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February 20 2012

#sbsm beim Metaday #48

Letzten Freitag hat Mitherausgeber hc voigt beim Metaday #48 etwas zum Konzept des #sbsm Projekts erzählt. Der Metaday ist eine regelmäßige Veranstaltung des Wiener Hackerspace Metalab:

Einmal im Monat lädt das Metalab Vortragende aus aller Welt ein, bei uns von ihren Projekten und Ideen zu erzählen. Anschließend gibt es Platz für Lightning Talks, wo Besucher aktuelle Unternehmungen und Vorhaben vorstellen können, sowie ein Buffet und gemütliches Ambiente für Diskussion und Austausch.

Der Vortrag ist aufgezeichnet und hier in zwei Teilen dokumentiert. Der erste Teil ist angekündigt als «knapper Überblick zu einem an Systemlogiken gemessen ziemlich unwahrscheinlichen Projekt». Soll heißen, Christian erzählt einfach etwas zur Grundidee, zur Entwicklung und zu Hintergründen des Cross Media Projekts …

Der zweite Teil ist angekündigt als «Einblicke zu Fällen, die nicht publiziert werden können» und greift vor allem das Thema des Buchbeitrags Heul nicht! Sag was! von Lanu und Christian auf.

Teil 1:

www.youtube.com/watch?v=E4Vwr8H_K4w

Teil 2:

www.youtube.com/watch?v=7oIeacg4UKg

und immer einen Besuch wert, das

Metalab Wien

Metalab Wien

September 27 2011

Podiumsdiskussion: „Arbeitsplatz 2.0 – quo vadis?”

Potentielle Veränderungen in der Arbeitswelt von morgen

Termin: 20.10.2011, 18.00 bis 20.00 Uhr

Der erste Eintrag zu einem fixen Programmpunkt des #sbsmCamps ist längst überfällig – im Wiki hat sich doch schon einiges angesammelt – und steht so in etwa unter dem Motto “Satteln wir das Pferd von hinten auf”.

GPA-djp Interessengemeinschaft work@it Das Forum Wien der GPA-djp Interessengemeinschaft work@it veranstaltet am 2. Tag des #sbsmCamps ab 18.00 Uhr eine Podiumsdiskussion zu den Auswirkungen der Internetnutzung, insbesondere im Zuge der Entwicklungen des Web 2.0, auf die Arbeitswelt.

Bei dieser Podiumsdiskussion wollen wir uns auf die durch die technische Entwicklung verursachten Veränderungen in der Arbeitswelt und deren Auswirkungen auf ArbeitnehmerInnen und deren Vertretungen konzentrieren sowie Chancen und Risken ausloten.

Es diskutieren Verena Spitz (BAWAG P.S.K und “Beirat Arbeit und Technik” der GPA-djp), Sandra Steiner (Atos und work@IT), Luca Hammer (Blogger, Publizist), Martin Rennhofer (IBM) und Hans Christian Voigt (Autor, Aktivist) unter der Leitung von Ingo Heeb (Beko und work@IT).

Wir bitten um Anmeldung zum #sbsmCamp über das Anmeldeformular!

August 11 2011

Menschenrechte. Bedingungslos. Für alle.

Campaigning against racism in der Festung_Europa®

«Die Geschichte wird einmal ein vernichtendes Urteil nicht nur über diejenigen fällen, die Unrecht getan haben, sondern auch über die, die dem Unrecht stillschweigend zusahen.»
Rudolf Breitscheid


Innerhalb von Europa werden Grenzen immer unsichtbarer. Die Bewegungsfreiheit wird immer noch größer. Im wachsenden Schengenraum gibt es keine Grenzkontrollen. Wir fliegen in andere Länder mit anderen Sprachen und müssen nicht den Reisepass vorzeigen. Die Bewegungsfreiheit für Waren ist nahezu uneingeschränkt, für Kapital sowieso. Und wer wollte auch freiwillig auf den transnationalen Warenverkehr verzichten, auf die Möglichkeit, überall per Bankomat Geld abheben zu können. Wer will schon zurück zu den alten Ländergrenzen und Grenzübergängen? Die Freiheiten von uns Vielen machen die Beschränkungen von ein paar wenigen zur Randnotiz. Wenn sich jemand nicht frei bewegen kann, hat das Gründe. Wir haben Niederlassungsfreiheit, aber wenn sich alle niederlassen, wo sie sich gerade niederlassen wollen, dann geht das nicht. Das würde uns den Raum wegnehmen. Das wäre eine Ausnutzung von Freiheiten, zu Lasten anderer. Das würde unsere Freiheit beschränken. Und das gilt auch für EU-Bürger_innen, dass sie sich nicht einfach überall niederlassen können. Investieren sie? Oder liegen sie anderen auf der Tasche, das ist ja wohl ein Kriterium. Der Lebensstandard muss angepasst sein.

Es braucht Übergangsfristen, es braucht Qualifikationen, es braucht Regeln und Pflichten. Und während wir eine gesamteuropäische Währung wagen, gemeinsame Rechte und Pflichten erarbeiten und voller Zuversicht in eine immer freiere europäische Landschaft blicken, verkaufen wir unser Gewissen an die Angst vor Menschen aus Afrika und Asien, an die Angst vor dem Islam, an die Angst vor verbrecherischen Banden und Kriminalität, die Angst vor den Anderen, die unsere Freiheiten einschränken könnten. Während wir den Frieden als höchstes Gut und die Menschenrechte als Errungenschaft unserer Zivilisation propagieren, werden in unser aller Namen Kriegsflüchtlinge ohne Bedenken abgeschoben, werden Bootsflüchtlinge dem Krepieren im Mittelmeer überlassen und Roma – seien sie europäische Bürger_innen oder nicht – bis hin zur Ghettoisierung in ihren Bewegungsfreiheiten eingeschränkt. Das alles geschieht relativ unbemerkt. Den vielen Warnungen vor Flüchtlings- und Migrant_innen-Strömen und der allgegenwärtigen Rhetorik von Asylmissbrauch steht im Verhältnis sehr wenig Berichterstattung über unsere europäische “Grenzschutzagentur” gegenüber, die – noch einmal: in unser aller Namen – Schiffsbrüchigen die Hilfe verweigert. Der Widerstand gegen diese europäische humanitäre Katastrophe wächst.

“Flüchtlingsbekämpfung” im Namen Europas

Das Hauptaugenmerk vieler Initiativen gegen die Asyl- und Flüchtlingspolitik in Europa richtet sich auf die Grenzschutzagentur «Frontex». Der Name ist abgeleitet von «FRONTières EXtérieures», Französisch für: Außengrenzen. Und seit 2004 ist diese “Agentur Frontex” – mit Hauptsitz in Warschau – damit beauftragt, die EU-Mitgliedstaaten bei der Sicherung der “Außengrenzen” sowie bei der Durchführung von Abschiebungen zu unterstützen. Dazu wird die EU-Agentur wiederum von den europäischen Regierungen unterstützt, bekommt Geld, Befugnisse und Material in solchen Ausmaßen, dass Kritiker_innen in Frontex den Aufbau einer Grenzarmee sehen, die bereits seit geraumer Zeit “exterritorial” operiert, das heißt außerhalb europäischer Hoheitsgebiete. Eines der ersten großen Einsatzgebiete von Frontex war das Umland von Ceuta und Melilla, den spanischen Enklaven am afrikanischen Kontinent, und der Atlantik zwischen Afrika und den Kanaren. Die Aufgabe ist, Flüchtlinge am Erreichen europäischen Festlands zu hindern, wo diese de jure einen Asylantrag stellen und nicht sofort wieder zurückgeschickt werden können. Die Informationslage ist spärlich, auch wenn immer wieder einmal von Boatpeople berichtet wird und Bilder überfüllter afrikanischer Fischerboote in den Massenmedien auftauchen. Hintergründe werden nicht beleuchtet, von einer EU-Grenzschutzagentur, die freilich kaum an Publicity interessiert ist, wird kaum etwas bekannt. Von offizieller Seite heißt es maximal, Frontex habe «natürlich in erster Linie die Aufgabe, Menschenleben zu retten».

Noch 2009 wird einem Team des öffentlich-rechtlichen Fernsehens von Report Mainz nur das zugegeben, was sich nicht mehr leugnen lässt. Die Desinformationspolitik ist Programm. Die Arbeit der Menschenrechtsorganisationen und von Aktivist_innen beginnt daher damit, überhaupt erst gesicherte Informationen zusammenzutragen, auszutauschen und schrittweise Bewusstseinsarbeit zu betreiben. «No Border Camps» finden jährlich in verschiedenen Städten und Regionen Europas statt: «Menschen und Bewegungen, die gegen die Grenzen kämpfen, welche uns trennen» treffen sich, tauschen ihre Erkenntnisse aus und führen Aktionen an Ort und Stelle aus. Diese offenen Veranstaltungen der No Border Camps sind Bestandteil des internationalen NoBorderNetzwerkes, eines losen Kollektivs, das sich aus autonomen Gruppen, Organisationen und Individuen zusammensetzt.

Frontex: The Movie, ein selbst gebasteltes Informationsvideo auf Basis selbst recherchierter HIntergründe.Rettungsinseln als «Seerosen» im Mittelmeer, wo Jahr für Jahr hunderte und tausende namenlose Flüchtlinge verschwinden.Elias Bierdel von der Cap Anamur und später Gründer von Borderline Europe beim «supertaalk» über die Festung Europa. 

DIE BORDERLINE DER FESTUNG_EUROPA®
➊ «Frontex: The Movie» ist ein knapp 9 Minuten langes, von Aktivist_innen zusammengestelltes Informationsvideo auf YouTube, in dem die Einsatz- und Funktionsweisen der Grenzschutzagentur Frontex erklärt werden und das im Rahmen des «No Border Camps» 2009 auf Lesbos entstanden ist.
➋ Es gibt verschiedene Wege, auf die humanitäre Katastrophe an den Rändern Europas aufmerksam zu machen. Das «Zentrum für Politische Schönheit» versucht mit künstlerischen Mitteln Aufmerksamkeit zu schaffen und entwickelt mit einem Ingenieur-Büro Rettungsinseln für Flüchtlinge, «Seerosen für Afrika».
➌ Elias Bierdel von Borderline Europe spricht im sehr informativen “supertaalk” «Was passiert an Europas Grenzen?» unter anderem über die «auffällige Zurückhaltung der Medien», wenn es darum geht darüber zu berichten, was an Europas Grenzen passiert.

In Frontex laufen die behördlichen Verfahrensweisen und Praktiken der Asyl- und Flüchtlingspolitik einzelner EU-Mitgliedstaaten zusammen und werden, operativ an den Schnittstellen von Grenzpolizei und Geheimdiensten angesiedelt, aufeinander abgestimmt und zunehmend zentralisiert. Frontex ist also eine Behörde, die nicht von Grund auf neu geschaffen wurde, sondern die aus der Abstimmung und Vernetzung nationaler Grenzschutzbehörden hervorgegangen ist. Gewisse Grenzschutzmaßnahmen werden auch ausgelagert: Assoziierungsabkommen werden mit jenen Ländern abgeschlossen, die “jenseits” ans Mittelmeer grenzen und Transitländer sind für Menschen, die aus dem Süden der Sahara Richtung Europa aufbrechen. In diesen Abkommen verpflichten sich Länder wie Libyen, Ägypten, Marokko, auf ihrer Seite äußerst rigorose Grenzschutzmaßnahmen zu setzen, um die Überfahrten zu verhindern.

Die Aktivitäten und Einsätze dieser Behörde zu beobachten und zu dokumentieren stellt demnach eine weitverzweigte, komplexe und schwierige Aufgabe dar. Es sind lange Zeit vor allem Netzwerke wie no-racism.net, labournet, das «noborder network» und Indymedia, die Informationen zu Frontex sammeln und publizieren, aber keine zentrale Dokumentations-Stelle im Web. Bereits seit 2007 gibt es auf antira.info das WatchBlog «frontexwatch. keepin’ an eye on the Kerberos of the EU border regime». Auch wenn einzelne Journalist_innen wie Corinna Milborn mit «Gestürmte Festung Europa» oder Fabrizio Gatti mit seiner verdeckten Reise als “Illegaler” einiges Aufsehen erreichen, so dauert es doch Jahre, bis Existenz, Hintergrund und die Operationen von Frontex vor den Kanarischen Inseln, vor Marokko, Mauretanien und Senegal, dann im Mittelmeer vor Malta und Lampedusa einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und in einem Zusammenhang mit den Bildern von Flüchtlingslagern und Boatpeople gesehen werden. Während der Operation «Hermes», die im Februar 2011 im Angesicht der Aufstände in Tunesien und Ägypten gestartet wird und die befürchteten “Flüchtlingsströme abhalten” soll, ertrinken im April 2011 mehrere Hundert Menschen im Mittelmeer unter strenger Frontex-Bewachung. Die Medien berichten, aber fast sieben Jahre nach der Blockade der «Cap Anamur» ist diese Nachricht weiterhin nicht mehr als eine Randnotiz.

Cap Anamur und die europäische Borderline-Politik

Im Juli 2004 geraten 37 Männer, die von der afrikanischen Küste aus das Mittelmeer überqueren wollen, um in Europa Asyl zu finden, in Seenot. Sie werden von der Cap Anamur aufgenommen und gerettet, dem Rettungsschiff der gleichnamigen Hilfsorganisation der Deutschen Notärzte e.V., das eigentlich mit einem Transport medizinischen Materials in Richtung Suez-Kanal und dann weiter in den Irak unterwegs ist. Der Kapitän und der damalige Vorsitzende der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, melden die Schiffbrüchigen den Behörden und wollen sie in Sizilien an Land bringen. Bei der Einfahrt in den Hafen zieht Italien plötzlich die Einlaufgenehmigung mit der Begründung zurück, dass auf dem Schiff “Illegale” transportiert werden und verlangt von der Cap Anamur, die Hoheitsgewässer Italiens zu verlassen. Kriegsschiffe umkreisen die Cap Anamur. Als das Schiff nach elf Tagen militärischer Blockade einerseits und Hungerstreik der Flüchtlinge andererseits schließlich einfach den Hafen Porto Empedocle anläuft und anlegt, wird es umgehend beschlagnahmt. Die Asylwerber_innen werden trotz anderslautender Abmachungen und vor den Augen der UNHCR in ein Auffanglager gebracht, der Kapitän, der erste Offizier und Elias Bierdel wegen «Beihilfe zur illegalen Einwanderung» festgenommen. Die Asylanträge werden im Schnellverfahren negativ beschieden und fast alle Männer aus Italien und Europa abgeschoben. Die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft und eine Strafe von jeweils 400.000 Euro für den Kapitän der Cap Anamur und den Vorsitzenden der Hilfsorganisation, die sich nun von ihm trennt. Mohammed Yussif, einer der 37 Geretteten, versucht es 2006 wieder und stirbt so wie zwanzig weitere vor Lampedusa, nachdem ihr Boot kentert. Das Gerichtsverfahren gegen Elias Bierdel und die Mitangeklagten wegen Schlepperei endet nach fünf Jahren schließlich mit Freisprüchen.

Die Geschichte der Cap Anamur ist paradigmatisch für die europäische Borderline-Politik. Ein geeintes Europa, das vordergründig keine Grenzen kennt, nur “Außengrenzen”. Auf der einen Seite die «Flüchtlingsbekämpfung» (Angela Merkel, 2009) à la Frontex: Menschen werden mit allen Mitteln und auch “jenseits” der in Europa geltenden Rechtsbestände von den “Außengrenzen” ferngehalten. Auf der anderen Seite die Kriminalisierung sowohl jener Flüchtlinge, die es als “Illegale” nach Europa schaffen, als auch immer wieder der Menschenrechtsarbeit von Aktivist_innen und Nichtregierungsorganisationen (NGO’s). 2007 gründet Bierdel gemeinsam mit anderen den Verein «Borderline Europe», um «das Schweigen zu brechen» und diese Borderline-Politik der EU zu dokumentieren. Die Plattform borderline-europe.de dokumentiert die täglichen Dramen, Medienberichte, die Arbeit der Regierenden und den Kampf gegen Migrant_innen ebenso wie den Kampf Pro Asyl und gegen die im Namen Europas begangenen Menschenrechtsverletzungen. Die mittlerweile ein umfangreiches Archiv darstellende “WatchBlog”-Plattform ist per Feed abonnierbar und hat mit einer Facebook-Seite und einem Twitter-Account Web 2.0-Tools in die Informationsarbeit integriert.

Selbstermächtigung und politische Schönheit

Die Arbeit gegen Frontex, gegen die organisierte Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU, erfordert viel Autonomie seitens der Aktivist_innen, sowie ein großes Maß an Selbstorganisation: sie gestaltet sich entsprechend facettenreich auf unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen Mitteln: laufende Dokumentation, Veranstaltungen zur Informationsarbeit, Bleiberecht-Demos, die europaweit stattfinden und jeweils konkrete, die Öffentlichkeit “vor Ort” bewegende Anlassfälle thematisieren, Vernetzung auf noborder-Camps, künstlerische Intervention. 2011 zieht zum Beispiel die «Karawane für Bewegungsfreiheit» zuerst aus ganz Europa und Afrika Menschen zusammen und dann von Bamako in Mali nach Dakar im Senegal zum 10. Weltsozialforum, um transnationale Verbindungen zwischen antirassistischen Gruppen zu knüpfen. Geleitet wird die Karawane von einem kleinen, transnational organisierten Netzwerk mit Aktivist_innen aus Mali, Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Gemeinsam mit anderen Netzwerken wie dem «Mouvement des Sans Voix» machen die Aktivist_innen auf die Wechselwirkungen zwischen den Gründen und Ursachen für Flucht und Migration, auf die von rassistischer Gesetzgebung, Ausgrenzung und Abschiebung geprägten Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrant_innen in den sogenannten Aufnahmeländern aufmerksam. Als die antirassistische Karawane auf die Autorally Budapest-Bamako trifft, gelingt es, den Rassismus dieser Veranstaltung in Bildern und Interviews so nachdrücklich zu dokumentieren, dass in Europa davon einige Notiz genommen wird.

Vernetzung ist transnational und auch auf lokaler Ebene von Bedeutung, etwa wenn es darum geht, sehr kurzfristig Demonstrationen und Interventionen gegen Abschiebungen zu organisieren. Entsprechende Mittel und Wege der Social Media “Kanal-Arbeit” werden im Manual-Block von Andreas Görg und PorrPorr beschrieben. “Lokal” bedeutet in dieser Hinsicht nicht beschränkt oder beschränkend, sondern eine präzise Abstimmung auf Einsatzgebiete, lokale Strategien und Interventionen mit Aktionen im öffentlichen Raum, aber auch im Web. Via Facebook wird sowohl lokale Vernetzung koordiniert, es wird informiert und zu Veranstaltungen aufgerufen als auch der virtuelle Raum für Online-Demos genutzt. «Das Bündnis für Menschenrechte und Zivilcourage» organisiert und mobilisiert zum Beispiel sehr erfolgreich sowohl in der sogenannten Real World Film-, Lesungs- und Diskussions-Veranstaltungen als auch im Facebook, immer mit konkreten und meist künstlerischen Aktionen, die sich gegen Diskriminierung und Extremismus wenden. In Berlin stellt das «Zentrum für Politische Schönheit» (ZPS) einen Thinktank dar, der politische Poesie mit Politik und Aktionskunst verschweißt, um den Kampf um die Menschenrechte neu zu denken. Grundanliegen sind eine humanitäre Kurskorrektur der Gegenwart und leuchtende Bekenntnisse zu politischer Humanität. Denn: «Politische Schönheit ist moralische Schönheit.» In den Arbeiten des ZPS werden die mangelnde politische und militärische Bereitschaft thematisiert, Zivilisten aktiv zu schützen und gegen genozidale Kriegsführung entschlossen vorzugehen. Der Berg aus Trauer gibt Rechenschaft darüber. Die Mittel sind grenzüberschreitend: Aktionen, Theaterstücke, Kinofilme, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Installationen, Projekte wie der «Pillar of Shame» zur Erinnerung an das Massaker in Srebrenica. Es sind Mittel, welche die Vorstellungskraft stärken: ja, das gibt es, das kommt sogar regelmäßig vor, auch in “unserem” Europa, unter seiner Schirmherrschaft. Es geht um Anstand, politische Verletzlichkeit, Anteilnahme, Erschütterung. Die Aktionen richten sich gegen alle Formen von Handlungslethargie, von politischer Untätigkeit. Es geht darum, eine große digitale wie mediale Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, zu erschüttern, in Bewegung zu bringen gegen Menschenrechtsverletzungen.

Nachrichtenagentur der Erschütterung

«Erschütterung» ist der erste Nachrichtendienst für humanitäre Breaking News abseits der “großen” Medienthemen wie Opel, “Abwrackprämie” oder Thilo Sarrazin. Der News-Feed kann über Facebook, Twitter oder Blog abonniert werden. Auf «Erschütterung» finden sich kurzgefasste Nachrichten mit Quellenangaben über die Kriege und Krisen in Afrika, die Festung Europa, über Frontex, über politische Ziele und Taten, die nicht ruhig schlafen lassen – wenn man von ihnen erst einmal gehört, gelesen hat. Insofern ist «Erschütterung» ein Puzzlestück zu einer verantwortungsvollen, nachvollziehbaren Berichterstattung. Die Kommentare der User_innen sind sehr offen und direkt. Viele schreiben empört: «Das habe ich ja gar nicht gewusst.» Mensch braucht Wissen, um eine Wahl zu haben, um die Entscheidung zu treffen, sich gegen die Borderline-Politik der EU zu vernetzen, sich dieser aktiv zu widersetzen. Dazu gehört, sich die Borderline-Politik der EU in ihrem Bestehen, in ihrem Ausmaß und ihren Konsequenzen vor Augen zu führen, sie zu beobachten und zu dokumentieren. Andere weisen auf themenbezogene, weiterführende Artikel oder Dokumentationen hin. Sie helfen als Community mit – eine Öffentlichkeit, die sich nicht abspeisen lässt mit massenmedialer Ignoranz, mit sachzwänglerischen Selbstverständlichkeiten, einer Menschen und Menschenrecht verletzenden Grenz-Politik. Vernetzung findet statt, über die Form der Mediendokumentation und über diese hinausgehend. Die Aufrufe anderer NGOs werden unterstützt, Links zu Online-Artikeln, zum Beispiel im «Glocalist» oder im «The European» werden gesetzt, Meldungen von Borderline-Europe werden verbreitet. Eine verantwortungsvolle, nachvollziehbare und gebündelte Berichterstattung ist auf Social Media-Kanälen möglich: Berichte über die Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen Europas werden WatchBlog-mäßig über News-Feeds gesammelt, über verschiedene Soziale Netzwerke und Web-2.0-Komponenten zugänglich und mit-teilbar gemacht, geshared, verbreitet. Ausführliche und sorgfältige Mediendokumentation stärkt die Vorstellungskraft, führt sie an ihre Grenzen, an denen sich herkömmliche und vielleicht bequemere Sichtweisen erschüttern.

Die «Seerosen für Afrika», entworfen vom «Zentrum für Politische Schönheit», sind als schwimmende Rettungsinseln konzipiert: 1000 von Deutschland fest im Mittelmeer verankerte Plattformen, ausgestattet mit Nahrung, Sonnenschutz, Radarreflektor sollen nicht nur Flüchtende vor dem Ertrinken retten, sie sollen auch ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen das stille Sterben im Mittelmeer: Aus einer Utopie wird Verständnis und Verantwortung für ein gemeinsames Miteinander. Frontex wird die Plattformen regelmäßig kontrollieren und die Wartenden in die erhoffte Sicherheit bringen. Das Zentrum für Politische Schönheit will mit den «Seerosen für Afrika» die moralische Gleichgültigkeit durchbrechen. 1000 Positionslichter als internationales Bekenntnis zur abendländischen Humanität.

Jenseits von Planet Paprika

Reisende Menschen werden auch innerhalb der Europäischen Union bekämpft, die so viel auf ihre Reisefreiheit, Außengrenzen und ihre Verwaltungspolitik hält. Fahrende Lebensweisen, die von vorherrschenden Ordnungs- und Meldepflichten abweichen, werden nur in gewinnbringenden Formen toleriert. Roma werden ausgewiesen. Abgeschoben in Lager, in “Herkunftsländer” wie Rumänien oder Bulgarien, Deportationen innerhalb der EU. EU-Bürger_innen zweiter, dritter Klasse. Institutionalisierte Rassismen, die sich fortsetzen: Pogrome in Italien und Ungarn, regelmäßige Übergriffe und alltägliche Diskriminierungen. “Angewandter Antiziganismus” auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene: ungleiche Behandlung von Roma und Sinti auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Bereitstellung von sozialen Leistungen wie Gesundheitsvorsorge und Bildung. Als allgegenwärtiges Ressentiment ist Antiziganismus in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu finden – sei es in der Politik, Wissenschaft, Kunst oder in den Medien. So gebräuchliche Zuschreibungen wie «wild, frei, musikalisch» bilden dabei nur die Kehrseite von «dreckig, stehlend, verschlagen». Seit den späten 1970er-Jahren gibt es Roma-, Sinti- oder Jenischen-Organisationen, die auf antiziganistische Diskriminierung aufmerksam machen und Aufklärung über den NS-Völkermord leisten. Roma-Netzwerke kämpfen gegen Armut und soziale Ausgrenzung und um Anerkennung als bedrohte Minderheit. Die Internationale Romani Union ist die Dachorganisation der Roma-Organisationen weltweit. Sie hat Konsultativstatus im «United Nations Social and Economic Council» (ECOSOC). Es gibt unterdessen in fast allen Ländern der Welt Roma-Organisationen, wenige von ihnen nutzen jedoch Social Media.

Die Bewegungen von und für Roma, Sinti und Jenische verfügen im Gegensatz zu anderen kollektiven Akteur_innen wie Parteien oder Verbänden nicht über direkte Mittel, am politischen Entscheidungsprozess teilzunehmen. Sie sind gezwungen, auf nicht-institutionalisierte Einflusstechniken auszuweichen. Diese sozialen Bewegungen müssen versuchen, über die Öffentlichkeit bei einem möglichst großen Publikum Aufmerksamkeit und eine positive Resonanz zu erzielen. Wenn dies gelingt, kann der Druck auf politische Entscheidungsträger erhöht werden. Öffentlichkeit, und speziell die sozialer Medien, wird zum entscheidenden strategischen Ansatzpunkt. Eine gute Präsenz auf diesen Kanälen bietet die Chance, Interesse und Unterstützung für eine große, prekarisierte Gruppe zu mobilisieren, und sie kann zudem die Bildung einer kollektiven Identität erleichtern, die sich über rassistische Zuschreibungen hinwegsetzt. Die Präsenz von Roma, Sinti und verwandten oder solidarischen Gruppen im Web hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Blogs wie das «dROMa-Blog» des Vereins Roma-Service, das Antiziganismus WatchBlog von zwei jungen Gadsche (Romanes für Nicht-Roma) oder das Antidiskriminierungsblog sibiuaner.de leisten kontinuierliche und fundierte Aufklärungs- und Skandalisierungsarbeit. Valery Novoselsky mit seinem Roma Virtual Network fasst über dreißig E-Mail-Listen in zwanzig Sprachen zu einer Übersicht zusammen. Auf Facebook versorgt uns das «Roma Virtual Network» mit nützlichen Informationen. Und mit «Savvy Chavvy» gibt es eine eigene Social Network-Plattform für junge Roma. Die Webpräsenzen sind oft sehr traditionell, eher statisch und laden nicht allzu sehr zur (Inter-)Aktion ein. Wenn es jedoch um die Mobilisierung von Unterstützung geht, was eine Existenzgrundlage jeder sozialen Bewegung ist, ist in den letzten Jahren Vieles weitergegangen, die Artikulations- und Emanzipationsräume haben sich erweitert, vervielfältigt und sind partizipativer geworden. Webpräsenzen, wie die oben genannten Blogs und Newsletter, nehmen hier eine wichtige Gatekeeper-Funktion wahr. Es genügt aber nicht, wenn prekarisierte Gruppen nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erlangen. Sie müssen auch versuchen, in einem möglichst positiven Licht dargestellt zu werden.

Das dROMa-Blog

Das zweisprachige dROMa-Blog in Deutsch und Romanes vereint als Artikulations- und Emanzipationsraum eine Vielzahl der Funktionen und Aspekte sozialer Netzwerke: Autonomie und Selbstorganisation, Wissens- und Informationsmanagement der eigenen “community”. Und eben nicht über die zu ihr gezählten Köpfe hinweg oder gar in ihrem Namen. Übergriffe und Diskriminierungen werden WatchBlog-mäßig dokumentiert, ein thematisch und medientechnisch breit angelegter Überblick über relevante politische und kulturelle Veranstaltungen. Im dROMa-Blog spielen Formate klassischer Websites und Social Media-Kanäle zusammen: das Blog, ein Seitenprojekt der vom Verein Roma-Service herausgegebenen Zeitschrift «dROMa», wird zwar redaktionell betreut im Sinne eines «Journalismus der kleinen Form, der aufmerksam machen und Interesse wecken will». Der Twitter-Kanal @dROMaBlog wird nicht nur zum Aussenden der eigenen Blogbeiträge verwendet. Der Account ist mit rund 1.500 anderen Benutzerkonten verbunden und ist eine kommunikative Drehscheibe im Austausch mit vielen anderen Nutzer_innen. Via YouTube werden eigene Fernseh-Nachrichten, ebenfalls in Romanes und Deutsch, produziert und im Blog eingebettet. Die Informations- und Vernetzungsarbeit ist also selbstorganisiert. Berichte, Meldungen und Reportagen sind auf die Anliegen und Interessen der “community” fokussiert, ohne diese auf ein bestimmtes Selbstverständnis einzuschränken und vor allem ohne den Aufmerksamkeits- und Aktionsradius entlang eines festgelegten Selbstverständnisses zu begrenzen.

Die erste Voraussetzung für eine positive Wahrnehmung von sozialen Bewegungen ist, dass ihre Aktionen als sozialer Protest betrachtet werden. Eine Protestaktion muss eine Beschwerde über Ungerechtigkeit ausdrücken, die die Protestierenden nicht selber beseitigen können. Aktionen wie der transnationale Migrant_innen-Streiktag, an dem sich weltweit Migrant_innen organisieren und ihre Arbeit niederlegen, um auf die von Rassismus und Diskriminierung bestimmten Lebens- und Arbeitsbedingungen hinzuweisen, sind gerade dabei, die Grenzen regionaler oder nationaler Breitenwirkung zu überschreiten. Dafür sind wiederum Kampagnen und Protestformen notwendig, die zur transnationalen Solidarität aufrufen und dabei lokale Gruppen ebenso wie internationale Organisationen über die herkömmlichen Einzugsgebiete ihrer Aktivitäten hinaus vernetzen. Die Protestaktion dient dazu, die Aufmerksamkeit auf die Beschwerden zu richten und über eine Zielgruppe Schritte zur Verbesserung hervorzubringen. Die Protestierenden hängen dabei von einer Kombination aus Sympathie und Furcht ab, um die Zielgruppe in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wenn eine Aktion als sozialer Protest definiert wird, bildet sie mehr eine Art von Kommunikation als eine Form direkter Aktion. Eine Protestaktion drückt immer sowohl Beschwerde wie auch Drohung aus. Eine optimale Kombination zwischen Beschwerde und Drohung ist notwendig, damit eine Protestaktion genügend Aufmerksamkeit erzielt, aber nicht eine zu starke Bedrohung darstellt. Wenn die Bedrohungskomponente überwiegt, besteht das Risiko, dass nicht die Motive und Gründe des Protests, sondern die Verwerflichkeit der Protestformen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Allzu harmlose Proteste drohen hingegen unbeachtet zu bleiben. Diese optimale Kombination ist aber nicht leicht zu erreichen. Um sie zu erreichen, ist vor allem die richtige Wahl von Taktiken und “Framing”-Strategien entscheidend.

«Gegner zu bedrohen, den Staat unter Druck zu setzen und dennoch der Medienöffentlichkeit als sympathisch und ungefährlich zu erscheinen. Das ist ein schwieriger Balanceakt, der aber, wenn er gelingt, ein enormes politisches Druckmittel darstellen kann.» (McAdam 1994)

Der Transnationale Migrant_innenstreik fordert: Bewegungsfreiheit für alle! Gleiche Rechte für alle! I'm a roma woman. I'm a european woman. I'm a woman. dROMaBlog auf Twitter weist auf eine Analyse antiziganistischer Fernsehberichterstattung im Sibuaner Blog hin.

AUSSCHLUSS BASTA!
➊ Am 1. März organisieren sich weltweit Migrant_innen gegen soziale Ausschlüsse, Diskriminierung und Rassismus. Angefangen haben diese transnationalen Proteste im Jahr 2006 mit einem Streik von Migrant_innen in den USA und seither weiten sie sich aus.
➋ Das von fünf Frauen gestartete Roma Women Network will das Bild und die Identität von Roma Frauen selbst bestimmen, «For the very first time, modern communication technologies are giving us the chance to build a virtual space for our own self-representation and make connections, wherever we are. It is up to us to speak out and be the change!».
➌ Das Netzwerk der Roma Aktivist_innen betreibt Monitoring der Massenmedien, dokumentiert antiziganistische Berichterstattung und macht die Dokumentation im Netz präsent und sichtbar.

Zusammenfassung

Transnationale Menschenrechts- und Antirassismusarbeit hat denkbar schlechte Karten in dieser Festung_Europa®, die immer weiter militärisch hochgerüstet und überwacht wird; indem der “Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE)” im Europaparlament den Ausbau von Frontex billigt. Der Aufbau von Netzwerken ist alleine schon notwendig, um im Informationsaustausch über Grenzen hinweg überhaupt erst rekonstruieren und dokumentieren zu können, wo überall in unserem – europäischen – Namen Menschen- und Bürgerrechte missachtet werden. Die großen Tragödien spielen sich auf offener See, in versiegelten Transportern und Lagern unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Dokumentation und Vernetzung sind ein Schritt, das Wegschauen und Schweigen beziehungsweise diskriminierende Rechtfertigen zu durchbrechen. Viele Projekte im Web sind dem Framing-Konzept verpflichtet, das in Anlehnung an Erving Goffman den Aspekt der sozialen Konstruktion von Problemen ins Zentrum rückt. Der Ansatz betont die Rolle von Deutungsstrategien, mit denen eine Frage überhaupt als Problem definiert wird. Unter “framing” werden bewusste Strategien verstanden, mit denen Akteure einer Bewegung versuchen, sich selbst und ihre Thematik darzustellen, um damit für bestimmte Aktivitäten zu motivieren und zu mobilisieren. Das Framing-Konzept betont die aktive Rolle der Teilnehmer_innen einer Bewegung und weist darauf hin, dass Mobilisierungen hergestellt werden müssen.

  • Zusammenarbeit und Aufgabenteilung hilft bei der Recherche und Dokumentation, Karawanen und Treffen helfen, unsere Erkenntnis- und Wissensstände zusammenzuführen.
  • Organisiert Info- und Diskussionsabende, ladet Aktivist_innen ein, analysiert gemeinsam im Dialog. Erarbeitet euch ein Verständnis der Lage derer, die am hilflosesten sind.
  • Reiht euch in die Reihen derer ein, die von unserer Gesellschaft als “die Anderen” konstruiert werden. Wir müssen nicht nur nicht mitspielen, wir können die Konstruktion der “Fremden” auch demaskieren. Definieren wir das “wir” einfach um.
  • Verwendet künstlerische, intervenierende, lebenslustig-widerständige Aktionsformen, um Aufmerksamkeit zu erregen, Zusammenhänge zu thematisieren, Bezugsrahmen zu verändern.
Reposted by02mydafsoup-01kellerabteil

July 29 2011

Heul nicht! Sag was!

Der Interessenkonflikt Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer im Netz

«Die Geschäftsführung weist darauf hin, dass im Jahr 2003 Datenschutz gesellschaftlich noch nicht so sensibel betrachtet worden sei wie heute. Aus heutiger Perspektive würden wir das anders machen. Es ging damals darum, Arbeitsplätze zu sichern.»
Rechtfertigung für jahrelange heimliche Videoüberwachung der Angestellten


Eine Entlassung, die ausgesprochen wird, weil das Management kein Mitarbeiter_innen-Blog akzeptieren will. Ein Internetforum, das rund um die Uhr attackiert wird, weil es «negative Unternehmensnachrichten» sammelt. Eine Abmahnung durch die Geschäftsführung, weil ein Betriebsrat über die Gesundheitsrisiken von Schichtarbeit informiert. Codes of Conduct, die Angestellten von Konzernen “auf’s Aug gedrückt werden” und die niemand dahingehend überprüft, ob sie sittenwidrig und mit dem jeweiligen nationalen Rechtssystem vereinbar sind. Ein nicht angefochtenes Urteil in erster Instanz, das dem Betriebsrat pauschal jede Äußerung im Internet verbietet. Angestellte, die gekündigt werden, weil sie auf ihren privaten Facebook-Pinnwänden geäußert haben, dass ihre Arbeit langweilig ist, oder im Krankenstand gepostet haben, dass sie krank sind. Personalverantwortliche, die bei Anstellungsgesprächen ausgedruckte, via Internet recherchierte Bilder der Bewerber_innen auf dem Tisch liegen haben, «weil aufschlussreich und spannend ist, wie die Bewerber_innen mit dieser Situation umgehen». Eine Kündigung, weil mensch sich in einem während der Arbeitszeit geschriebenen E-Mail erdreistet hat, der Hilfe suchenden Kollegin die Kontaktaufnahme mit der Arbeiterkammer zu empfehlen.

Kontrollbedürfnis der Unternehmen und die Selbstzensur

Es gibt viele Beispiele dieser Art. Sie alle haben einen Kern: Der strukturelle Interessenkonflikt zwischen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgeber_innen manifestiert sich natürlich auch im Internet, wegen des Internets und anhand der Arten und Weisen der Internetnutzung beziehungsweise der Einschränkungen und Einschränkungsversuche der Nutzung. Gleich vorab können wir ein paar Punkte klarstellen, über die wohl weitestgehender Konsens besteht.

1. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das wissen selbst die Politiker_innen, Feuilletonist_innen und die Interessenvertreter_innen der Industrie, die seit Jahren huldvoll dem Meme huldigen.

2. Unternehmen stehen in einem wirtschaftlichen Wettbewerb und haben sowohl begründetes Interesse daran, dass wichtige Informationen nicht nach außen dringen, als auch ein begründetes Interesse an einer vorteilhaften Außendarstellung. Sie wollen Informationen und Kommunikation kontrollieren und haben in einigen Bereichen und in Maßen auch das Recht dazu.

3. Im Internet sind (auch) die bereits errungenen Menschen- und Bürgerrechte nicht außer Kraft gesetzt. Wir denken da zum Beispiel an das Briefgeheimnis, an Persönlichkeitsrechte, Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, durchaus aber auch an die “sozialen Menschenrechte“.

4. Der Umstand, dass wir Lohnabhängige sind oder Werkverträge mit Unternehmen haben und auf Honorarbasis “abhängig” sind, kann unsere Rechte nicht außer Kraft setzen, ebenso wenig wie unsere Meinungs- und Informationsfreiheit uns dazu berechtigen würden, Unternehmensgeheimnisse preiszugeben oder haltlose Gerüchte zu verbreiten.

Wenn wir uns auf diesen Konsens einigen können, ergibt sich eine zwingende Konsequenz. Wir müssen uns im Prinzip im Internet frei informieren und äußern können, nämlich unabhängig davon, ob wir Angestellte oder Vertragspartner_innen sind, und wir müssen uns dabei selbstverständlich innerhalb der Regelwerke der Gesetze und Vereinbarungen bewegen, müssen uns ebenso abgrenzen und schützen können wie das auch Unternehmen können müssen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Sachlage komplex ist und es in Konfliktfällen fast immer Abwägungssache ist, was ein Unternehmen darf und was die Angestellte, der Honorarnehmer oder die Betriebsratskörperschaft.

Ein weiteres Beispiel: Auf dem Bildschirm des Firmenlaptops öffnet sich plötzlich ein Pop-Up-Fenster. Das Pop-Up bleibt im Vordergrund, wegklicken geht nicht. Im Fenster ein langer umfangreicher Vertragstext der Konzernzentrale in den USA, vor dessen Unterzeichnung keine Weiterarbeit möglich ist. Es handelt sich offensichtlich um die Social Media-Policy des Pharmariesen, natürlich in amerikanischen Englisch und selbstverständlich nicht an in Deutschland oder Österreich geltendes Recht angepasst. Aktiviert hat das Pop-Up offensichtlich der Versuch der Betriebsratsvorsitzenden, sich in ein Blog einzuloggen. Das Unternehmen erfasst also automatisiert das Ansurfen von Social Media-Plattformen und blockiert jede Chance zur Weiterarbeit, bevor es sich nicht mit einem in dieser Situation aufgezwungenen Vertragswerk abgesichert hat. Gerechtfertigt? Verständlich? Denkst du vielleicht, wenn du das liest: «Was macht die Betriebsrätin am Firmenlaptop auch mit einem Blog, darf die das?» Oder eher: «Wie kommt der Konzern dazu, einseitig und ungeprüft Verhaltensregeln für Social Media, oder allgemeine “Internet-Nutzung” vorzuschreiben?»

Wenn wir uns fragen, «Dürfen die das denn?», meinen wir dann eher die Arbeitgeber_innen-Seite oder die Arbeitnehmer_innen? Der gegenwärtige gesellschaftliche Tenor spricht deutlich dafür, dass die Unternehmen “dürfen” sollen. Und sind Angestellte nicht an ihren Kündigungen selbst schuld, wenn sie ein falsches Wort auf ihren Facebook-Pinnwänden posten? Selbst für Videoüberwachung, Knebelverträge und routinemäßiges Scannen der E-Mails aller Mitarbeiter_innen gibt es ein bisweilen breites Verständnis – oder anders: der breite öffentliche Protest hält sich stark in Grenzen. Es wird schon seine Richtigkeit haben. Das Unternehmen steht immerhin im Wettbewerb und muss sich schützen. «Angestellte können leicht einmal etwas über das eigene Unternehmen sagen, was sich via Internet dann schnell verbreitet. Den Schaden hat dann das Unternehmen!» Diese Sichtweise ist so verbreitet und unwidersprochen, dass sie selbst auf Arbeitnehmer_innen-Seite von vielen geteilt wird.

Mobbing-Vorwürfe gegenüber Telekom-Vorstand Gernot SchieszlerProfil über die Bespitzelung der Mitarbeiter_innen im Unternehmen Tiger Lacke Der immense Vertrauensverlust macht eine Weiterbeschäftigung unmöglich.

DIE URHEBER NEGATIVER UNTERNEHMENSNACHRICHTEN
➊ Mit dem Smartphone beim “Capital Market Day” für Investoren aufgenommen und auf YouTube gestellt: ein Telekom-Vorstand erklärt, wie das Management teure Mitarbeiter_innen schon mürbe bekommen wird. Nachdem sich das Video im Internet viral verbreitet, berichten auch die Nachrichten.
➋ Ein Unternehmen bespitzelt die Mitarbeiter_innen mit versteckten Kameras und liest E-Mails mit. Kein Einzelfall. Selten ist die Begründung allerdings so entwaffnend, wie im Zitat zu Beginn dieses Beitrags.
➌ Die ARD Tagesthemen berichten vom Fall der Kassiererin, die zwei Leergutbons um insgesamt € 1,30 gestohlen hat. Das Wording der Firmenleitungen klingt in all diesen Fällen sogenannter Bagatelle-Kündigungen gleich, ob es sich um zwei Fleischlaibchen, drei Semmeln oder 80-Cent-Essensbons handelt: der «immense Vertrauensverlust» mache eine Weiterbeschäftigung unmöglich.

Negative Unternehmensnachrichten im Internet

Die neuen Medien haben es tatsächlich schwieriger gemacht, ein perfektes Marken- und Firmenimage sicherzustellen. Die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit müssen laufend auf der Hut sein, aufpassen und Monitoring betreiben. Das Internet ist ein Risikofaktor. Jederzeit kann irgendwo missliebige Information auftauchen. Ob Gerüchte oder Fakten, das ist vorerst einmal nachrangig. Unkontrollierte Information kratzt jedenfalls an der Reputation. Es braucht so wenig. Zum Beispiel beruhigt der Telekom-Vorstand und Personalchef Gernot Schieszler eigentlich überzeugend den besorgten Investor, dass es natürlich Wege gäbe, teure Mitarbeiter_innen loszuwerden und dass man seitens des Vorstands die notwendige Kompetenz und Kreativität sicherlich habe. Ökonomisch betrachtet logisch. Möglicherweise auch handelt es sich auch um ein Kommunikationsgebaren, das dem Publikum der Shareholder-Veranstaltung gerecht wird und die Reputation des Unternehmens unter den geladenen Investor_innen hebt. Dass daraus ein Skandal wird, liegt allein an einem Smartphone, einem Besucher, der sich nicht an die Regeln hält, und vor allem am Internet. Der Besucher hätte die Ausführungen des Vorstands nicht filmen dürfen, aber Smartphones sind so klein, dass er nicht bemerkt wurde. Einmal auf YouTube hochgeladen, war es zu spät. Das Unternehmen reagiert schnell und «das Video ist aufgund des Urheberrechtsanspruchs von Telekom Austria TA AG (Inc) nicht mehr verfügbar». Aber der Link und die Aufregung haben sich via Twitter noch schneller verbreitet und schon gehen mehrere Kopien des Videos auf anderen Accounts online. Der Schaden, der durch das unbefugte Filmen des “Capital Market Day” und die ebenso unbefugte Veröffentlichung des Doku-Videos erwächst, ist enorm. Aber selbst wenn wir außer Acht lassen, dass auch dadurch die Volkswirtschaft irgendwie angekurbelt wird, weil die Branche der Krisen-PR und die Berater_innen für Unternehmenskommunikation so ihr überdurchschnittliches Einkommen aufbessern können, stimmt das?

Wenn ein Unternehmen ins Gerede kommt, weil es das Arbeitszeitgesetz immer wieder verletzt, hat das Unternehmen dann den Schaden, weil die Arbeitnehmer_innen hörbar stöhnen? Oder ist der Grund, dass das Management das Arbeitszeitgesetz laufend missachtet? In der Regel wird nicht danach gefragt, wer für negative Nachrichten ursächlich verantwortlich ist. Selbstverständlich ist lediglich, dass sie den Pressesprecher_innen und Eigentümer_innen Bauchschmerzen bereiten. Niemand kann das so gut nachvollziehen und mitfühlen wie die Berufsgruppe der Öffentlichkeitsarbeiter_innen. Ihr Tätigkeitsfeld ist nicht die Ursachenforschung. Sie setzen sich nur mit der Kommunikationsebene auseinander. Der Hintergrund negativer Informationen geht sie nichts an, sie müssen die Public Relations optimieren, das Unternehmen ins rechte Licht rücken, egal wie es hinter den Kulissen wirklich aussieht. Jede negative Unternehmensnachricht wird denn auch von einem Heer an PR-Fachleuten, Wirtschaftsjournalist_innen und Social Media-Expert_innen aufgegriffen. Unverzüglich wird in Blogs erörtert, wie das Unternehmen reagieren müsste, um Schaden einzudämmen. Gemeint ist der Außenauftritt, die externe Kommunikationsebene. Den ersten mitfühlenden Ratschlägen folgen die Tipps auf den Fuß, wie das Unternehmen sich gegen “Leaks” absichern sollte.

Das höchste Risiko wird meist bei den kommunikationsfreudigen Arbeitnehmer_innen ausgemacht, die in den Sozialen Netzwerken unbedacht etwas preisgeben könnten. Social Media-Policies sollen hier Abhilfe schaffen. Helfen können solche Regelwerke oder Leitlinien durchaus; abhängig davon, wie sie zustande gekommen sind, kommuniziert und gelebt werden. Was bei der Fülle an guten Ratschlägen, Literatur und Debatten zu Social Media-Policies jedoch auffällt ist, dass so gut wie nie ein Gedanke an die Vereinbarkeit mit dem Arbeitsrecht und der Betriebsverfassung verschwendet wird. Aber wer weiß umgekehrt schon, dass es zum Beispiel Betriebsvereinbarungen zu Internet gibt, dass die Nutzung des Internet in Betrieben eigentlich der Zustimmung des Betriebsrats bedürfte, dass diese Vereinbarungen den Rang von Verträgen haben und ausverhandelt werden und dass ein Unternehmen daher nicht einfach einseitig Policy festlegen und zu Regeln verpflichten kann, die – siehe oben – grundlegende Rechte von Bürger_innen berühren.

Die Hegemonie der Public Relations-Sprachregelungen

Die Energie, die in die Bearbeitung und Kontrolle der “Public Relations” geht, ist faszinierend. Die Sparte der Kulturindustrie brummt. Das zeigt gleichzeitig noch etwas wesentlich Wichtigeres: es darf keine negativen Meldungen geben und jeder Aufwand ist recht, um diese zu vermeiden. Alles andere als positive Informationen und Sprachregelungen sind in der öffentlichen Arena Tabu. Das Schönreden ist hegemonial. Organisierten Widerstand gibt es kaum. In den Zeiten der New Economy zur Jahrtausendwende stemmt sich die Website «dotcomtod» (DCT) gegen die Euphorieblase im New Economy Hype. In dieser Zeit wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Die Betreiber_innen wollen eine Art mediales Fenster aufmachen, an das jede_r herantreten kann, um die schlechte Luft aus den miefigen Chefetagen zu lassen. Die Website geht auf die Inspiration dieses Berichts über slashdot.org zurück, einem frühen auf freier Software basierenden Nachrichtenportal der Netzgemeinde, und wird zwischen 2000 und 2004 zu einer der wichtigsten im deutschsprachigen Internet. DCT erreicht mit zunehmender Bekanntheit, dass Pressesprecher_innen oder auch Vorstandschefs aus ihren Elfenbeintürmen klettern müssen. Lange bevor zuerst Blogs und später Twitter diese Funktion übernehmen, wird «dotcomtod» zu einem Ventil des Luftablassens, bis die Website 2004 vom Netz genommen wird. Als Nachfolgeprojekt stemmt sich «BooCompany» gegen die Hegemonie der PR-Kommunikation über und von Unternehmen. Die neue Seite beschränkt sich nicht mehr auf die New Economy, sondern widmet sich allen Branchen der Privatwirtschaft.

Ebenfalls lange vor Facebook, Twitter & Co. wird Chefduzen.de gegründet, das «Forum der Ausgebeuteten», ein Forum, auf dem Beschäftigte aus allen Bereichen der Arbeitswelt sich über Lebens- und Arbeitsbedingungen austauschen. Das Forum bringt immer wieder Fallbeispiele und Erlebnisberichte online und wird besonders unter Zeitarbeiter_innen, Prekarisierten und Arbeitslosen genutzt, die aus erster Hand von ihren Erfahrungen auf Arbeitsämtern und in Kursen berichten. Es dauert nicht lange, bis es Chefduzen-Foren auch in der Schweiz und Österreich gibt. 2006 wird das «Whistleblower-Netzwerk e. V.» zur Beratung und Betreuung von Personen gegründet, die innerhalb von Betrieben und Organisationen mit Missständen konfrontiert sind und nicht wissen, ob und wie und wo sie diese Missstände melden sollen. Mit whistleblower-net.de stellt der Verein eine Plattform zur Information, Beratung und Kontaktaufnahme bereit. Mit Netzwerk IT gibt es eine weitere offene Plattform für Beschäftigte und Erwerbslose, die sich hier in Projekten zusammenschließen können, zum Beispiel zum gemeinsamen Widerstand gegen Entlassungen oder um die Wahl eines Betriebsrates unter schwierigen Bedingungen vorzubereiten.

BooCompany – exitorientierte Unternehmensmeldungen

Ein “BOO” ist eine allgemeine negative Nachricht mit online verfügbarer Quellenangabe. Die Community-Plattform «BooCompany» sammelt ausschließlich solche negativen Unternehmensmeldungen. Boos können gemeldet und selbst eingetragen werden. In Kategorien wie «Insider»-Meldung oder «Final» für Nachrichten zu Insolvenzen sind sie auf der Plattform dokumentiert. Die Leute können nachlesen, was alles passieren kann und worüber niemand reden will. Inzwischen ist die Chronik eine Art digitales schlechtes Gewissen, ein WatchBlog WatchBlog über fragwürdiges Geschäftsgebaren. Ein Teil der Website ist das Verbraucherschutzforum von BooCompany «Abgezockt im Internet? Heul nicht! Sag was!», in dem User_innen sich fünf Jahre lang um die Aufklärung zu Machenschaften von Abzockerbanden gekümmert haben. Seit 2011 gesperrt, stellt es ebenfalls ein Archiv über Geschäftspraktiken und Verbraucher_innen-Schutz dar. Immer wieder werden BooCompany die Server eingerannt. Zum einen von Mitarbeiter_innen von Unternehmen, die wissen wollten, was in ihren Häusern vorgeht oder, nachdem sie von Problemen meistens zuletzt erfahren, was bei ihnen vorging. Zum anderen aber auch regelmäßig durch DDoS-Angriffe auf die Website und das Forum, weil «BooCompany» ganz offensichtlich manchen Menschen ein Dorn im Auge ist. Nur von zwei Personen betrieben, lebte die Plattform den Angriffen zum Trotz von der Mitarbeit der Community und hat sich immer wieder des Problems von Nazis auf Facebook angenommen und die Lügen von Manager_innen und Eigentümern aufgedeckt. Ein Erfolg ist der Tag, an dem Hademar Bankhofer wegen Schleichwerbung aus dem Morgenmagazin der ARD ausscheiden musste. Den Anstoß hatte ein “Boo” auf der Plattform geliefert, die Aufdeckungsarbeit wurde im Forum kollaborativ betrieben, Blogger_innen hatten das Thema aufgegriffen und über einen längeren Zeitraum hinweg verhindert, dass die Verdrängungsmaschinerie die ebenso unangenehme wie symptomatische Geschichte aussitzen konnten.

Allen Projekten sind Eigenschaften und Rahmenbedingungen gemein. Es geht zuallererst um Hilfe und Unterstützung unter Kolleg_innen, eigentlich um Selbsthilfe der Lohnabhängigen, um Selbstorganisation in ausgesetzten Situationen und Umfeldern, um Selbstermächtigung gegen hegemonialen Druck und die Seggregation der Schwächeren und Störenden. All diesen Projekten ist daher auch gemein, dass sie großen Wert und Achtsamkeit auf Datensicherheit und Anonymisierung legen müssen. Wer Probleme mit dem Kontrollbedürfnis von Unternehmen hat und sie artikuliert, stört und setzt sich aus – unter anderem einigem Risiko. Das gilt keineswegs nur bei Arbeitgeber_innen der Privatwirtschaft. Aussagen, die als negative Unternehmensnachrichten aufgefasst werden, werden machtvoll angegriffen. Das beginnt bereits vor der Veröffentlichung von Informationen und fängt schon beim Aufbau unabhängiger Kommunikationskanäle an, die von Unternehmen und Arbeitgeber_innen als riskant eingestuft werden. Die wesentlichste in diesem Zusammenhang zu stellende Frage ist eine sehr grundlegende und sie birgt weitreichende Implikationen: Darf es keine negativen Unternehmensmeldungen geben oder muss es negative Unternehmensmeldungen geben dürfen?

Wenn der Betriebsrat im Netz sichtbar wird

Als 2009 der Betriebsrat einer Landesorganisation der österreichischen Arbeiterkammer ein Blog des Betriebsrats einrichtet und die Belegschaft über Impfaktionen, den Betriebskindergarten und Fußballturniere informiert, gehen in der Arbeitnehmer_innen-Vertretung die Wogen hoch. Ein Abteilungsleiter erklärt wütend, dass ein Betriebsrat kein Recht habe, im Internet sichtbar zu sein, und zwar unabhängig davon, ob die Seite durch Suchmaschinen auffindbar ist oder nicht. Die Blogbetreiber_innen wissen es zwar erstens besser und führen zweitens das Blog so, dass es der Arbeiterkammer zur Ehre gereicht. Nach einiger Zeit entscheiden sie sich dennoch freiwillig dazu, die Website hinter einem Generalpasswort zu verbergen. Die Zeit ist noch nicht reif und die allgemeine Verunsicherung zu groß. Ähnlich verheerend für eine zeitgemäße Betriebsratspraxis, aber schon ein Jahrzehnt zurückliegend, sind die Auswirkungen einer Entscheidung des Arbeitsgerichts in Paderborn in Deutschland. Dort setzt ein Betriebsrat bereits 1998 eine Website auf, nachdem das Unternehmen der Belegschaftsvertretung keinen Raum im betrieblichen Intranet zugestehen wollte. Das Management klagt umgehend und wird vom Arbeitsgericht Paderborn in der Meinung bestätigt, dass ein Betriebsrat prinzipiell kein Recht auf eine Website habe. Zu einer Anfechtung dieser merkwürdigen Entscheidung kommt es aufgrund eines Vergleiches, bei dem der Betriebsrat die ihm zustehende Infrastruktur zugesichert bekommt, nicht. Die Entscheidung mitsamt der darauf Bezug nehmenden Kommentarliteratur hat dazu geführt, dass nur sehr wenige Betriebsräte eine Website betreiben, zumindest nicht sichtbar und der Allgemeinheit zugänglich. Der allgegenwärtigen Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmen steht so gut wie keine sichtbare Informationstätigkeit der Arbeitnehmer_innen gegenüber.

Im Mai 2010 wird ein Betriebsrat von der Unternehmensleitung schriftlich aufgefordert, einige Blogbeiträge vom Netz zu nehmen, so wie auch alle Hinweise beziehungsweise Links zu diesen Beiträgen auf Twitter und Facebook. Eine knappe Frist wird gesetzt, andernfalls würden rechtliche Schritte unternommen. In den Beiträgen geht es um Schichtpläne. Der Vorwurf der Geschäftsführung lautet, der Betriebsrat würde Arbeitsrechtsverletzungen behaupten und durch das Online-Stellen von Schichtplänen Betriebsinterna veröffentlichen. Das Betriebsratsblog ist der Geschäftsführung im Übrigen ein Dorn im Auge, und zwar bereits seit es im Herbst 2009 vom Betriebsrat vorgestellt wurde. Mit dem Betriebsratsmitglied, das die Online-Auftritte bespielt, wird kaum mehr kommuniziert. Jetzt meint das Management mit zwei Blogbeiträgen aus dem März und April 2010 zu gesundheitlichen Risiken von Schichtplänen etwas in der Hand zu haben.

Der Stress für die Betriebsratsmitglieder ist groß, aber sie halten dem Druck stand. Die Anschuldigungen der Geschäftsführung werden zurückgewiesen, die Einträge nicht vom Blog genommen. Stattdessen werden sie um Zusätze ergänzt. In roter Schrift hervorgehoben ist nun einleitend auf ihnen zu lesen, «Es geht in diesem Posting nicht um das Aufzeigen von Verstößen gegen das österreichische Arbeitszeitrecht oder gegen gesetzliche Bestimmungen, die sich aus dem Kollektivvertrag ergeben, sondern um die Vorstellung eines aus unserer Sicht äußerst nützlichen Onlinetools für die Analyse von Schichtplänen bzw. um die Bewertung eines Schichtplanes aus ergonomischer Sicht.» Was steht tatsächlich in den inkriminierten Blogeinträgen? Der Betriebsrat macht auf eine Webseite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Deutschland aufmerksam. Die Seite inqa.de bietet unter anderem ein Analysetool an, mit dem Schichtpläne online nach Gesundheitsrisiken und Optimierungspotential analysiert werden können. Keine Rede von Betriebsinterna. Aber als “Bestrafung” erklärt die Geschäftsführung dem Betriebsratsvorsitzenden, dass sie mit seinem Stellvertreter nicht mehr reden werden.

Pack zusammen, du brauchst gar nicht mehr zu kommen

An einem Freitag zu Sommeranfang 2008 stehen die Geschäftsführerin und der Prokurist eines Unternehmens der IT-Branche im Büro des Betriebsratsvorsitzenden. Sie legen ihm ein Forderungspaket vor, geben ihm zu verstehen, persönlich sehr von ihm enttäuscht zu sein und teilen als letzten Schritt vor dem Wochenende mit, dass sie beim Arbeitsgericht die Zustimmung zur fristlosen Entlassung beantragt haben. Parallel wird die Belegschaft mittels E-Mail-Verteiler von der Entlassung in Kenntnis gesetzt: der Betriebsrat habe sich unglaublichen Geheimnisverrat zu Schulden kommen lassen. Davon werden im E-Mail nicht nur die Mitarbeiter_innen sondern sogar weitere Personen in anderen Teilen des multinationalen Konzerns informiert. Zwei Tage zuvor hatte der Betriebsrat seinerseits in einem E-Mail-Verteiler an alle Kolleg_innen das neue Betriebsratsblog vorgestellt. In den 48 Stunden dazwischen arbeitet die Geschäftsführung an der Begründung für eine Entlassung. Geht die Entlassung durch, verliert der Betriebsratsvorsitzende einen Abfertigungsanspruch von 22 Dienstjahren. Die Anschuldigungen sind gravierend und es sind viele, dennoch wird die Entlassung von der Gewerkschaft angefochten. Dreieinhalb Monate später wird der Betroffene in einer E-Mail-Aussendung rehabilitiert, zu der sich die Geschäftsführung im Vergleich schließlich verpflichten muss. Die Anschuldigungen werden zurückgenommen. Der Arbeitsrichter wollte zuvor das Verfahren gar nicht zulassen, die Geschäftsführung den Betriebsrat aber mit allen Mitteln loswerden.

Welche Verfehlungen werden geltend gemacht? Der Betriebsrat habe “Codes of Conduct” verletzt, Betriebsvereinbarungen zugänglich gemacht, habe die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter_innen verletzt, Geschäftsgeheimnisse verraten, habe die Daten auf einem US-amerikanischen Server liegen und habe außerdem ein Passwort für den geschützten Bereich verwendet, das leicht zu knacken sei. Alle diese Anschuldigungen zerbröseln. Die “Codes of Conduct” gelten in anderen Konzernteilen, sind aber in dieser Tochter nie verlautbart worden. Das versucht die Geschäftsführung eine Woche später eilig nachzuholen. Die Betriebsvereinbarungen sind in einem passwortgeschützten Bereich, nur dass der H&R-Verantwortliche sich dieses Passwort erbeten hat. Der Betriebsratsvorsitzende wollte es zuerst nicht weitergeben und hat deswegen extra die Gewerkschaftssekretärin eingeschaltet. Aber der H&R-Verantwortliche der österreichischen Konzernmutter geht als betriebsnahe durch. So bekommt die Geschäftsführung Zugang zum geschützten Bereich. Nun kann argumentiert werden, das Passwort sei zu leicht zu knacken, die Betriebsvereinbarungen liegen also offen.

Die angebliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten ist besonders bemerkenswert. Der Betriebsrat hat zwei Alben zweier Betriebsausflüge auf Flickr angelegt und diese verlinkt. Aber es lässt sich bei allem Druck von oben auch in den nächsten Monaten niemand im Betrieb finden, der eine Verletzung seiner oder ihrer Persönlichkeitsrechte sieht. Übrig bleibt, dass die Geschäftsführung eine fristlose Entlassung – ein viel dramatischeres Mittel als eine Kündigung – mit der Verletzungen von Persönlichkeitsrechten begründet, die paternalistisch im Namen von Mitarbeiter_innen geltend gemacht werden.

Als im Arbeitsgerichtsverfahren dann anhand einer Rechnung und eines Gutachtens ersichtlich wird, dass der Auftrag an einen Ziviltechniker gegangen ist, die Seite zu hacken, gibt die Geschäftsführung auf. Einer der Gründe, warum sie so hartnäckig Verfehlungen konstruieren wollte: Sie hatte gleich zu Beginn eine schwerwiegende Verletzung der Business Conduct Guidelines an die Meldestelle des Großkonzerns in München gemeldet. Diese Meldestelle und die Business Conduct Guidelines hatte der bekannte Konzern erst in den Jahren zuvor nach den großen Schmiergeldaffären und Korruptionsskandalen verschärft. Die Guidelines zielen auf das obere Management ab, nicht auf Belegschaftsvertreter_innen. Der Geschäftsführung ist die Meldung nach München offenbar lange Zeit peinlich, dass da doch nichts dran ist. Nach der Beendigung des Verfahrens im Vergleich braucht die Geschäftsführung zwei Jahre, um wieder mit dem Betriebsratsvorsitzenden zu reden. Der wiederum hat sich dazu verpflichtet, das Blog geschlossen zu lassen; und mehr als ein Jahr gebraucht, um sich vom psychischen Stress und den Folgen eines drastischen Burn-Outs zu erholen.

BooCompany ist offline meldet Lanu via Twitter. Und sicher wieder, wenn klar ist, was diesmal los ist.Informationen zu Schichtarbeit und Risiken Wolfgang Däubler auf der Frankfurter Buchmesse mit seinem Buch «Gläserne Belegschaft».

DIE KONTROLLGESELLSCHAFT LÄSST GRÜSSEN
➊ BooCompany ist Unternehmen ein Dorn im Auge. Die Plattform wird regelmäßig attackiert. Anwälte verschiedener Unternehmen greifen sich regelmäßig unbeteiligte Personen aus dem Kreis der Sympathisant_innen heraus, um ihnen mit Klagen zu drohen. Damit ist allerdings noch niemand durchgekommen.
➋ Ein nützlicher Dienst für die Betroffenen, wenig interessant für andere, eine Informationsseite für Schichtarbeiter_innen. Ein Unternehmen mit Schichtbetrieb würde gerne bereits den Verweis auf solche allgemeinen Informationen unterbinden.
➌ Prof. Wolfgang Däubler stellt sein neues Buch «Gläserne Belegschaft» vor: Wie viel dürfen Arbeitgeber kontrollieren?

Der Maulkorb, ein nützliches Ding bei bissigen Hunden

Es gibt auch positive Fallgeschichten rund um Konflikte zwischen Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen zu berichten. Es ist eines der allerersten Betriebsrat-Blogs, das da im Herbst 2007 für die Angestellten einer Fabrik in Wien online geht. Das Blog berichtet von Dart- und Tischfußball-Turnieren, wünscht einmal im Monat den Geburtstagskindern des Folgemonats alles Gute, veröffentlicht einen Nachruf auf eine Kollegin, die den Kampf gegen die Krankheit verloren hat, stellt den neuen Lehrling vor, weist auf einen Gesundheitstag oder ein Service der Arbeiterkammer hin. Im Winter 2008 wird für die Handvoll betriebsfremden Blogbesucher_innen allerdings auch klar, dass die Fabrik in eineinhalb Jahren liquidiert wird. Die offizielle Presseaussendung der Konzernzentrale aus Hamburg lässt keinen Zweifel. In der Folge mischt sich hie und da die simple Information zwischen Berichte von Freizeitaktivitäten, dass der Sozialplan verhandelt wird.

Im März folgt dann eine neue Art von Eintrag, «Sitz, Platz, brav …» überschrieben und von Vor- und Nachteilen von Maulkörben für Hunde philosophierend. PR-Abteilung, Geschäftsführung und Konzernzentrale haben den Betriebsrat wiederholt mit sanftem Nachdruck gebeten, das Blog vom Netz zu nehmen. Dieser hat es überhaupt erst eingerichtet gehabt, weil im Intranet kein Platz für den Betriebsrat war. Jetzt, wo ihm dieser angeboten wird, ist er mit dem Blog aber ganz zufrieden. Die Sozialplan-Verhandlung geht in diesem Betrieb besonders reibungslos von dannen, der ausverhandelte Sozialplan ist generös. Im Blog wird weiter von Dartturnieren berichtet.

Zusammenfassung

Privatwirtschaftliche Unternehmen, aber auch Arbeitgeber_innen im öffentlichen und im Non-Profit-Sektor, noch allgemeiner formuliert einfach “Chefs”, das Management und die für Unternehmenskommunikation zuständigen Abteilungen und Personen, sie alle würden es sicherlich vorziehen, wenn Lohn- und Honorarabhängige unsichtbar beziehungsweise nur mit den Aussagen hörbar wären, die sich in die Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmen und Organisationen einfügen. Das Internet, die Social Media-Plattformen, das “Mitmach-Web” geben diesem Wunsch immer weniger Chance auf Erfüllung. Immerhin gehört der größte Teil der Weltbevölkerung zur Klasse jener, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss, und wir alle reden irgendwann sehr wahrscheinlich über unsere Arbeit, bestimmt “Arbeit” doch einen wesentlichen Teil unseres Lebens. Es wird schwierig bis unmöglich sein, die Masse der Menschen zum andauernden Schweigen über ihre Arbeitsbedingungen, ihre Abhängigkeiten und ihre Arbeitgeber_innen zu bewegen. Versucht wird es dennoch, so wie vor gut hundert Jahren bei uns versucht wurde, die arbeitende Bevölkerung aus dem öffentlichen urbanen Raum herauszuhalten. Mit dem öffentlichen Raum “Internet” versuchen viele Arbeitgeber_innen ähnliches, und obwohl das Internet kein rechtsfreier Raum ist, werden mit diesem Argument weitere Regelungen vorangetrieben, die die Präsenz der Arbeit minimieren und die Kontrollmöglichkeiten des Kapitals optimieren wollen.

Uns muss viel klarer werden: wenn Betriebsrät_innen pauschal Websites verboten werden und Arbeitnehmer_innen ebenso pauschal jede Äußerung im Netz über ihre Arbeit untersagt sein sollte, dann hätten diese Bedingungen nichts mit liberalen Demokratien und modernen Rechtsstaaten zu tun. Arbeitnehmer_innen müssen im Internet im Gegenteil viel präsenter und auf viel mehr Ebenen präsenter werden, bis diese Präsenz selbstverständlich ist und das Recht nicht mehr in Frage gestellt wird.

  • Überlege und diskutiere mit anderen, wem das Internet “gehört”. Und wem es gehören soll.
  • Sei dir klar, dass die Strukturen und Regeln im Internet auch ganz anders sein könnten. Diese Strukturen werden geschaffen. Dafür sollten wir uns interessieren und uns eigentlich auch engagieren.
  • Sei solidarisch im Internet. Solidarität können wir im Alltag mit unseren direkten Mitmenschen, im Betrieb, in der Arbeitswelt, auf der Straße mit und für andere und aber auch gut sichtbar im Internet und den sozialen Netzwerken online zeigen. Jede dieser Ebenen ist wichtig.
  • Delegieren wir die Vertretung unserer Interessen nicht nur an andere. Wir unterstützen unsere Interessensvertretungen nicht am besten durch Linientreue, sondern durch viele autonome und zusammenarbeitende Aktivitäten und Auftritte.
  • Kommuniziere, vor allem über die Dinge, die wichtig sind. Auch dort, wo diese Dinge noch kaum angesprochen werden.
  • Hol dir Unterstützung und Beratung. Von der Gewerkschaft, von Netzaktivist_innen, von den Anlaufstationen im Netz, die allen Angriffen der Unternehmen zum Trotz einen souveränen Eindruck machen.
  • Lass dir nicht einreden, dass du im Internet deine Arbeit und deinen Arbeitgeber nicht erwähnen darfst und überleg viel lieber, was du wo und wie sagst.
  • Wenn du unzufrieden bist, mach das nicht mit dir selbst aus, sondern such dir Foren, wo ein Austausch mit anderen unter Bedingungen gesicherter Kommunikation möglich ist.
  • Rache ist keine produktive Auseinandersetzung, sondern Hilflosigkeit. Werde nicht hilflos.
Reposted bykellerabteil kellerabteil
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