über Anmerkungen, Feedback, Ergänzungen und Kritik.

Wir freuen uns über Dialog jenseits von Mainstream und Nische, ganz im Sinne der großen weltweiten Diskursplattform “World Wide Web”.

draw a distinction and create a universe

Jetzt noch eine Standortbestimmung. Wir haben eine Unterscheidung getroffen, nicht übermäßig kalkuliert, aber doch klar und bewusst: Dieses Buch möchte ein praktisches Handbuch für jene sein, die sich als Aktivist_innen engagieren.

Ja, es geht auch um Web 2.0 und Social Media, aber ganz eindeutig nicht darum, «Wie sie Web 2.0 und Social Media für ihre Marke nutzen» (respektive für ihr Unternehmen, mehr Kunden und mehr Verkäufe, ein besseres Markenimage etc.). Diese Ratgeber und Ratgeberinnen gibt es wie Freundschaftsanfragen auf Facebook. Sorry, dass das dazugesagt werden muss, aber im Vorfeld und während der Produktion sind wir laufend auf dieses Missverständnis gestoßen.

Die Entscheidung für ein Handbuch von Aktivist_innen für Aktivist_innen bedeutet aber auch, und das kommt vielleicht überraschender, dass dieses Buch weniger auf Nichtregierungsorganisationen (NGO) und die Zivilgesellschaft abzielt als vielleicht ursprünglich gedacht. Zumindest geht es weniger um das O in NGO, weniger um die etablierte Organisation und auch weniger um die etablierte Zivilgesellschaft.

Im Zuge der Arbeit am Buch hat sich wieder einmal bestätigt, dass es erhebliche Unterschiede in dem gibt, was wir alles unter Zivilgesellschaft verstehen können. Dieser Unterschied hat mit den Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement und politische Arbeit zu tun. In einem zivilgesellschaftlichen Bereich, der oft das Feld der Non-Profit-Organisationen (NPO) genannt wird, gibt es eine Ausstattung und Handlungsspielräume, die ein anderer Bereich der Zivilgesellschaft kaum im Ansatz kennt.

The Haves and the Have-Nots

Es herrschen unterschiedliche Strukturlogiken, die dort stabile Organisationsformen mit gut ausgebildeten bezahlten Funktionär_innen ermöglichen, die sich um Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit Richtung Spender_innen bemühen, und die vom sogenannten Establishment unterstützt werden, weil die Aktivitäten dieser zivilgesellschaftlichen Organisationen jedenfalls auf breite Unterstützung zählen können.

Auf der anderen Seite gibt es ausgesetzte Bereiche des Engagements, die immer unter prekären Bedingungen agieren müssen, und nicht von der Breite der Gesellschaft goutiert werden. Das ist keine Wertung der Arbeit in diesen beiden strukturell so unterschiedlichen Bereichen, sondern eine Beobachtung, die von allen Beteiligten bestätigt werden kann. Sehr plakativ könnten wir die eine Welt die «bürgerliche Zivilgesellschaft» nennen, die andere «systemkritischer Aktivismus».

Unser Buch bezieht nun nicht Stellung für das eine und gegen das andere. Es bietet – hoffentlich – für alle etwas, es gibt Beiträge zu Online-Kampagnen, wie sie nur von Organisationen mit einem professionellen Stab angegangen werden können, und zur Frage, wie sich Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen produktiv zusammenbringen lassen. Das Hauptaugenmerk liegt aber klar bei den ehrenamtlichen Aktivist_innen und weniger bei den hauptamtlichen Funktionär_innen, mehr beim Engagement, das sich unter prekären Bedingungen selbst organisieren muss, als bei den Organisationsaufgaben etablierter Vereine. Das sollte sogar dort sichtbar werden, wo von alten und etablierten Apparaten wie der Kirche, Parteien und Gewerkschaften berichtet wird. Dort geht es um selbstorganisierte, systemkritische Auseinandersetzungen innerhalb dieser Apparate.

Gegenöffentlichkeit und das “2.0″-Moment

«Soziale Bewegungen und Social Media» sind heute populäre Begriffe, sie passen zum Zeitgeist. Wir waren so klug, unserem Buch diese Begriffe in den Titel zu legen. Schließlich reden wir heute auch in diesen Begriffen von dem, was wir tun. Daher soll nur hier im Vorwort einmal explizit erwähnt werden, dass wir genauso gut in anderen Begriffen über diese Ausrichtung des Handbuchs sprechen könnten. Zu anderen Zeiten wurde mit anderen Termini über die im Kern selben Auseinandersetzungen diskutiert.

Daher: Das worum es in diesem Buch immer wieder geht, das könnte da oder dort auch unter die Schlagwörter Gegenöffentlichkeit, politische Arbeit, autonome Sozial- und Kulturprojekte, außerparlamentarische Opposition oder Medienaktivismus subsummiert werden, wären es die Schlagwörter, die der gegenwärtige Zeitgeist favorisieren würde. Die positive und negative Konnotation solcher Schlagwörter kommt und geht. «Web 2.0» ist als Begriff schon dabei zu gehen und wird langsam aber doch negativer konnotiert, wo er vor nicht allzu langer Zeit fast nur positiv verwendet wurde.

Die Begriffe sollten uns nicht im Weg stehen, der Kern der Auseinandersetzungen, das gesellschaftspolitische Engagement, bleibt im Zentrum. Dieses Engagement muss sich laufend neu organisieren, neu formieren, neu ausrichten, von Vereinnahmungen abgrenzen und für Mitarbeit offen sein. Dabei stoßen wir quer durch die Jahrzehnte regelmäßig auf ähnliche Herausforderungen, entwickeln sich vergleichbare Dynamiken und stellen sich die gleichen Fragen. Was sich ändert, das ist die jeweilige Umgebung für gesellschaftspolitisches Engagement. Ein Teil dieser Umgebung wird heute durch das Web bestimmt, ebenso wie durch die Realität der digitalen Geräte und der digitalen Überwachung.

erklärung des kollektivs Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten Plenum im besetzten Audimax Facebook-Fanpage «We are all Khaled Said»

SELBSTBESTIMMTE KOMMUNIKATIONSRÄUME – GEGENÖFFENTLICHKEIT
➊ Sprache und Organisationskonzept von 1973: das «Kollektiv Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten» will «keinen linken Journalismus aufbauen! Laßt die Betroffenen sprechen!! Gebt den Aktivisten das Wort, nicht den Journalisten». Dazu können Nachrichten an Büros in größeren Städten geschickt werden. Die per Brief eingehenden, per Schreibmaschine geschriebenen Nachrichten werden zu Bulletins zusammengefasst, diese Bulletins werden vervielfältigt und liegen dann in den Büros, linken Buchhandlungen und Kaffeehäusern auf.
➋ Ob die Agora der griechischen Polis, das Kaffehaus der Dissidenten, die riesige Wandzeitung am besetzten Tian’anmen, hier das Audimax während eines #unibrennt-Plenums, das Vereinslokal oder die Demo, der #yeswecamp besetzte Platz in Madrid oder Athen, es braucht die Räume – physisch und virtuell – in denen sich Kommunikation verdichten kann und eigene autonome Öffentlichkeiten gebildet werden. (Bild ©Daniel Weber)
➌ Es geht nicht darum, elegante und in ihren Rahmenbedingungen “perfekte” Räume für Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Es geht darum, das zu nutzen was da ist. Jeder Raum kann unter bestimmten Bedingungen subversiv kritisch und gewitzt verwendet, jede Struktur kann – für eine gewisse Zeit lang – umgebaut werden. Auch Facebook, hier mit einem Screenshot der berühmten «We are all Khaled Said» Seite, die im Arabischen Frühling eine gewichtige Rolle gespielt hat.

Das Eingangszitat zu diesem Vorwort von Naomi Klein anno 2003 gibt in seiner Verkürzung für viele wahrscheinlich einen zu vereinfachenden Eindruck wieder. Klar, wir wollen die Mühen der Ebene nicht vergessen, und doppelt klar, gesellschaftspolitisches Engagement ist anstrengend und Kräfte zehrend. Das haben wir bei der Arbeit an diesem Buch gut in Erinnerung gerufen bekommen, ohne es jemals vergessen zu haben. Das Buch hätte mindestens ein halbes Jahr früher herauskommen sollen. (Siehe dazu das Archiv des Projektblogs.) Aber es baut nun einmal fast ausschließlich auf dem Engagement schon sehr engagierter Aktivist_innen auf. Sie haben in der Regel neben Brotberuf und ihrem politischen Engagement die Zeit und die Ressourcen finden müssen, dieses wahnwitzige Projekt zu unterstützen.

Ihnen gebührt dementsprechend auch dreifacher Dank. Erstens Dank für ihren Aktivismus für Bürgerrechte, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, freie Information, Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre, für Chancengleichheit und Bildung für alle, Toleranz und Respekt, für eine bessere Welt. Dank zweitens für ihre Beiträge zu diesem Buch und der Website. Und Dank schließlich dafür, dass sie neben ihren Vielfachbelastungen diese Beiträge verfasst haben und sich noch dazu mit den Herausgebern, ihren etwas mühsamen Ideen und Ansprüchen auseinandergesetzt haben. Ohne diese Bereitschaft gäbe es nicht nur die Beiträge nicht, sondern keine Avatarbilder statt Namen der Autor_innen, keine durchgängigen Elemente und projektinternen Links, keine Kommentare und kein rundes Handbuch mit einem hoffentlich durchgängigen Leseerlebnis.

Besonderer Dank gilt einigen Menschen im Hintergrund, ohne die gar nichts gegangen wäre, und vor ihnen verbeugen wir uns hier tief und abschließend. Werner Drizhal und Gerhard Bröthaler haben das Projekt überhaupt erst ermöglicht und dem Projekt mehr als ein Jahr lang durch alle Phasen und Wirrnisse die Stange gehalten. Natalia, Habiba und Dietmar haben einen mehr als nur erheblichen Anteil daran, dass dieses Buch in der Qualität gedruckt wurde. Clara Landler und Eva Schörkhuber ist es zu verdanken, dass einige Beiträge doch noch Eingang in dieses Buch gefunden haben, die zu verschiedenen Zeitpunkten bereits abgeschrieben waren.

October 09 2011

Online-Demonstrationen

Best-Practices für die Mobilisierungsarbeit im Netz

«Komm rüber Bruder, reih dich ein. Komm rüber Schwester, du bist nicht allein. Komm rüber Mutter, wir sind auf deiner Seite. Komm rüber Alter, wir wolln das Gleiche.».
Ton Steine Scherben

Ob Kundgebungen in der Einkaufsstraße oder im Netz stattfinden, ob Unterschriften am Hauptplatz gesammelt oder per Online-Petition eingeholt werden, es geht darum, ein Anliegen voranzutreiben. Mit Demonstrationen wollen wir einem Thema zu mehr Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung verhelfen. Wir wollen als Unterstützer_innen einer Sache sichtbar werden, um auch andere für dieses Anliegen zu gewinnen. Wir signalisieren etwas, stehen mit unserer Präsenz und mit unseren Unterschriften unter Petitionen für unsere Anliegen ein. Ob auf der Straße oder im Netz, wir machen Eindruck, wenn wir als “viele” wahrgenommen werden und verhelfen unseren Anliegen zu Relevanz, wenn sowohl Anliegen als auch Unterstützung allgegenwärtig zu sein scheinen und sich in immer weiterer Unterstützung neu gewonnener Sympathisant_innen zeigen.

Ziel dieses Beitrags ist es, einen groben Leitfaden zu liefern, was bei der Planung und Durchführung von Online-Demonstrationen zu beachten ist. Angereichert wird dieser Leitfaden durch praktische Erfahrungen, die bei der Durchführung der «Online-Demo gegen den CERN-Ausstieg Österreichs» und der Online-Demonstration im Rahmen der #unibrennt-Bewegung gewonnen wurden.

Abgrenzung vom “Click-Aktivismus”

Es bedeutet relativ wenig Aufwand im Vergleich zu anderen Formen des Aktivismus, eine Unterschrift zu leisten oder das eigene Avatar-Bild auf einer Social Network Plattform zu ändern. Damit diese Formen des Engagements mit geringer Intensität nicht zu sinnentleertem “Click-Aktivismus” verkommen, sollte doch etwas mehr an Aufwand und Überlegung von der Seite investiert werden, die zum Engagement einlädt. Es macht durchaus Sinn, es Unterstützer_innen sehr einfach zu machen, sich niedrigschwellig zu beteiligen. Das Kriterium ist aber immer noch, dass diese Beteiligungsformen niedriger Intensität tatsächlich Effekte erzielen. Die einfache Partizipation sollte optimal genutzt werden, entweder als (1) schrittweiser Einstieg zu mehr Engagement, (2) zur explorativen Messung von Interesse und Unterstützungspotenzial, (3) zur Sammlung von Kontakten und E-Mail-Adressen, (4) zum Suchmaschinen-relevanten Pushen einer Kampagnenseite oder (5) zur (Selbst-)Organisation einer eindrücklichen und nachhaltigen Bildwirkung. Möglich sind natürlich alle diese Ziele, aber schon um nur eines anzugehen, sollte ein Mindestmaß an Planung, laufender Betreuung und Aufarbeitung investiert werden.

Das erste Element, an das zu denken und das vorzubereiten ist, ist die sogenannte Landing Page. Diese Landing Page sollte übersichtlich und eindeutig sein, auf einen Blick das Anliegen sichtbar machen und transportieren, wie mensch sich nun engagieren und einbringen kann. Die Komplexität der Landing Page richtet sich danach, welche Aktion, welche Beteiligung von den Besucher_innen der Seite gewünscht wird: das Unterschreiben einer Petition, das Verbreiten eines Mobilisierungsvideos, das Ändern des Profilbildes oder die Beteiligung bei einer Online-Demo, die das Betreiben einer Website voraussetzt. Die gewünschten Aktionen können sehr unterschiedlich sein, sich an verschiedene Gruppen von Aktivist_innen richten, und es können mehrere verschiedene Beteiligungsangebote für unterschiedliche Gruppen sein. All diese Informationen und Rahmenbedingungen müssen klar und klar abgegrenzt sofort erkennbar sein. Ablenkende Inhalte und Informationen sollten dementsprechend ausbleiben, die Landing Page funktioniert besser, wenn sie “kurz”, übersichtlich und reduziert ist. Verschiedene Beteiligungsoptionen sind also aufzuführen und müssen mit einem Klick erreichbar sein, liegen aber eine Seite weiter. Dafür sollte die Landing Page auch mit nur einem Klick zu motivierenden Übersichten und Darstellungen führen, wie viele Aktivist_innen schon unterschrieben, etwas geteilt, in ihren Blogs etwas geschrieben oder ihre Websites mit Bannern oder “Eselsohren” ausgestattet haben. Last but not least sollte die Landing Page gut in einen einmal aufgebauten Webauftritt integriert sein, ebenso optisch in ein allfälliges Kampagnendesign integriert sein und gut vernetzt mit weiterführenden Informationen und befreundeten Organisationen. Es muss leicht sein, diese Landing Page auf Facebook & Co zu “sharen”. Und dort, wo der dank “sharing” eingebettete Link zu unserer Landing Page in einem sozialen Netzwerk sichtbar wird, muss auf einen Blick erkennbar sein, worum es geht, warum dieser Link verbreitet wurde, und weshalb wir ihn jetzt auch anklicken sollten.

Banner-Solidarität und BlogParaden

Sind die Landing Page und die Handlungsoptionen einmal eingerichtet, sollte nun der Link zu dieser Seite mit Aktionsmöglichkeiten von möglichst vielen Internet-Nutzer_innen aufgerufen und verbreitet werden. Der Link kann per E-Mail-Verteiler und Newsletter kursieren, via Facebook und Twitter empfohlen oder in Postings unter Artikel von Online-Medien angepriesen werden. Diese Vertriebswege müssen angeregt und unterstützt werden, laufen in weiterer Folge aber selbstorganisiert und außerhalb unserer weiteren direkten Einflussmöglichkeiten. Wer den Link zur Landing Page beziehungsweise Kampagnenseite wo überall weiterleitet, das ist nur eingeschränkt nachverfolg- und sichtbar. Das sieht ganz anders aus, wenn auf Blogs und Webauftritten anderer Artikel, Werbebanner oder Eselsohren auf die Aktion, Beteiligungsmöglichkeiten und Landing Page hinweisen.

Banner zu Kampagnen, Protestbewegungen, Demos, PetitionenBanner und Eselsohr bei Daten-Speicherung.deunsereuni.at pagepeel und teilnehmende websites und blogs

BANNER UND ESELSOHREN FÜHREN ZU …
➊ Mit Bannern allein ist das so eine Sache. Sie sollten schön, klar und sympathisch sein, um überhaupt aufzufallen und konkurrieren dabei mit vielen anderen Bannern. Dann wollen sie auch noch angeklickt werden. Und letztlich sollten sie nicht zu viel versprochen haben: die Landing Page muss der Spannung des Banners gerecht werden.
➋ Banner und Eselsohren können animiert sein, so wie hier auf daten-speicherung.de. Weniger ist dabei mehr. Wichtig ist die klare Aussage, eindrücklich und bestimmt. Banner und Eselsohr müssen dazu auffordern, angeklickt zu werden.
➌ An der Online-Demo mit dem #unibrennt-Eselsohr nehmen deutlich über dreihundert Websites teil. Das Eselsohr mit dem Bild des besetzten Audimax wird in den beiden Monaten der Besetzung weit über vier Millionen Mal eingeblendet.

Banner sind vergleichbar mit Aufklebern und Flyern, die in der Real-World auf Aktionen oder Demonstrationen hinweisen und zur Partizipation einladen. In der gleichen Weise wie Aufkleber in der ganzen Stadt sichtbar an neuralgischen Punkten angebracht sein sollten und Flyer überall dort im öffentlichen Raum verteilt werden, wo sich viele Menschen in hoher Frequenz bewegen, so wäre es natürlich ein Ziel, mit dem Banner für die eigene Kampagne gut sichtbar an Verkehrsknotenpunkten im Netz vertreten zu sein. Wenn Banner bezahlt, Bannerwerbung also gekauft werden kann, wäre es ein einfaches, Banner mit Links zur Landing Page auf vielen Websites mit hoher Frequenz unterzubringen. In unserem Feld sozialer Bewegungen wird diese Option kaum gegeben sein. Umgekehrt ist unser Engagement wahrscheinlich glaubwürdiger und eine Stärke der Zivilgesellschaft der ehrenamtliche Einsatz. Um andere Blogger_innen und Betreiber_innen von Websites zum Einbau eines Banners zu bewegen, ist die Konzentration auf drei Aspekte hilfreich. Erstens sollte die Landing Page, die auf ihr angeregten Handlungsoptionen und der Banner gut vorbereitet sein. Zweitens sollten wir einen guten Überblick haben, welche Blogger_innen, Initiativen und Organisationen im Netz unser Anliegen unterstützenswert finden könnten. Mit regelmäßigem Monitoring und einem hohen Vernetzungsgrad ist das kein Problem, im anderen Fall wäre jetzt erst mit der Arbeit einen Vernetzung, Neulich am Kanal, “Be the Social Media” vernetzten Kanal aufzubauen zu beginnen. Drittens muss der Einbau des Banners inklusive Link einfach und auf allen Arten von Websites möglich sein. Simple Grafikdateien genügen vollkommen, es muss kein aufwendiger Banner mit interaktiven Elementen sein, den viele potenzielle Unterstützer_innen dann nicht in ihre Blogs einbauen können. Wichtiger sind verschiedene optimierte Formate und Größen sowie eine Einbauhilfe auch für den simpelsten Banner.

Ein weiterer schöner und sinnvoller Weg, Leute zum Aufrufen einer Kampagnenseite und zur Partizipation zu mobilisieren, ist die «Blogparade», früher auch als «Blogkarneval» bekannt. Das Ziel der Blogparade sind mehrere Artikel in verschiedenen Blogs, die sich alle dem gleichen Thema widmen und auf das gleiche Anliegen verweisen. So erhöht sich nicht nur die Präsenz des Anliegens, es sammeln sich auch die Links von verschiedenen Sites im Netz, auf die Landing Page verweisen. Die Blogparade bedarf freilich eines ersten Aufrufs. Jemand wirft ein «Blogstöckchen» und ruft andere Blogger_innen zur Beteiligung auf. Diese verwenden ihr Blog, um in eigenen Worten auf die Kampagne, Aktion, Kundgebung, Problematik hinzuweisen, und um ihre Leser_innenschaft auf Beteiligungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Wie bei einem Pyramidenspiel sollte jeder neue Blogeintrag auch den konkreten Aufruf an befreundete Blogger_innen enthalten, sich ebenfalls mit einem Blogeintrag zum gemeinsamen Anliegen zu beteiligen und seiner- oder ihrerseits weitere Personen anzuschreiben. Im Feld des Netzaktivismus oder wenn es sich um bewegende Ereignisse wie Stuttgart 21 oder die #unibrennt-Bewegung handelt, reicht ein Anstoss, damit viele Blogeinträge zum Thema mit Links zur Landing Page entstehen. In den meisten Fällen wird jedoch etwas Kommunikation im Hintergrund zielführend sein, um andere auf eine Kampagne hinzuweisen, zu instruieren, und um Hilfe in Form von Blogbeiträgen und Einbau eines Banners zu bitten.

Die Online-Demo der vielen Eselsohren

In der deutschsprachigen Wikipedia wird der Begriff «Online-Demonstration» wie folgt definiert: «Eine Online-Demonstration oder ein virtuelles Sit-In ist eine politische Aktionsform des Internet-Zeitalters. Durch wiederholtes Aufrufen einer bestimmten Homepage von zahlreichen Computern aus und innerhalb einer festgelegten Zeitspanne wird eine Blockade des Servers beabsichtigt, über den die betreffende Homepage erreichbar ist. Bei einem technischen Erfolg ist die entsprechende Webseite unerreichbar oder nur stark verlangsamt abrufbar.» Um dieses Verständnis der Online-Demo geht es hier nicht. Ich definiere “Online-Demo” hier als: eine politische Aktionsform des Internet-Zeitalters, bei dem Website-Betreiber_innen ihre Unterstützung für ein Anliegen durch das Einblenden von Bild-, Audio- oder Videoelementen auf der eigenen Website in Form eines sogenannten Pagepeels (“Eselsohr”) anzeigen. Das Eselsohr als Werbeform taucht 2006 erstmals im Internet auf. Bereits 2007 wird es im deutschsprachigen Netz weit verbreitet, als die Online-Demo des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung anläuft, an der sich bis Ende 2007 bereits siebenhundert Websites beteiligen. Durch die zentrale Platzierung der Eselsohren kann eine hohe Aufmerksamkeit für das Thema generiert werden. Eindrucksvoll sind Banner und das Eselsohr schließlich, wenn sie an mehreren Stellen – also Websites – im Netz zentral platziert sind und nicht in Bannerwäldern untergehen.

Schon vergleichsweise kleinere Online-Demos können einige Aufmerksamkeit generieren und Aktionen bündeln. Die Online-Demo gegen den beabsichtigten CERN-Austritt Österreichs 2009 war eine Aktion von Blogger_innen und anderen Website-Betreiber_innen, bei der ein Klick auf das Eselsohr zur Landing Page der Initiative «Save Our Science» führte, wo eine Online-Petition unterzeichnet werden konnte. Die Dauer dieser aus dem Boden gestampften Online-Demo betrug eine knappe Woche. Die Bewerbung fand auf Websites der Science-Community und hauptsächlich durch Postings unter Newsbeiträge der etablierten Massenmedien statt. Es gab eine eigene Facebook-Seite gegen den Ausstieg Österreichs aus Cern und ebenso eine große Leserbrief- und E-Mail-Kampagne. Innerhalb einer Woche wurde die Entscheidung über den Ausstieg Österreichs aus CERN revidiert. Welchen Anteil die Online-Demonstration an diesem Ergebnis hatte, läßt sich schwer messen. Die Verwendung von Shortlinks (der Dienst bit.ly wurde eingesetzt) ermöglichte die Aufzeichnung und Nachverfolgung der Anzahl der Klicks von den 53 teilnehmenden Webseiten. In den Tagen zwischen dem 12.5.2009 und 18.5.2009 kam es zu rund 10.000 Einblendungen des Pagepeels.

Die Online-Demo für unsereuni.at

Im Rahmen der #unibrennt-Bewegung wird die beschriebene Methode ab dem 27.10.2009, also bereits am fünften Tag der Bewegung eingerichtet. Blogger_innen und Website-Betreiber_innen können durch das Installieren des Pagepeels auf ihren Websites Solidarität mit den Besetzer_innen des Audimax üben und die wenige Tage zuvor neu ans Netz gegangene Plattform unsereuni.at dadurch unterstützen. Durch einen Mouseover-Effekt wird das Eselsohr in der rechten oberen Ecke vergrößert und mit einem Klick gelangt mensch zur Website der #unibrennt-Bewegung. Ein Großteil der Bewerbung der Online-Demo erfolgt durch Social Media-Plattformen. Twitter und Facebook spielen hierbei eine zentrale Rolle. Durch die viralen Elemente dieser Kommunikationsformen (einfaches retweeten, «gefällt mir»-Buttons) kann schnell eine weite Verbreitung erreicht werden. Damit die Online-Demo starten kann, werden die notwendigen Infos und Codebeispiele auf einer eigens eingerichteten Seite im Wiki von unsereuni.at online gestellt. Mit Hilfe eines grafisch geschulten Aktivisten wird ein ausdruckstarkes Foto als Grafik für das Eselsohr eingebaut. Die online gestellte Einbauanleitung wird weitgehend von der letzten Online-Demo gegen «Metternich 2.0» übernommen. Alle Vorbereitungsmaßnahmen sind innerhalb eines Abends abgeschlossen und die Bekanntmachung läuft an. Mit jeder Website, jedem Blog, auf dem das unsereuni-Eselsohr eingebunden wird, steigt die Wahrnehmung auch der Online-Demo. Im Wiki von unsereuni.at beziehungsweise unibrennt.at werden alle teilnehmenden Websites aufgeführt, um die Dynamik und Sichtbarkeit der Online-Demo noch weiter zu verstärken. Bald sind es über 300 vorwiegend Blogs, auf denen die Besucher_innen bei jedem Aufruf die Grafik rechts oben im Eck sehen, die der unibrennt-Bewegung gewidmet ist. Im Zeitraum von eineinhalb Monaten wird dieses Eselsohr über diesen Weg dreieinhalb Millionen Mal eingeblendet. Jeder Klick auf dieses Eselsohr führt zur Website der Bewegung, die binnen kürzester Zeit zu einer großen im Netz wird und ein extrem hohes Ranking bei Google erreicht. Die Meinungsmaschine Google wird wohl Wind bekommen haben von den Protesten in Österreich.

Die Teilnahme an einer Online-Demo mit Pagepeels sollte durch Einbauanleitungen für verschiedene Content-Management-Systeme (CMS) erleichtert werden, um es auch technisch unversierteren Personen so einfach wie möglich zu machen, an der Online-Demo teilzunehmen. Empfehlenswert ist die Aufbereitung von Code-Schnipseln, die nur noch durch Copy & Paste in die jeweils eigene Website integriert werden müssen. Ein eigens für WordPress erstelltes Plugin unterstützt die Installation des Pagepeels für Nutzer_innen dieses populärsten CMS. Die Interaktion ist nun mit wenigen Klicks ganz ohne Änderungen im HTML-Code möglich. Eine weitere Unterstützung einer Online-Demo erreichen wir durch die Visualisierung der teilnehmenden Websites. Diese können mit Screenshots erfasst und zusammengefasst werden, um ein aussagekräftigeres Bild der Unterstützer_innen zu liefern. Im Gegensatz zu einer Aufzählung in Listenform zeigt dieses Gesamtbild aus vielen verkleinerten Screenshots auf den ersten Blick die Fülle der Teilnehmer_innen an und stellt eine wichtige Werbemaßnahme dar. Die Thumbnails können automatisiert mit Hilfe von Services wie zum Beispiel bitpixels.com erstellt werden. Für das Monitoring und eine statistische Auswertung des Klicks auf Eselsohren, kann der dort aufgerufene Link mit einem URL-Shortener voreingerichtet werden. So lassen sich die Klicks über Eselsohren auf die Landing Page einfach messen.

Social Networks-Demos

Als im Iran im Juni 2009 im Gefolge der umstrittenen Präsidentschaftswahl in mehreren Städten protestiert wird und Unruhen ausbrechen, zeigen viele Menschen weltweit ihre Solidarität mit den Protestierenden, indem sie Profilbilder auf Twitter und in Facebook grün einfärben oder mit “Twibbons” versehen. Bei dieser Form der Solidaritätsbekundung verwendet mensch in den sozialen Netzwerken online den eigenen Avatar, um “Farbe zu zeigen”. Der Dienst twibbon.com erleichtert diese Solidaritätsgesten auf Twitter und Facebook. Zum einen kann sehr schnell ein Twibbon für eine Demo oder eine Kampagne vorbereitet werden, indem einfach ein kleines grafisches Element hochgeladen wird. Zum anderen können Nutzer_innen dieses grafische Element mit wenigen Klicks und ohne Fachwissen über ihre Profilbilder legen. Die grafischen Elemente sind in Anspielung auf an Kleidung getragenen Symbolen zum Beispiel virtuelle Schleifen oder Buttons. Online-Demos von Avataren bringen allerdings keine Klicks auf Landing Pages, können dafür ein eindrückliches Beispiel von Präsenz geben und Neugier in Zielgruppen schaffen, die weniger eingebunden in zivilgesellschaftliches Engagement sind. Der temporäre Austausch des eigenen Avatars mit dem Symbol einer gerade laufenden Kampagne ist daher eine der niedrigschwelligen Handlungsoptionen für Unterstützer_innen, die möglicherweise auf einer Landing Page angeregt werden.

Immer öfter werden zudem Landing Pages auf Plattformen wie Facebook eingerichtet. Die Einladen-Funktion von Seiten erleichert es, andere Nutzer_innen auf Aktionen, Kampagnen oder Demos aufmerksam zu machen. Facebook bietet für solche Anwendungen zudem eigene Funktionen, wie etwa die “Causes”-Seiten zur Unterstützung von Fund Raising. Die Sinnhaftigkeit dieses Zugangs ist jedoch zweifelhaft. Auf Facebook ringen zu viele Anliegen, virale Videos und Nachrichten um Aufmerksamkeit. Ein «gefällt mir» ist zu schnell und noch vor der Wahrnehmungsschwelle angeklickt. Was bleibt ist der sogenannte «Slacktivism», der den Aufwand nicht lohnt. Allerdings kann es durchaus geschickt angestellt werden, eine Landing Page auch im Facebook zu betreuen. Dann sollte diese Seite als eine Art Expositur zur Sammelstelle und als Diskussionsraum genutzt werden, der Unterstützer_innen im Facebook abholt, um sie zu den vorbereiteten Aktionen und Beteiligungsmöglichkeiten wie etwa Petitionen zu bringen.

Die viral selbstorganisierte #fuckyouwashington Online-DemoAvatarDemo AbschiebungsstoppPetitionen-Seite des Deutschen Bundestages

SOLIDARITÄT UND UNTERSTÜTZUNG ONLINE AUSDRÜCKEN
➊ DiePresse.com berichtet, dass sich «unabsichtlich eine weitreichende Online-Demo organisiert». Gemeint ist damit freilich das virale Phänomen des Hypes, hier im Fall des «#fuckyouwashington» Hashtags auf Twitter.
➋ Auf Twitter, und mittlerweile auch auf Facebook und anderen Plattformen mit Benutzer_innen-Avataren, gibt es Kundgebungen, die darauf bauen, dass viele Nutzer_innen ihre Avatare symbolisch solidarisch in den Dienst einer Sache stellen.
➌ Seit Herbst 2008 ist es in Deutschland möglich, online auf der Petitionen-Seite des Deutschen Bundestages sowohl Petitionen einzubringen, zu unterzeichnen und zu diskutieren, als auch den Prozess der parlamentarischen Prüfung mitzuverfolgen.

Unterschriften und Unterstützungserklärungen

Wir sind durch das Internet viel leichter zu erreichen und können andere leichter kontaktieren. Das wirkt sich auch bei Unterschriftenlisten und Petitionen aus, zu denen wir immer häufiger eingeladen werden. Online sind Unterschriftenlisten noch dazu sehr einfach anzustossen, ohne dass schon geklärt sein muss, was mit den Unterschriften weiters gemacht werden soll. Nicht jede Unterschrift wird unter eine Petition gesetzt, und selten hat eine Petition die Tragweite eines Antrags auf ein Volksbegehren. Unterschriften können auch Aufrufe, Protestnoten oder offene Briefe untermauern. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit der Online-Petition immerhin eine Möglichkeit für Bürger_innen geschaffen, mit öffentlichen Petitionen ab 50.000 Unterstützer_innen den Bundestag zu befassen. Von der schnell und spontan initiierten Unterschriftensammlung bis hin zur öffentlichen Petition an den deutschen Bundestag gilt, die weitere Verwendung der gesammelten Unterschriften und manchmal auch die Einbettung des Sammelns und Unterschreibens in die Strategie der Kampagne bestimmen eigentlich den Erfolg.

Es gibt viele Optionen für das Unterschreiben, aber noch mehr ungenützte Unterschriftenlisten. Der Aufruf zur Unterzeichnung eines Anliegens kann die Aufklärung über Sachverhalte unterstützen, wenn Aussendungen und Landing Pages gut zusammengestellt sind. Der Aufruf zur Unterschrift kann der Vernetzung und dem Präsent-machen eines Anliegens gute Dienste bieten, wenn die Liste der Zeichner_innen gut einsehbar ist und jeder einzelne Akt des Unterschreibens über die diversen Sozialen Netzwerke sichtbar gemacht wird. Die Unterschriften können gut eingesetzt werden, wenn sie bei Übergaben auf Fotos gut in Szene gesetzt – wie das die Bürgerinitiative vom Augartenspitz geschafft hat – und in Aktionen eingebaut werden, über die die Presse berichtet.

Technisch ist das Einholen von Unterstützungserklärungen online mehr als simpel. Im Oktober 2007 richtet eine Person etwa aus dem Anlass heraus ein eigenes Blog nur zu dem Zweck ein, eine Solidaritätsliste zu beginnen. Die «gegenabschiebung. Unterschriftenliste» ist immer noch im Netz, besteht aus einem Blogartikel und 1.020 Kommentaren und gibt mit diesen oft ausformulierten Kommentaren Zeugnis über den Protest gegen das österreichische Fremdenrecht. Für das Organisieren von Petitionen online gibt es sowohl eigene Websites als auch Tools und Softwarelösungen. Auf petitiononline.de beziehungsweise petitiononline.at oder ipetitions.com können selbstorganisiert Unterschriftenlisten und Petitionen eingerichtet werden. Eigene Nichtregierungsorganisationen spezialisieren sich auf Organisation und Service von Petitionen als Form politischen Engagements, so wie MoveOn.org in den USA oder «Campact» in Deutschland. Für eigene Webauftritte gibt es Erweiterungen, die Abstimmungen und Unterschriftenlisten in die Website oder das Blog einbinden.

Zusammenfassung

Durch das “Sharen” von Content verbreiten sich Inhalte. Die Inhalte werden dann durch das Auftauchen an vielen Stellen in Summe präsenter und als dringlicher wahrgenommen. Manchmal genügt es nicht, dass die Inhalte sichtbarer werden, wir müssen als Personen, als Akteur_innen, als Aktivist_innen Präsenz zeigen. Wir müssen zeigen, dass uns etwas bewegt, uns gemeinsam zu bewegen. Einfach ist das im flüchtigen Netz nicht, aber mit manchen Online-Demos und Petitionen ist es schon gelungen, viele Menschen im Netz sichtbar zu Demonstrationen ihres Protests und ihrer Anliegen zusammenzubringen und zusammen als Kollektiv sichtbar zu machen, sodass wir in dieser Sache dann «eine_r von vielen» sind.

  • Denkt an die Landing Pages. Und denkt nicht nur an sie, bastelt sie mit Hilfe anderer eindrucksvoll und zielgerecht. Mit Hilfe anderer heißt unter anderem, holt euch viel Feedback von verschiedenen Personen.
  • Feedback muss sichtbar gemacht werden, das sollte schon auf der Landing Page anfangen, sich aber im ganzen Netz widerspiegeln.
  • Ob Banner oder Eselsohr: Die grafische Umsetzung sollte niedrigschwellig sein und gut im Symbolgehalt. Ein Bild einsetzen.
  • Mit Solidaritätsgesten kann gearbeitet werden, selbst wenn es nur Gesten sind. Versuchen wir auf den niedrigschwelligen Solidaritätsbekundungen aufzubauen und schrittweise mehr Partizipation zu erreichen.
  • Wo Partizipation gerne billig sein kann, das sind die technischen Hürden und die Ideen, um die sich potenzielle Unterstützer_innen nicht kümmern müssen. Wenn wir diese Hürden niedrig halten, gut vorbereitet sind und Hilfe anbieten können, dann erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit für Aktivitäten deutlich.
  • Verwendet keine großen, hochaufgelösten Grafikdateien für Banner und Eselsohren. Verzögert das Laden von Seiten und belastet, wenn das Bild bei euch liegt, unnötig eure Server.
  • Nicht auf die Postingforen der Online-Medien vergessen, dort müssen Anliegen angesprochen und Landing Pages verlinkt werden.
  • Unterschriftenlisten sollten Petitionen sein! In dem Sinne mindestens, als die “Eingabe” der gesammelten Unterschriften und nicht nur ein schlichtes Sammeln und Abgeben geplant sein sollte.
  • Klick-Aktivismus und Selbstbetrug mit ein paar billigen Gesten ist nichts wert. Wenn sich nicht mehr als das herausholen lässt, dann gleich bleiben lassen.

September 21 2011

Be the TV media

Mit spontanen Clips, Grassroots News und Live-Streaming Präsenz sichbar machen

«Wir dürfen den Werkzeugen nicht erlauben, im Sattel zu sitzen und uns zu reiten.»
Vilém Flusser


Der Vermittlungsweg Video dient in Zeiten der zeitnahen und medialen Kommunikation als wichtiges und am leichtesten konsumierbares Medium der Informationsvermittlung. Während die Produktion von professionellen “fernsehtauglichen” Berichten viel Know-how und Vorbereitung benötigt und sich auch die Nachbearbeitung arbeitsintensiv gestaltet, sind Videoclips relativ einfach, schnell und mit wenig Aufwand aus Mobiltelefonen oder der eigenen Digicam zu zaubern. Die notwendigen Schritte zur Verbreitung selbstgemachter Videos sind heutzutage so niedrigschwellig, dass wir alle von nahezu überall aus tätig werden können. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele von uns das bereits tun, verdanken wir der fortschreitenden Medialisierung unserer Welt und einer damit einhergehenden breiten Medienaffinität.

Be the tv media

Videoclips auf YouTube oder Vimeo sind der perfekte Content für unsere Social Media-Kultur, sie eignen sich gut zur Dokumentation von Ereignissen und zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft im Zuge von Kampagnen, für die Verbreitung und das Sharing in unseren sozialen Netzwerken. Sie sind billig, einfach und schnell produziert. Sie können direkt und unmittelbar, mehr oder weniger “amateurhaft” aufgenommen und hochgeladen werden, wodurch sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Ressourcenaufwand ist gering und in einer Gruppe von Aktivist_innen bietet sich eine allen gerecht werdende Aufgabenteilung an: jede_r kann sich in den Bereichen einbringen, die ihr/ihm am nächsten liegen und in dem Kontext findet sich jedenfalls auch jemand, der oder die das Filmen übernimmt.

Die Regie einer Aktion im öffetlichen Raum beschränkt sich nicht, wie Saskia, Sebastian und Julia in ihrem Beitrag zeigen, allein auf die Planung und Durchführung der Aktion selbst, sondern sollte auch – bei manchen Aktionen sogar vor allem – die Bild- und Video-Dokumentation umfassen. Zur Vorbereitung einer Aktion gehört also auch, das Positionieren der Kameras (so sichtbar oder so unsichtbar wie möglich), die Aufnahme und eventuell den Schnitt mitzubedenken. Das ins Web Hochladen, Platzieren und Einbetten der Videos auf Facebook und in unser Blogs, das sind alles Arbeitsschritte, die zur Gesamtaktion gehören. Bis hin zur Verbreitung der Videos in weiteren Kontexten gibt es viele Möglichkeiten, arbeitsteilig zusammenzuarbeiten und je nach Talent und Neigung an Aktionen zu partizipieren.

Die «Geld oder Leben» Aktion am deutschen Reichstag. Der Schriftzug «Dem deutschen Volke» wird mit einem gelb-schwarzen Transparent «Der deutschen Wirtschaft» überhängt.Geld oder Leben Videodokumentation. Ein Lehrvideo, wie mensch so etwas perfekt macht.Geld oder Leben Blog mit der Presseaussendung zu Aktion, dem Video und Fotos.

BEST PRACTICE DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT
➊ Über den Schriftzug «Dem deutschen Volke» am Portal des Reichstags in Berlin wird das Banner «Der deutschen Wirtschaft» gezogen. Die Aktion ist großartig und Aufsehen erregend, wobei die Aktion dieses Aufsehen im menschenleeren Regierungsviertel Berlins nur bei wenigen Personen live erregen kann.
➋ Von der Aktion «Geld oder Leben» ist ein Video erhalten, eine sehr gelungene Videodokumentation noch dazu, die bei mehrmaliger Ansicht auch die akribische Planung der gesamten Aktion offenbart.
➌ Nach der Aktion, dem Videoschnitt, dem Verfassen der Presseerklärung: der Weg ins Internet-Café, wo ein Blog und eine YouTube-Kanal angelegt werden. Pressetext, Video und Fotos auf das «Geld-oder-Leben» Blog und fertig.

Ein paar wenige Dinge gibt es zu berücksichtigen, um positiv wahrgenommen zu werden und um in diesem Sinne gute Videos zu machen: Das wichtigste ist die Authentizität der Aufnahme. Nur wenn die Botschaft aus voller Überzeugung kommt, ehrlich und ernst gemeint ist, kann sie einfach und glaubhaft in ein kurzes Video transformiert werden. Um Halb- oder Unwahrheiten medial aufzubereiten, ist einiges mehr an Aufwand und Know-how vonnöten. Es ist wichtig, in den richtigen und wichtigen Momenten aufzunehmen – und das will geplant und durchdacht sein. Späteres “Nachsprechen” und “Nachstellen” kann nie so stark und eindrücklich wie der richtige Moment sein. In den relevanten Momenten ist es wichtig, authentisch und “locker” zu bleiben, egal ob diese Momente hektisch oder von großer Bedeutung sind. Dies wird am besten durch das kleinere bis hin zum “privaten” Setup gewährleistet, das wuchtige Equipment behindert Filmer_innen wie Gefilmte.

Manchmal reicht schon das Smartphone aus, um direkt “am Spot” einen kurzen Beitrag aufzunehmen. Während Zuseher_innen in Bezug auf die Bildqualität erfahrungsgemäß relativ nachsichtig reagieren, ist die Tonqualität ungleich relevanter. Daher gilt, bei der Aufnahme deutlich, verständlich und klar artikulierend zu sprechen, «Wir schreiben heute den 7. November 2011. Ich stehe hier im Wendtland». Schließlich werden über die Sprache wichtige Inhalte vermittelt. Ein lautes Umfeld wie Demos oder ein Pfeifkonzert kann problematisch sein. Hier gilt, die Erfahrung macht die Meisterin und wer sein Equipment gut kennt und schon oft benutzt hat, weiß bereits während der Aufnahme, wie sie oder er zum besten Ergebnis kommt. Erfahrung sammeln zahlt sich also aus, Feedback einholen und das eine oder andere ausprobieren auch. Je nachdem, welchen Zweck ihr mit einem Video verfolgt, wird das Video anders aussehen, anders aufgebaut und mehr oder weniger aufwendig gestrickt sein. Es gibt schließlich unterschiedliche Verwendungszwecke und Einsatzgebiete für Videos.

Film ab: der Einsatz von Videos

Es gibt einige gute Gründe, warum wir filmen. Es gibt diverse Intentionen, was unsere Clips leisten sollen. Wir unterscheiden also verschiedene Arten von Videos:

Dokumentation: Videos von Veranstaltungen und Ereignissen dokumentieren diese Aktionen, Kundgebungen, Treffen, allfällige Konflikte. Durch ein kurzes Video von einem Demozug oder einer interessanten Diskussionsveranstaltung kann den Nichtanwesenden ein schneller und persönlicher Einblick ins Geschehen vermittelt werden. Ein Videoeinstieg kann heute schon in Minutenschnelle und sogar direkt von der noch laufenden Aktion oder Demo über aktuelle Ereignisse unterrichten. Der persönliche Einblick des direkt vom Mobiltelefon hochgeladenen Videos kann vielleicht zusätzliche Menschen mobilisieren, schnell noch zur Demonstration hinzuzukommen. Auf längere Sicht gesehen kann ein Video Eindrücke, die die Massenmedien transportieren, relativieren und eine anschauliche Gegenposition schaffen. Als es in der Zeit der #unibrennt-Besetzung zu einer angeblichen Bombendrohung und im Anschluss zu einer Räumung und Durchsuchung des Audimax kommt, versuchen wir bei der Polizei die Tonbandaufnahme der Bombendrohung anhören zu können. Die Dokumentation dieses letztendlich erfolgreichen Versuchs ist ein Lehrstück auf mehreren Ebenen. Allgemein dienen Videos der andauernden Dokumentation von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und leisten somit einen identitätsstiftenden und -bewahrenden Beitrag für die Gruppen, die in diesen Bereichen engagiert sind.

Deeskalation: Das dokumentierende Filmen kann auch als Beweis für den tatsächlichen Ablauf von Geschehnissen dienen, die später zur Diskussion stehen. Videos können im besten Fall Schutz vor aggressiven Provokateur_innen oder vor Behördenwillkür bieten. Das sichtbare, ruhige und gelassene Filmen bildet eine Hemmschwelle für solche Aggressionen. Behördenvertreter_innen sind, je nachdem welchen Gruppierungen sie gegenüber stehen, mal milder, mal weniger mild gestimmt. Vorfälle wie jene vom «Schwarzen Donnerstag» in Stuttgart bringen jedoch immer wieder in Erinnerung, dass selbst dort, wo polizeiliche Übergriffe unwahrscheinlich sind, doch alles möglich ist. Wir können in Wahrheit auch nicht sagen, wie es bei Kundgebungen und Demonstrationen um die Durchmischung mit Zivilpolizei steht. Und egal, wo ein Agent Provocateur letztlich herkommt, vor unseren Kameras wird er erstens mehr Zurückhaltung bewahren und zweitens sind unsere Aufnahmen immer noch die beste Chance, sie bloßzustellen.

Üblicherweise wissen politisch aktive Gruppen aus ihren bisherigen Erfahrungen einzuschätzen, ob und in welchem Ausmaß mit Übergriffen zu rechnen ist. Bekannt ist auch, dass trotz der “freien Beweiswürdigung” den Aussagen von Polizist_innen im Fall des Falles mehr Glaubwürdigkeit beigemessen wird als den Aussagen von Aktivist_innen. Kleine Kameras wirken hier Wunder. Handlich in der Mitnahme und simpel in der Bedienung dienen sie der Prävention. Wer wird schon gern gefilmt beim Übergriff. Und die Fälle von Polizeibrutalität wie bei der «Freiheit statt Angst»-Demo in Berlin 2009, die dank schneller und einfacher Videoaufnahmen mit Smartphones medien- und aktenkundig werden, steigt in den letzten Jahren rasant an.

Mobilisierung: Für mobilisierende Videos können die zur Dokumentation gefilmten Aktionen recht einfach mit Erklärungstexten und Untertiteln, einer An- und Abmoderation oder dazu passender Musik unterlegt werden. So entsteht mit Einblendungen beispielsweise ein Mobilisierungsvideo, mit Moderation und Schnitt ein Lehrvideo oder mit einer Anmoderation und strategisch gesetzten Untertiteln eine wirkungsvolle Anklage gegen einen Missstand. Der Einsatz von Bildern, Fotografien, Diagrammen und Textfolien erzeugt die Wirkung einer Diashow und kann mit bewegten Videosequenzen gemischt werden. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Aber auch hier gilt, je reduzierter und prägnanter, desto besser.

Information: Ein gutes Video kann helfen, Zwecke, Ziele, Forderungen leichter verständlich zu machen, Zusammenhänge aufzudecken oder einfach den Bekanntheitsgrad einer Gruppe, Partei, Vereinigung zu fördern. Das Informationsvideo erleichtert den Transport der Information, denn wer setzt sich heutzutage schon noch hin und liest Parteiprogramme, Forderungen oder Strategiepapiere. Informationsvideos können Mitglieder einer Organisation oder sozialen Bewegung vorstellen, über Beweggründe berichten und aktuelle Entwicklungen darstellen. Soll für den Informationstransport nicht eine Aktion, sondern ein ausgearbeiteter Text im Vordergrund stehen, so ist dafür schon ein etwas komplexeres Setting erforderlich. Texte sollten wohl überlegt und vorbereitet sein. Achtet auf die Lesbarkeit und sucht euch eine Person, die das euren Ansprüchen entsprechend intonieren oder graphisch gut einarbeiten kann. Ein kleines Drehbuch hilft, die Struktur des Films vorab zu klären und kann auch schon mit der Struktur des Textes Hand in Hand gehen. Die Bilder für diesen Film sollten den Text gut visualisieren, damit der Inhalt bei den Rezipient_innen auch gut hängen bleibt. Comics sind hier genauso möglich wie Aufnahmen aus der täglichen Arbeit, Stimmungsbilder oder Bilder, die Missstände aufzeigen.

Ab ins Netz: Videos online bringen

Nach den Aufnahmen geht es darum, das Video ins Netz zu bringen und zu verbreiten. Auch dabei gibt es einige Dinge zu berücksichtigen:

Schnitt- und Einstellungssachen: Natürlich ist es möglich (und gar nicht so schwer), verschiedene Videofiles später am Computer zu einem kleinen Film zusammenzufügen. Das erfordert Zeit, ein bisschen Know-How und Übung, sowie ein geeignetes Programm. Gratis gibt es da etwa lightworks und kostenpflichtig, aber natürlich leistungsfähiger zum Beispiel Premiere. Wer sich diese Arbeit sparen will, überlegt schon im Vorhinein die gewünschte Message, antizipiert mögliche Umsetzungen und packt das dann in eine runde und flüssige Einstellung. Dadurch entfällt der Schnitt. Meist bleibt das Video dadurch überraschend kurz und “knackig”. Auch in diesem Fall macht die Übung den oder die Meister_in. Das Kombinieren von Umfeld mit Aktion und eigener Message mit Präsenz führt zu spannenden Ergebnissen. Ein Beispiel wäre ein Schwenk über die Demo mit der abschließenden Wendung der Kamera auf das eigene Gesicht, dann die Ansage direkt in die Kamera mit persönlichem Statement und kurzer Erklärung der Umstände.

Fragen der Länge: Finger weg von quälend langen Videos. Finger weg von komplexen und vielschichtigen Messages! Die Zuseher_innen, die das Video online auf einer Plattform oder weitergeleitet im Soziale Netzwerk finden, können täglich zwischen unzähligen Videos und anderen Dingen wählen, die um Aufmerksamkeit buhlen. Zwei Tipps dazu: je sprechender, passender und packender der Titel und das Vorschaubild, desto besser werden wir unser Publikum erreichen. Je kürzer und prägnanter die Eindrücke und Aussagen dargestellt werden, desto eher wird die Message bei unseren Seher_innen ankommen.

Themenbezogen: Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig. Wenn mensch auch noch aus einer Vielzahl von Videos wählen müsste, wäre das überfordernd und würde wohl dazu führen, dass einfach weiter geklickt wird, ohne auch nur ein Video anzuschauen. Wie weit das Thema sein soll, bleibt natürlich euch überlassen. Ein Thema kann sein: eine Demo, eine Aktion, eine Konferenz. Ein Thema kann aber auch Repression auf der Demo sein, ein wiederum anderes Thema auf der gleichen Demo die Soli-Erklärung einer Organisation. Wichtig ist, dass die inhaltlichen Unterschiede der Videos anhand der Beschriftung (Titel und Beschlagwortung mit Tags) und des Bildes schon evident sind. Jedenfalls sollte nicht passieren, dass wir fünf “allgemeine Videoimpressionen” machen und alle mit «Demo gestern» betitelt online stellen.

Publikation: Ein weiterer wichtiger Faktor für die Wirkung eines Videos online ist die zeitnahe und sichtbare Publikation des Videos. Es hieß es schon zu Zeiten von gedruckten Nachrichten «Nichts ist älter als die News von gestern». Mensch kann sich also vorstellen, wie sich diese Prämisse durch Internet und digitale Freundesnetzwerke verstärkt hat. Während in der Vergangenheit die mediale Wirklichkeit maßgeblich von einigen wenigen Sendern beherrscht wurde, kommt es seit geraumer Zeit zu einer anhaltenden Fragmentierung und Atomisierung der Kommunikationskanäle. Heute setzt sich mein Ausschnitt der Wirklicheit aus einer Vielzahl an Quellen zusammen. Durch Facebook, Twitter & Co sind wir es bereits gewohnt, spontan und im Augenblick unsere Meinung kundzutun. Das gilt auch für die Verwendung von Videos in den Social Media. So gesehen steht der Tweet oder Pinnwandeintrag aus meinem sozialen Netzwerk, der die Ereignisse dort draußen zum Thema hat, gleichwertig auf einer Höhe mit der Mitteilung der Presseagentur. Beides sind “nur” Postings.

Für uns empfiehlt sich also, Videos auf mehreren Kanälen hochzuladen, um die Vorteile der jeweiligen Plattformen optimal zu vereinen. Während zum Beispiel YouTube“der Klassiker” unter den Videoplattformen ist und mit Abstand die größte Breitenwirkung hat, bieten spezielle Nischenplattformen für spezifische Zielgruppen weitere Verbreitungsmöglichkeiten. Eine andere Plattform wie Vimeo punktet wiederum mit besonders guter Bildqualität und wird deswegen oft von Künstler_innen benutzt. Überall werden unterschiedliche Segmente von Seher_innen erreicht. Dieses Seeding an mehreren Orten hat auch den Vorteil, dass bei einer etwaigen Löschung eines Videos sofort Ausweichmöglichkeiten gegeben sind.

Durchs Netz wandern: Verbreitung von Videos

Die Wege zur Verbreitung unserer Videos im Netz können variieren, je nach Zweck und Zielgruppe. Den eigenen Kanal aufzubauen und ansprechend einzurichten stellt den ersten Schritt dar. Anschließend gilt es, diesen Kanal auf einer Plattform wie YouTube mit unseren anderen Social Media-Standbeinen (Blogs, Twitter, Facebook) zu verknüpfen. Uploads werden per Feeds weitergespielt. Zum “ansprechend Einrichten” des Kanals gehört ganz wesentlich, den YouTube-Kanal nicht nur mit deinen eigenen Accounts zu verlinken, sondern dich mit anderen YouTube-Kanälen zu vernetzen. Ein autistisch geführter YouTube-Kanal, der keine Kontakte, keine Abonnenments, keine Favoriten und keine Kommentare aufzuweisen hat, wird auch von anderen geschnitten und eher verwaist bleiben. Hier gelten die gleichen Regeln wie bei der Blogroll für Blogs: andere empfehlen und dafür von anderen empfohlen werden. Politisch aktive Gruppen haben ohnehin eigene Websites, auf denen ihre Videos publiziert werden. Das ist zwar ein erster Schritt, aber nicht immer alleine zielführend. Hier sehen alle im engeren Umfeld Interessierten, die regelmäßig diesen Webauftritt besuchen, dass es ein neues Video gibt; eine breitere Öffentlichkeit wird damit aber in der Regel nicht erreicht, geschweige denn, dass sie das Video über die Netzwerke und Plattformen hinweg verbreitet. Dazu muss neben dem Gehalt des Videos auch das Videoformat passen, es muss Einbetten und “Sharen” mit maximal drei Klicks zu machen sein, das Video muss in die Netzwerke unserer Zielgruppen eingespeist werden und dort muss sich schon so etwas wie “Sharing”-Kultur herausgebildet haben.

Um interessierte, aber möglicherweise andersdenkende Menschen zu erreichen ist es sinnvoll, unsere Videos auch auf thematisch spezialisierte Plattformen hochzuladen, also etwa in die Kanäle der sozialen Bewegungen, die gerade relevanten Mediencenter der Zivilgesellschaft, auf Facebook-Seiten. Durch die dort vorherrschende Fokussierung auf die einen oder anderen zivilgesellschaftlichen Belange erreichen wir weitere Interessierte und sind nicht auf die Fans unseres eigenen Kanals beschränkt. Einmal auf diversen Plattformen vertreten, sind wir außerdem autonomer von internationalen Konzernstrukturen und plötzlich geänderten Benutzerbedingungen, die zu unerwarteten Problemen führen können.

Um Videos nach dem Upload zu pushen, sind die üblichen Social Media-Kanäle Gold wert. Ein einzelner, gut vernetzter Account auf Twitter und Facebook genügt allerdings nicht, selbst wenn es so etablierte Benutzerkonten wie die von @unibrennt, @fluegel.tv oder @misik sind. Optimalerweise verbreitet eine Vielzahl von Einzelpersonen sowohl aus dem privaten Freundeskreis als auch dem Online-Bekanntenkreis das Video, verteilt über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Die Erfahrung zeigt, dass beim Akt des Sharens via Twitter, Facebook und anderer Plattformen oft der einleitende flotte Spruch, die kurze Anklage oder noch besser eine interessante Frage helfen, an die Neugier der anderen zu appellieren. Willst du zusätzlich “digitale Immigrant_innen” oder Menschen abseits der Social Media-Plattformen erreichen, so empfiehlt sich ein guter alter Newsletter, eine Presseaussendung, das Posten des Videolinks unter Artikel der Massenmedien.

Wenn auf einem Video Menschen zu sehen sind, sollten deren Persönlichkeitsrechte und insbesondere deren Bildrechte respektiert sein. Am besten, indem diese gefragt werden, ob ihnen das Filmen und das Veröffentlichen recht ist. Wenn fragen nicht geht – zum Beispiel auf Demos – wäre es schön, wenn versucht wird, keine angreifbaren Aktionen von Demonstrant_innen zu veröffentlichen. Im Zweifel lieber die Gesichter unkenntlich machen. Manche Menschen sind vielleicht auch nicht nur an Gesicht und der Stimme, sondern auch an auffälliger Kleidung, Tatoos, Haarpracht oder sonstigen Merkmalen erkennbar. Je sensibler die Aktionen sind, die gefilmt werden, und je gefährdeter die beteiligten Personen, desto sensibler sollte mit Videomaterial umgegangen werden. Das inkludiert auch den Datenschutz auf den Festplatten und Servern. Eine Möglichkeit, einzelne Menschen nicht erkennbar zu machen, und trotzdem Bilder von der Masse zu haben, besteht darin, nur die Füße der vorbeiziehenden Menschen oder die Menschen nur von hinten zu zeigen. Auch ein Schilder- und Transpiwald oder die Geräuschkulisse kann die Größe einer Demo zeigen.

Veranstaltungen live-streamen und aufzeichnen

So gut wie jeden Tag finden interessante Diskussionsveranstaltungen statt, gibt es irgendwo ein toll besetztes Podium oder einen hörenswerten Vortrag. Nicht immer kann mensch live dabei sein, manchmal weil wir zu spät etwas von der Veranstaltung mitbekommen, andere Termine haben oder leider nicht in dieser Stadt wohnen. Solche einmaligen Veranstaltungen können auch ohne TV-Equipment mitgefilmt und ohne Fernsehkanal einer breiteren Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Anders als im Fernsehen ist die “On-Air-Time” nicht durch die Programmgestaltung begrenzt und so können auch Nischeninteressen gut bedient werden. Während kurze Clips vor allem kurzweilig und prägnant sein sollen, geht es bei Mitschnitten von Diskussion und Vorträgen vor allem darum, das Gesagte möglichst unverfälscht darzubieten. Umfassende Mitschnitte von Diskussionen sollten heute bei keinen zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen mehr fehlen. Nicht nur legen wir Dokumentationen zivilgesellschaftlicher Arbeit und Realität an, wir sammeln auch Material. Ausschnitte aus diesem Material können für später geschnittene Beiträge wertvolle Bestandteile liefern. Ausgesuchte Wortmeldungen und Szenen aus Podiumsdiskussionen oder Vorträgen untermauern den Eindruck von Engagement, Kompetenz und Bedeutung dessen, womit wir uns beschäftigen. Es entsteht ein Stock an pointiertem Expert_innenwissen, das nachhaltig abrufbar ist und zitiert werden kann.

Wie bei allen inhaltlich orientierten Medienprodukten gilt die höchste Priorität dem Ton. Bei der Bildqualität sind noch eher Kompromisse möglich. Also: beim Filmen auf den Ton nicht vergessen! Am besten die (geschlossenen!) Kopfhörer immer aufgesetzt haben, um sofort zu hören, was und wie das später auf der Aufnahme zu hören sein wird. Bei größeren Veranstaltungen werden die Redner_innen meist mit Lautsprechern verstärkt. In diesem Fall ist es das beste, dass wir uns mit der Tonaufnahme direkt an die Anlage anhängen. Dazu bedarf es einer Kamera mit Mic-In-Eingang und der im Vorfeld organisierten nötigen Kabel. Unangenehmer Hall wird so vermieden. Eine andere Möglichkeit wäre, externe Mikrofone oder gleich ein unabhängiges Audioaufnahmegerät zu verwenden, das am Podium plaziert wird. Natürlich wird dadurch die Postproduktion aufwendiger, schließlich müssen eine Audio- und eine Video-Aufnahme am Computer synchronisiert werden. Aber alle aufgezählten Optionen sind besser als eine Tonaufnahme durch das eingebaute Mikro, welches die Geräusche nahe an der Kamera am lautesten aufnehmen wird. Unerlässlich für längere Aufnahmen ist außerdem ein Stativ. Zu beachten ist auch, dass nicht während der Aufzeichnung ein Akku oder das Speichermedium ausfallen. Wir brauchen also ausreichend große und aufgeladene Akkus sowie ausreichend große und nicht belegte Speicherkarten. Speicherkarten-Kameras haben den unschätzbaren Vorteil, dass das Digitalisieren einer Bandaufnahme entfällt. Die Daten müssen lediglich mittels “Cardreader” auf den Computer kopiert werden.

Bologna burns MobiVideo zu den transnationalen Protesten im Winter 2010 in Wien.Graswurzel.tv - der freie Sender, der eine eindrucksvolle Dokumentation der Probleme, Proteste und Aktionen rund um die Atommüllentlagerung bietet.Supertaalk zu Fragestellung «Wer Macht Medien?» mit einer ohne jeden Zweifel qualitativ besseren und jedenfalls relevanteren Diskussion, als das professionelle Fernsehen das zusammenbringt.

SELBSTORGANISIERTE FERNSEHSENDER DES SELBSTORGANISIERTEN ENGAGEMENTS
➊ Gleichzeitig Mobilisierungs- und Informationsvideo, verbindet dieses Beispiel von «bolognaburns!» hier Archivmaterial, Grafiken, Texteinblendungen, direkte Ansprache und Moderation aus dem Off.
➋ Das Selbstverständnis von «graswurzel.tv will komplett unabhängig von herkömmlichen medialen Strukturen arbeiten und informieren. Wir verstehen unsere Arbeit als alternativen Journalismus, der sich die Möglichkeiten der modernen Berichterstattung via Internet zu Nutze macht.»
➌ Mit dem «Supertaalk» organisieren Blogger_innen und Netzaktivist_innen ein eigenes Format der Diskussionssendungen, samt interaktiver Einbindung von Kanälen wie Twitter und Chat, sowohl im Vorfeld, während der Sendung und in der Nachbereitung.

Die Möglichkeit des Live-Streamings ist ein weiterer Schritt in Richtung Medialisierung und Transparenz. Schon die Ankündigung und das Faktum, dass es zur Veranstaltung auch einen Live-Stream geben wird, ist für sich schon ein weiterer Stein im Puzzle der Aufmerksamkeitsökonomie. Wieviele Personen sich dann tatsächlich die Veranstaltung am Live-Stream ansehen, hängt von mehreren Faktoren ab und ist oft gar nicht so wichtig. Zu den Faktoren zählen inhaltliche, geografische und technische. Inhaltlich meint, inwiefern ist es “wichtig”, live dabei zu sein? Ein zeitloser Vortrag zum Thema Grundeinkommen ist weniger brisant als zum Beispiel die Preisverleihung des Social-Impact-Awards. Geografisch meint die Möglichkeit, Personengruppen aus anderen Regionen teilhaben zu lassen. Technisch meint letztendlich, wie verbreitet und beworben ist der Link zum Stream und wie sieht es mit der Kapazität des benutzten Services aus. Der Live-Stream aus dem Audimax Wien war ein ganz wichtiger, wenn auch nicht unumstrittener Faktor der unibrennt Öffentlichkeitsarbeit. Aber Achtung: live streamen heisst automatisch “ohne Visier” zu agieren. Alles, was gesagt wird, ist augenblicklich publiziert und kann nicht mehr “unter der Decke” gehalten werden. Im Falle der Plena in besetzten Hörsäalen gab es immer wieder Bedenken und Kritik an dieser totalen Transparenz, der Live-Stream wurde dennoch mehrheitlich immer wieder befürwortet.

Während vorbereitete und organisierte Übertragungen qualitativ meist ansprechend und professionell umgesetzt sind, gibt es auch sogenannte “Guerilla-Live-Streams” ohne Absprache mit den Veranstalter_innen. Solche “heimlichen” Liveübertragungen können die Aufmerksamkeit auf Auseinandersetzungen lenken, die von manchen Leuten lieber mit weniger Aufmerksamkeit bedacht geführt werden. Diese Guerilla-Taktik ist in letzter Zeit auf dem Vormarsch und unterläuft heimliche politische Absprachen, aufwendigen Einsatz von Public Relation-Events oder bringt ans Licht, wie manche Entscheidungsträger_innen sich gebärden, wenn sie sich von Kameras unbeobachtet fühlen. Einer gewissen Ironie nicht entbeehrt hat etwa die Aktion grüner Parlamentsangehöriger, als sie aus einem mit Datenschutz befassten Ausschuss streamten. Rechtlich befindet mensch sich in einer nicht-ausjudizierten Grauzone, technisch reicht dafür ein modernes Smartphone sowie ein Account bei einer Streaming-Plattform wie ustream.tv oder bambuser.com. Die Qualität wird hierbei vermutlich schlecht sein, aber darauf kommt es in diesem Fall ja auch nicht primär an.

Zusammenfassung

Videos können sehr wirkungsvoll für Informationstätigkeit und den Transport politischer Anliegen sein. Sie können mobilisieren. Die Verwendung von Videos bietet sich im Feld zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen daher besonders an. Es gibt immer etwas zu berichten und selten übernehmen das die klassischen Medien. Mit ein paar Tricks können wir eindrückliche Videos machen und diese im Netz über unsere sozialen Netzwerke in Umlauf bringen. Während bei professionellen Medienmacher_innen die Form und Qualität zu 100 Prozent stimmen müssen, geht es im zivilgesellschaftlichen Bereich mehr um Aussagen, Authentizität und Dokumentation. Wichtig ist, die Kamera im richtigen Moment einzuschalten und den Moment optimal auszunutzen. Dazu ist es von Vorteil, wenn du dein Equipment gut kennst und es bei Bedarf voll einsatzfähig hast.

  • Einfach mal drauflosprobieren, dadurch verliert mensch Hemmungen und kann bei jedem Clip etwas für den nächsten Versuch lernen.
  • Im richtigen Moment solltest du schon vorbereitet sein. Späteres “Nachsprechen/Nachstellen” wirkt viel weniger authentisch und glaubwürdig.
  • Experimentiere mit deinem Equipment, Einstellungen und Techniken, damit du in relevanten Momenten selbstsicher auf deine Erfahrungen zurückgreifen kannst.
  • Weniger ist meist mehr! Verzichte auf übertriebenes Zoomen, gefinkelte Ausschnittwahl und dynamische Kameraschwenks.
  • Pro Thema ein Video! Das dafür aussagekräftig!
  • Für die Publikation des Videos gilt: so schnell wie möglich, an so vielen Stellen wie möglich.
  • (An-)Sprechende Titel und aussagekräftige Tags helfen bei der Verbreitung des Videos über den Kreis der “üblichen Verdächtigen” hinaus.
  • Konzentriere dich nicht nur auf das Bild. Der Ton macht nicht nur die Musik, er ist auch das Kriterium, ob eine Aufzeichnung etwas wert ist oder trotz schöner Bilder eigentlich zu schmeißen ist.
  • Finger weg von quälend langen Videos, von komplexen und vielschichtigen Messages!
  • Bei Demos, Besetzungen, Blockaden und Aktionen gilt: Missachte nicht die Rechte jener, die du filmst.
  • Vergraule potentielle Zuseher_innen nicht mit Videos ohne Informationsgehalt.

July 26 2011

July 22 2011

Widerstand im Global Village

Von Ya Bast und Indymedia bis WikiLeaks

«Die Aufgabe von unabhängigen Medien ist es, die Geschichte sozialer Kämpfe in der ganzen Welt zu erzählen.»
Subcomandante Insurgente Marcos

In einer globalisierten Welt kann auch politischer Aktivismus global sein – und wie ginge das besser, als via dem Netz? Rund um die Plattform indymedia.org entstand daher um die Jahrtausendwende das erste online-basierte Soziale Netzwerk für soziale Bewegungen. Inspiriert wurden die Aktivist_innen von «indymedia», einem kleinen, lokalen Aufstand in einer entlegenen mexikanischen Provinz, der noch einmal ein halbes Jahrzehnt weiter zurückreicht. Begonnen hatte alles in der Neujahrsnacht 1994, dem Tag des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens zwischen den USA, Kanada und Mexiko (NAFTA), mit dem Ausruf «Ya Basta!» eines gewissen noch unbekannten Subcomandante Insurgente Marcos.

Auftritt Zapatistas

Doch die erste Top-Meldung des Jahres 1994 kommt nicht aus einer Wirtschaftsmetropole, sondern einer mexikanischen Provinzstadt: Rebellen nahmen bei Nacht und Nebel San Christobal de Las Casas und einige umliegende Dörfer ein. Sie forderten würdige Lebensbedingungen für die indigene Bevölkerung und die Auflösung der NAFTA. Die Kämpfer nannten sich selbst Zapatistas und ihre Armee EZLN. In Mexiko galten sie bis dahin als Unruhestifter an der Grenze zu Guatemala, als kleine Flöhe, deren Bisse juckten, aber nicht schadeten. In den Redaktionsstuben von New York, Atlanta, London und Hamburg hatte man von ihnen noch nie gehört. Nun hatte ein Mann mit einer Skimütze, offensichtlich ein Sprecher dieser Armee im Krieg gegen den Staat Mexiko, eine Deklaration verlesen und erklärt «Fünfhundert Jahre wurden wir ausgebeutet, aber heute sagen wir: Es reicht!» Der internationale Presse-Tross trifft binnen weniger Stunden in Chiapas, Mexikos südlichsten und ärmsten Bundesstaat, ein. Dort finden die Journalisten nicht die erwartete lateinamerikanische Guerilla-Armee vor, keinen als Generalissimo auftretenden Rebellenführer. Was es gibt sind einige Tausend Bauern aus den Dörfern in den umliegenden Bergen und Dschungelgebieten, viele von ihnen nur mit hölzernen Attrappen statt echten Gewehren bewaffnet. Aber diese seltsamen Rebellen klagen an und haben gute Storys zu erzählen. 15.000 Menschen würden in Chiapas jedes Jahr an Unterernährung oder leicht zu behandelnden Krankheiten sterben, also mit einem Wort: an Armut. Und das, obwohl der Bundesstaat die erdölreichste Region Mexikos ist. Genau diese Probleme sollen sich doch durch die NAFTA bessern, wenden die Reporter ein, der freie Handel soll auch den Armen zugute kommen. Doch die Zapatisten haben einfache und medienwirksame Argumente vorbereitet. Sie halten Preisschilder in die Kameras, die belegen, dass die hochtechnisierte US-Agrarindustrie ihren Überschuss-Weizen in den Geschäften von San Christobal billiger anbieten kann, als die einheimischen Bauern ihren Mais. «Wie soll der freie Handel uns Kleinbauern mehr Wohlstand bringen?», fragen sie direkt in die Wohnzimmer der Konsument_innen.

This is Chiapas – EZLN Effects of NAFTA CartoonShowdown in Seattle

VON CHIAPAS NACH SEATTLE
➊ Der Subcomandante in einer Videobotschaft, bei der Verlesung der Deklaration «Wir erklären, dass wir ein Netzwerk zwischen all unseren Kämpfen und Widerständen gründen werden. Ein interkontinentales Netzwerk».
➋ Karikatur aus dem Jahr 2001 von Barry Deutsch, leftycartoons.
➌ Zum zehnjährigen Jubiläum des WTO-Millenium-Gipfels, der Gründung von Indymedia und des “Battle in Seattle” bringen die Medienaktivist_innen von damals eine Dokumentation der Ereignisse heraus und stellen diese auf den eigenen YouTube-Kanal: Indymedia Presents «Showdown in Seattle».

Nach fünf Tagen schlagen Regierung und Armee, schlägt das Imperium zu. Das Militär rückt mit erdrückender Übermacht und schweren Waffen an, die Zapatisten weichen zurück. Sie verlassen die Stadt San Cristobal und die meisten “besetzten” Dörfer ohne Kampf. Einen Ort versuchen sie zu halten und zu verteidigen, doch nach sechs Tagen Dauerbeschuss und schweren Verlusten flüchten sie vor der Übermacht in den Dschungel. Die Armee folgt ihnen. Die Revolution scheint gescheitert, bevor sie richtig begonnen hat. Aber die Zapatisten haben über die Medien die Herzen der Menschen erreicht. Hunderttausend demonstrieren im Herzen von Mexiko-Stadt. Viele von ihnen tragen schwarze Masken, noch mehr rufen, «Wir alle sind Marcos!». In Mexiko ebenso wie international wird das Ende der militärischen Offensive gefordert. Die Zapatisten ließen von Anfang an keinen Zweifel daran, wer in diesem Krieg die Guten sind. In ihrer Deklaration erkennen sie die Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Konvention an. Sie ersuchen das Rote Kreuz, alle Handlungen der EZLN auf deren Einhaltung zu überwachen. Marcos, der Mann unter der schwarzen Maske, hat Charisma und für die Berichterstattung von CNN abwärts zählt das mehr als Waffen. Tagelang empfängt er einen Journalisten nach dem anderen. «NAFTA», so diktierte er mit sanfter Stimme in die Mikrofone, «ist ein Todesurteil für die Indianer, ein internationales Massaker». Seine Worte gehen in die Welt hinaus. Am 12. Jänner erklärt die mexikanische Regierung unter dem medialen Druck den einseitigen Waffenstillstand.

Ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation

Die Zapatisten hatten einen medialen Sieg errungen und sie verstanden, dass nur die Aufmerksamkeit der Massen in den mexikanischen Großstädten und die mediale Aufmerksamkeit “im Westen” die Bevölkerung und sie, die Kämpfer_innen der “Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung” EZLN schützen konnte. Sie begannen ein Netzwerk verschiedener solidarischer Aktivist_innen aufzubauen und sich um die Verknüpfung regionaler, nationaler und transnationaler Gruppierungen zu bemühen. Lokale ebenso wie global operierende Non Governmental Organizations (NGO) sind eingebunden, in Austin-Texas gründen Menschenrechtsbeobachter_innen zur Unterstützung das Zentrum «Acción Zapatista», weltweit nehmen politische Gruppen, Medienaktivist_innen und die kritischen Wissenschafter_innen Anteil. Bereits 1997 nennt Manuel Castells die EZLN die «erste Informationsguerilla-Bewegung». Die Infrastruktur für diese Netzwerk-Verbindungen bietet das Internet. Via Internet wird Unterstützung organisiert. Ein Netzwerk aus Freiwilligen lebt in den «Campamientos por la paz», in Friedenscamps in von Regierungstruppen besetzten indigenen Dörfern in Chiapas. Die Anwesenheit der Ausländer soll die Zivilbevölkerung vor Übergriffen schützen. Und via Internet erreichen die Kommuniqués der EZLN eine weltweite Öffentlichkeit. Texte, Tonaufnahmen und Videos werden digitalisiert durch die militärischen Linien geschmuggelt und via Internet veröffentlicht, aus dem Spanischen in andere Sprachen übersetzt und weitergeleitet. Die Informationssperre der mexikanischen Regierung und Massenmedien ist durchbrochen. Die Sprecher_innen der Zapatistas wenden sich in ihren Kommuniqués direkt an die Teilnehmer_innen von Friedenskonferenzen, an Indigene weltweit, an globalisierungskritische Gruppen, die Netzwerke der Feminist_innen, Aktivist_innen im Menschenrechts-, im politischen und im Medienbereich – und an die jeweiligen UseNet-Newsgroups dieser Netzwerke.

Der globale Widerstand gegen den Neoliberalismus

Die Kommuniqués der Zapatistas beschränken sich nicht auf einfache Berichte zur Lage. Sie haben literarische Qualität, stellen weitreichende Fragen, liefern tief gehende Konzepte für die Theoriebildung in unterschiedlichen Bereichen. Und sie enthalten den Aufruf und die Einladung zur globalen Zusammenarbeit, sie sprechen vom Wir. Im Sommer 1996 findet die «Erste interkontinentale Zusammenkunft für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus» im Dorf La Realidad, zu deutsch «Die Wirklichkeit», in Chiapas statt. Der Einladung sind Menschen aus 42 Ländern gefolgt, um an einer gemeinsamen Deklaration zu arbeiten. «Wer kann schon sagen, an welchem genauen Ort, zu welcher genauen Stunde diese ‚Internationale Zusammenkunft für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus’ begann? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, wer sie initiiert hat. Alle Rebellen auf der ganzen Welt haben sie gestartet», leitet der Subcomandante Marcos die Verlesung der Deklaration ein:

«Wir verkünden: [...] Dass wir ein Kommunikationsnetzwerk zwischen all unseren Kämpfen und Widerständen gründen werden. Ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation gegen den Neoliberalismus, ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation für die Menschlichkeit. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation wird trachten, seine Kanäle so zu verweben, dass Worte auf allen Wegen des Widerstandes reisen können. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation wird das Medium sein, mit dem verschiedene Widerstände miteinander kommunizieren. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation ist keine Organisationsstruktur, es hat keinen zentralen Kopf oder Entscheidungsträger, kein oberstes Kommando und keine Hierarchien. Wir sind das Netzwerk, wir alle die sprechen und zuhören.»

Von Seattle nach Chiapas nach Seattle

Anfang 1999 fällt Jeff Perlstein ein “WTO-Flyer” in die Hände. «Damals hatte ich nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Also ging ich auf eines der regelmäßigen Treffen und hörte mir an, was da in unsere Stadt kommen sollte.» Er lässt sich Grundzüge der WTO-Agenda erklären. In den kommenden Monaten vertieft er sich weiter in die Thematik und besucht Koordinationstreffen, die im Sommer 1999 von rund fünfhundert Leuten besucht werden. Jeff Perlstein selbst ist in Seattle in verschiedenen Sozial- und Medienprojekten tätig. 1996 hat er begonnen, sich bei einem Projekt namens «Counter Media» mit alternativen Medien zu beschäftigen. 1997 nimmt er an der «Free the Media»-Conference in New York teil und sieht dort Marcos’ Videobotschaft. Im Vorfeld der Milleniumsrunde in seiner Heimatstadt Seattle sieht er endlich die Gelegenheit gekommen, ein umfassendes Netzwerk für alternative Berichterstattung zu schaffen. Die Vorstellung, dass die Kritik der WTO und die Proteste der Aktivist_innen nur via CNN und CBS in die Welt hinausgetragen werden können, behagt dem Endzwanziger gar nicht. Ende September, acht Wochen vor dem Milleniums-Gipfel, beschließt er aktiv zu werden und lädt auf einem der Anti-WTO-Treffen alle Interessierten ein, einen öffentlichen Newsroom für den Gipfel vorzubereiten. Fünfzehn WTO-Gegner erscheinen zum ersten Treffen, eine Woche später schon 30 Leute, die Woche darauf 50. Medienaktivisten aus anderen Städten, mit denen Perlstein in losem E-Mail-Kontakt stand, wollen nach Seattle kommen und versprechen, ihre Ausrüstung mitzubringen.

Perlstein wird eingeladen zur «Public Grassroots Media Conference», einem Treffen alternativer Medienmacher_innen, nach Austin-Texas zu kommen. Dort präsentiert er sein Rohkonzept und erreicht, dass sich das ganze Wochenende nur noch um Seattle dreht. Einige New Yorker Medienveteranen bringen mit ihrer Erfahrung Struktur in die Pläne, zwei Aktivisten aus Colorado erklären sich bereit, eine Website zu gestalten und die technischen Ressourcen bereitzustellen, andere versprechen, frei nutzbare Videoschnittplätze einzurichten, wieder andere wollen eine Print-Redaktion organisieren. Leute von der «Acción Zapatista» kümmern sich um Abläufe im Hintergrund. Sie definieren die Mechanismen zur Entscheidungsfindung in einem dezentralisierten und hierarchiefreien Netzwerk, wie sie es in Chiapas gelernt haben. «Sie haben diese ganze Idee von einem NEIN und vielen Ja eingebracht, dass wir alle gemeinsam Nein zu dieser Globalisierung sagen, aber jeder die Möglichkeit bekommt, sein eigenes, individuelles Ja dagegenzusetzen», erinnert sich Perlstein. Und die Aktivist_innen der Konferenz in Austin denken gemeinsam über den Anlass des WTO-Millenium-Gipfels hinaus, der zwei Monate später in Seattle stattfinden wird. Sie wollen den Prototypen eines Media Centers schaffen, das mensch an jeden Ort der Welt transferieren könnte und das überall binnen kurzer Zeit einsatzfähig wäre. Wo immer so ein Media Center in Gefolge eines Großereignisses wieder abgebaut wird, soll es eine Basisstruktur hinterlassen, mit der lokale Aktivist_innen weiterarbeiten können, sodass im Laufe der Zeit ein globales Netzwerk gewebt wird.

Das neue Independent Media Center: Indymedia Seattle

Zurück in Seattle wird das Independent Media Center, wie das Projekt halboffiziell heißt, für Perlstein und Dutzende Freiwillige schnell zu einem Vollzeitjob. Eine Organisation, die Wohngemeinschaften für Obdachlose betreibt, stellt ihnen ein leer stehendes Gebäude mitten im Zentrum der Stadt zur Verfügung; gratis, wenn die Journalist_innen die Entrümpelung und Renovierung übernehmen. Ein Scheck über 10.000 Dollar flattert von einem anonymen Spender ins Haus, angeblich von einem Ex-Microsoftie. Hardware und die dringend benötigten Telefonleitungen können angeschafft werden. Mitte November trudeln die Medienaktivist_innen aus den ganzen USA ein. Die Technik für die Videoproduktion, das Radio-Team, die Produktion der eigenen Zeitung «The Blind Spot» werden eingerichtet. Im letzten Moment, zwei Tage vor dem Gipfel, am 28. November, geht endlich die Website indymedia.org online. Auf der Plattform sollen all diese Medien zusammengeführt werden: Print, Radio und Video. Jede und jeder kann eigene Beiträge posten, ganz so, wie es ein Jahrzehnt später #unibrennt machen wird.

Am 30. November 1999 blickt die ganze Welt nach Seattle, die Medien berichten vom “Battle in Seattle”, von Straßenschlachten, vom Einsatz der Nationalgarde, von einer Ausgangssperre ab sieben Uhr abends. Die Pressekonferenz des Bürgermeisters Paul Schnell ist ein Medienereignis. Schnell zeigt sich erschrocken von den Protesten, verteidigt den Polizeieinsatz aber ausdrücklich. Er bestätigt, was ohnehin offensichtlich ist, dass Tränengas und Pfefferspray eingesetzt worden waren. Der Bürgermeister bestreitet aber kategorisch den Einsatz von Gummigeschoßen. Zu seinem Pech gibt es aber die Video-Teams von Indymedia. Diese haben den ganzen Tag gefilmt. Als alle TV-Stationen die Aussage des Bürgermeisters ausstrahlen, reagieren die Medienaktivist_innen sofort und veröffentlichen online die Beweisvideos: Polizisten, die mit Gummimunition in die Menge schießen. Demonstrant_innen, die blaue, rote und beinahe schwarze Prellungen davontragen. Passant_innen, die die Munition aufheben und gut sichtbar in die Kameras halten. Damit hat das Independent Media Center sich selbst zur Zielscheibe gemacht. Eine Polizeieinheit bezieht Stellung auf der Third Avenue in unmittelbarer Nähe des Media Centers. Vor dem einzigen anderen Ausgang an der Rückseite des Gebäudes fahren zwei Mannschaftswagen vor, aus denen ein Dutzend Robocops klettern.

Indymedia im Battle of Seattle

Am frühen Abend des 30. November machen sich Polizei und Nationalgarde auf, die Innenstadt von Seattle von den Zehntausenden und vorwiegend friedlichen Demonstrant_innen zu säubern. Die Munitionsvorräte der Polizei sind wieder aufgefüllt, zuvor hatte das Ausgehen der Munition für Stunden zu einer Atempause geführt. Verstärkung ist eingetroffen, die Aktivist_innen des Medien Centers sind umstellt. Eine Gruppe von Leuten, die direkt vor dem Media Center steht, wird mit Tränengas beschossen. Die Menge wird in das Medien Center eingelassen, nachdem zuvor nur die eigenen Journalist_innen ein- und ausgehen konnten. Jetzt wird allen Unterschlupf gewährt, die sich gerade auf der Third Avenue befinden. Dann wird die Tür des Media Centers von innen versperrt. Während Sanitäter sich um die Tränengasopfer kümmern, fordern Polizisten in voller Rüstung die Herausgabe dieser Leute. Jeff Perlstein wird sich später erinnern, «dann folgte die angespannteste Stunde der ganzen Woche. Wir wussten nicht, ob sie das Gebäude stürmen wollten. Wir sind drinnen gesessen und haben auf indymedia.org live berichtet. Wir haben Bilder vom Tränengasangriff gezeigt. Wir haben ihnen acht Videokameras direkt in die Gesichter gehalten, während sie vor der Tür auf und ab gingen. Das scheint sie ein wenig verunsichert zu haben».

Die Polizei verzichtet letztlich auf den Sturm des Media Centers und bietet den Eingeschlossenen freien Abzug an, bevor die Ausgangssperre in Kraft tritt. Wer blieb, musste die ganze Nacht durchhalten. Für die Indymedia-Crew war der Day of Action damit letztlich gelaufen. «Wir waren alle erschöpft und durcheinander von den Ereignissen des Tages. Wir entschieden, dass nur eine Notmannschaft von acht Leuten im Media Center übernachten sollte. Es gab dann ein recht tränenreiches Good-bye, weil keiner wusste, was die Polizei wirklich vorhatte.» Das verbleibende Team hält die Website am laufen, arbeitet Material auf, stellt online. Indymedia.org verzeichnet an diesem Tag mehr Zugriffe als die Website von CNN. Und das sollte die ganze Woche so bleiben.

Die globale Durchschaltung von Indymedia

Nach Seattle erlebt die globalisierungskritische Bewegung einen Aufschwung: Kaum ein internationales Treffen, bei dem nicht lautstark gegen den ökonomischen Mainstream des Neoliberalismus demonstriert wird. Und immer mittendrin: Ein Independent Media Center, aus dem Aktivist_innen für Aktivist_innen berichten. Aber das Konzept bleibt nicht auf Großproteste beschränkt. In einer Stadt nach der anderen, einem Land nach dem anderen finden sich regionale Aktivist_innen, die eine lokale Indymedia-Website betreiben. Jedes Land bespielt eine Subdomain auf der Plattform, also etwa de.indymedia.org und at.indymedia.org. Die einzelnen Sites werden autonom von lokalen Moderator_innen betreut, und sind untereinander vernetzt. Artikel werden ausgetauscht und, da indymedia recht schnell vielsprachig wird, von Freiwilligen-Teams übersetzt.

Die Leistungsfähigkeit dieses globalen Netzwerkes zeigt sich sehr deutlich schon 2002. Der Anlass sind die Geschehnisse rund um den Putsch-Versuch gegen Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez im April dieses Jahres. Rechte Militärs und Großindustrielle wollen den von einer breiten Mehrheit gewählten linken Präsidenten absetzen. Die privaten Fernseh-Sender sind auf ihrer Seite, die staatlichen Medien werden besetzt. So verbreiten sie die Information, es gebe Massenproteste “der Zivilgesellschaft”, die zu Millionen gegen Chavez auf die Straße gehen. Dazu werden Bilder von Großdemonstrationen gesendet. Die Medien Venezuelas berichten weiter, Chavez ergebene Regierungstruppen würden das Feuer auf Demonstrant_innen eröffnen. Auch dazu werden Bilder gezeigt, Heckenschützen sind zu sehen, Schüsse zu hören. Internationale Medien, allen voran CNN, übernehmen diese Darstellung. Allein: sie ist nicht richtig. Die Bilder von den Massenkundgebungen zeigen Pro-Chavez-Demonstrant_innen. Auch die Meldung, Chavez sei bereits zurückgetreten und aus dem Präsidentenpalast geflohen, wird von den Putschisten weltweit verbreitet – und sie ist ebenfalls falsch. Tatsächlich kommt es in Caracas zu einem Volksaufstand gegen die Putschisten. Und dass hier nicht Regierungstruppen auf die Zivilgesellschaft, sondern paramilitärische Heckenschützen auf Pro-Chavez-Großdemonstrationen schießen, wie weltweit in den Massenmedien berichtet wird, dass kann mensch ebenso weltweit via indymedia.org mitverfolgen. Die Demonstrant_innen können auf keine klassischen Medienkanäle zurückgreifen. Aber sie können Augenzeugenberichte auf die Indymedia-Plattform hochladen. Auf der venezolanischen Site werden Fotos, Artikel und Videos von den Protesten veröffentlicht. Binnen kürzester Zeit schalten alle anderen weltweiten Indymedia-Sites die Nachrichten aus Caracas durch. Selbstorganisiert und freiwillig arbeiten Internetuser_innen an Übersetzungen in diverse Sprachen. Die Nachrichten, die sie in die Welt hinaustragen, ergeben ein konsistentes Bild – aber eines, das vollkommen konträr zur Berichterstattung auf den internationalen Nachrichten-Kanälen ist und viele der gesendeten Bilder sofort widerlegt, weil das Material sichtbar wird, aus dem der venezulanische Fernsehsender seine Story gebastelt hat. Nach vier Tagen ist der Putsch zu Ende und CNN muss zugeben, Falschinformationen der privaten Medien aufgesessen zu sein. Nur Indymedia, das interkontinentale Netzwerk ohne zentraler Organisation, hatte funktioniert.

Von WikiLeaks und GuttenPlag

Indymedia ist heute nicht tot, aber es hat an Bedeutung verloren. Seine beiden Kernaufgaben waren, alternativen Informationen Raum zu geben und die Aufmerksamkeit auf diese zu lenken. Wie die arabischen Revolutionen im Frühjahr 2011 gezeigt haben, können andere Online-Plattformen beides inzwischen besser: Jede_r kann leicht einen Blog aufsetzen oder Videos und Fotos auf freie Plattformen hochladen. Mit Facebook und Twitter werden diese Informationen dann dezentral verbreitet. Zwar unterliegen praktisch alle dabei eingesetzten Plattformen kommerziellen Interessen, aber bisher ist noch kein Fall politischer Zensur bekannt geworden (das Wörtchen “bisher” ist hier sehr wichtig, und juristische Zensur gibt es immer wieder). Tatsächlich lösen diese neuen Plattformen einige Probleme, auf die Indymedia nie befriedigende Antworten fand. Zum Beispiel das der Moderation: mensch wollte zensurfrei sein, aber doch ganz eindeutig links. Rechte, faschistische, sexistische, rassistische Nachrichten sollten keinen Platz finden, und die Prüfung der Beiträge obliegen Moderator_innen-Teams. Das Erstellen klarer Regeln erweist sich als unmöglich und die Macht der Moderator_innen wird immer wieder kritisiert. Zu Recht: Ich war ab ihrer Gründung selbst einige Monate Moderator der österreichischen Indymedia-Seite. Es ist uns als Team nie gelungen, den Widerspruch zwischen objektiver Information und der Unterstützung einer Weltanschauung zu lösen. In der Social Media Welt ist jede/jede Leser_in gefordert, sich eine eigene Timeline zusammenzustellen. Jeder User ist sein eigener Moderator. Noch bedeutender ist, dass Social Media alternative Nachrichten dorthin bringt, wo die Menschen ohnehin Neuigkeiten konsumieren: in ihre Timeline. Um auf alternative Nachrichten auf Indymedia zu stoßen, muss mensch sich zu allererst mal für alternative Nachrichten interessieren. Das ist eine Hürde, die schon in der Vergangenheit oft nicht zu nehmen war.

Chavez: Ein Staatsstreich von innen Julian Assange: Warum die Welt WikiLeaks braucht Ausschnitt aus einer Visualisierung des GuttenPlags zum Anteil der Plagiate in der Doktorarbeit

DIE SELBSTORGANISATION VON GEGENÖFFENTLICHKEIT
➊ Die vielfach ausgezeichnete Dokumentation «Chavez: Ein Staatsstreich von innen» arbeitet die Vorgänge, Abläufe und Hintergründe der Geschehnisse wie beispielweise die Rolle des Senders RCTV im April 2002 auf.
➋ Julian Assange im Juli 2010 zu Gast bei einem TED-Talk dazu «Warum die Welt WikiLeaks braucht».
➌ Mittels Crowdsourcing und einem Wiki als Plattform erbringen selbstorganisierte Internetuser_innen eine Rechercheleistung, die in anderen Organisationsformen kaum denkbar wäre. Die Visualisierung der Plagiatsstellen in Guttenbergs Doktorarbeit spricht für sich.

Im diesem Sinne war Indymedia noch sehr am klassischen Medienmodell orientiert: Hier eine Redaktion, dort ein Publikum, dazwischen ein Vertriebsweg. Indymedia hat die Redaktionen, die Erstellung der Nachrichten demokratisiert. Bei den Vertriebswegen bleibt das Netzwerk aber zunächst bei klassischen Modellen. In Seattle dachte man noch recht starr in traditionellen Kanälen: Radio, Video, Print-Zeitung. Der Online-Auftritt lief in der Planung nur nebenbei mit. Nur zwölf Jahre später hat sich die alternative Medienwelt radikal verändert: Demonstrant_innen haben videotaugliche Handys. Sie brauchen keine Redaktionsräume mit Schnittplätzen, keine Standleitungen. Sie filmen und laden hoch, setzen automatisch eine Meldung auf Twitter ab … und die Nachricht ist draußen.

Zusammenfassung

Wie heißt es in der Deklaration von La Realidad: «Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation ist keine Organisationsstruktur, es hat keinen zentralen Kopf oder Entscheidungsträger, kein oberstes Kommando und keine Hierarchien. Wir sind das Netzwerk, wir alle die sprechen und zuhören.» Dennoch wächst in der alternativen Berichterstattung Raum und Bedarf für redaktionelle Kompetenz. Beispiele dafür sind Plattformen wie «WikiLeaks», das «GuttenPlag Wiki» oder viele Plattformen, die sich dem Datenjournalismus verschreiben – in Österreich zum Beispiel «Kärnten 2020» für OpenGovernment und OpenData oder die Transparenz-Plattform amtsgeheimnis.at. So sehr sich diese Projekte voneinander unterscheiden, haben sie doch etwas gemeinsam: das nicht-kommerzielle Interesse von Aktivist_innen, die Öffentlichkeit aufzuklären. Dass dafür keine zentrale Plattform, schon gar kein physisches Independent Media Center mehr notwendig ist, weil jede und jeder mit ganz einfachen Inhalten ein eigenes Projekt starten kann, ist ein gewaltiger Entwicklungsschritt. Indymedia sind jetzt wir alle.

  • Lasst uns soziale Netzwerke bauen und ausbauen. Nützen wir dazu das Netz, nützen wir aber vor allem die Netzwerke für kritische und unabhängige Information und Kommunikation.
  • Lasst uns über nationale, sprachliche und kontinentale Grenzen hinweg zusammenarbeiten, Anteil nehmen und lernen.
  • Protest und Widerstand sollte der “anderen Seite” immer zwei Schritte voraus sein. Wir müssen Anliegen und Probleme so herausarbeiten, dass für sich sprechen und nicht weggewischt werden können.
  • Es ist viel wert, laufend neugierig und beweglich zu bleiben, wie wir kommunizieren können. Kommunikation ist ein Feedback-Prozess. Je mehr Feedback wir uns holen, desto wahrscheinlicher verbessern wir unsere Kommunikation.
  • Be a media activist.
  • Eine einmal aufgebaute und funktionierende Strukturen autonomer Medienarbeit sind kein Stein der Weisen, auf den Verlass ist. Wenn alles in Bewegung ist, auf Aktionen Reaktionen folgen, dann müssen auch unabhängige Mediencenter laufend neu erfunden werden. Don’t take anything for granted.
  • Lasst Daten sprechen, heißt nicht, dass Daten von alleine sprechen. Hier geht es um Arbeit, Arbeit die sich lohnt.
Reposted bykellerabteil kellerabteil

June 30 2011

Social Media als Türöffner – wohin? Und für wen?

Begegnungen am runden ThemaTisch

«Die christlichen Kirchen wollen dort helfen, wo Menschen unterdrückt werden und Not, Armut und Ausgrenzung erleiden. Im Bewusstsein, dass gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen wesentliche Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben für alle sind, setzen sie sich für die notwendigen Veränderungen von Strukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein.»
Sozialwort des ökumenischen Rates der Kirchen

Was denken, was glauben Christinnen und Christen? Welche Themen bewegen sie? Was begeistert sie und was macht sie wütend? Die Katholische Aktion Oberösterreich entwickelt seit 2009 neue Kommunikationsräume im Social Web, sie zeigt und lebt, «Kirche 2.0 hat längst schon begonnen». Es sind engagierte Christ_innen, die am ThemaTisch bloggen, die einander auf Kirchen-Barcamps treffen, die für ihre Anliegen selbst Kampagnen organisieren – eine breite «Allianz für den freien Sonntag» etwa hat sich auf und über Facebook gebildet – und die twitternd Gespräche mit anderen über Gott und die Welt führen. Im Sinne dieser Kirche 2.0 ist Social Media ein Türöffner für neue Kommunikationsräume. Die vorrangige Frage darf nicht sein «Was kann das Internet für die Kirche tun?», sondern umgekehrt, «Was kann die Kirche für das Internet tun?». Dazu gibt es einige Erfahrungen zu teilen, die im Umfeld der katholischen Aktion im Einsatz der Social Media gemacht haben.

Fenster und Türen öffnen, Dialoge führen, Wandel zulassen

Das Fenster- und das Türöffnen steht der Kirche gut an, ebenso wie den Gewerkschaften und großen Nichtregierungsorganisationen (NGO). Es geht um Partizipation und darum, laufend an diesen Prozessen zu arbeiten. Die Organisation bestimmenden Strukturen sind in großen etablierten Institutionen nicht Partizipation ausgerichtet, weder dort noch da, auch wenn es dort wie da Ansätze in die Richtung gibt. In der Kirche sind das beispielsweise die Laienbewegung der Katholische Aktion mit gewählten ehrenamtlichen Vorsitzenden oder gewählte Pfarrgemeinderät_innen in jeder Gemeinde.

An der prinzipiellen Top-Down-Ausrichtung von Organisationen ändert auch eine Social Media Kampagne oder Facebook-Seite nicht viel. Aber sowohl Kirche als auch Gewerkschaft und viele große NGO’s sind nicht nur Organisationen, sondern auch soziale Bewegungen. Da prallen Welten aufeinander: bewegte und engagierte Menschen und deren Netzwerke, die Cloud online, die par excellance für eine plurale, multioptionale Gesellschaft steht und die großen Organisationen, deren interne Spielregeln lange vor dem Internet entstanden und um deren Bewahrung es leider oftmals mehr geht als um irgendetwas anderes. Die Organisation, die eher «die Asche behütet» als «das Feuer weitergibt».

Social Media rüttelt an den bewahrten Spielregeln, verwischt den Unterschied zwischen Konsument_innen und Produzent_innen. Social Media ist ein Versprechen auf Veränderung von Spielregeln, oder, wenn es beim simplen Online Engagement bleibt, eine Enttäuschung oder sogar Täuschung. Online Aktivitäten wirken schal, wenn sich die Organisationen nicht wandeln. Damit ist nicht gemeint, dass in Organisationen von einem Tag auf den anderen alles anders, alles usergeneriert sein muss, aber doch eine grundsätzliche Haltung, die so authentisch kommuniziert wird, spürbar wird: Ist die Organisation bereit mit der Veränderung anzufangen – oder soll eigentlich doch alles beim Alten blieben und nur das Marketing auf die Höhe der Zeit gehoben werden?

Volksblatt: Bereits 12 Pfarren in Oberösterreich nutzen FacebookSocial Media Workshops des ThemaTischBarcamp Kirche 2.0: Kirchen BarCamps gibt es sowohl in Deutschland als auch in Österreich.

KIRCHE 2.0 IST KEIN SLOGAN SONDERN SCHON REALITÄT
➊ Eine Schlagzeitung im Jahre 2010, «Bereits 12 Pfarren in Oberösterreich nutzen Facebook». Kein Jahr später stehen wir bei dreissig Pfarren, Tendenz steigend.
➋ Ein wichtiger Bestandteil der Social Media Strategie der katholischen Aktion in Oberösterreich und Bedingung für den Erfolg: Schulungsangebote und Workshops zum Austausch.
➌ Der Besuch des BarCamp Kirche 2.0 im Mai 2010 in Frankfurt am Main überzeugt mich, die Erfahrung ist «supersupersuperinteressant» und bewegt mich dazu, noch im gleichen Jahr in Linz ein Kirchen Barcamp zu initieren. Ein Jahr später geht es wieder in Deutschland und Österreich weiter.

Die Antwort der (katholischen) Kirche ist beim Blick auf die Grundsätze eigentlich klar. War es nicht Jesus Christus, der mit dem Empowerment gerade der damals Bedrängten und Ausgeschlossenen einfach angefangen hat? Wenn im epocheprägendem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) vom «Priestertum aller Getauften und Gefirmten» gesprochen wird, ist damit klar, dass es ChristInnen als Person sind, die das, was ihnen wichtig ist, was sie glauben und wofür sie sich einsetzen, weitertragen. Im Alltag, durch ein glaub-würdiges Leben. Und indem sie sich zusammenschließen und daran arbeiten die “Zeichen der Zeit” nicht nur zu erkennen, sondern auch entsprechend zu handeln. Die Veränderung der Kommunikationsstrukturen durch das Leitmedium Internet ist ohne Zweifel solch ein unübersehbares “Zeichen der Zeit” und schafft viele kreative Anknüpfungspunkte für engagierte ChristInnen.

Anfangen, Einlassen, Lernen: “Hearing to speech”

Mit dem 2009 gestarteten Internetkommunikationsprojekt «ThemaTisch» ist die Katholische Aktion Oberösterreich bewusst einen Schritt gegangen, diese “Zeichen der Zeit” wahrzunehmen und hat sich selbst damit auf einen Lernprozess eingelassen, der gerade in Oberösterreich weit über die KA hinaus, Wirkung zeigt. Nicht nur eine eigene Blog-Community wurde gestartet, sondern vor allem der Schritt in bestehende Netzwerke gegangen. Viele Christ_innen, darunter nicht wenige der über 100.000 Mitglieder der KA-Gliederungen, haben sich ein Profil bei Facebook zugelegt und reden mit im Klatsch- und Tratsch-Netzwerk, erzählen aber auch immer wieder ihren “Friends”, was ihnen wichtig ist, wofür sie sich engagieren und warum sie das tun. Manche twittern auch oder haben sich ein eigenes Blog zugelegt.

Früher standen die Menschen am Sonntag nach der Kirche am Dorfplatz zusammen und tauschten aus, was gerade interessant war (und manche tun das heute auch noch) – heute tun sie das über Facebook – und wieder sind Christ_innen mittendrin. Jesus hat nur Face-to-Face kommuniziert, aber schon die ersten Zeug_innen haben angefangen, Briefe zu schreiben, weil Gemeinden einfach zu weit weg waren, um sich zu treffen. Aber Online-Aktive tun vor allem eines: Sie hören zu, sie lesen mit, was andere posten, twittern, verlinken. Sie nehmen wahr, was Anderen wichtig ist und wo vielleicht gerade der Schuh drückt. Diejenigen, die gestern damit angefangen haben und heute noch damit anfangen, Blogs zu führen und WatchBlogs aufzubauen, die erste Social Media Anker setzen und zur Vernetzung Kanäle eröffnen, das sind oft nicht die Entscheidungsträger_innen in diesen und jenen Bereichen einer Organisation. Doch gerade unsere Entscheidungsträger_innen müssen das Zuhören lernen, offline wie online. Zuhören ist der erste Schritt zur Partizipation.

Die Schutzbefohlenen der Santa Precaria

Eliza Boltanski (*1871 in Bellinzona, Schweiz, † 1923 in Puebla, Mexiko) bekannt auch als Precaria Chiapello und in den 1910er Jahren als der «Engel vom Nordbahnhof» in Wien, sie ist die kaum bekannte Schutzheilige der Prekarisierten und obwohl das Prekariat immer zahlreicher wird und weitere Bevölkerungsgruppen erfasst, so ist ihr doch nur ein Schrein in der als virtuell verschrienen Welt des Internet gewidmet. Ihr Tag ist der 29. Februar, jener prekärste aller Jahrestage, kommt er im Kalender doch nur alle Schaltjahre vor. 2004 wurde in Mailand das erste Mal der Heilige San Precario gesichtet und von gemeinsamen Prozessionen von Pfleger_innen, Angestellten der Supermarktketten, Scheinselbstständigen der Kreativbranche, Pensonist_innen und Praktikant_innen angerufen, betend und bittend um Krankenversicherung, bezahlte Praktika, Kündigungsschutz, eigene Pensionen oder einfach nur einen Mindestlohn. Im Vorfeld des vierjährigen Jubiläums zum 29. Februar 2008 finden sich in Österreich «Freundinnen und Freunde der Santa Precaria» aus gewerkschaftlichen und kirchlichen Organisationen mit NGO’s wie Attac, Arbeitslosenintiativen und der Generation Praktikum zusammen, um in mehreren österreichischen Städten einen würdigen Namens- und Aktionstag für die Heilige Santa Precaria auszurichten.

Als Website für den Aktionstag wird ein Blog eingerichtet. Im Vordergrund stehen nicht die Organisationen, Presseaussendungen und Aktionen sondern die “Schutzbefohlenen” und die laufende Dokumentation aller Nachrichten zum Thema Prekarisierung. Ebenso wie zwei Jahre später im Fall der Facebook-Seite zum arbeitsfreien Sonntag wird hier das Blog über den Aktionszeitraum hinweg weiter geführt. Wieder sind es verschiedene Personen, die sich zuerst über das Blog online kennen lernen und die als Autor_innen immer wieder Fundstücke, Berichte, Veranstaltungshinweise oder ähnliches auf das Blog stellen. Das Blog, der Schrein der heiligen Santa Precaria, gewinnt mit der Zeit Abonnent_innen, auf Facebook noch einmal das zehnfache an Fans und bildet so eine Brücke zwischen den Namentagen. So besteht kaum ein Zweifel, dass die Feierlichkeiten und Aktionen zum 29. Februar 2012 deutlich prachtvoller, größer und weiter verbreitet ausfallen werden als 2008.

«Hearing to Speech», das heißt offenes und interessiertes Hören als Ermächtigung zum Sprechen und als Grundprinzip jeder (radikal-)demokratischen Ausrichtung, als Prozess gegenseitiger Ermächtigung, als Voraussetzung für kollektive Emanzipationsprozesse. Diese Emanzipationsprozesse, – hier im Buch werden viele angesprochen, beschrieben, dokumentiert von der Einzelperson in extremer Stresssituation und Überwachung bis hin zu Aktivist_innen für Indymedia und den für Würde, soziale Gerechtigkeit und Freiheit in Tunesien, Ägypten und Wisconsin kämpfenden Menschen, – diese Prozesse laufen nie planvoll geordnet, nie detailreich organisiert ab, sondern vielleicht auch mal chaotisch, mal widersprüchlich. Und sie beinhalten das Potential, vieles, vielleicht alles, in Frage zu stellen.

Die “Zentrale” kann unterstützen, aber nicht alles machen

Eine Organisation muss Basisfunktionalität von Social Media zur Kenntnis nehmen und sich bewusst machen, dass soziale Netzwerke und anderen Online-Kanäle nicht zentral gesteuert funktionieren. Das ist ein Stück Kontrollverlust – oder auch wieder nicht, denn was Menschen irgendwo in einer Runde miteinander gesprochen haben, konnte noch nie zentral kontrolliert und gesteuert werden. Das ist auch gut so! Denn wirklich glaub-würdige Botschaften wurden schon immer im Beziehungsgewebe vermittelt und nicht in Marketings-Büros entwickelt. Nicht umsonst hat “Mundpropaganda” schon immer besser gewirkt als Werbung. Diese Kommunikationsprozesse verlagern sich nun auch in soziale Netzwerke. “Zentralen” – und als solche sei hier die Katholische Aktion als Dachverband der “Laienverbände“ der katholischen Kirche mit ihren 100.000 Mitgliedern in Oberösterreich verstanden – können unterstützen, Prozesse beschleunigen, inhaltliche Impulse geben, aber nie das machen, worauf es wirklich ankommt im Leben und in Facebook & Co: in Beziehung kommunizieren.

Social Media kann in der Kirche nur als Bottum-up-Bewegung verstanden werden und es ist zu mutmaßen, dass das gilt genauso für andere große Organisationen und Institutionen. Den Zentralen ist darum eine gewisse “Bescheidenheit” in der Entwicklung von Social Media Strategien zu raten, aber durchaus auch Kreativität. Es gibt schließlich virale Effekte, die durchaus Einfluss haben können auf die Kommunikation im Beziehungsgefüge. Schneeballeffekte können mächtig werden, das bekannteste Beispiel dafür ist wohl #unibrennt. Ein Beispiel, von ThemaTisch auf Facebook initiiert, ist die über die Facebook-Seite «Arbeitsfreier Sonntag» eingerichtete Veranstaltung «Ich nicht! Einkaufen am 8. Dezember», bei der nicht nur mehr als 16.000 Menschen via Facebook ausdrückten, dass sie am Feiertag im Dezember 2010 nicht einkaufen gehen werden, sondern mit der Veranstaltungszusage auch gleichzeitig ihre Kontakte auf Facebook darüber informiert haben.

Mehr als 2,5 Millionen Menschen allein in Österreich nutzen Facebook. Damit ist diese Plattform – bei aller notwendigen Kritik am nicht vertrauenswürdigen Umgang des Unternehmens Facebook mit persönlichen Daten – in der Entwicklung einer Social Media Strategie nicht mehr wegzudenken. Für die katholische Kirche heißt das in der Entwicklung von Internetkommunikationsstrategien primär genau darauf zu setzen und dort hin zu gehen, wo die Menschen aktiv und wo die sozialen Netzwerke lebendig sind. Dabei ist das hilfreich, wofür auch die Katholische Aktion als Zusammenschluss engagierter Christ_innen steht: Aktive, verantwortliche Beteiligung und selbstbestimmte Menschen, die über ihren Glauben und ihr sozialen Engagement kommunizieren und damit davon Zeugnis geben. Nur dann, wenn Menschen ernst genommen werden, nicht wie gerade im Marketing-Jargon großer NGOs als Kund_innen, sondern als entscheidende Mitgestalter_innen der Organisation, gelingt es, diese Haltung auch zu vermitteln. Darum hat die Katholische Aktion Oberösterreich gemeinsam mit dem Kommunikationsbüro der Diözese Linz im November 2010 auch zu einem Barcamp zum Thema Kirche und Social Media eingeladen. Das war so spannend, dass diese Veranstaltung ein Jahr später wiederholt wird. Daneben bietet die KA in vielfältiger Weise Unterstützung und Information unter dem Stichwort Kirche 2.0 an, auch Beratung und viele Weiterbildungen.

Social Media allein sind noch nicht Partizipation

Social Media können, wenn sie klug eingesetzt werden, zu Demokratisierung von NGOs einen Beitrag leisten. Sie können notwendige Prozesse beschleunigen. Das stimmt, aber nicht ohne “aber” und das gleich zweimal: Facebook, Twitter & Co. haben nicht das Ziel, die Welt demokratischer und gerechter zu machen, sondern sind kapitalistische Unternehmen und ticken im Zweifelsfall auch so. Und: Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dürfen wir – auf Österreich bezogen gesprochen – die 17% Menschen, die keinen Internetzugang haben oder die 57% Menschen, die keine Social Media Communities nutzen, nicht übersehen, sondern vielmehr müssen wir unsere Organisations-Prozesse so gestalten, dass vielleicht genau dort das Zuhören anfängt.

Wen erreichen wir via Social Media? Antworten, die schlicht Altersgruppen differenzieren oder in Prozent von Bevölkerung rechnen, verhelfen hier nicht zu einem fundierten Verständnis. Auch die bekannte Segmentierung der Bevölkerung nach soziodemografischen Merkmalen und sozialen Schichten reicht nicht mehr aus, um Dialoggruppen wirklich wahrzunehmen. Die soziale Lage allein – so wichtig diese Frage noch immer ist – erklärt nicht alles, Lebensstile und Wertorientierungen sind differenzierter. Social Media nutzende beziehungsweise für Social Media empfängliche Menschen, das sind nach dem Befund der sogenannten Sinusstudien die Typen “Moderne Performer”, “Experimentalisten”, “Hedonisten” und vielleicht noch “Postmaterielle“. Diese Studien zeigen, dass gerade jene postmodernen Lebensstil-Milieus im Social Web überdurchschnittlich aktiv sind und diese eine große Distanz zur Kirche, aber auch anderen Institutionen sowie Parteien haben. Projektorientierung und Multioptionalität kennzeichnen diese Milieus. Gelingt die Kommunikation in Facebook & Co, vor allem vermittelt über die Beziehung Einzelner, kann es die Kirche schaffen, auch mit Menschen in Kontakt zu kommen, die wenig oder gar nichts mit ihr zu tun haben. Dieser Kontakt ist ein positiver Effekt. Aber nicht genug.

Immer wieder kommt es zu Erscheinungen des Heiligen der ChainWorkers, des San Precario, oftmals in großen Supermärkten.Christopolis - Ein Blog als Sozialwort-Magazin der Katholischen Aktion Wien«72 Stunden ohne Kompromiss» bedeutet ehrenamtliche Arbeit von über 5.000 Jugendlichen in 400 Projekten.

SOZIALE ANLIEGEN HABEN ÜBERALL IHREN RAUM
➊ Die Erscheinungen des San Precario, wie etwa das «Miracolo a Milano», die Aktionen von den ChainWorkers in Italien, der organisierten in Handelsketten Arbeitenden, waren die Inspiration für die Anrufung der Santa Precaria in Österreich. Für den ersten Aktionstag bildete sich eine breite Allianz aus NGOs und kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen.
➋ Das Blog «Christopolis», das Sozialwort-Magazin der Katholischen Aktion Wien in Kooperation mit der Katholischen Sozialakademie, stellt Sozialpolitisches zur Diskussion.
➌ «72 Stunden ohne Kompromiss» ist Österreichs größte Jugendsozialaktion, mit über 5.000 Jugendlichen in 400 Projekten, die ehrenamtliche Arbeit leisten. Via Facebook war die Entwicklung der Projekte von der Entwicklung bis zu Nachbereitung mitzuverfolgen, eine Landkarte machte die Fülle sichtbar, auf YouTube wurden die Aktionen dokumentiert.

Social Media ist kein Selbstzweck

So breit die sozialen und sozialpolitischen Aktivitäten der Kirche auch sind, so klein sind noch die Pflänzchen, die diese Perspektive in Social Media sichtbar machen. Die meisten, die sich mit diesem Themen beschäftigen, sind da noch Einsteiger_innen, Lernende. Sie können auf einen reichen Erfahrungsschatz der Kirche als Parteinehmerin für die Ausgrenzten zurückgreifen und diese Aktivitäten auch im Netz leben. Das wird – auch wenn dabei keine überzogenene Erwartungen an Demokratie und Partizipation angesagt sind – uns alle verändern. So können sich Christ_innen sich etwa bemühen, die Perspektive von Armen und Ausgegrenzten bewusst in Social Media einzubringen, zum Beispiel durch das Ansprechen der Lebenssituation dieser Menschen. Dass dabei nicht nur die Sicht der HelferInnen, sondern vor allem auch die Sicht der Betroffenen zu Wort kommen muss, ist durch den Wandel der sozialen Arbeit hin zu Partizipation und Ressourcenorientierung außer Frage gestellt. In diesem Prozess werden sich soziale Dienstleitungsorganisationen mit der Zeit sicherlich radikal verändern.

Durch den “Digital Divide” wird es, selbst wenn gesellschaftlich bewusst damit umgegangen wird, neue Verlierer_innen geben. Jene, die in der rasanten Entwicklung nicht mitkommen oder jene, die gerade in weltweiter Perspektive keinen Zugang zu neuen Technologien haben. Auch hier kann Kirche, weil sie über ein dezentrales Netz von Engagierten verfügt, Vorreiterin sein, der Digitalen Kluft entgegen zu wirken und beispielsweise neue Kooperationen der Generationen zwischen Digital Natives und Älteren anregen und begleiten. Im Herbst 2011 startet ein Projekt der Katholischen Frauenbewegung OÖ, dass sich mit mit der Digital Literacy von Frauen 50+ beschäftigt, jener Gruppe, die am wenigsten online vertreten ist. Das alles setzt Kompetenzaufbau in der Organisation Kirche zu diesem Thema voraus, was dann auch dazu führen könnte, dass sich Kirche sachgerecht in Debatten zum Beispiel um Netzneutralität beteiligt.

Die Kampagne zum Arbeitsfreien Sonntag

2006 schlossen sich Kirchenorganisationen, Gewerkschaften und NGOs in Deutschland und in Österreich jeweils zu einer «Allianz für den freien Sonntag» zusammen, um sich gemeinsam für den Erhalt dieser nicht-ökonomisierten Zeit für alle stark zu machen, mittlerweile gibt es diese Allianz auch auf Europaebene. Im Herbst 2009 haben hat sich die Katholischen Aktion OÖ daran gemacht, eine Facebook-Seite für den arbeitsfreien Sonntag einzurichten. Motiv dabei war, über dieses für die Katholische Aktion wichtige Thema Menschen zu erreichen und sie zum Beispiel dazu einzuladen, beim «Kauf-Nix-Tag» am 8. Dezember mitzumachen. Dieser Aktionstag wird unter anderem von der Katholischen Arbeitnehmer_innen Bewegung (KAB) vorangetrieben. Die Facebook-Seite für den arbeitsfreien Sonntag hat sich bald zum Selbstläufer entwickelt und zu einem saisonunabhängigen Forum, auf dem das ganze Jahr über Beiträge und Kommentare gepostet werden. Inhaltlich befasst sich die Seite nicht nur mit aktuellen Informationen aus der politisch arbeitenden Allianz, sondern agiert auch stark auf der Gefühlsebene. Da passt an einem heißen Sommertag ein «Danke» an die arbeitenden Bademeister_innen und Buffetmitarbeiter_innen in Bädern und an Seen genauso wie ausgewählte Statements zum Sonntag.

Die Moderationsarbeit teilen sich mehrere Co-Administrator_innen. Es sind die Menschen, die sich online kennen gelernt haben, die diese Seite tragen. Sie haben das Commitment ihrer Vorgesetzten und ihrer Organisationen das zu machen, was sie machen. So genau wurde da auch gar nicht mal nachgefragt, es ist einfach passiert. Die flache Hierachie der Moderator_innen der Seite macht die Sache auch so einfach und erfolgreich: Es gibt keine Organisationsnotwendigkeiten und es ist möglich, spontan zu reagieren – eine Grundvoraussetzung – neben der Bereitschaft zuzuhören –, um erfolgreich in Social Media zu agieren.

Der Kirche, der Katholischen Aktion, ist es mit dieser Seite zum «Arbeitsfreien Sonntag» gelungen, in Facebook ein Thema zu besetzen, dass durchaus polarisiert («Ich will aber am Sonntag einkaufen, muss ja auch selbst am Sonntag arbeiten»), aber fernab der medial heiß diskutierten Problemfelder und Konflikte der katholischen Amtskirche steht. Über die Facebook-Seite mit gut dreieinhalb tausen “Fans” ist das Eröffnen eines positiven Kommunikationsraumes möglich. Und es werden Vorarbeiten geleistet, die das Kampagnen-Thema schließlich auch auf die Bühne der etablierten Massenmedien heben, was mit 16.000 TeilnehmerInnen bei der Nicht-Einkaufen-Veranstaltung am 8. Dezember 2010 auch gelungen ist.

Zusammenfassung

Organisationen sind im Zeitalter des Social Web noch mehr lernende Organisationen. Spezifische Social Media Projekte können solche einen Lernprozess für eine gesamte Organisation in Richtung Öffnung und Partizipation anstoßen, ersetzen aber keine notwendigen Organisationsentwicklungsprozesse. Beteiligungsangebote müssen ernst gemeint sein, wenn Ehrenamtliche und Aktivist_innen zu Multiplikator_innen werden sollen. Facebook-Seiten dienen zum Aufbau einer Community, sind eine Dialog-Plattform und sollten nicht als weiterer PR-Kanal missverstanden werden. Die Qualität einer Facebook-Seite misst sich nicht an der Zahl der Kontakte (der Fans), sondern an der Quantität und Qualität der Interaktion, die dort passiert oder von dort angeregt an anderen Stellen Impluse setzt für Kommunikation, Vernetzung und Mobilisierung. Eine für alle Beteiligten und Interessierten sinnvolle Facebook-Seite, das ist nicht immer einfach hinzubekommen. Nur wer sich ein Stück weit auf die Grammatik der Kommunikation im Social Web einlässt, wird dort authentisch und passend kommunizieren. Dabei kann und soll die Seite auch aktiv mit anderen Web-Aktivitäten der Organisation vernetzt werden.

Als Tipps und Tricks gibt es hier eine Checkliste für eine Facebook-Seite “mit Potential”. ;-)

  • Hast du ein aussagekräftiges Profilbild mit Wiedererkennungswert? Ist es so gewählt, dass der Ausschitt für das Miniaturbild passt? Das wird am öftesten gesehen.
  • Sind die Info-Reiter ausgefüllt, übersichtlich und auch wirklich informativ. Hol dir Feedback, wie diese Informationen bei anderen ankommen, was für dich selbstverständlich ist, ist für andere zu viel oder zu wenig.
  • Die Startseite kann und sollte für Neuankömmlinge konfiguriert werden, du willst sie als Fans gewinnen.
  • Biete einen Medienmix. Stell Fragen und bitte nicht laufend nur solche Fragen, ob die “Fans” auch zu den Veranstaltungen kommen. Bilder, Video und kommentierte interessante Links werden am meisten geteilt. Fragen bekommen am ehesten Kommentare. Trau dich, auch kontroversielle Themen anzusprechen.
  • Setz dich mit deiner Zielgruppe auseinander. Was weißt du über eure Fans? Wie ticken die? Welche Sprache verwenden sie?
  • Bewirb die Facebook-Seite auf anderen Kanälen (und hol dir dazu eine “Vanity Url“): der Website, im Blog, via Twitter, im Newsletter und deiner E-Mail-Signatur. Und mach die anderen Kanäle auf der Facebook-Seite transparent, binde deinen YouTube-Kanal ein, die Fotos von flickr, deine Blog-Feeds. Hast du eine interaktive, dynamische Like-Box auf der Website oder im Blog?
  • Überflüssige Reiter ohne Information machen alles unübersichtlich und unaufgeräumt. Entfernen.
  • Kein Kontrollwahn, bilde dir nicht ein, nur du kannst Administrator_in sein. Verteilt die Admin-Rechte und -aufgaben auf mehrere Personen. Binde aktive Fans als Administrator_innen ein.
  • Wirf nicht mit Einladungen zur Seite um dich, wenn dort noch nichts passiert. Fang mit einer Startphase an, poste Inhalte auf die Pinnwand, entwickle den Stil der Seite und geh dann mit Einladungen an andere heran.
  • Die Welt dreht sich nicht um Dich! Poste nicht nur eigene Inhalte auf die Pinnwand der Seite, sondern noch mehr interessante Inhalte anderer.
  • Ein privates Profil ist ein privates Profil für eine Person und keine geeignete Form der Präsenz von Organisationen, Kampagnen oder Themen auf Facebook! Falls Du sowas trotzdem hast, stelle möglichst rasch auf eine Seite um!
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May 26 2011

fluegel.tv

Als uns in Stuttgart ein taktisches Medium passiert ist

«Taktische Medien sind nie perfekt, sie sind immer involviert, agieren konkret und pragmatisch, und das unterscheidet sie wie sonst kaum etwas von etablierten Medien.»
Das ABC der Taktischen Medien

Der Widerstand gegen S21 verändert Stuttgart unumkehrbar. Das wird bleiben. Ob S21 nun jemals fertig gebaut werden wird oder nicht. Wir sind selbst Teil dieser Veränderungen geworden. Angefangen hat das Anfang August 2010 mit der spontanen Eingebung von Robert, seine Büro-Webcam in das Fenster zu stellen und in die Richtung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu drehen. Die Webcam beginnt das heftig umstrittene Geschehen vor Ort zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Webcam blickt auf den Nordflügel des Bahnhofs, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Bauzaun versehen wird. Dieser Nordflügel soll heftigsten Bürgerprotesten zum Trotz abgerissen werden. An seiner Stelle will die Deutsche Bahn das lang geplante und ebenso lange umstrittenen Bahnprojekt «Stuttgart 21» (S21) realisieren: ein prestigeträchtiger unterirdischer Eisenbahnknoten mitten in Stuttgart.

Das Interesse an den Live-Bildern ist enorm: Zu Spitzenzeiten schalten sich bis zu 500.000 Zuseher aus sämtlichen Regionen der Erde zu, darunter viele Exil-Stuttgarter. Der Internet-Sender «fluegel.tv» ist geboren – und wächst rasch zu einem Sprachrohr der zivilen Protestbewegung gegen Stuttgart 21. In den Büroräumlichkeiten von Robert Schrems Multi-Media-Agentur gehen in den folgenden Monaten rund 20 Mitwirkende aus und ein, die alle zusammen das engagierte ehrenamtliche Projekt am Leben erhalten.

Enstehung eines Fernseh-Senders by accident

Die erste Kamera, die Robert im Fenster 43 Metern Luftlinie gegenüber dem Nordflügel installiert, ist eine Foto-Webcam. In kurzen Zeitabständen aktualisiert sie das Bild der Szenerie, sichtbar auf einer eigens eingerichteten ersten Website. Am 5. August 2010 veröffentlicht Robert die Webadresse mit dem Eintrag «Webcam auf den Nordflügel: www.schrem.eu/webcam» auf einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Stuttgarter Protestbewegung, dem Parkschützerforum. Gleich in den ersten Tagen geht der Server aufgrund der hohen Zugriffszahlen in die Knie. Das “Nordflügel-TV” wird auf die Server von ustream.tv übersiedelt, einer Web 2.0 Plattform, über die schon ein dreiviertel Jahr früher viele unibrennt Live-Streams gelaufen sind. Die Foto-Webcam wird gegen zwei Live-Stream Kameras ausgetauscht, die von da an das Geschehen ununterbrochen per Videostream mitverfolgbar machen. Diesen Entwicklungen folgt bald eine eigens neu gestaltete Website, seither unter der Adresse fluegel.tv zu finden.

Das Team von fluegel.tv filmt und streamt eine der unzähligen KundgebungenMit dem Bollerwagen am Schwarzen Donnerstag immer auf Sendung.Das Talk-Format «Auf den Sack» bei fluegel.tv mit Aktivisten der Parkschützer.

DOKUMENTATION DES GESCHEHENS UND DISKUSSION DER HINTERGRÜNDE
➊ Das Team bei einer Kundgebung. Es wird nicht nur live gestreamt sondern auch aufgezeichnet. Alles ist nachzusehen, auf der Website oder auch im vimeo-Kanal von fluegel.tv.
➋ Eine wichtige Rolle spielt der Bollerwagen. Der auch im Parkgelände sehr mobile Ü-Wagen war am schwarzen Donnerstag mit uns die ganze Zeit im Einsatz.
➌ Das Talk-Format «Auf den Sack» bringt verdichtete Debatte, Hintergrundinformationen, die Perspektiven der verschiedenen Akteure, aber auch Analyse von Beobachter_innen.

Als sich die Gerüchte mehren, dass mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel jeden Tag zu rechnen ist, steigen nicht nur die Zugriffszahlen des Livestreams an, auch die Anzahl laufend auf dem Gelände vor dem Nordflügel ausharrender, wachsamer Bürger_innen nimmt ständig zu. Bei einem zufälligen Treffen im Zuge einer Demo entsteht die Idee, neben dem Live-Stream noch etwas mehr für die Dokumentation der Geschehnisse in Stuttgart zu machen. Wir, Robert und Putte, kannten uns bereits ein wenig von früher. Jetzt sagten wir, «komm, wir drehen die Webcam um und laden Gäste zum Interview ein».

Die Idee zu «fluegel.tv» als Sendungsformat mit Interviews, Live-Berichterstattung und Studiodiskussionen nimmt Gestalt an. Putte, der sich als Moderator anbietet, war bereits Mitbegründer der Initiative «Unsere Stadt – Stuttgart gestalten!». So wie viele andere waren wir in diesen Tagen an der aktiv gelebten Demokratie interessiert, die sich da quer durch die Stadt Raum zu nehmen begann. Und wir waren mit vielen anderen enttäuscht über die verhältnismäßig einseitige Berichterstattung der etablierten Massenmedien: «Weil das Fernsehen überwiegend so enttäuscht, machen wir jetzt halt unseren eigenen Fernsehsender auf: Flügel TV. Der einzige Sender der Welt, der 24h am Tag nur über S21 berichtet.» Dem ersten Aufruf im Parkschützerforum mit der Aufforderung «Wer hat Lust mitzumachen? Wir brauchen Redakteure, Kameraleute, Regie…» schließen sich Medienschaffende aus der Stadt und dem weiteren Umfeld spontan an, das Projekt mit hochwertigem Equipment und ehrenamtlichen Engagement unterstützend. Binnen kürzester Zeit wird eine geradezu professionelle Infrastruktur auf die Beine gestellt, alles in kollaborativer Selbstorganisation. Ein Studio für Talkrunden wird eingerichtet und fluegel.tv bekommt einen Übertragungswagen.

Der “Auf den Sack” – Talk

Am 4. September 2010 findet die erste Talkrunde im Studio von fluegel.tv statt. Während die «live: webcam nord» am Fenster weiter auf den Nordflügel gerichtet bleibt, wird aus dem Raum schon zur ersten Sendung ein kleines professionelles TV-Studio. Eine Sitzecke mit gespendeten, modischen bunten Sitzsäcken wird eingerichtet. Die ersten Gäste der Diskussionsreihe «Auf den Sack» sind der bekannte Schauspieler und bekennende S21-Gegner Walter Sittler und Hannes Rockenbauch, der als früher Besetzer des Nordflügels einige Bekanntheit erlangt hat. Für die Sendung arbeitet ein frisch zusammengewürfeltes Team. Ein Unterstützer kommt etwa mit Licht und Kamera angereist. Hinter den zwei Kameras haben Profis Stellung bezogen. Die Ausstattung der ersten Sendung umfasst auch schon eine Tonabteilung samt digitalem Tonmischpult. Das gesamte Team zählt bereits mit dem ersten Sendungsdurchlauf sieben Personen. Der Zuspruch zu dieser Premiere ist so groß und positiv, dass all diese Beteiligten, die sich zu diesem Zeitpunkt untereinander noch nicht wirklich kennen, unbedingt weiter machen wollen.

Im Herbst entstehen auf diese Art und Weise sieben «Auf den Sack» Sendungen, immer zum Thema Stuttgart 21, und immer unter dem Vorzeichen, die offene Diskussionen mit inhaltlicher Tiefe, ohne Polemik und ungehetzt zu ermöglichen. Die Sendungsdauer wird vorab nie zeitlich begrenzt, die Aufzeichnung wird nicht geschnitten und es kommen Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen des Bahnprojekts zu Wort. Um das übliche Talkshow-Gezetere zu vermeiden, vermied man das Aufeinandertreffen beider Lager.

Stuttgart 21 – ein Bahnhof zwischen Stadtentwicklung und Megaloprojekt

1994 werden der Öffentlichkeit erstmals Pläne vorgestellt, die oberirdische Kopfbahnhofanlage des Stuttgarter Bahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Von Anfang an ist das Prestige-Projekt aus zahlreichen Gründen umstritten. Kritisiert werden etwa die hohen zu veranschlagenden Kosten für einen Umbau, die in kaum sinnvoll argumentierbarem Verhältnis zum Nutzen stehen würden; Kosten, die zu größten Teilen von den Steuerzahler_innen zu tragen sind. Diskutiert werden auch die umweltbelastenden Faktoren, die Zerstörungen in einem funktionierenden Herzstück der Stadt, des 600 Jahre alten Stuttgarter Schlossgarten. Einig sind sich Gegner_innen wie Befürworter_innen nur in dem Punkt, dass der alte Bahnhof einer Modernisierung bedarf. Die Form, in der die Modernisierung erfolgen soll, wird nie zur öffentlichen Debatte mit offenen Ausgang der Entscheidungsfindung gestellt. Stattdessen werden die Pläne zum Bau ohne Zulassen jeglicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben. 2007 wird die Initiative für ein Bürgerbegehren trotz mehr als 60.000 Unterschriften für unzulässig erklärt. «Ausgetrickst und abgekanzelt» werden die Bürger_innen, befindet «Die Zeit» in einer Reportage. Von November 2009 an gehen bei den Montagsdemos regelmäßig Tausende auf die Straße, um gegen die Pläne für einen Bahnhofsneubau unter der Erde zu protestieren.

Als die Bauarbeiten im Sommer 2010 ohne Berücksichtigung der zahlreichen Gegenstimmen begonnen werden, finden sich zehntausende Menschen zu regelmäßigen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort ein, um ihren Park, ihre Bäume und ihren Bahnhof zu schützen. Am 30. September 2010 wird mit heftiger Polizeigewalt und Wasserwerfern gegen eine angemeldete Demonstrantion von Schüler_innen und viele weitere Demonstrierende vorgegangen, die das Fällen von Bäumen verhindern wollen. Das Vorgehen der Verantwortlichen an diesem Tag erlangt schnell traurige Berühmtheit. Die Bilder bürgerkriegsähnlicher Szenen verbreiten sich medial und im Netz wie ein Lauffeuer – und lösen eine breite Welle der Empörung aus. Unter dem Chiffre und Hashtag #S21 verbreitet sich die Kunde vom Großbauprojekt der Deutschen Bahn und dem breiten Widerstand dagegen nicht nur auf Twitter weltweit.

Fluegel.tv entsprang anfänglich nicht dem Anspruch und hatte nicht das strategische Konzept, ein alternatives Medienprojekt in Opposition zu Mainstream-Medien sein zu wollen. Das Projekt ist aufgrund der Umstände und Geschehnisse in Stuttgart entstanden und nicht mehr als die Antwort auf eine konkrete Situation zu einem konkreten Zeitpunkt. Dementsprechend unsystematisch stellen sich die gesendeten Formate dar. Bis auf wenige Ausnahmen wird spontan entschieden, was gemacht wird. Die rund 20 Aktiven organisieren sich basisdemokratisch und meist über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler. Jeder kann Vorschläge einbringen oder Einspruch erheben. Nicht gehört wird nur, wer schweigt. Entschieden wird auf diese Weise: was gemacht wird, wer Zeit hat und wer gerade welche Position übernehmen kann. Sind die Fragen rund um Projektleitung, Kamera, Ton, Moderation oder andere Notwendigkeiten geklärt, wird auch schon umgesetzt. Während sich öffentlich rechtliche und private Sender an Sendezeiten zu halten haben, bleiben bei fluegel.tv Sendungen ungeschnitten und oft auch auch unkommentiert. Unsere Idee hinter dieser Praxis ist, der demokratischen, selbstverantwortlichen Entscheidungsfindung Material und Unterstützung zu geben.

Spezialanfertigung fluegel.tv-Übertragungswagen

Eine wesentliche Erweiterung unseres Aktionsradius erfolgt durch die Einrichtung einer mobilen Sendungseinheit, unseres verehrten Boller-Ü-Wagens. Zu diesem Zweck wurde ein klassischer Leiterwagen mit Autobatterien, Laptop, Funkantenne und Kamera bestückt – und direkt an den jeweiligen Schauplatz gefahren. Damit haben wir die Möglichkeit, Aktionen und Kundgebungen direkt vor Ort zu begleiten, Interviews auf der Straße zu machen und parallel live zu streamen. Beim ersten Boller-Ü-Wagen-Ausflug zu einer der wöchentlichen Samstagsdemos haben uns die installierten UMTS Richtfunkantennen noch deutlich auf ihre technischen Grenzen hingewiesen. Aber auch dieses Problem war Dank des kollaborativen Geistes, der dieser Tage in Stuttgart herrscht, bald gelöst. Ein S21-Demonstrant und Funkstreckenexperte hatte unsere mobile Übertragungseinheit und unsere technischen Schwierigkeiten beim ersten Einsatz bemerkt. Was macht er? Er meldet sich kurzerhand per E-Mail, bietet seine Hilfe an mit seiner Unterstützung bekommen wir eine Funkstrecke hin. Die anfänglichen Übertragungsprobleme hat fluegel.tv ab diesem Zeitpunkt minimiert.

Im September 2009 liefert fluegel.tv stundenlange Übertragungen direkt aus dem Stuttgarter Schlosspark und der Bahnhofsgegend. Die Frequenz der Demonstrationen und die Anzahl der Demonstrant_innen nehmen zu, auch das Echo im Web und in den Massenmedien explodiert. Stuttgart 21 wird zu einem medialen Großereignis. Über das Internet verfolgen tausende Menschen, was sich auf der Kundgebungsbühne tut. Wir begleiten die Demonstrationen und versuchen, mit dem fluegel.tv-Stream einen möglichst umfassenden Eindruck der Szenerie und der Vorgänge zu einzufangen. Zwischendurch interviewen wir, wen wir treffen, “Open Mike” für alle, die etwas zu sagen haben. Essen und Getränke erhalten wir auf unseren stundenlangen Streifzügen von wohlgesonnenen Passant_innen.

Am 30. September 2010 sind Hundertschaften der Polizei aus der ganzen Republik rund um den Schloßgarten zusammen gezogen. Am Vormittag gibt es noch eine genehmigte Demonstration von Schüler_innen. Es kommt zu dem berühmt-berüchtigten Polizeieinsatz, der schon untertags zu der bekannt schockierenden Eskalation führt. Wir sind an diesem Tag ganze 18 Stunden durchgehend live auf Sendung, als die ersten der jahrhundertealten Bäume gefällt werden. Mehrere Zehntausend sind per Live-Stream zugeschalten. Der «Schwarze Donnerstag» dauert bis 5 Uhr morgens und fesselte bis ganz zuletzt immer noch 400 Zuseher, die das Geschehen per Livestream bis ins Morgengrauen mitverfolgten.

Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist fluegel.tv bereits bei nahezu allen großen Medien Deutschlands als Informations- und Bilderlieferant rund um die zivile Widerstandsbewegung S21 etabliert und lange nicht mehr nur auf die regelmäßigen Zuseher_innen aus der regionalen Zivilgesellschaft beschränkt. Während der heißen Phase im Herbst kommt es laufend zu An- und Nachfragen von Journalisten aus dem Bereich der Print-Medien wie TAZ und Tagesspiegel, aber auch von TV-Sendern wie beispielsweise 3Sat, Phoenix, ZDF oder dem SWR, der zeitweise die fluegel.tv-Webcam sogar live auf seiner Website einband. Das aufgezeichnete Video-Material der allerersten Stunden wird auf Nachfrage für viele Sender kostenlos freigegeben und von RTL bis N24 ohne Logo verwendet. Die wohl ungewöhnlichste Anfrage, die je stattgefunden hat, kam von der Kriminalpolizei. Bei einer Demo hatte es einen Unfall gegeben und so wurde angefragt, ob wir davon zufälligerweise Aufzeichnungen hätten. Die Bilder dieses Tages sind wir gemeinsam durchgegangen und konnten tatsächlich Aufnahmen von der Unfallstelle entdecken.

Die Dokumentation der Schlichtungsgespräche

Im Oktober nach dem schwarzen Donnerstag werden “Schlichtungsgesprächen” zwischen den Gegner_innen und Befürworter_innen des Bahnhofprojekts unter der Leitung des Ex-CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler ausverhandelt. Fluegel.tv erhält die Zusage, die sechs Schlichtungsrunden ab dem 22. Oktober live übertragen zu können. Als drei Tage vor dem Termin die Zusage zurückgezogen wird und nur der Südwestrundfunk (SWR) und PHOENIX zugelassen werden sollen, kommt es zu einem Aufstand der «Parkschützer». Unter anderem wird die Protestmeldung auf parkschuetzer.de innerhalb weniger Stunden knapp 500 Mal kommentiert, mit unmissverständlich einhelligem Tenor. Die Solidarität ist erstaunlich. Auf Grund des deutlichen Protestes innerhalb der Protestbewegungung wird die Entscheidung einen Tag später zurückgenommen und fluegel.tv kann übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera filmen dürfen. Wir bekommen sogar gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Hier war zu merken, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändern kann. Der Zuspruch wird zudem via Twitter und vor allem Facebook sichtbar.

In der Facebook-Gruppe von fluegel.tv und noch mehr auf Seiten wie «KEIN Stuttgart 21» kommentieren und diskutieren Hunderte und Tausende nicht nur die Vorbereitung, die Debatten und die Ergebnisse der Schlichtungsgespräche. Die vielseitige Protestbewegung betreibt zudem noch diverse Websiten und Foren, neben den schon genannten Parkschützern auch unsere-stadt.org oder K21 mit dem «Ja zum Kopfbahnhof». Hier wie dort werden die Live-Streams verlinkt und Videos eingebettet, hier wie dort werden unsere Ansuchen um Unterstützung etwa zum Cutten oder für Materialbedarf weitergeleitet und unterstützt. Feedback erreicht uns des weiteren oft per E-Mail, darunter immer wieder solches von S21-Befürwortern, die sowohl ihre Anerkennung für unsere Unabhängigkeit als auch für die Übertragungen an sich ausdrücken. Anfragen und Themenvorschläge für Sendungen, Ideen zu Kooperationen und Außenstellen erreichen uns laufend über alle möglichen Kanäle.

Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss im Gefolge des «Schwarzen Donnerstag».DieZeit titelt «Ausgetrickst und abgekanzelt».Die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» mit Material von fluegel.tv. 

DIE ANGST DER POSTDEMOKRATIE VOR AKTIVEN BÜRGERINNEN
➊ Putte bei der Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den «Schwarzen Donnerstag» aufarbeiten sollte: «Die Entscheidung fiel im Staatsministerium».
➋ «Ausgetrickst und abgekanzelt», die DIE ZEIT beschreibt «Wie Politiker aktiv verhinderten, dass die Bürger beim neuen Stuttgarter Bahnhof mitbestimmen».
➌ Passagen aus dem bei fluegel.tv gewonnenen Material ist in die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» eingeflossen, die ein chronologisches Portrait und Stimmungsbild rund um den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 eingefangen hat.

Obgleich die Entstehung des Senders dem Zusammenschluss einiger S21-Kritiker zu verdanken ist, herrscht unter den Aktivist_innen von fluegel.tv große Einigkeit darüber, dass eine möglichst weitreichende Eigenständigkeit bestehen bleiben muss. Es gibt keine direkten wirtschaftlichen oder politischen Abhängigkeiten, der Sender arbeitet allein mit Spenden, ehrenamtlichem Engagement und der Selbstorganisation der Aktiven. Die benötigte Ausrüstung wurde zum Teil gespendet, zum Teil selber gestemmt und manchmal von Gönnern und Unterstützern ausgeliehen, um vor allem eine wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherstellen zu können.

In der Gruppe der Aktiven bei fluegel.tv bemühen sich alle um neutrale Äquidistanz zu anderen Personen und Gruppen der Protestbewegung. Selbstverständlich kennen viele der Beteiligten die verschiedene Protagonist_innen aus unterschiedlichen Gruppierungen der Protestbewegungen. Direkte Zusammenschlüsse, Treffen oder Abstimmungen mit anderen Menschen rund um die Protestbewegung finden nicht statt. Koordiniert wird fluegel.tv ausschließlich teamintern und wir agieren nicht strategisch in der Protestbewegungung, sondern konzentrieren uns auf die konkrete Umsetzung von Sendungen. Nicht wenige der Mitwirkenden sind zudem Profis der Fernsehproduktion, einige arbeiten hauptberuflich beim SWR und sind entsprechend gewohnt, sachlich professionell zu agieren.

Hürden, Herausforderungen und Erfahrungen

Als im Sommer 2010 die erste Kamera aufgestellt wurde, konnte niemand sagen, was passieren würde. Würden möglicherweise Anwaltsschreiben ins Büro flattern, weil jemand die eigenen Persönlichkeitsrechte durch die Webcam verletzt sieht? Kommt vielleicht die Polizei und schaltet das Ding ab? Schließlich waren vor der Kamera Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Demonstrant_innen zu sehen. Anfeindungen, Vereinnahmungsversuche, alles schien möglich. Womit wir zum Beispiel nicht gerechnet hatten ist, dass die Frage nach der Notwendigkeit einer Sendelizenz eine Rolle spielen kann. Eine Webcam alleine ist rechtlich gesehen kein Problem. Sobald wir aber redaktionell gestalteten Inhalt produzieren wird, sieht die Sache bereits anders aus. Das Land Baden-Württemberg definiert “redaktionell gestalteter Inhalt” nun bereits, wenn eine Kamera bedient und 500 Zuseher_innen aufwärts erreicht werden. Mittlerweile hat sich fluegel.tv eine Sendelizenz erwerben können.

Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Fernsehen und fluegel.tv ein gewichtiger Unterschied besteht: Technisch auf höchstem Stand zu arbeiten ist zweitrangig, viel wichtiger ist es, spontan zu arbeiten. Für die hohe Glaubwürdigkeit von Situationen verzichten unsere Zuseher_innen sichtlich gerne auf ein fixes Sendungsschema und die mundgerechte Aufarbeitung. Ein zu hoher Anspruch an Professionalität in allen Details birgt eher die Gefahr, eine Idee nicht rasch genug umsetzen umsetzen zu können. Für viele der mitwirkenden hauptberuflichen Medienmacher, ist genau diese Arbeitsweise eine ungewohnte Erfahrung. In dem Punkt spielt ihre große Routine keinerlei Rolle, ihnen blutet da manchmal das Herz, wenn sie auf ihre professionellen Standards, die im Fernsehen zweifellos wichtig sind, so untergraben sehen. Die Freiheiten, Irritationen oder Hoppalas im Sendungsverlauf sind umgekehrt ein wesentlicher Faktor, warum fluegel.tv in Feedbacks häufig als authentisch, glaubwürdig, charmant und sympathisch beschrieben wird. Dennoch bekommt auch das Sendeformat der professionellen Reportage mittlerweile mehr Platz eingeräumt.

Das somit mitgemeinte Biest Basisdemokratie wird im fluegel.tv-Team pragmatisch bezähmt. Solange niemand laut schimpft, gilt etwas als beschlossen. Natürlich ist auf diese Weise manchmal auch jemand beleidigt und verweigert schon einmal die Mitarbeit an einer Sendung. Wo Menschen unentgeltlich zusammenarbeiten, bekommt man es auch laufend mit Befindlichkeiten sehr engagierter und sehr eingesetzter Persönlichkeiten zu tun. Die natürliche Folge davon sind Austritte, Eintritte, Wiedereintritte und auch Wiederaustritte. Das Hauptinvestment einer solchen Unternehmung ist also in erster Linie sehr viel Zeit – und der geteilte Wille, eine sinnvolle Sache zu verfolgen. Ohne Spenden wäre das Betreiben des Senders nicht möglich; alleine die Regelmäßigkeit und vielen notwendigen E-Mails zur Koordination verursachen eine nicht zu unterschätzende Menge an ehrenamtlichen Aufwand. Diese Herausforderungen in der und für die Gruppe sind im letzten Abschnitt des Beitrags der Bürgerinitiative vom Augartenspitz sehr treffend beschrieben. Durch die klare inhaltliche, moralische und ethische Zielorientiertheit sowie die Überschaubarkeit unserer Gruppe ist keines der angesprochenen Themen bei uns virulent geworden. Uns ist klar, dass fluegel.tv einiges an Herausforderungen bevorsteht, wenn die zentrale Frage von «Stuttgart 21» in irgendeine Richtung entschieden wird. Ohne den akuten Grund unserer Arbeit, der als natürlicher Kitt bei den immer wieder aufkommenden Schwierigkeiten dient, werden Zweifel und Differenzen sowie die Müdigkeit aller Beteiligten wesentlich deutlicher zutage treten.

Zusammenfassung

Das Team von fluegel.tv hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, indem Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und so weiter möglichst live und in voller Länge übertragen werden. Dazu kommen ungehetzte Interviews und Reportagen. Ging es zu Beginn lediglich um das Thema Stuttgart 21, so kamen im Laufe der Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft und kommunale Energiegewinnung, Partizipationsformen der Bürgergesellschaft, Politik im allgemeinen und andere Themen hinzu, die auf das Leben der Menschen und ihrer Umwelt Einfluss haben.

  • Positionierung ist okay, Polemik oder propagandistisches Verhalten nicht. Die Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt und das entgegengebrachte Vertrauen dann verloren.
  • Inhalt geht vor Form. Fehler sind Stilmittel eines nicht professionellen Fernsehsenders.
  • Eine eigene Handschrift entwickeln, mit den eigenen Stärken arbeiten.
  • Effektive Bewerbung der Sendungen und Inhalte in der Mediathek, Information über viele Kanäle.
  • Das Adaptieren der Vorgangsweise der gängigen Fernsehsender.
Reposted bykellerabteil kellerabteil

fluegel.tv

Als uns in Stuttgart ein taktisches Medium passiert ist

«Taktische Medien sind nie perfekt, sie sind immer involviert, agieren konkret und pragmatisch, und das unterscheidet sie wie sonst kaum etwas von etablierten Medien.»
Das ABC der Taktischen Medien

Der Widerstand gegen S21 verändert Stuttgart unumkehrbar. Das wird bleiben. Ob S21 nun jemals fertig gebaut werden wird oder nicht. Wir sind selbst Teil dieser Veränderungen geworden. Angefangen hat das Anfang August 2010 mit der spontanen Eingebung von Robert, seine Büro-Webcam in das Fenster zu stellen und in die Richtung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu drehen. Die Webcam beginnt das heftig umstrittene Geschehen vor Ort zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Webcam blickt auf den Nordflügel des Bahnhofs, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Bauzaun versehen wird. Dieser Nordflügel soll heftigsten Bürgerprotesten zum Trotz abgerissen werden. An seiner Stelle will die Deutsche Bahn das lang geplante und ebenso lange umstrittenen Bahnprojekt «Stuttgart 21» (S21) realisieren: ein prestigeträchtiger unterirdischer Eisenbahnknoten mitten in Stuttgart.

Das Interesse an den Live-Bildern ist enorm: Zu Spitzenzeiten schalten sich bis zu 500.000 Zuseher aus sämtlichen Regionen der Erde zu, darunter viele Exil-Stuttgarter. Der Internet-Sender «fluegel.tv» ist geboren – und wächst rasch zu einem Sprachrohr der zivilen Protestbewegung gegen Stuttgart 21. In den Büroräumlichkeiten von Robert Schrems Multi-Media-Agentur gehen in den folgenden Monaten rund 20 Mitwirkende aus und ein, die alle zusammen das engagierte ehrenamtliche Projekt am Leben erhalten.

Enstehung eines Fernseh-Senders by accident

Die erste Kamera, die Robert im Fenster 43 Metern Luftlinie gegenüber dem Nordflügel installiert, ist eine Foto-Webcam. In kurzen Zeitabständen aktualisiert sie das Bild der Szenerie, sichtbar auf einer eigens eingerichteten ersten Website. Am 5. August 2010 veröffentlicht Robert die Webadresse mit dem Eintrag «Webcam auf den Nordflügel: www.schrem.eu/webcam» auf einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Stuttgarter Protestbewegung, dem Parkschützerforum. Gleich in den ersten Tagen geht der Server aufgrund der hohen Zugriffszahlen in die Knie. Das “Nordflügel-TV” wird auf die Server von ustream.tv übersiedelt, einer Web 2.0 Plattform, über die schon ein dreiviertel Jahr früher viele unibrennt Live-Streams gelaufen sind. Die Foto-Webcam wird gegen zwei Live-Stream Kameras ausgetauscht, die von da an das Geschehen ununterbrochen per Videostream mitverfolgbar machen. Diesen Entwicklungen folgt bald eine eigens neu gestaltete Website, seither unter der Adresse fluegel.tv zu finden.

Das Team von fluegel.tv filmt und streamt eine der unzähligen KundgebungenMit dem Bollerwagen am Schwarzen Donnerstag immer auf Sendung.Das Talk-Format «Auf den Sack» bei fluegel.tv mit Aktivisten der Parkschützer.

DOKUMENTATION DES GESCHEHENS UND DISKUSSION DER HINTERGRÜNDE
➊ Das Team bei einer Kundgebung. Es wird nicht nur live gestreamt sondern auch aufgezeichnet. Alles ist nachzusehen, auf der Website oder auch im vimeo-Kanal von fluegel.tv.
➋ Eine wichtige Rolle spielt der Bollerwagen. Der auch im Parkgelände sehr mobile Ü-Wagen war am schwarzen Donnerstag mit uns die ganze Zeit im Einsatz.
➌ Das Talk-Format «Auf den Sack» bringt verdichtete Debatte, Hintergrundinformationen, die Perspektiven der verschiedenen Akteure, aber auch Analyse von Beobachter_innen.

Als sich die Gerüchte mehren, dass mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel jeden Tag zu rechnen ist, steigen nicht nur die Zugriffszahlen des Livestreams an, auch die Anzahl laufend auf dem Gelände vor dem Nordflügel ausharrender, wachsamer Bürger_innen nimmt ständig zu. Bei einem zufälligen Treffen im Zuge einer Demo entsteht die Idee, neben dem Live-Stream noch etwas mehr für die Dokumentation der Geschehnisse in Stuttgart zu machen. Wir, Robert und Putte, kannten uns bereits ein wenig von früher. Jetzt sagten wir, «komm, wir drehen die Webcam um und laden Gäste zum Interview ein».

Die Idee zu «fluegel.tv» als Sendungsformat mit Interviews, Live-Berichterstattung und Studiodiskussionen nimmt Gestalt an. Putte, der sich als Moderator anbietet, war bereits Mitbegründer der Initiative «Unsere Stadt – Stuttgart gestalten!». So wie viele andere waren wir in diesen Tagen an der aktiv gelebten Demokratie interessiert, die sich da quer durch die Stadt Raum zu nehmen begann. Und wir waren mit vielen anderen enttäuscht über die verhältnismäßig einseitige Berichterstattung der etablierten Massenmedien: «Weil das Fernsehen überwiegend so enttäuscht, machen wir jetzt halt unseren eigenen Fernsehsender auf: Flügel TV. Der einzige Sender der Welt, der 24h am Tag nur über S21 berichtet.» Dem ersten Aufruf im Parkschützerforum mit der Aufforderung «Wer hat Lust mitzumachen? Wir brauchen Redakteure, Kameraleute, Regie…» schließen sich Medienschaffende aus der Stadt und dem weiteren Umfeld spontan an, das Projekt mit hochwertigem Equipment und ehrenamtlichen Engagement unterstützend. Binnen kürzester Zeit wird eine geradezu professionelle Infrastruktur auf die Beine gestellt, alles in kollaborativer Selbstorganisation. Ein Studio für Talkrunden wird eingerichtet und fluegel.tv bekommt einen Übertragungswagen.

Der “Auf den Sack” – Talk

Am 4. September 2010 findet die erste Talkrunde im Studio von fluegel.tv statt. Während die «live: webcam nord» am Fenster weiter auf den Nordflügel gerichtet bleibt, wird aus dem Raum schon zur ersten Sendung ein kleines professionelles TV-Studio. Eine Sitzecke mit gespendeten, modischen bunten Sitzsäcken wird eingerichtet. Die ersten Gäste der Diskussionsreihe «Auf den Sack» sind der bekannte Schauspieler und bekennende S21-Gegner Walter Sittler und Hannes Rockenbauch, der als früher Besetzer des Nordflügels einige Bekanntheit erlangt hat. Für die Sendung arbeitet ein frisch zusammengewürfeltes Team. Ein Unterstützer kommt etwa mit Licht und Kamera angereist. Hinter den zwei Kameras haben Profis Stellung bezogen. Die Ausstattung der ersten Sendung umfasst auch schon eine Tonabteilung samt digitalem Tonmischpult. Das gesamte Team zählt bereits mit dem ersten Sendungsdurchlauf sieben Personen. Der Zuspruch zu dieser Premiere ist so groß und positiv, dass all diese Beteiligten, die sich zu diesem Zeitpunkt untereinander noch nicht wirklich kennen, unbedingt weiter machen wollen.

Im Herbst entstehen auf diese Art und Weise sieben «Auf den Sack» Sendungen, immer zum Thema Stuttgart 21, und immer unter dem Vorzeichen, die offene Diskussionen mit inhaltlicher Tiefe, ohne Polemik und ungehetzt zu ermöglichen. Die Sendungsdauer wird vorab nie zeitlich begrenzt, die Aufzeichnung wird nicht geschnitten und es kommen Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen des Bahnprojekts zu Wort. Um das übliche Talkshow-Gezetere zu vermeiden, vermied man das Aufeinandertreffen beider Lager.

Stuttgart 21 – ein Bahnhof zwischen Stadtentwicklung und Megaloprojekt

1994 werden der Öffentlichkeit erstmals Pläne vorgestellt, die oberirdische Kopfbahnhofanlage des Stuttgarter Bahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Von Anfang an ist das Prestige-Projekt aus zahlreichen Gründen umstritten. Kritisiert werden etwa die hohen zu veranschlagenden Kosten für einen Umbau, die in kaum sinnvoll argumentierbarem Verhältnis zum Nutzen stehen würden; Kosten, die zu größten Teilen von den Steuerzahler_innen zu tragen sind. Diskutiert werden auch die umweltbelastenden Faktoren, die Zerstörungen in einem funktionierenden Herzstück der Stadt, des 600 Jahre alten Stuttgarter Schlossgarten. Einig sind sich Gegner_innen wie Befürworter_innen nur in dem Punkt, dass der alte Bahnhof einer Modernisierung bedarf. Die Form, in der die Modernisierung erfolgen soll, wird nie zur öffentlichen Debatte mit offenen Ausgang der Entscheidungsfindung gestellt. Stattdessen werden die Pläne zum Bau ohne Zulassen jeglicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben. 2007 wird die Initiative für ein Bürgerbegehren trotz mehr als 60.000 Unterschriften für unzulässig erklärt. «Ausgetrickst und abgekanzelt» werden die Bürger_innen, befindet «Die Zeit» in einer Reportage. Von November 2009 an gehen bei den Montagsdemos regelmäßig Tausende auf die Straße, um gegen die Pläne für einen Bahnhofsneubau unter der Erde zu protestieren.

Als die Bauarbeiten im Sommer 2010 ohne Berücksichtigung der zahlreichen Gegenstimmen begonnen werden, finden sich zehntausende Menschen zu regelmäßigen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort ein, um ihren Park, ihre Bäume und ihren Bahnhof zu schützen. Am 30. September 2010 wird mit heftiger Polizeigewalt und Wasserwerfern gegen eine angemeldete Demonstrantion von Schüler_innen und viele weitere Demonstrierende vorgegangen, die das Fällen von Bäumen verhindern wollen. Das Vorgehen der Verantwortlichen an diesem Tag erlangt schnell traurige Berühmtheit. Die Bilder bürgerkriegsähnlicher Szenen verbreiten sich medial und im Netz wie ein Lauffeuer – und lösen eine breite Welle der Empörung aus. Unter dem Chiffre und Hashtag #S21 verbreitet sich die Kunde vom Großbauprojekt der Deutschen Bahn und dem breiten Widerstand dagegen nicht nur auf Twitter weltweit.

Fluegel.tv entsprang anfänglich nicht dem Anspruch und hatte nicht das strategische Konzept, ein alternatives Medienprojekt in Opposition zu Mainstream-Medien sein zu wollen. Das Projekt ist aufgrund der Umstände und Geschehnisse in Stuttgart entstanden und nicht mehr als die Antwort auf eine konkrete Situation zu einem konkreten Zeitpunkt. Dementsprechend unsystematisch stellen sich die gesendeten Formate dar. Bis auf wenige Ausnahmen wird spontan entschieden, was gemacht wird. Die rund 20 Aktiven organisieren sich basisdemokratisch und meist über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler. Jeder kann Vorschläge einbringen oder Einspruch erheben. Nicht gehört wird nur, wer schweigt. Entschieden wird auf diese Weise: was gemacht wird, wer Zeit hat und wer gerade welche Position übernehmen kann. Sind die Fragen rund um Projektleitung, Kamera, Ton, Moderation oder andere Notwendigkeiten geklärt, wird auch schon umgesetzt. Während sich öffentlich rechtliche und private Sender an Sendezeiten zu halten haben, bleiben bei fluegel.tv Sendungen ungeschnitten und oft auch auch unkommentiert. Unsere Idee hinter dieser Praxis ist, der demokratischen, selbstverantwortlichen Entscheidungsfindung Material und Unterstützung zu geben.

Spezialanfertigung fluegel.tv-Übertragungswagen

Eine wesentliche Erweiterung unseres Aktionsradius erfolgt durch die Einrichtung einer mobilen Sendungseinheit, unseres verehrten Boller-Ü-Wagens. Zu diesem Zweck wurde ein klassischer Leiterwagen mit Autobatterien, Laptop, Funkantenne und Kamera bestückt – und direkt an den jeweiligen Schauplatz gefahren. Damit haben wir die Möglichkeit, Aktionen und Kundgebungen direkt vor Ort zu begleiten, Interviews auf der Straße zu machen und parallel live zu streamen. Beim ersten Boller-Ü-Wagen-Ausflug zu einer der wöchentlichen Samstagsdemos haben uns die installierten UMTS Richtfunkantennen noch deutlich auf ihre technischen Grenzen hingewiesen. Aber auch dieses Problem war Dank des kollaborativen Geistes, der dieser Tage in Stuttgart herrscht, bald gelöst. Ein S21-Demonstrant und Funkstreckenexperte hatte unsere mobile Übertragungseinheit und unsere technischen Schwierigkeiten beim ersten Einsatz bemerkt. Was macht er? Er meldet sich kurzerhand per E-Mail, bietet seine Hilfe an mit seiner Unterstützung bekommen wir eine Funkstrecke hin. Die anfänglichen Übertragungsprobleme hat fluegel.tv ab diesem Zeitpunkt minimiert.

Im September 2009 liefert fluegel.tv stundenlange Übertragungen direkt aus dem Stuttgarter Schlosspark und der Bahnhofsgegend. Die Frequenz der Demonstrationen und die Anzahl der Demonstrant_innen nehmen zu, auch das Echo im Web und in den Massenmedien explodiert. Stuttgart 21 wird zu einem medialen Großereignis. Über das Internet verfolgen tausende Menschen, was sich auf der Kundgebungsbühne tut. Wir begleiten die Demonstrationen und versuchen, mit dem fluegel.tv-Stream einen möglichst umfassenden Eindruck der Szenerie und der Vorgänge zu einzufangen. Zwischendurch interviewen wir, wen wir treffen, “Open Mike” für alle, die etwas zu sagen haben. Essen und Getränke erhalten wir auf unseren stundenlangen Streifzügen von wohlgesonnenen Passant_innen.

Am 30. September 2010 sind Hundertschaften der Polizei aus der ganzen Republik rund um den Schloßgarten zusammen gezogen. Am Vormittag gibt es noch eine genehmigte Demonstration von Schüler_innen. Es kommt zu dem berühmt-berüchtigten Polizeieinsatz, der schon untertags zu der bekannt schockierenden Eskalation führt. Wir sind an diesem Tag ganze 18 Stunden durchgehend live auf Sendung, als die ersten der jahrhundertealten Bäume gefällt werden. Mehrere Zehntausend sind per Live-Stream zugeschalten. Der «Schwarze Donnerstag» dauert bis 5 Uhr morgens und fesselte bis ganz zuletzt immer noch 400 Zuseher, die das Geschehen per Livestream bis ins Morgengrauen mitverfolgten.

Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist fluegel.tv bereits bei nahezu allen großen Medien Deutschlands als Informations- und Bilderlieferant rund um die zivile Widerstandsbewegung S21 etabliert und lange nicht mehr nur auf die regelmäßigen Zuseher_innen aus der regionalen Zivilgesellschaft beschränkt. Während der heißen Phase im Herbst kommt es laufend zu An- und Nachfragen von Journalisten aus dem Bereich der Print-Medien wie TAZ und Tagesspiegel, aber auch von TV-Sendern wie beispielsweise 3Sat, Phoenix, ZDF oder dem SWR, der zeitweise die fluegel.tv-Webcam sogar live auf seiner Website einband. Das aufgezeichnete Video-Material der allerersten Stunden wird auf Nachfrage für viele Sender kostenlos freigegeben und von RTL bis N24 ohne Logo verwendet. Die wohl ungewöhnlichste Anfrage, die je stattgefunden hat, kam von der Kriminalpolizei. Bei einer Demo hatte es einen Unfall gegeben und so wurde angefragt, ob wir davon zufälligerweise Aufzeichnungen hätten. Die Bilder dieses Tages sind wir gemeinsam durchgegangen und konnten tatsächlich Aufnahmen von der Unfallstelle entdecken.

Die Dokumentation der Schlichtungsgespräche

Im Oktober nach dem schwarzen Donnerstag werden “Schlichtungsgesprächen” zwischen den Gegner_innen und Befürworter_innen des Bahnhofprojekts unter der Leitung des Ex-CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler ausverhandelt. Fluegel.tv erhält die Zusage, die sechs Schlichtungsrunden ab dem 22. Oktober live übertragen zu können. Als drei Tage vor dem Termin die Zusage zurückgezogen wird und nur der Südwestrundfunk (SWR) und PHOENIX zugelassen werden sollen, kommt es zu einem Aufstand der «Parkschützer». Unter anderem wird die Protestmeldung auf parkschuetzer.de innerhalb weniger Stunden knapp 500 Mal kommentiert, mit unmissverständlich einhelligem Tenor. Die Solidarität ist erstaunlich. Auf Grund des deutlichen Protestes innerhalb der Protestbewegungung wird die Entscheidung einen Tag später zurückgenommen und fluegel.tv kann übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera filmen dürfen. Wir bekommen sogar gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Hier war zu merken, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändern kann. Der Zuspruch wird zudem via Twitter und vor allem Facebook sichtbar.

In der Facebook-Gruppe von fluegel.tv und noch mehr auf Seiten wie «KEIN Stuttgart 21» kommentieren und diskutieren Hunderte und Tausende nicht nur die Vorbereitung, die Debatten und die Ergebnisse der Schlichtungsgespräche. Die vielseitige Protestbewegung betreibt zudem noch diverse Websiten und Foren, neben den schon genannten Parkschützern auch unsere-stadt.org oder K21 mit dem «Ja zum Kopfbahnhof». Hier wie dort werden die Live-Streams verlinkt und Videos eingebettet, hier wie dort werden unsere Ansuchen um Unterstützung etwa zum Cutten oder für Materialbedarf weitergeleitet und unterstützt. Feedback erreicht uns des weiteren oft per E-Mail, darunter immer wieder solches von S21-Befürwortern, die sowohl ihre Anerkennung für unsere Unabhängigkeit als auch für die Übertragungen an sich ausdrücken. Anfragen und Themenvorschläge für Sendungen, Ideen zu Kooperationen und Außenstellen erreichen uns laufend über alle möglichen Kanäle.

Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss im Gefolge des «Schwarzen Donnerstag».DieZeit titelt «Ausgetrickst und abgekanzelt».Die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» mit Material von fluegel.tv. 

DIE ANGST DER POSTDEMOKRATIE VOR AKTIVEN BÜRGERINNEN
➊ Putte bei der Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den «Schwarzen Donnerstag» aufarbeiten sollte: «Die Entscheidung fiel im Staatsministerium».
➋ «Ausgetrickst und abgekanzelt», die DIE ZEIT beschreibt «Wie Politiker aktiv verhinderten, dass die Bürger beim neuen Stuttgarter Bahnhof mitbestimmen».
➌ Passagen aus dem bei fluegel.tv gewonnenen Material ist in die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» eingeflossen, die ein chronologisches Portrait und Stimmungsbild rund um den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 eingefangen hat.

Obgleich die Entstehung des Senders dem Zusammenschluss einiger S21-Kritiker zu verdanken ist, herrscht unter den Aktivist_innen von fluegel.tv große Einigkeit darüber, dass eine möglichst weitreichende Eigenständigkeit bestehen bleiben muss. Es gibt keine direkten wirtschaftlichen oder politischen Abhängigkeiten, der Sender arbeitet allein mit Spenden, ehrenamtlichem Engagement und der Selbstorganisation der Aktiven. Die benötigte Ausrüstung wurde zum Teil gespendet, zum Teil selber gestemmt und manchmal von Gönnern und Unterstützern ausgeliehen, um vor allem eine wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherstellen zu können.

In der Gruppe der Aktiven bei fluegel.tv bemühen sich alle um neutrale Äquidistanz zu anderen Personen und Gruppen der Protestbewegung. Selbstverständlich kennen viele der Beteiligten die verschiedene Protagonist_innen aus unterschiedlichen Gruppierungen der Protestbewegungen. Direkte Zusammenschlüsse, Treffen oder Abstimmungen mit anderen Menschen rund um die Protestbewegung finden nicht statt. Koordiniert wird fluegel.tv ausschließlich teamintern und wir agieren nicht strategisch in der Protestbewegungung, sondern konzentrieren uns auf die konkrete Umsetzung von Sendungen. Nicht wenige der Mitwirkenden sind zudem Profis der Fernsehproduktion, einige arbeiten hauptberuflich beim SWR und sind entsprechend gewohnt, sachlich professionell zu agieren.

Hürden, Herausforderungen und Erfahrungen

Als im Sommer 2010 die erste Kamera aufgestellt wurde, konnte niemand sagen, was passieren würde. Würden möglicherweise Anwaltsschreiben ins Büro flattern, weil jemand die eigenen Persönlichkeitsrechte durch die Webcam verletzt sieht? Kommt vielleicht die Polizei und schaltet das Ding ab? Schließlich waren vor der Kamera Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Demonstrant_innen zu sehen. Anfeindungen, Vereinnahmungsversuche, alles schien möglich. Womit wir zum Beispiel nicht gerechnet hatten ist, dass die Frage nach der Notwendigkeit einer Sendelizenz eine Rolle spielen kann. Eine Webcam alleine ist rechtlich gesehen kein Problem. Sobald wir aber redaktionell gestalteten Inhalt produzieren wird, sieht die Sache bereits anders aus. Das Land Baden-Württemberg definiert “redaktionell gestalteter Inhalt” nun bereits, wenn eine Kamera bedient und 500 Zuseher_innen aufwärts erreicht werden. Mittlerweile hat sich fluegel.tv eine Sendelizenz erwerben können.

Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Fernsehen und fluegel.tv ein gewichtiger Unterschied besteht: Technisch auf höchstem Stand zu arbeiten ist zweitrangig, viel wichtiger ist es, spontan zu arbeiten. Für die hohe Glaubwürdigkeit von Situationen verzichten unsere Zuseher_innen sichtlich gerne auf ein fixes Sendungsschema und die mundgerechte Aufarbeitung. Ein zu hoher Anspruch an Professionalität in allen Details birgt eher die Gefahr, eine Idee nicht rasch genug umsetzen umsetzen zu können. Für viele der mitwirkenden hauptberuflichen Medienmacher, ist genau diese Arbeitsweise eine ungewohnte Erfahrung. In dem Punkt spielt ihre große Routine keinerlei Rolle, ihnen blutet da manchmal das Herz, wenn sie auf ihre professionellen Standards, die im Fernsehen zweifellos wichtig sind, so untergraben sehen. Die Freiheiten, Irritationen oder Hoppalas im Sendungsverlauf sind umgekehrt ein wesentlicher Faktor, warum fluegel.tv in Feedbacks häufig als authentisch, glaubwürdig, charmant und sympathisch beschrieben wird. Dennoch bekommt auch das Sendeformat der professionellen Reportage mittlerweile mehr Platz eingeräumt.

Das somit mitgemeinte Biest Basisdemokratie wird im fluegel.tv-Team pragmatisch bezähmt. Solange niemand laut schimpft, gilt etwas als beschlossen. Natürlich ist auf diese Weise manchmal auch jemand beleidigt und verweigert schon einmal die Mitarbeit an einer Sendung. Wo Menschen unentgeltlich zusammenarbeiten, bekommt man es auch laufend mit Befindlichkeiten sehr engagierter und sehr eingesetzter Persönlichkeiten zu tun. Die natürliche Folge davon sind Austritte, Eintritte, Wiedereintritte und auch Wiederaustritte. Das Hauptinvestment einer solchen Unternehmung ist also in erster Linie sehr viel Zeit – und der geteilte Wille, eine sinnvolle Sache zu verfolgen. Ohne Spenden wäre das Betreiben des Senders nicht möglich; alleine die Regelmäßigkeit und vielen notwendigen E-Mails zur Koordination verursachen eine nicht zu unterschätzende Menge an ehrenamtlichen Aufwand. Diese Herausforderungen in der und für die Gruppe sind im letzten Abschnitt des Beitrags der Bürgerinitiative vom Augartenspitz sehr treffend beschrieben. Durch die klare inhaltliche, moralische und ethische Zielorientiertheit sowie die Überschaubarkeit unserer Gruppe ist keines der angesprochenen Themen bei uns virulent geworden. Uns ist klar, dass fluegel.tv einiges an Herausforderungen bevorsteht, wenn die zentrale Frage von «Stuttgart 21» in irgendeine Richtung entschieden wird. Ohne den akuten Grund unserer Arbeit, der als natürlicher Kitt bei den immer wieder aufkommenden Schwierigkeiten dient, werden Zweifel und Differenzen sowie die Müdigkeit aller Beteiligten wesentlich deutlicher zutage treten.

Zusammenfassung

Das Team von fluegel.tv hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, indem Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und so weiter möglichst live und in voller Länge übertragen werden. Dazu kommen ungehetzte Interviews und Reportagen. Ging es zu Beginn lediglich um das Thema Stuttgart 21, so kamen im Laufe der Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft und kommunale Energiegewinnung, Partizipationsformen der Bürgergesellschaft, Politik im allgemeinen und andere Themen hinzu, die auf das Leben der Menschen und ihrer Umwelt Einfluss haben.

  • Positionierung ist okay, Polemik oder propagandistisches Verhalten nicht. Die Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt und das entgegengebrachte Vertrauen dann verloren.
  • Inhalt geht vor Form. Fehler sind Stilmittel eines nicht professionellen Fernsehsenders.
  • Eine eigene Handschrift entwickeln, mit den eigenen Stärken arbeiten.
  • Effektive Bewerbung der Sendungen und Inhalte in der Mediathek, Information über viele Kanäle.
  • Das Adaptieren der Vorgangsweise der gängigen Fernsehsender.
Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

March 29 2011

Die Kraft der Vielen koordinieren lernen!

Netzwerk-Kampagnen – Bewegung in die Zivilgesellschaft bringen

«Veränderung bedeutet Bewegung. Bewegung bedeutet Reibung. Nur in einer fiktiven Welt entsteht Veränderung ohne Konflikt.»
Saul Alinsky

Für «Nichtregierungsorganisationen» (NGOs) können Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Die Verbreitung von sozialen Medien macht wirkungsvolle Kommunikations-Tools verfügbar und bringt ein aktives Selbstverständnis potentieller Aktivist_innen. Zivilgesellschaftlichen Initiativen und NGOs müssen aber noch viel lernen, wenn sie die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen kombinieren wollen. Wo genau noch Handlungsbedarf besteht, beobachtete ich als Sprecher von SOS Mitmensch, einer “pressure group”, für die ich Kampagnen zur Durchsetzung der Menschenrechte gemacht habe. Fünf Punkte greife ich hier heraus.

Flüchtlings-NGOs und Netzwerk-Kampagnen – die Vorläufer

Schon vor #unibrennt haben zivilgesellschaftliche Gruppen in Österreich Kampagnen in Netzwerkstruktur durchgeführt: Beim recht gebräuchlichen “open campaining” wird lediglich das gemeinsame Ziel festgelegt. Die Mitstreiter_innen agieren dann unabhängig und setzen die eigenen Ressourcen mit den jeweils bevorzugten Aktionsformen ein. Open campaining kommt vor allem dann zum Tragen, wenn detaillierte Koordination mehr Aufwand als Nutzen bedeutet. Zum Beispiel, wenn Akteur_innen mit sehr unterschiedlicher Arbeitsweise zusammen finden sollen.

Politische Gruppen schöpfen ihren Antrieb aus inhaltlicher Abgrenzung und setzen deshalb meist auf die Dynamik von Konfliktstrategien. Diese werden von NGOs, etwa sozialen Wohlfahrtsverbänden, als riskant und anstrengend eingeschätzt. Große NGOs verfügen oft über ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen um Lobbying- oder Public Relations-Strategien umzusetzen. Konfliktstrategien sind zweite Wahl, was NGOs von politischen Gruppen mitunter den Vorwurf des übertriebenen Pragmatismus einbringt. Noch ein Unterschied: Mit der Größe einer Organisation steigt nicht nur die Ressourcenstärke, sondern auch die Komplexität der Entscheidungsstrukturen. Kooperation zwischen Großen und Kleinen wird allein schon durch unterschiedliche Geschwindigkeiten erschwert. Trotz dieser Verschiedenheiten gelingt es im Asyl- und Flüchtlingsbereich immer wieder, die Wohlfahrtsverbände, NGOs und politische Gruppen zu Kooperationen zu bewegen.

Die Kampagne «Existenzsicherung für Flüchtlinge», mit der im Jahr 2003/04 eine allgemeine Grundsicherung für Asylsuchende (“Weihnachtsfrieden”) durchgesetzt wurde, vereinte die Beteiligten durch die Dringlichkeit des Zieles: Tausende obdachlose Flüchtlinge von der Straße zu holen. Während die großen Hilfsorganisationen mit dem damaligen Innenminister Ernst Strasser verhandelten, organisierten die kleinen NGOs medienwirksame Protestaktionen auf der Straße.

Bei der Bleiberechts-Kampagne 2008/09 gelang es, Akteur_innen mit zum Teil unvereinbaren Positionen und ohne Kooperationsbereitschaft durch das Setzen eines wirksamen Fokus zusammen zu spannen. Die teilnehmenden Flüchtlingsorganisationen erklärten den 10. Oktober 2008 auf Initiative von SOS Mitmensch zum «Tag des Bleiberechts». Damit stießen wir konzertierte Aktionen an, ohne dass sich je alle Beteiligten gemeinsam an einen Tisch gesetzt hätten. Der Kampf um die Deutungshoheit über den Bleiberecht-Begriff spornte einige antirassistische Kräfte besonders an. Um die als defensiv empfundenen Forderungen der Hilfsorganisationen zu konterkarieren, nannten sie den Tag schlicht «Tag der Bewegungsfreiheit». Den Kampf ums Bleiberecht haben wir unterm Strich trotz makelhafter Gesetzgebung gewonnen, da die Öffentlichkeit ein solches mittlerweile anerkennt. Noch heute verweisen Flüchtlingshelfer_innen erfolgreich auf die Idee des Bleiberechts, um die Interessen von Asylsuchenden und Migrant_innen gegen abschiebelustige Behörden durchzusetzen.

Auch die Mobilisierung per Internet ist kein Phänomen der Facebook-Generation. Schon 2000 und davor bedeutete der Einzug des Kommunikationsmediums E-Mail eine wesentliche Arbeitserleichterung für NGOs. Dauerte das faxen einer Presseaussendung vor 1999 noch einen ganzen Vormittag, so bedurfte der Versand per E-Mail-Presseverteiler nur mehr eines Knopfdrucks. Die erste Massenmobilisierung per E-Mail gelang SOS Mitmensch am 2. Februar 2000 gegen die Schwarz-Blaue Bundesregierung. Laut Polizeiangaben nahmen 15.000 Personen an der Kundgebung teil, die erst 24 Stunden zuvor angemeldet und am Vorabend durch eine E-Mail-Kette beworben wurde.

#unibrennt – Die Emergenz eines neuartigen Netzwerk-Protests

Eine Kampagne unterscheidet sich von einer sozialen Bewegung durch ihren höheren Grad an Planung und Koordination. Das schränkte die Reichweite der Beteiligten vor Web 2.0 drastisch ein. Die #unibrennt-Proteste befinden sich irgendwo zwischen sozialer Bewegung und klassischer Kampagne. #unibrennt war in Österreich und darüber hinaus netzwerkartig organisiert, mit flachen Hierarchien, vielen dezentralen Knotenpunkten und ohne dominante, kontrollierende Zentren. Man ist deshalb geneigt, eher von einer sozialen Bewegung zu sprechen, als von einer Kampagne. Doch dagegen spricht die kollektive Strategiearbeit, bei der mit Hilfe von Web 2.0 unter breiter Beteiligung über Ziele, Taktik und Mitteleinsatz verhandelt wurde.

Klassische Kampagnen funktionieren dann gut, wenn wenige Steuerleute über viele Ressourcen verfügen. Soziale Bewegungen sind wirkmächtig, wenn sehr viele ihre relativ geringen Ressourcen trotz fehlender Steuerung in den Dienst desselben Ziels stellen. Netzwerk-Kampagnen ermöglichen es, geringe Ressourcen von Vielen koordiniert einzusetzen. Netzwerk-Kampagnen bauen dabei nicht nur auf die technischen Möglichkeiten des Web 2.0, sondern auch auf das Selbstbild der Teilnehmer_innen, die von Social Media geprägt sind: Sie sehen sich nicht als passive Konsument_innen sondern als aktive Beitragende.

Für zivilgesellschaftliche Gruppen könnten Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Allerdings ist es für die meisten NGO-Menschen noch mit einem hohen Lernbedarf verbunden, Web 2.0-Techniken und Social-Media-Kultur in ihre Arbeit zu integrieren. Im Folgenden arbeite ich fünf Punkte heraus, wo ich besonderen Handlungsbedarf festmache, um die Möglichkeiten besser auszuschöpfen.

Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beitragsmöglichkeiten

Will man die Kraft der Vielen nutzen, lohnt es bei der Bereitstellung von Kampagnen-Tools sehr viel Sorgfalt in deren Skalierbarkeit zu legen. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Paradebeispiel für eine Netzwerk-Kampagne mit hoher Skalierbarkeit ist die Wahlkampagne von Barack Obama. Tausende Amerikaner_innen registrierten sich auf der Website «MyBarackObama.com» als Fundraiser_innen und Campaigner_innen. Einschulung und Anleitung für die teilweise komplexen Aktivitäten erfolgen über weite Strecken online und erforderten deshalb keinen (bedeutend) steigenden Mitteleinsatz, ob sich nun hundert oder hunderttausend Personen beteiligen. Das Online-Tool animierte etwa zum Anruf bei potentiellen Wähler_innen und schlug dafür Telefonnummern und einen Gesprächsleitfaden vor. Fände eine solche Einschulung und Betreuung offline statt, stiege der Aufwand mit jeder zusätzlichen Person, die mithelfen will. Die Effektivität von skalierbaren Tools steigert sich noch, wenn nicht nur die Durchführung des Tools, sondern auch die Rekrutierung von Beiträger_innen skalierbar ist, wenn also zum Beispiel gleich eine “Tell your Friends”-Funktion in das Tool integriert ist.

Der Aktionstag Bleiberecht für alle im Oktober 2008Ute Bock VideoBockCast im Sesselmeer am Wiener BallhausplatzTag des Bleiberechts

DER AKTIONSTAG, DER BEGRIFF, DIE IDEE DES BLEIBERECHTS
➊ Der «Tag des Bleiberechts» wird von vielen Gruppen und in verschiedenen Städten aufgegriffen. Eine Open Space Konferenz im Vorfeld fördert den Austauch von Ideen, der Tag wird zu einem «dezentralen Aktionstag».
➋ Vor dem Bundeskanzleramt und in anderen Städten wird ein Sesselmeer inszeniert, der «VideoBockCast» berichtet. Die “Sesselmeer” wird seitdem immer wieder aufgegriffen.
➌ Die Beteiligung ist groß und breit, der Organisation von Ute Bock wird der Rücken gestärkt, der Begriff und die Forderung des Bleiberechts sind nachhaltig in die öffentliche Diskussion eingebracht.

Weniger gut gelang die Skalierbarkeit bei «Rassismus streichen», einer Kampagne gegen rassistische Beschmierungen an Wiens Hauswänden, die SOS Mitmensch 2006 lancierte. Primäres Kampagnentool war ein WatchBlog. “Rassismus-Paparazzis” speisten den Bild-Blog rassismusstreichen.at von unterwegs mit Handy-Fotos von rassistischen Parolen an Wiens Hauswänden. Mit dem “Antirassistischen Stadtplan” machten wir die erstaunliche Verbreitung der Hetz-Parolen sichtbar. Die technischen Möglichkeiten von damals erforderten das händische Eintragen der Fundort-Adresse durch die oder den Rassismus-Paparazzi, sowie das manuelle Übertragen der geposteten Bilder in die Google-Map durch Mitarbeiter_innen von SOS Mitmensch. «Rassismus streichen» erhielt Anerkennung von Fachleuten, doch den harte Kern der Paparazzis bildeten Technik-Freaks und persönlich eingeschulte Aktivist_innen. Beim heutigen Stand der Technik fände eine Smart-Phone-App mit automatischem Geotagging der Bilder wahrscheinlich weite Verbreitung.

Je klarer die Partizipations-Schnittstellen definiert sind, desto leichter ist die Teilnahme für die Beiträger_innen. Zum «Tag des Bleiberechts» versuchten die Hilfsorganisationen in allen Landeshauptstädten ein “Sesselmeer” zu organisieren. Als klar wurde, dass die Ressourcen der Landesorganisationen dafür nicht reichen, wurden andere lokale Gruppen gesucht. Eine detaillierte Anleitung sollte diesen die Vorbereitung erleichtern. Zufällig stießen auch Initiativen in Bezirksstädten auf diese Checkliste und nahmen sie zum Anlass, ein eigenes “Sesselmeer” durchzuführen.

Aktivitäten zusammenfassen und zentral sichtbar machen

Ein Netzwerk ist umso robuster, je mehr Knotenpunkte es hat. Über Kommunikation und Aktivitäten in einem großen Netzwerk verliert man aber schnell einmal den Überblick. Dabei ist es für Aktivist_innen motivierend zu erfahren, dass viel passiert. Deshalb ist es sinnvoll, Informationen zu sammeln und über einen zentralen Punkt erreichbar zu machen. Viele Web 2.0-Tools bieten heute auch die Voraussetzung, um Informationen von sehr vielen Lieferant_innen zu strukturieren und aufzubereiten. Auf Flickr.com ist etwa rasch eine Gruppe eingerichtet, die alle Fotos von einer Aktion auf einer Seite bündeln, obwohl sie von verschiedenen Fotograf_innen stammen. Die Vielfalt von heterogenen Netzwerken ist ein Vorteil, da sie Innovation fördert und differenzierten Erwartungen unterschiedlicher Zielgruppen gerecht werden kann – ideal ist, wenn Interessierte auch noch schnell den Weg zur gewünschten Information finden.

Bei «Machen wir uns stark» wurden über eine Website 3333 Spender_innen gesucht, die 15 Euro zur Finanzierung der Kundgebung am Heldenplatz beitragen. Wir richteten auch eine Facebook-Page ein, um viele Interesseierte zu erreichen, die vollständige Integration der Spenden-Website konnten wir aber nicht umsetzen. Eine unbefriedigende Lösung. Das Spendenziel erreichten wir, und doch verpuffte einiges an Mobilisierungskraft. Weder wurden die Spender_innen automatisch in die Kommunikation auf Facebook involviert, noch wurden die Facebook-User_innen automatisch über eingehende Spenden von Freund_innen informiert und so zu neuen Anstrengungen motiviert.

Eine gute Geschichte erzählen und relevant sein

Gerade wenn eine Kampagne auf die Ressourcen der Vielen abstellt, muss sie relevanter sein, als andere. Auf Facebook wird man täglich mit kreativ umgesetzten Anliegen konfrontiert. Irgendwann geben es die meisten Nutzer_innen auf, allen Gruppen beizutreten, deren Ziele sie eigentlich teilen würden. Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen sind beschränkt. Wenn andere Menschen dazu gebracht werden sollen, ihre Ressourcen genau für diese eine Aktion einzusetzen, dann muss sie sich von anderen abheben.

Die wichtigste Grundlage für eine relevante Kampagne ist eine gute Geschichte. Diese beschreibt, welches Problem interessierte Aktivist_innen durch Ihren Beitrag lösen werden. Für die Qualität der Geschichte gelten formale Kriterien (wie Klarheit, Kürze und Konsistenz) ebenso wie inhaltliche. Journalistische Relevanzkriterien beschreiben ganz gut, was den Inhalt einer guten Geschichte ausmacht: Unter anderem Aktualität, Originalität, Bekanntheit der Protagonist_innen, Nähe zur und Betroffenheit der Zielgruppe sowie Dramaturgie. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, wenn sie weitererzählt wird und sich “wie von selbst” verbreitet.

Mit der «Asylwette» versuchte SOS Mitmensch den wenig originellen Sachverhalt eines verfassungswidrigen Asylgesetzes mit einer gelungenen Verpackung berichtenswert zu machen. Auf einer Website wurden Einsätze gesammelt, um Innenministerin Liese Prokop eine Wette darüber anzubieten, dass auch die damals geplante Novelle vor dem Verfassungsgericht nicht halten werde. So wie zahlreiche Gesetze zuvor. Immerhin lehnte die Ministerin die Wette offiziell ab und stieg damit auf den Diskursrahmen ein, ob ihr Gesetz verfassungskonform sei oder nicht. Die gesammelten Einsätze wurden der Betreuungseinrichtung für Folteropfer, Hemayat, gespendet, das Gesetz vom Höchstgericht korrigiert.

Leider begünstigen sowohl die Mächtigkeit der Protagonist_innen als auch die zur Verbreitung eingesetzten Mittel die Wirksamkeit einer Geschichte. Zivilgesellschaftliche Gruppen müssen deshalb in Konkurrenz zu ressourcenstarken Interessensverbänden und Parteien immer auch die besten Geschichten erzählen, um diesen Nachteil auszugleichen.

Auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen

1948 etablierte Earl Silas Tupper für seine Küchenwaren “Tupperpartys” als Vertriebsschiene und nutzte persönliche Beziehungen und Freundschaft erfolgreich als Verkaufshilfe. Eine Film-Empfehlung durch enge Freund_innen hat einen anderen Stellenwert als die Empfehlung durch eine_n Unbekannte_n. Dieses Prinzip nutzend verwenden Campaigner_innen Tools, die auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen. In den USA hat diese Form des “Vertriebs” auch eine lange Tradition für die Verbreitung politischer Ideen. Wahlpartys zur Mobilisierung von Freund_innen und Bekannten oder landesweite Filmscreenings im privaten Rahmen zur politischen Aufklärung finden großen Anklang. Worin auch immer die Gründe für die geringe Verbreitung dieser Methode im deutschsprachigen Raum liegen mögen, es bedarf wahrscheinlich noch einiger Anstrengung, um sie für die hiesigen Gewohnheiten zu adaptieren.

Die Bereitschaft sich für eine Kampagne einzubringen steigt außerdem, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt. Werden Tätigkeiten, die Menschen sowieso (gerne) machen, zur Erreichung eines Kampagnen-Zieles eingesetzt, so erhöht dies die Chance, dass sich viele Aktivist_innen finden.

Bock auf Bier

«Bock auf Bier», eine Kampagne die SOS Mitmensch 2003 gemeinsam mit einem Personenkomittee durchführte, setze gemeinsames Bier Trinken und Konzertbesuche als Kampagnentool ein. 70 Szenelokale in Wien spendeten 10 Cent pro getrunkenem Bier an die Flüchtlingshelferin Ute Bock, die mit ihren privaten Mitteln mehr als hundert Obdachlose Flüchtlinge untergebracht hatte. In Folge stellte eine Brauerei 60.000 Flaschen Bier in der Spezialedition «Bock auf Bier» her und spendete diese der Kampagne zum Verkauf.

An die “Bier-Kampagne” schloss mit «Bock auf Kultur» eine Veranstaltungsreihe mit 50 Veranstaltungen an. Unter dem Motto «Solange Flüchtlinge auf der Straße stehen, müssen wir auftreten» bespielten Musiker_innen, Kabarettist_innen und Literat_innen kostenlos die beteiligten Lokale. “Pay as you wish” ermöglichte den Besucher_innen die Höhe des Eintrittsgeldes selbst zu bestimmen und den Organisator_innen mit tausenden Gästen über die Lage von Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. In vier Monaten konnten so 60.000 Euro lukriert und Frau Bocks Wirken, das in einem Land wie Österreich nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt, durch Öffentlichkeit geschützt werden.

Motivation und Interessen der Beitragenden kennenlernen

Wenn es gelingt, die Interessen und Motivationen von potentiellen Aktivist_innen anzusprechen, werden diese ohne “Gegenleistung” handeln. Die Studierendenproteste haben beispielsweise handfeste Interessen von Student_innen kanalisiert. Sie mobilisierten aber auch altruistische Motive. Etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun ist nach wie vor für viele Menschen ein Ansporn, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Kurzfristige und intensive Mobilisierung ist möglich, wenn Empörung oder Wut aufgegriffen wird.

Im Gespräch mit potentiellen Aktivist_innen, können Campaigner_innen deren Motive und Interessen kennen lernen. Kommunikation über Ziele, Strategien und Methoden einer Kampagne steigern Identifikation und Aktionsbereitschaft von Aktivist_innen. Das frühe Einbinden von Interessierten kann zudem die Qualität einer Kampagne steigern. Zu oft empfinden jedoch NGOs Feedback und Kritik als Gefahr für ihre Arbeit, da sie mit sozialen Medien noch nicht ausreichend Erfahrung gesammelt haben. Sie fürchten Kontrollverlust oder das Zurückweisen von Anliegen Interessierter. Diese Befürchtungen nehmen ab, wenn Organisationen geübter mit Sozialen Medien werden und klare Beteiligungsmöglichkeiten etablieren. Die Formulierung des Kampagnenziels, die Auswahl der Grafik-Vorschläge oder eine Ideenbox; wie stark Aktivist_innen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, bleibt der Organisation überlassen. Enttäuschung darüber, nicht überall mitreden zu dürfen bleibt dann aus, wenn Organisationen von Anfang an klarstellen, welche Form der Mitwirkung möglich ist und welche nicht.

Prominente mit Bock auf BierDie interaktive Wienkarte von Rassismus StreichenLichterkette rund um das Parlament im Juni 2009

DIE COMMUNITY SICHTBAR MACHEN, ALS COMMUNITY ARBEITEN
➊ Ein Plakat zur «Bock auf Bier» Kampagne macht die Community der prominenten Unterstützer_innen sichtbar.
➋ Der Rassismus Streichen Stadtplan von Wien ist eine Community Leistung, durch die Hausverwaltungen und Stadtregierung unter Druck gesetzt werden, gegen rassistische Beschmierungen vorzugehen.
➌ Die selbstorganisierte Lichterkette rund um das Parlament wird 2009 zu einem wirkungsstarken Zeichen der Menschlichkeit. Die Initiative geht von zwei Studentinnen aus, die via Facebook einen Aufruf starten, weil «wir die hiesigen Zustände nicht mehr untätig ertragen können». Das mediale Echo ist enorm (Foto ©Martin Juen).

Ausblick und Chance einer Zivilgesellschaft 2.0

NGOs und zivilgesellschaftliche Initiativen sind in der Regel kreativer und innovativer als Interessensverbände und Parteien. Sie haben gelernt, mit geringen Ressourcen viel zu bewegen. Man kann zuversichtlich sein: Der Zivilgesellschaft wird es rascher gelingen, das Potential von Web-2.0-Techniken und Social-Media-Kultur zu nutzen, als unseren Gegenspielern in Politik und Wirtschaft. Das wird uns bei der Durchsetzung der vielen wichtigen Anliegen, die wir vertreten, einen Vorteil bringen. Aber nicht nur. Soziale Medien werden sich vermutlich noch als Katalysator von starken Demokratisierungs-Impulsen erweisen. Sowohl in Staat und Gesellschaft, als auch in den Initiativen und Organisationen selbst.

Es fehlt nämlich nicht nur den öffentlichen Vertretungskörpern an adäquaten Beteiligungsmöglichkeiten. Die konsequente Auseinandersetzung mit den Erwartungen und Wünschen von potentiellen Aktivist_innen wird mittelfristig die Qualität von Entscheidungsprozessen in NGOS verbessern und den Weg für klare Mitwirkungs-Verfahren ebnen. Zumindest die early adopters unter den zivilgesellschaftlichen Gruppen werden durch ihre Lernbereitschaft mit plan- und steuerbaren Ressourcen in beträchtlichem Umfang belohnt werden.

Zusammenfassung

Die Kampagnenarbeit von zivilgesellschaftlichen Gruppen hat sich schon durch das Web 1.0 verändert. Allerdings waren Netzwerk-Kampagnen in Form von open campaining vor dem Web 2.0 auf wenige Mitstreiter_innen ausgelegt. Die Studierendenproteste #unibrennt haben gezeigt: Die Verbreitung von sozialen Medien ermöglicht es, die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen zu kombinieren. Für NGOs und andere zivilgesellschaftliche Gruppen könnte dies zur Kampagnenform der Zukunft werden, da die Ressourcen von sehr vielen Aktivist_innen zugänglich werden. Noch müssen NGOs allerdings einiges an Lernprozessen durchlaufen, um Web 2.0 – Techniken und Social-Media-Kultur in die eigene Arbeit zu integrieren.

Damit aus einer Kampagne eine Netzwerk-Kampagne wird, welche die Kraft der Vielen zum Einsatz bringt, müssen Kampagneninformationen und -materialien sowie klar definierte Beitragsmöglichkeiten skalierbar sein. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Web 2.0 bietet Möglichkeiten, dass koordinier- und planbare, dezentrale und netzwerkförmige Kampagnen nahezu beliebiger Größe organisiert werden können, die durch ihre Größe ein politischer Faktor werden.

  • Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beteiligungsmöglichkeiten anbieten, aber auch Raum für kreatives andocken an Kampagnen offen halten.
  • Die Bereitschaft von potentiellen Aktivist_innen, sich im Rahmen einer Kampagne einzubringen, steigt, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt, handfeste Interessen kanalisiert, aber auch altruistische Motive mobilisiert.
  • Netzwerk-Kampagnen sollten eine interessante Geschichte erzählen, die formal und inhaltlich gut beschreibt, welches Problem Interessierte durch Ihren Beitrag lösen werden.
  • Eine zentral zugängliche Darstellung der laufenden Aktivitiäten wirkt motivierend und hilft bei der Verbreitung des Anliegens.

March 25 2011

Yes, WE can!

Was man von der Obama-Kampagne für Wahlkämpfe und soziale Bewegungen lernen kann

«Parteien sind wie Muscheln, die sich dem Einfluss von außen am liebsten verschließen.»
Bruno Kreisky

Der Kandidat war Außenseiter im Parteiapparat, eingespielte Hilfstruppen hatte er keine und seine Kriegskasse war so leer wie eine Disco am frühen Nachmittag. Kaum jemand hätte 2007 darauf gewettet, dass Barack Obama die Vorausscheidung der Demokraten für die Präsidentenwahl 2008 gewinnen und US-Präsident werden könnte. Aber seit er mit einer grandiosen Kampagne – und nicht zuletzt einer durch das Internet orchestrierten Graswurzelbewegung – ins Weiße Haus gespült wurde, gilt er als Vorbild für alle politischen Web 2.0-Kampagnen.

Aus den Graswurzeln erwächst Neues

«Change has to come from the bottom up» – «der Wandel muss von Unten kommen», hatte Obama immer gesagt, und das war nicht nur Rhetorik. Als Outcast war er darauf angewiesen, dass sich hunderttausende Aktivist_innen für ihn einsetzen. Schon sehr früh hat seine Wahlkampagne begonnen, Graswurzelaktivist_innen zu motivieren, sich selbst im Wahlkampf zu engagieren – ihre eigenen “Pro-Obama”-Gruppen zu gründen. Da er nicht über jene Menge finanzkräftiger Unterstützer verfügte wie etwa seine innerparteiliche Rivalin, war er auch auf Kleinspenden von Millionen Bürger_innen angewiesen. Und gerade diese bescherten ihm einen Spendenrekord – er war am Ende der finanziell bestausgestattete Präsidentschaftskandidat der US-Geschichte.

Natürlich ist der Fall Obama ein Phänomen, das nicht einfach kopiert werden kann: Der Kandidat ein Charismatiker, zudem sehnte sich das Land nach den bleiernen Bush-Jahren nach einem “Change”, eine ganze Generation brannte auf einen progressiven Neubeginn. Das kommt nicht alle Jahre vor. Aber lernen kann man von der Obama-Kampagne dennoch einiges.

Die Website als offene Plattform für alle

Obama hat die Möglichkeiten des Internets genutzt wie kein Politiker zuvor – und auch wie keine politische Kampagne seither. Mit der Hilfe von Chris Hughes, einem der Gründer von Facebook, wurde die Obama-Website als “Social Network” organisiert. Jeder konnte mitmachen bei MyBarackObama.com, seine eigenen Veranstaltungen eintragen, seine Freund_innen einladen. Kurzum: Sein “eigenes Ding” für Obama machen. Wichtig war in diesem Zusammenhang, dass sich Obamas Wahlkampfmanager nicht wie Kontroll-Freaks gerierten.

Man freute sich, wenn jemand etwas für den Kandidaten tat – und fragte nicht misstrauisch, ob der oder die denn auf Linie sei, wie das bei vielen bürokratisierten Apparatparteien der Fall ist. Natürlich ist das nicht ohne Risiko. So “enthüllte” der rechte TV-Sender Fox News, dass in einem Büro freiwilliger Obama-Helfer_innen in Houston eine Che-Guevara-Fahne hänge – damit behauptete man bei FOX, den Kandidaten als gefährlichen Kommunisten enttarnt zu haben. «Das ist ein Büro Freiwilliger», so das Statement der Kampagnenleitung, «nichts, worüber wir die Kontrolle haben». Im Internet gäbe es eben auch «eine Menge Mist», sagte Obamas Chefstratege David Axelrod lapidar, «aber es ist vor allem eine mächtige Kraft zur Demokratisierung».

Von Beginn an hat die Obama-Kampagne alles daran gesetzt, so viele E-Mail-Adressen wie möglich zu sammeln – um aus ideellen Unterstützern aktive Wahlhelfer und Spender zu machen. Die großen Massenveranstaltungen mit Obama, etwa in Fußballstadien mit 70.000 oder mehr Besuchern, hatten nicht zuletzt den Zweck, dass man bei allen Ausgängen Wahlhelfer postieren konnte, die die Bürger um ihre E-Mail-Adressen fragen konnten.

«Über eine Periode von 21 Monate», heißt es in einer Bilanz, «haben Millionen Amerikaner MyBO genutzt, um lokale Gruppen aufzubauen oder Telefonkampagnen zu starten. Am Ende des Wahlkampfes hatten zwei Millionen Bürger ein Profil auf der Seite angelegt, sie hatten 200.000 Offline-Events organisiert, Gruppen gegründet, 400.000 Blogeinträge erstellt und 30 Millionen Dollar aufgebracht.»

Das MyBarackObama Social NetworkBarack Obama on community organizingObama '08! Mural in Venice

DIE GRASSROOTS DES COMMUNITY ORGANIZERS OBAMA
➊ MyBO war nicht nur für die Wahlkampagne sondern ist ungebrochen eine Social Network Plattform für “Community Organization”. Die Techniken des Community organizing sind aus Arbeitsweisen von Grassroots Initiativen abgeleitet. Ihr Einsatz bestimmte den Obama Wahlkampf massiv mit und auf MyBO werden bis heute laufend Schulungen angeboten.
➋ 2008 spricht Barack Obama immer wieder seine ihm wichtige Erfahrung als “Community Organizer” und die bedeutende Arbeit der vielen organisierten Freiwilligen an, hier in einem YouTube-Video des Kanals BarackObamadotcom.
➌ Obama mobilisiert in vielen Bereichen und ist überall sichtbar. Das berühmteste Obama-Bild ist von dem Streetart Künstler Shepard Fairey, Graffitis sind in ganz Amerika omnipresent, der Sänger der Gruppe «The Black Eyed Peas» organisiert die Produktion des viralen Videos und Songs «Yes We Can», nach dem Kampfruf der Landarbeiter-Gewerkschaft und Slogan der Obama Wahlkampagne.

Politische Kampagnen im Netz sind nie als bloße Parteikampagnen erfolgreich. Sie funktionieren dann gut, wenn sie an eine bereits vorhandene Mobilisierung der Zivilgesellschaft und Vernetzungen von lokalen oder thematisch aufgezogener Gruppierungen andocken – oder eine solche Mobilisierung begünstigen und inspirieren. Kurzum: Sie müssen eine – temporäre – Koalition schmieden und die Kampagne muss auf Basis dieser Koalition agieren. Nicht die Partei “führt” dann den Wahlkampf, sondern eine Koalition aus Partei, NGOs, vielen Initiativen und eigensinnigen Einzelpersonen.

Partipationsversprechen sind einzulösen

Das Web 2.0 hat als “Mitmach-Netz” ein Potential für eine Demokratisierung der Demokratie, aber vielen traditionellen Organisationen progressiver Politik fehlt oft ein elementares Verständnis für den Geist dieses neuen Mediums mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten. So glauben sie oft, es wäre für sie schon etwas gewonnen, wenn sie mäßig interaktive Websites wie klassische One-Way-Medien nutzen können, mittels derer sie ihre PR-Botschaften ausschicken und die sie nach dem gewohnten hierarchischen Top-Down-Führungsstil kontrollieren können.

Ein besonders abschreckendes Beispiel für einen solchen Anachronismus war die Online-Kampagne der deutschen Sozialdemokraten während des jüngsten Bundestagswahlkampfes. Dabei hatte Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel noch zu Kampagnenbeginn geprahlt: «Der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten hat allen politisch Interessierten klar gezeigt, welche Power für eine lebendige Demokratie durch das Netz geöffnet wird. Aus meiner Sicht ist das eine Risenchance für das Land, für die Parteien, für die Demokratie. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sondern ein vielfältiges und dynamisches Dialogmedium – und das wollen wir nutzen.» In der Praxis hat er alle seine Online-Mitarbeiter_innen allerdings dazu verdonnert, ihm jeden Halbsatz, der ins Netz gestellt werden sollte, vorab vorzulegen. Dass auf diese Weise jedes Leben und alles Spontane aus der Kampagne vertrieben wurde, ist ihm offensichtlich nicht einmal klar geworden. In Kombination mit dem eher blassen Spitzenkandidaten führte das dazu, dass sich praktisch niemand für die Webkampagne der SPD interessierte.

Die Sozialdemokratie war im Mitmach-Netz zwar präsent – aber niemand wollte bei ihr mitmachen. Wie kläglich die Partei mit ihrer Netzkampagne scheiterte, enthüllte später ein Insider in einem umfassenden, anonymen Erfahrungsbericht, den der Berliner «Freitag» veröffentlichte. Titel der ernüchternden Story: «No, We can’t»

Selbstorganisation und Selbstrepräsentation

Aber das Web kann die Politik nicht nur verändern, indem es traditionellen politischen Akteuren neue Möglichkeiten bietet (wenn sie klug genug sind, sie zu nützen). Das Web bietet jedem Bürger und jeder Bürgerin die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, seine Meinung kundzutun, sie an Freund_innen zu versenden. Normale, einfache Bürger_innen können selbst Initiativen starten und oft gelingt es ihnen, für die unwahrscheinlichsten Anliegen tausende Menschen zu interessieren. Nicht selten wird aus einer solchen Initiative im virtuellen Raum eine Aktion in der “wirklichen Welt”.

Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter geben heute normalen, unorganisierten Bürgern die Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden und diese Verbindung zu pflegen. Das setzt Parteien auch einer Konkurrenz aus. Überlegen wir einmal, worin eigentlich – beispielsweise – der Sinn von politischen Parteien in der Vergangenheit bestand, was ihr Vorteil gegenüber anderen Formen der politischen Aktivität, etwa des spontanen Protestes war: Sie hatten einen bürokratischen Apparat, mit deren Hilfe sie Kontakt zu ihren Mitgliedern und Sympathisant_innen aufrechterhalten konnte, eine Organisation, die Fäden spannte zwischen den einzelnen Mitgliedern, den Funktionären, der Parteiführung. Es war vor allem diese Fähigkeit zur kontinuierlichen Organisierung, die Parteien beispielsweise von flüchtigeren politischen Bewegungen unterschied, deren Anhänger_innen sich zeitweise um ein bestimmtes Thema scharten und sich danach wieder aus den Augen verloren. Parteiapparate hatten, neben anderen nützlichen Zwecken, nicht zuletzt den hauptsächlichen Sinn, dieses “aus-den-Augen-verlieren” zu verhindern und eine stabile Aktivistenbasis über längere Zeit hinweg auf ein politisches Ziel hin zu organisieren. Das ist, natürlich auf andere Weise und weniger verbindlich, über das Internet und soziale Netzwerke heute auch anderen Akteuren möglich, letztendlich jeder Einzelperson.

Befreit das Netz “die Basis”?

Einzelne Parteienforscher_innen vertreten sogar die Auffassung, dass dies Parteien die Möglichkeit gibt, wieder an frühere Zeiten anzuschließen. Denn schließlich ist die zentrale “Message-Control” und der “Top-Down-Führungsstil”, wie ihn sich viele Polit-PR-Manager_innen in den vergangenen fünfzehn Jahren angewöhnt haben, eine relative Neuerscheinung. Die innerparteiliche Position des “Spin-Doctor” wurde Land für Land und Partei für Partei eingeführt, besetzt und binnen kürzester Zeit mit Vollmachten ausgestattet, die de facto oft auf die strategische Führung der Partei hinausläuft.

Früher waren Parteien schließlich weitgespannte Organisationen, mit einer Führung ganz oben, einem breiten Mittelbau an Funktionären und vielen tausenden Mitgliedern in den lokalen Parteiorganisationen. Einen Gutteil der “politischen Kommunikation” mit potentiellen Wähler_innen besorgten diese einfachen Mitglieder. Und wie genau diese die Politik der Partei “verkauften”, wie sie für sie warben, konnte die Parteiführung auch nie vollständig beeinflussen. Sie musste sich auf die individuellen Kommunikationsstrategien ihrer Mitglieder verlassen und dementsprechenden Freiraum zugestehen. Erst die ausgeklügelten zentralen PR-Strategien des modernen Politikmarketings haben bei den professionellen Spitzenpolitiker_innen die Illusion (und die Obsession) entstehen lassen, jede “Message”, jeden Halbsatz, jeden Schnappschuss und jeden Soundbite zu kontrollieren – und damit zur Entmündigung der normalen Parteimitglieder geführt.

Online-Medien und Politische Kommunikation

Erfolgreiche Onlinekampagnen leben in und von der neuen Medienrealität, die sich nach und nach im Netz entwickelt. Heute gibt es einige unabhängige Online-Medien, die es durchaus mit dem Verbeitungsgrad und der Relevanz von Massenmedien aufnehmen können, die aber dennoch anderen Gesetzmäßigkeiten als klassische kommerzielle Formate unterliegen. In den USA sind dies etwa die als Blog eingerichtete Huffington Post oder das Polit-Portal Politico, das von zwei Ex-Redakteuren der Washington Post gegründet wurde. Ein anderes Beispiel für eine von der Massenmedienlogik unabhängigen Gegenöffentlichkeit ist Democracy Now, ein alternatives Medienprojekt das eher als der polit-aktivistischen Grassroots-Ecke kommt.

In der Blogosphäre entwickeln sich manche Blogger_innen zu sogenannten “Alpha-Bloggern”, die weit größeren Einfluss gewinnen als “normale” Blogger mit eingeschränkten Leser_innen-Kreisen. In Deutschland beispielsweise die NachDenkSeiten, das Blog von Thomas Strobl aka Weissgarnix oder das Netzpolitik-Blog.

Im Unterschied zu klassischen Medienformaten, die oft zumindest den Anschein politischer Neutralität aufrecht erhalten wollen, sind Blogs und Online-Medien vor allem dann erfolgreich, wenn sie klare Ecken und Kanten haben, wozu auch eine pointierte politische Ausrichtung gehört. Selbst wenn sie keine exorbitante Leserzahl haben, können sie damit signifikanten Einfluss auf die Meinungsbildung in ihrem jeweiligen politischen Milieu gewinnen. Das trifft keineswegs nur für die progressive Seite zu. In Österreich haben etwa neoliberale und neokonservative Blogs durchaus großen Einfluss auf die Diskurse im rechten Lager.

Dabei ist aber wichtig, die Möglichkeiten der elektronischen Vernetzung nicht zu überschätzen. Es wäre ein Fehler zu glauben, das Netz könne andere Formen politischen Aktivismus ersetzen. Mit Netzpräsenz, mag die noch so raffiniert sein, erreiche ich meist nur jene, die mein Anliegen teilen oder ihm zumindest aufgeschlossen gegenüber stehen. Das kann, je nachdem was man plant, schon reichen: Die Mobilisierung der “eigenen” Leute ist, bei Protestbewegungen etwa, das Wesentliche. Und auch für politische Kommunikation im engeren Sinne ist es nicht unwichtig, kommunikativ die Haltungen der “eigenen Leute” zu stabilisieren und mit Argumenten stetig zu untermauern.

Die Mühen des Mobilisierens

Bei Wahlkampagnen ist aber das Entscheidende, die Unentschiedenen zu erreichen oder die Unaufgeschlossenen zu überzeugen. Und das geht meist nur in persönlichen Gesprächen. Simpel gesagt: Der Königsweg ist, Menschen online zu aktivieren, damit sie sich offline engagieren. Nur als Beispiel aus der Obama-Kampagne: Noch am Wahltag selbst haben Obama-Unterstützer in Ohio – einen der umkämpften Battleground-States – an eine Million Türen (!) geklopft. Gewonnen wurden die Aktivist_innen dafür weitgehend online.

Über die Möglichkeiten und Grenzen von wesentlich internetbasierter Organisation kann ich hier ein bisschen mit eigener Erfahrungen und Zahlen aufwarten: Im vergangenen Sommer organisierte ich mit einigen anderen die dringliche Demonstration «Genug ist Genug» gegen die Erbarmungslosigkeit der menschenrechtswidrigen Behandlung von Asylant_innen durch unser Innenministerium. Vorbereitungszeit hatten wir exakt fünf Tage. Am 1. Juli 2010 standen dann knapp 20.000 Menschen zwischen Heldenplatz und Bellaria, um ein Zeichen die Praxis unserer Behörden und für ein humanitäres Bleiberecht zu setzen.

Facebook, also die “Pinnwände” und Seiten österreichischer User_innen, machte in den knapp fünf Tagen vor der Kundgebung den Eindruck, als wüsste “jeder” und “jede” von dieser Demonstration. Auf meinem eigenen Weblog sahen in diesen Tagen etwa 18.000 Leute vorbei. Ein kleiner Werbevideoclip, den wir erstellten und auf YouTube stellten, wurde von rund 5.000 Menschen gesehen, weitergeleitet und verlinkt. Andere, die auf ihren Webseiten und Blogs auch warben, werden ähnlichen Traffic gehabt haben. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werden dabei freilich ähnlich und kongruente Personenkreise erreicht worden sein. Das heißt, mit einer aus dem Boden gestampften, aber doch sehr massiven Kampagne, die auch noch von traditionellen Medien ausführlich gecovert wurde, haben wir online, einigermaßen vorsichtig geschätzt, in einer knappen Woche wahrscheinlich rund 30.000 Menschen erreicht. Das ist nicht wenig – aber auch nicht exorbitant viel.

Franz Josef Genug ist GenugFotos von der Genug ist Genug KundgebungLive-Stream und Aufzeichnung der Kundgebung

GENUG IST GENUG MOBILISIERUNG UND DOKUMENTATION
➊ Im Zuge einer selbstorganisierten BlogParade sagt auch der Kabarettist Franz Josef «Genug ist Genug» und ruft via Youtube und Blogeintrag zur Kundgebung auf.
➋ Es gibt kaum Möglichkeit der Einflussnahme, ob Zeitungen und Fernsehsender Bilder zivilgesellschaftlicher Demonstration bringen. Im Internet ist das kein Problem.
➌ Die Kundgebung wird per Live-Stream im Netz übertragen. Die Aufzeichnung bleibt abrufbar und kann überall verlinkt und eingebettet werden.

Glaubwürdigkeit ist wichtig, Authentizität ist cool

Eine der kompliziertesten Fragen in Zusammenhang mit professionellen politischen Kampagnen in Web ist die Frage des “Stils”, die Frage von Duktus und Habitus. Die Welt des Web 2.0 ist voll von peinlichen Politiker_innen-Statusmeldungen, faden Verlautbarungen im Pressemeldung-Stil und ostentativer Unechtheit. Wer kein Gefühl dafür hat, was authentisch wirkt (was nicht unbedingt heißt: tatsächlich authentisch ist), der wird sich leichter lächerlich machen als für sich etwas Nützliches zu erreichen. Mal muss man große Gefühle mobilisieren, mal mit Energie überzeugen, dann aber wieder über sich selbst lachen können – Lakonisches muss mit Pathetischem wechseln, wer allzu oft rein strategisch postet, verliert an Glaubwürdigkeit und wer nichts Privates hergibt, der erscheint nicht “wirklich” präsent. Und wer nicht gelegentlich mit User_innen per Kommentarfunktion in Dialoge eintritt, wirkt als jemand, der von oben herab nur seine Messages absetzt (, aber gerade dafür ist dann oft wenig Zeit).

All das braucht viel Gespür, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und gelegentlich auch sich selbst zu beobachten und wenn das jemand nicht kann, ist es auch verdammt schwer das zu erlernen. Gleichzeit braucht es auch viel Gespür für das Medium, die Fähigkeit und die Neugier, sich die Logik der Plattform Facebook oder die Logik des Bloggens und allgemein die Logik der Sozialen Medien zu erabeiten. Dabei gilt hier nicht anderes als für Radio, den Fernsehauftritt oder das Bad in der Menge: alle Bühnen haben ihre leicht unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten.

Wer nicht selbst merkt, was peinlich ist, dem helfen die besten Anleitungen und Manuals nichts. Und schlussendlich muss man auch immer der Gefahr widerstehen, sich in den Sog des aggressiven Stils, der im Web 2.0 (das manche deshalb auch Mob 2.0 nennen) herrscht, hineinziehen zu lassen. Wer, und sei es nur an mäßig herausgehobener Stelle, politisch aktiv ist, aber den verletzenden Ton übernimmt – dem er womöglich selbst ausgesetzt ist –, der kann schnell ein Riesenproblem bekommen.

Zusammenfassung

Politische Organisationen, Interessensvertretungen, Parteien können das Netz erfolgreich für Kampagnen nützen, wenn sie bereit sind, Unabhängigkeit zuzulassen. Kontrollwut und Top-Down-Führungsstil vertragen sich nicht mit der Logik des Netzes. Politische Kommunikation im Netz erreicht meist jene Bürger_innen, die den vertretenen Anliegen aufgeschlossen gegenüber stehen. Sie kann aber diese aktivieren, selbst aktiv zu werden.

Politiker_innen müssen den Stil und die Sprache “Sozialer Netzwerke” erlernen. Wer nur strategisch postet oder Polit-Sprechblasen absondert, wirkt schnell unglaubwürdig, unauthentisch oder schlicht peinlich.

  • Partizipation darf nicht nur draufstehen, sie muss auch drinnen sein und gelebt werden.
  • Mobilisiere deine Stamm- und Zielgruppe, halte sie am Laufenden und halte dich am Laufenden, was sich bei deinen “friends” und “fans” so tut.
  • Führe Dialoge. Das geht nicht ständig und mit allen, aber wenn es sich ausgeht, dann meine es ernst.
  • Authentizität rulez. Ob sie inszeniert ist oder passiert, jedenfalls besteht sie aus Ecken und Kanten.
  • Mit Kontrollwahn, Overrulen von einmal gemachten Ankündigungen und Spielregeln, restriktivem Einschreiten bei Problemen macht man sich nicht nur wenige Freunde sondern gibt meist sehr offensichtlich ein peinliches Bild ab.
  • Das Abspeisen der Social Media Kanäle mit schnell kopierten Presseaussendungen ist klassische Negativwerbung und verbreitet keine Informationen, sondern die Message, dass du die Kultur dieses Kommunikationsraums nicht kennst oder achtest.

March 24 2011

Die Kraft der Vielen koordinieren lernen!

Netzwerk-Kampagnen – Bewegung in die Zivilgesellschaft bringen

«Veränderung bedeutet Bewegung. Bewegung bedeutet Reibung. Nur in einer fiktiven Welt entsteht Veränderung ohne Konflikt.»
Saul Alinsky

Für «Nichtregierungsorganisationen» (NGOs) können Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Die Verbreitung von sozialen Medien macht wirkungsvolle Kommunikations-Tools verfügbar und bringt ein aktives Selbstverständnis potentieller Aktivist_innen. Zivilgesellschaftlichen Initiativen und NGOs müssen aber noch viel lernen, wenn sie die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen kombinieren wollen. Wo genau noch Handlungsbedarf besteht, beobachtete ich als Sprecher von SOS Mitmensch, einer “pressure group”, für die ich Kampagnen zur Durchsetzung der Menschenrechte gemacht habe. Fünf Punkte greife ich hier heraus.

Flüchtlings-NGOs und Netzwerk-Kampagnen – die Vorläufer

Schon vor #unibrennt haben zivilgesellschaftliche Gruppen in Österreich Kampagnen in Netzwerkstruktur durchgeführt: Beim recht gebräuchlichen “open campaining” wird lediglich das gemeinsame Ziel festgelegt. Die Mitstreiter_innen agieren dann unabhängig und setzen die eigenen Ressourcen mit den jeweils bevorzugten Aktionsformen ein. Open campaining kommt vor allem dann zum Tragen, wenn detaillierte Koordination mehr Aufwand als Nutzen bedeutet. Zum Beispiel, wenn Akteur_innen mit sehr unterschiedlicher Arbeitsweise zusammen finden sollen.

Politische Gruppen schöpfen ihren Antrieb aus inhaltlicher Abgrenzung und setzen deshalb meist auf die Dynamik von Konfliktstrategien. Diese werden von NGOs, etwa sozialen Wohlfahrtsverbänden, als riskant und anstrengend eingeschätzt. Große NGOs verfügen oft über ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen um Lobbying- oder Public Relations-Strategien umzusetzen. Konfliktstrategien sind zweite Wahl, was NGOs von politischen Gruppen mitunter den Vorwurf des übertriebenen Pragmatismus einbringt. Noch ein Unterschied: Mit der Größe einer Organisation steigt nicht nur die Ressourcenstärke, sondern auch die Komplexität der Entscheidungsstrukturen. Kooperation zwischen Großen und Kleinen wird allein schon durch unterschiedliche Geschwindigkeiten erschwert. Trotz dieser Verschiedenheiten gelingt es im Asyl- und Flüchtlingsbereich immer wieder, die Wohlfahrtsverbände, NGOs und politische Gruppen zu Kooperationen zu bewegen.

Die Kampagne «Existenzsicherung für Flüchtlinge», mit der im Jahr 2003/04 eine allgemeine Grundsicherung für Asylsuchende (“Weihnachtsfrieden”) durchgesetzt wurde, vereinte die Beteiligten durch die Dringlichkeit des Zieles: Tausende obdachlose Flüchtlinge von der Straße zu holen. Während die großen Hilfsorganisationen mit dem damaligen Innenminister Ernst Strasser verhandelten, organisierten die kleinen NGOs medienwirksame Protestaktionen auf der Straße.

Bei der Bleiberechts-Kampagne 2008/09 gelang es, Akteur_innen mit zum Teil unvereinbaren Positionen und ohne Kooperationsbereitschaft durch das Setzen eines wirksamen Fokus zusammen zu spannen. Die teilnehmenden Flüchtlingsorganisationen erklärten den 10. Oktober 2008 auf Initiative von SOS Mitmensch zum «Tag des Bleiberechts». Damit stießen wir konzertierte Aktionen an, ohne dass sich je alle Beteiligten gemeinsam an einen Tisch gesetzt hätten. Der Kampf um die Deutungshoheit über den Bleiberecht-Begriff spornte einige antirassistische Kräfte besonders an. Um die als defensiv empfundenen Forderungen der Hilfsorganisationen zu konterkarieren, nannten sie den Tag schlicht «Tag der Bewegungsfreiheit». Den Kampf ums Bleiberecht haben wir unterm Strich trotz makelhafter Gesetzgebung gewonnen, da die Öffentlichkeit ein solches mittlerweile anerkennt. Noch heute verweisen Flüchtlingshelfer_innen erfolgreich auf die Idee des Bleiberechts, um die Interessen von Asylsuchenden und Migrant_innen gegen abschiebelustige Behörden durchzusetzen.

Auch die Mobilisierung per Internet ist kein Phänomen der Facebook-Generation. Schon 2000 und davor bedeutete der Einzug des Kommunikationsmediums E-Mail eine wesentliche Arbeitserleichterung für NGOs. Dauerte das faxen einer Presseaussendung vor 1999 noch einen ganzen Vormittag, so bedurfte der Versand per E-Mail-Presseverteiler nur mehr eines Knopfdrucks. Die erste Massenmobilisierung per E-Mail gelang SOS Mitmensch am 2. Februar 2000 gegen die Schwarz-Blaue Bundesregierung. Laut Polizeiangaben nahmen 15.000 Personen an der Kundgebung teil, die erst 24 Stunden zuvor angemeldet und am Vorabend durch eine E-Mail-Kette beworben wurde.

#unibrennt – Die Emergenz eines neuartigen Netzwerk-Protests

Eine Kampagne unterscheidet sich von einer sozialen Bewegung durch ihren höheren Grad an Planung und Koordination. Das schränkte die Reichweite der Beteiligten vor Web 2.0 drastisch ein. Die #unibrennt-Proteste befinden sich irgendwo zwischen sozialer Bewegung und klassischer Kampagne. #unibrennt war in Österreich und darüber hinaus netzwerkartig organisiert, mit flachen Hierarchien, vielen dezentralen Knotenpunkten und ohne dominante, kontrollierende Zentren. Man ist deshalb geneigt, eher von einer sozialen Bewegung zu sprechen, als von einer Kampagne. Doch dagegen spricht die kollektive Strategiearbeit, bei der mit Hilfe von Web 2.0 unter breiter Beteiligung über Ziele, Taktik und Mitteleinsatz verhandelt wurde.

Klassische Kampagnen funktionieren dann gut, wenn wenige Steuerleute über viele Ressourcen verfügen. Soziale Bewegungen sind wirkmächtig, wenn sehr viele ihre relativ geringen Ressourcen trotz fehlender Steuerung in den Dienst desselben Ziels stellen. Netzwerk-Kampagnen ermöglichen es, geringe Ressourcen von Vielen koordiniert einzusetzen. Netzwerk-Kampagnen bauen dabei nicht nur auf die technischen Möglichkeiten des Web 2.0, sondern auch auf das Selbstbild der Teilnehmer_innen, die von Social Media geprägt sind: Sie sehen sich nicht als passive Konsument_innen sondern als aktive Beitragende.

Für zivilgesellschaftliche Gruppen könnten Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Allerdings ist es für die meisten NGO-Menschen noch mit einem hohen Lernbedarf verbunden, Web 2.0-Techniken und Social-Media-Kultur in ihre Arbeit zu integrieren. Im Folgenden arbeite ich fünf Punkte heraus, wo ich besonderen Handlungsbedarf festmache, um die Möglichkeiten besser auszuschöpfen.

Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beitragsmöglichkeiten

Will man die Kraft der Vielen nutzen, lohnt es bei der Bereitstellung von Kampagnen-Tools sehr viel Sorgfalt in deren Skalierbarkeit zu legen. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Paradebeispiel für eine Netzwerk-Kampagne mit hoher Skalierbarkeit ist die Wahlkampagne von Barack Obama. Tausende Amerikaner_innen registrierten sich auf der Website «MyBarackObama.com» als Fundraiser_innen und Campaigner_innen. Einschulung und Anleitung für die teilweise komplexen Aktivitäten erfolgen über weite Strecken online und erforderten deshalb keinen (bedeutend) steigenden Mitteleinsatz, ob sich nun hundert oder hunderttausend Personen beteiligen. Das Online-Tool animierte etwa zum Anruf bei potentiellen Wähler_innen und schlug dafür Telefonnummern und einen Gesprächsleitfaden vor. Fände eine solche Einschulung und Betreuung offline statt, stiege der Aufwand mit jeder zusätzlichen Person, die mithelfen will. Die Effektivität von skalierbaren Tools steigert sich noch, wenn nicht nur die Durchführung des Tools, sondern auch die Rekrutierung von Beiträger_innen skalierbar ist, wenn also zum Beispiel gleich eine “Tell your Friends”-Funktion in das Tool integriert ist.

Der Aktionstag Bleiberecht für alle im Oktober 2008Ute Bock VideoBockCast im Sesselmeer am Wiener BallhausplatzTag des Bleiberechts

DER AKTIONSTAG, DER BEGRIFF, DIE IDEE DES BLEIBERECHTS
➊ Der «Tag des Bleiberechts» wird von vielen Gruppen und in verschiedenen Städten aufgegriffen. Eine Open Space Konferenz im Vorfeld fördert den Austauch von Ideen, der Tag wird zu einem «dezentralen Aktionstag».
➋ Vor dem Bundeskanzleramt und in anderen Städten wird ein Sesselmeer inszeniert, der «VideoBockCast» berichtet. Die “Sesselmeer” wird seitdem immer wieder aufgegriffen.
➌ Die Beteiligung ist groß und breit, der Organisation von Ute Bock wird der Rücken gestärkt, der Begriff und die Forderung des Bleiberechts sind nachhaltig in die öffentliche Diskussion eingebracht.

Weniger gut gelang die Skalierbarkeit bei «Rassismus streichen», einer Kampagne gegen rassistische Beschmierungen an Wiens Hauswänden, die SOS Mitmensch 2006 lancierte. Primäres Kampagnentool war ein WatchBlog. “Rassismus-Paparazzis” speisten den Bild-Blog rassismusstreichen.at von unterwegs mit Handy-Fotos von rassistischen Parolen an Wiens Hauswänden. Mit dem “Antirassistischen Stadtplan” machten wir die erstaunliche Verbreitung der Hetz-Parolen sichtbar. Die technischen Möglichkeiten von damals erforderten das händische Eintragen der Fundort-Adresse durch die oder den Rassismus-Paparazzi, sowie das manuelle Übertragen der geposteten Bilder in die Google-Map durch Mitarbeiter_innen von SOS Mitmensch. «Rassismus streichen» erhielt Anerkennung von Fachleuten, doch den harte Kern der Paparazzis bildeten Technik-Freaks und persönlich eingeschulte Aktivist_innen. Beim heutigen Stand der Technik fände eine Smart-Phone-App mit automatischem Geotagging der Bilder wahrscheinlich weite Verbreitung.

Je klarer die Partizipations-Schnittstellen definiert sind, desto leichter ist die Teilnahme für die Beiträger_innen. Zum «Tag des Bleiberechts» versuchten die Hilfsorganisationen in allen Landeshauptstädten ein “Sesselmeer” zu organisieren. Als klar wurde, dass die Ressourcen der Landesorganisationen dafür nicht reichen, wurden andere lokale Gruppen gesucht. Eine detaillierte Anleitung sollte diesen die Vorbereitung erleichtern. Zufällig stießen auch Initiativen in Bezirksstädten auf diese Checkliste und nahmen sie zum Anlass, ein eigenes “Sesselmeer” durchzuführen.

Aktivitäten zusammenfassen und zentral sichtbar machen

Ein Netzwerk ist umso robuster, je mehr Knotenpunkte es hat. Über Kommunikation und Aktivitäten in einem großen Netzwerk verliert man aber schnell einmal den Überblick. Dabei ist es für Aktivist_innen motivierend zu erfahren, dass viel passiert. Deshalb ist es sinnvoll, Informationen zu sammeln und über einen zentralen Punkt erreichbar zu machen. Viele Web 2.0-Tools bieten heute auch die Voraussetzung, um Informationen von sehr vielen Lieferant_innen zu strukturieren und aufzubereiten. Auf Flickr.com ist etwa rasch eine Gruppe eingerichtet, die alle Fotos von einer Aktion auf einer Seite bündeln, obwohl sie von verschiedenen Fotograf_innen stammen. Die Vielfalt von heterogenen Netzwerken ist ein Vorteil, da sie Innovation fördert und differenzierten Erwartungen unterschiedlicher Zielgruppen gerecht werden kann – ideal ist, wenn Interessierte auch noch schnell den Weg zur gewünschten Information finden.

Bei «Machen wir uns stark» wurden über eine Website 3333 Spender_innen gesucht, die 15 Euro zur Finanzierung der Kundgebung am Heldenplatz beitragen. Wir richteten auch eine Facebook-Page ein, um viele Interesseierte zu erreichen, die vollständige Integration der Spenden-Website konnten wir aber nicht umsetzen. Eine unbefriedigende Lösung. Das Spendenziel erreichten wir, und doch verpuffte einiges an Mobilisierungskraft. Weder wurden die Spender_innen automatisch in die Kommunikation auf Facebook involviert, noch wurden die Facebook-User_innen automatisch über eingehende Spenden von Freund_innen informiert und so zu neuen Anstrengungen motiviert.

Eine gute Geschichte erzählen und relevant sein

Gerade wenn eine Kampagne auf die Ressourcen der Vielen abstellt, muss sie relevanter sein, als andere. Auf Facebook wird man täglich mit kreativ umgesetzten Anliegen konfrontiert. Irgendwann geben es die meisten Nutzer_innen auf, allen Gruppen beizutreten, deren Ziele sie eigentlich teilen würden. Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen sind beschränkt. Wenn andere Menschen dazu gebracht werden sollen, ihre Ressourcen genau für diese eine Aktion einzusetzen, dann muss sie sich von anderen abheben.

Die wichtigste Grundlage für eine relevante Kampagne ist eine gute Geschichte. Diese beschreibt, welches Problem interessierte Aktivist_innen durch Ihren Beitrag lösen werden. Für die Qualität der Geschichte gelten formale Kriterien (wie Klarheit, Kürze und Konsistenz) ebenso wie inhaltliche. Journalistische Relevanzkriterien beschreiben ganz gut, was den Inhalt einer guten Geschichte ausmacht: Unter anderem Aktualität, Originalität, Bekanntheit der Protagonist_innen, Nähe zur und Betroffenheit der Zielgruppe sowie Dramaturgie. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, wenn sie weitererzählt wird und sich “wie von selbst” verbreitet.

Mit der «Asylwette» versuchte SOS Mitmensch den wenig originellen Sachverhalt eines verfassungswidrigen Asylgesetzes mit einer gelungenen Verpackung berichtenswert zu machen. Auf einer Website wurden Einsätze gesammelt, um Innenministerin Liese Prokop eine Wette darüber anzubieten, dass auch die damals geplante Novelle vor dem Verfassungsgericht nicht halten werde. So wie zahlreiche Gesetze zuvor. Immerhin lehnte die Ministerin die Wette offiziell ab und stieg damit auf den Diskursrahmen ein, ob ihr Gesetz verfassungskonform sei oder nicht. Die gesammelten Einsätze wurden der Betreuungseinrichtung für Folteropfer, Hemayat, gespendet, das Gesetz vom Höchstgericht korrigiert.

Leider begünstigen sowohl die Mächtigkeit der Protagonist_innen als auch die zur Verbreitung eingesetzten Mittel die Wirksamkeit einer Geschichte. Zivilgesellschaftliche Gruppen müssen deshalb in Konkurrenz zu ressourcenstarken Interessensverbänden und Parteien immer auch die besten Geschichten erzählen, um diesen Nachteil auszugleichen.

Auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen

1948 etablierte Earl Silas Tupper für seine Küchenwaren “Tupperpartys” als Vertriebsschiene und nutzte persönliche Beziehungen und Freundschaft erfolgreich als Verkaufshilfe. Eine Film-Empfehlung durch enge Freund_innen hat einen anderen Stellenwert als die Empfehlung durch eine_n Unbekannte_n. Dieses Prinzip nutzend verwenden Campaigner_innen Tools, die auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen. In den USA hat diese Form des “Vertriebs” auch eine lange Tradition für die Verbreitung politischer Ideen. Wahlpartys zur Mobilisierung von Freund_innen und Bekannten oder landesweite Filmscreenings im privaten Rahmen zur politischen Aufklärung finden großen Anklang. Worin auch immer die Gründe für die geringe Verbreitung dieser Methode im deutschsprachigen Raum liegen mögen, es bedarf wahrscheinlich noch einiger Anstrengung, um sie für die hiesigen Gewohnheiten zu adaptieren.

Die Bereitschaft sich für eine Kampagne einzubringen steigt außerdem, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt. Werden Tätigkeiten, die Menschen sowieso (gerne) machen, zur Erreichung eines Kampagnen-Zieles eingesetzt, so erhöht dies die Chance, dass sich viele Aktivist_innen finden.

Bock auf Bier

«Bock auf Bier», eine Kampagne die SOS Mitmensch 2003 gemeinsam mit einem Personenkomittee durchführte, setze gemeinsames Bier Trinken und Konzertbesuche als Kampagnentool ein. 70 Szenelokale in Wien spendeten 10 Cent pro getrunkenem Bier an die Flüchtlingshelferin Ute Bock, die mit ihren privaten Mitteln mehr als hundert Obdachlose Flüchtlinge untergebracht hatte. In Folge stellte eine Brauerei 60.000 Flaschen Bier in der Spezialedition «Bock auf Bier» her und spendete diese der Kampagne zum Verkauf.

An die “Bier-Kampagne” schloss mit «Bock auf Kultur» eine Veranstaltungsreihe mit 50 Veranstaltungen an. Unter dem Motto «Solange Flüchtlinge auf der Straße stehen, müssen wir auftreten» bespielten Musiker_innen, Kabarettist_innen und Literat_innen kostenlos die beteiligten Lokale. “Pay as you wish” ermöglichte den Besucher_innen die Höhe des Eintrittsgeldes selbst zu bestimmen und den Organisator_innen mit tausenden Gästen über die Lage von Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. In vier Monaten konnten so 60.000 Euro lukriert und Frau Bocks Wirken, das in einem Land wie Österreich nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt, durch Öffentlichkeit geschützt werden.

Motivation und Interessen der Beitragenden kennenlernen

Wenn es gelingt, die Interessen und Motivationen von potentiellen Aktivist_innen anzusprechen, werden diese ohne “Gegenleistung” handeln. Die Studierendenproteste haben beispielsweise handfeste Interessen von Student_innen kanalisiert. Sie mobilisierten aber auch altruistische Motive. Etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun ist nach wie vor für viele Menschen ein Ansporn, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Kurzfristige und intensive Mobilisierung ist möglich, wenn Empörung oder Wut aufgegriffen wird.

Im Gespräch mit potentiellen Aktivist_innen, können Campaigner_innen deren Motive und Interessen kennen lernen. Kommunikation über Ziele, Strategien und Methoden einer Kampagne steigern Identifikation und Aktionsbereitschaft von Aktivist_innen. Das frühe Einbinden von Interessierten kann zudem die Qualität einer Kampagne steigern. Zu oft empfinden jedoch NGOs Feedback und Kritik als Gefahr für ihre Arbeit, da sie mit sozialen Medien noch nicht ausreichend Erfahrung gesammelt haben. Sie fürchten Kontrollverlust oder das Zurückweisen von Anliegen Interessierter. Diese Befürchtungen nehmen ab, wenn Organisationen geübter mit Sozialen Medien werden und klare Beteiligungsmöglichkeiten etablieren. Die Formulierung des Kampagnenziels, die Auswahl der Grafik-Vorschläge oder eine Ideenbox; wie stark Aktivist_innen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, bleibt der Organisation überlassen. Enttäuschung darüber, nicht überall mitreden zu dürfen bleibt dann aus, wenn Organisationen von Anfang an klarstellen, welche Form der Mitwirkung möglich ist und welche nicht.

Prominente mit Bock auf BierDie interaktive Wienkarte von Rassismus StreichenLichterkette rund um das Parlament im Juni 2009

DIE COMMUNITY SICHTBAR MACHEN, ALS COMMUNITY ARBEITEN
➊ Ein Plakat zur «Bock auf Bier» Kampagne macht die Community der prominenten Unterstützer_innen sichtbar.
➋ Der Rassismus Streichen Stadtplan von Wien ist eine Community Leistung, durch die Hausverwaltungen und Stadtregierung unter Druck gesetzt werden, gegen rassistische Beschmierungen vorzugehen.
➌ Die selbstorganisierte Lichterkette rund um das Parlament wird 2009 zu einem wirkungsstarken Zeichen der Menschlichkeit. Die Initiative geht von zwei Studentinnen aus, die via Facebook einen Aufruf starten, weil «wir die hiesigen Zustände nicht mehr untätig ertragen können». Das mediale Echo ist enorm.

Ausblick und Chance einer Zivilgesellschaft 2.0

NGOs und zivilgesellschaftliche Initiativen sind in der Regel kreativer und innovativer als Interessensverbände und Parteien. Sie haben gelernt, mit geringen Ressourcen viel zu bewegen. Man kann zuversichtlich sein: Der Zivilgesellschaft wird es rascher gelingen, das Potential von Web-2.0-Techniken und Social-Media-Kultur zu nutzen, als unseren Gegenspielern in Politik und Wirtschaft. Das wird uns bei der Durchsetzung der vielen wichtigen Anliegen, die wir vertreten, einen Vorteil bringen. Aber nicht nur. Soziale Medien werden sich vermutlich noch als Katalysator von starken Demokratisierungs-Impulsen erweisen. Sowohl in Staat und Gesellschaft, als auch in den Initiativen und Organisationen selbst.

Es fehlt nämlich nicht nur den öffentlichen Vertretungskörpern an adäquaten Beteiligungsmöglichkeiten. Die konsequente Auseinandersetzung mit den Erwartungen und Wünschen von potentiellen Aktivist_innen wird mittelfristig die Qualität von Entscheidungsprozessen in NGOS verbessern und den Weg für klare Mitwirkungs-Verfahren ebnen. Zumindest die early adopters unter den zivilgesellschaftlichen Gruppen werden durch ihre Lernbereitschaft mit plan- und steuerbaren Ressourcen in beträchtlichem Umfang belohnt werden.

Zusammenfassung

Die Kampagnenarbeit von zivilgesellschaftlichen Gruppen hat sich schon durch das Web 1.0 verändert. Allerdings waren Netzwerk-Kampagnen in Form von open campaining vor dem Web 2.0 auf wenige Mitstreiter_innen ausgelegt. Die Studierendenproteste #unibrennt haben gezeigt: Die Verbreitung von sozialen Medien ermöglicht es, die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen zu kombinieren. Für NGOs und andere zivilgesellschaftliche Gruppen könnte dies zur Kampagnenform der Zukunft werden, da die Ressourcen von sehr vielen Aktivist_innen zugänglich werden. Noch müssen NGOs allerdings einiges an Lernprozessen durchlaufen, um Web 2.0 – Techniken und Social-Media-Kultur in die eigene Arbeit zu integrieren.

Damit aus einer Kampagne eine Netzwerk-Kampagne wird, welche die Kraft der Vielen zum Einsatz bringt, müssen Kampagneninformationen und -materialien sowie klar definierte Beitragsmöglichkeiten skalierbar sein. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Web 2.0 bietet Möglichkeiten, dass koordinier- und planbare, dezentrale und netzwerkförmige Kampagnen nahezu beliebiger Größe organisiert werden können, die durch ihre Größe ein politischer Faktor werden.

  • Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beteiligungsmöglichkeiten anbieten, aber auch Raum für kreatives andocken an Kampagnen offen halten.
  • Die Bereitschaft von potentiellen Aktivist_innen, sich im Rahmen einer Kampagne einzubringen, steigt, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt, handfeste Interessen kanalisiert, aber auch altruistische Motive mobilisiert.
  • Netzwerk-Kampagnen sollten eine interessante Geschichte erzählen, die formal und inhaltlich gut beschreibt, welches Problem Interessierte durch Ihren Beitrag lösen werden.
  • Eine zentral zugängliche Darstellung der laufenden Aktivitiäten wirkt motivierend und hilft bei der Verbreitung des Anliegens.
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Schweinderl